Wer schaut zum Kind — Kind und Karriere vertragen sich schlecht in der Schweiz

Mai 17th, 2006
  • Wer schaut zum Kind
  • Die Weltwoche Nr. 17.06 bringt einen hochinteressanten Artikel von Markus Schneider zu der Frage, warum in der Schweiz das Wirtschaftswachstum so schwach ist: Weil zu wenige Frauen aktiv sind:

    Zwar arbeiten 81,3 Prozent der Frauen zwischen 25 und 54 Jahren, fast so viele wie in Schweden oder Dänemark. Aber es gibt eine grosse Einschränkung: Die meisten Schweizer Frauen arbeiten nur Teilzeit. Haben sie Kinder, hat nur noch eine von vier einen vollen Job.
    (Quelle: Weltwoche 17.06, S.9)

    Der Artikel ist mit einem Foto bebildert, dass die Professorin Monika Bütler bei einer Vorlesung zum Thema „Home Economics“ zeigt. Deutlich zu sehen ist die Überschrift des aktuellen Präsentation. „Wer schaut zum Kind“.

  • Zum oder nach dem Kind schauen?
  • Nun, wir sind es gewohnt, Fernsehen zu schauen, oder mal nach dem Essen zu schauen. ob es nicht anbrennt oder überkocht. Auch zum Kind schauen wir kurz, wenn es nach uns ruft und wir die Augen von der Zeitungslektüre lösen müssen, um unseren Blick in seine Richtung zu lenken. Gemeint ist mit „Wer schaut zum Kind“ natürlich die Frage, wer sich um das Kind in einer Familie kümmert, wer die Erziehung und Betreuung übernimmt. Die Schweizer Variante „zum Kind schauen“ im Sinne von „das Kind betreuen“ war uns neu. Wir kannten bisher nur „Wer schaut nach dem Kind“.

  • Die Betreuungskosten sind vom Einkommen abhängig
  • Die Mutter von zwei Kindern erklärte, warum Frauen immer öfter kein Kind haben wollen oder im Maximum eines, dann aber meistens nur halb arbeiten. «Weil sich Arbeiten nicht lohnt — und ein zweites Kind noch weniger.» Schuld daran sind die Tarife der Kinderkrippen und Kinderhorte. Diese Tarife sind vom Einkommen der Eltern abhängig. — mit grotesken Auswirkungen auf die Frauen: «Für nicht-arbeitende Mütter sind sie am günstigsten», rechnet die Ökonomin Bütler akribisch nach. Steigere die Frau ihr Arbeitspensum, steige das Einkommen — und parallel dazu der Tarif für die Kinderbetreuung. Arbeiten Mann und Frau voll, wächst das Einkommen so stark, das meist der Maximaltarif gilt: Pro Kind und Tag macht das gut und gerne 100 Franken.
    (Quelle: Weltwoche 17.06 S.9)

    Bei durchschnittlich 20 Arbeitstagen im Monat macht das für ein Kind locker 2000 Franken Betreuungskosten aus, die erstmal verdient und versteuert sein wollen.

    Kein Wunder also, dass in der Schweiz die Unterstützung durch freundlichen Kinderfrauen aus der Nachbarschaft, privaten Kindergruppen und vor allem durch „das Grosi“ besonders gross und oft die einzige Möglichkeit ist. Wenn der normale Kindergarten für Kinder erst ab 5 Jahre geöffnet ist und dann auch nur für wenige Stunden am Tag, mal früh und mal spät, ist das keine Kinderbetreuung, die Vollzeit-Berufstätigkeit einer Mutter zulassen würde.

    Frau Bütler schreibt in ihrer Einleitung:

    Eine Familie mit 2 kleinen Kindern bezahlt für zwei Krippenplätze in den meisten schweizerischen Städten rund 50’000 Franken für eine vollzeitliche Betreuung, oder 10’000 Franken für einen Krippentag pro Woche. Für die Zweitverdienerin einer nicht subventionsberechtigten Familie lohnt sich daher die Erwerbstätigkeit erst, wenn der Nettolohn einer Vollzeitanstellung nach Steuern und anderen Berufsauslagen mindestens 50’000 Sfr. beträgt. Konkret heisst dies, dass es sich in der Regel zum Beispiel für gut ausgebildete Informatikerinnen und Lehrerinnen finanziell nicht auszahlt, zu arbeiten. Die Betreuung durch eine Tagesmutter reduziert zwar den Betrag um circa einen Viertel, viel attraktiver ist deswegen die Erwerbstätigkeit nicht, selbst wenn diese eigentlich gewollt ist.
    (Quelle: vwa.unisg.ch)

    Als Lösung aus diesem Dilemma schlagen Credit-Suisse-Ökonominnen eine neue Familienpolitik vor:

    Der Staat dürfe nicht länger die Plätze für jene Frauen verbilligen, die am wenigsten Geld verdienen. Sondern umgekehrt: Er müsse jene Paare belohnen, die möglichst viel arbeiten wollen. Diese Paare sollen neu Betreuungsgutschriften erhalten, damit der Tarif in der Krippe auf etwa fünfzig Franken pro Tag sinke.
    (Quelle: Weltwoche Nr. 17.06)

  • Wohnen Sie auch wirklich in der Schweiz?
  • Die ganze Studie gibt es hier: emagazine.credit-suisse.com
    Falls Sie diese Studie runterladen wollen, dann schauen Sie bitte zunächst in Ihren Pass, ob Sie auch wirklich Schweizer sind bzw. mindestens in der Schweiz wohnen. Sonst geht das Runterladen eines Dokuments der Credit-Suisse nämlich leider rein rechtlich nicht. Sorry, aber die Schweiz ist nicht in der EU, und es gibt auch kein Auslieferungsabkommen, und überhaupt, wo kämen wir da hin, wenn jetzt schon Informationen einfach so über die Grenze nach Europa fliessen würden… ach, Sie haben da doch bestimmt Verständnis für, oder? Falls Sie auf den Link klicken sollten, können Sie dies hier lesen:

    Wichtiger Rechtlicher Hinweis
    Insbesondere aus rechtlichen und regulatorischen Gründen sind gewisse Webinhalte der Credit Suisse nicht für alle Besucher zugänglich.
    Durch Klicken auf „Ja“ bestätigen Sie, Ihren Wohnsitz in der Schweiz zu haben. Sollten Sie Ihren Wohnsitz nicht in der Schweiz haben, so klicken Sie bitte auf „Nein“. Sie haben in diesem Fall keinen Zugang zu den nachfolgenden Inhalten.
    (Quelle: )

    Also wissen Sie jetzt, ob sie „Ja“ oder „Nein“ anklicken müssen? Dann vielleicht doch erst nochmal in den Pass schauen. Die Site wartet schnell so lange auf Sie, kein Problem, Sie wissen ja schon: Im „schnellen Warten“ sind die Schweizer Weltmeister, nur nicht in der Kinderbetreuung.

    Falls Sie nun Flora Bartolini heissen und die Schwiegermutter von Berlusconi sind, dann dürfen Sie selbstverständlich klicken und weiterlesen. Sie haben ja erst neulich Ihre Schriften nach S-chanf ins Engadin verlegt, dort also folglich auch ihren Wohnsitz. Das ist gut so. Sehen Sie, es muss alles seine rechtliche Ordnung haben hier.

    Die Credit-Suisse sagt sich bestimmt: Wo kämen wir da hin als Bank, wenn wir es bei unseren Kunden erlauben würden, Schriftstücke und sonstiges „Gedrucktes“ illegal über die Grenze zu transportieren. Da machen wir beim Transportweg „Internet“ keine Ausnahme.

    Legalize IT !!! — Das rechtliches Fenster für Profis

    Mai 16th, 2006
  • Legalize it!
  • Unter diesem Motto fanden sich viele Jahre die Kiffer der Welt und kämpften für die Legalisierung von Weichen Drogen wie Haschisch und Marihuana. So konnte man am 8.2.1997 auf der Biwidus-Homepage lesen:

    Hasch, Gras, Cannabis: Legalize it!
    Endlich. Endlich. Das glaubt mensch ja kaum. In einem Anfall von Vernunft hat sich der Zürcher Regierungsrat (die Exekutive) für die baldige Legalisierung von Cannabisprodukten (Hasch/Shit und Gras/Marihuana) ausgesprochen. Dabei unterstützt die Kantonsregierung die Ideen aus dem Parlament, eine Standesinitiative in Bern einzureichen. Das ist eine seltener angewandte Form einer parlamentarischen Vorlage, die einzelne Kantone ins Parlament einbringen können. Und einen Tag nach den Zürchern hat der Landrat des Baselbiets einen solchen Plan unterstützt
    (Quelle: biwidus.ch)

    Wohlgemerkt, das war vor mehr als 9 Jahren!

    In der Zwischenzeit ist die Szene erwachsen geworden, viele der ehemaligen Kiffer sind in die Computer Branche abgewandert, und weil sie ein bisschen nostalgisch veranlagt sind, habe sie ihren damaligen Kampfspruch „Legalize it!“ gleich mitgenommen, nur die Schreibung wurde ein wenig verändert in „Legalize IT“, wobei die Buchstaben „IT“ heute für die „Information Technology“ stehen, kurzum: Die IT-Branche.

    Auch hier ist der Hang oder vielmehr Zwang zum Illegalen scheinbar vorgegeben, wie einst in der Kifferszene. Wie sonst ist zu erklären, dass ein Hersteller von Notebooks sich den Namen „ACER“ gibt, und damit einfach den letzten Buchstaben „B“ fallen lässt. Denn das stand für „acerb“, das englische Verb, mit dem eine ganze Menge Geschmacksnuancen eines deftigen Drogencocktails beschrieben werden können.

    acerb adj. bitter
    acerb adj. hart
    acerb adj. herb
    acerb adj. rau
    acerb adj. scharf
    acerb adj. streng
    (Quelle: dict.leo.org)

    Man nehme dem Namen das Endungs-B und damit auch die Bitterkeit und Schärfe?

  • Legalize IT
  • Jetzt wird nicht mehr gekifft, jetzt wird legalisiert! Und zwar die IT-Branche selbst. Lautete früher das Motto „Legal — Illegal — Scheissegal“ so finden wir nun in den Anzeigen der Firma „ACER“, die ohne „B“ am Ende, den expliziten Hinweis auf ein
    „Legales Windows (c) XP Professional“
    Legales Windows XP Professional
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 13. Mai 06, S. 26)
    Wer es nicht glaubt: Auch bei Google findet sich diese legalisierte Fensterware jetzt 63.600 Mal

    Ob alle anderen Händler eigentlich derzeit nur illegale Windows XP Professional Kopien verkaufen? Oder warum wird das von den Acer Vertriebsleuten so explizit betont? Wir vermuten ja, dass es mit dem Zielpublikum zu tun hat. Endlich raus aus der Schmuddelecke, aus dem Untergrund, endlich ganz legal im hier und jetzt leben. Und mit diesem Notebook, da erwerben wir ganz amtlich ein Stück Legalität gleich mit. Da bleibt uns zum Schluss nur übrig, den neuen Schlachtruf zu üben. Nicht mehr „Legalize Cannabis“, sondern „Legalize Windows!“

    Wie lautet die Parole? — Freie Abstimmung in der Schweiz

    Mai 15th, 2006
  • Wie lautet die Parole?
  • Die Schweizer sind ein Volk mit besonderen Geheimnissen. Allen voran lieben sie selbstverständlich ihr „Bankgeheimnis“. Dies preiszugeben hiesse, ein Stück Identität zu verlieren, darum verteidigen sie diese letzte geheime Bastion wie ihren Augapfel vor der umgebenden, immer bedrohlich näher rückenden EU.

    Von der „geheimen Landesverteidigung“ mit clever versteckten Bunkern, und Panzersperren berichteten wir hier bereits.

    Bei all dem ist es von besonderer Wichtigkeit, trotz notwendiger Geheimhaltung den Kommunikationsfluss zwischen den Eidgenossen nicht abreissen zu lassen. Dazu dienen zum einen clever gezogene Telefonleitungen
    Telefonleitungen ohne Anfang und Ende
    in der freien Landschaft platziert, ohne Anfang, ohne Ziel, wie hier bei der Panzerpiste am Flughafen Kloten, und natürlich die geheimnisumwobenen „Parolen“, die mehrmals jährlich, meistens im Zusammenhang mit anstehenden Abstimmungen, im Tages-Anzeiger veröffentlicht werden:
    Parolen zur Abstimmung am 21. Mai 2006
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 13. Mai 2006 Seite 3)

    Da diese Parolen im Tages-Anzeiger für jeden zu lesen sind, können sie nicht ganz so schrecklich geheimnisvoll sein, wie wir uns das in unserer blühenden Fantasie ausgemalt haben:
    Ja: und Nein: und Stimmfreigabe:
    Das lässt sich ja leicht merken.

    Falls Sie sich als Deutscher nun fragen, was solche „Parolen“ in der Zeitung zu suchen haben, und das auch noch genau eine Woche vor einem Abstimmungssonntag, dann wollen wir das Geheimnis jetzt lüften: Am 21. Mai 2006 erfolgt die „Abstimmung über den Bildungsartikel“. Diese Abstimmung ist selbstverständlich frei, für alle gleich und geheim, wie sich das für die „ältesten Demokratien“ Europas ziemt. Diese Demokratie verdankt die Schweiz ganz nebenbei einem französischen Despoten namens Napoleon:

    Die 1798 von Napoleon ausgerufene Helvetische Republik schaffte sämtliche Untertanenverhältnisse ab und stellte alle Gemeinden einander gleich. Zudem führte Napoleon das Stimm- und Wahlrecht für alle Schweizer Männer ein. Mit der Bundesverfassung von 1848 wurde die direkte Mitbestimmung auf gesamtschweizerischer Ebene eingeführt. Neben der Landsgemeinde konnten die Stimmbürger nun über die Wahl ihrer Vertreter ins Parlament sowie über die direktdemokratischen Rechte mitbestimmen.
    (Quelle: virtor.bar.admin.ch)

    Vergessen Sie also mal ganz schnell ihre Vorstellung, die wunderbare Schweizer Demokratie sei sozusagen schon beim Rütlischwur von den Eidgenossen selbst erdacht worden. Nein, sie wurde einfach von diesem Franzosen von oben befohlen. Ein Grund mehr, heute an der Grenze zu Frankreich besonders wachsam zu sein und keine Franzosen ohne Papier mehr ins Land zu lassen. Man hat da so seine eigenen Erfahrungen in der Schweiz.

  • Freie, gleiche und geheime Abstimmungen
  • Frei“, denn sie findet am Sonntag statt, da haben alle frei.
    „Gleich“, jeder Schweizer hat eine Stimme, egal ob Mann oder Frau, wichtig ist nur der Schweizerpass, der sie etwas „gleicher als gleich“ macht, als einer von 5,8 Millionen Schweizern im Land der 7,4 Millionen Einwohner. Ach ja, das mit der „Gleichheit“ für Männer und Frauen, das hat in der Schweiz auch noch etwas länger gedauert als anderswo. Ein kleiner Vergleich dazu aus Wikipedia zum Thema „Frauenwahlrecht“:

    1906 dann Finnland als erstes europäisches Land. In Deutschland erlangten Frauen am 30. November 1918 mit der „Verordnung über die Wahlen zur verfassunggebenden deutschen Nationalversammlung (Reichswahlgesetz)“ das aktive und passive Wahlrecht. Seit 12. November 1918 besteht auch in Österreich das allgemeine Wahlrecht für Frauen. US-Frauen erhielten 1920 mit der Verabschiedung des 19. Verfassungszusatzes das vollständige Wahlrecht. Großbritannien kam am 2. Juli 1928 hinzu. In der Türkei haben die Frauen seit 1934 (nach einigen Quellen auch erst 1935) das Wahlrecht. Als Frankreich sich im Sommer 1944 mit Hilfe der Alliierten von der deutschen Besatzung befreit hatte, erhielten die französischen Frauen, 1946 dann die Belgierinnen und die Italienerinnen ihre vollen Bürgerrechte. Die Schweizerinnen mussten bis zum 7. Februar 1971 warten. Der Kanton Appenzell Innerrhoden führte das Recht sogar erst 1990 ein.
    (Quelle: Wikipedia)

    Kleine Nebensächlichkeiten in der ältesten Demokratie Europas eben.

    Und „geheim“? Da sind wir wieder bei unseren „geheimen Parolen“. Damit alles schön geheim bleibt, kann der Schweizer nämlich vor einer Abstimmung lesen, wie die anderen so abstimmen werden. Besser gesagt, was die grossen Parteien, Verbände und Organisationen empfehlen, wie man abstimmen sollte. Wenn Sie also im Lehrerdachverband, im Arbeitgeberverband oder im Gewerkschaftsbund sind, dann ist das mit der freien und geheimen Wahl für Sie ganz einfach, denn die haben JA gesagt zum Bildungsartikel. Sind sie im „centre patronal“, dann heisst es NEIN für Sie.

  • Was ist eine Parole für die Deutschen?
  • Für die Deutschen ist eine „Parole“ etwas, dass sie aus dem Kinderbuch „Emil und die Detektive“ kennen. Dort war „Parole Emil“ das Stichwort für die gemeinsame Aktion aller Kinder

    Der Duden meint dazu:

    Parole, die; -, -n [frz. parole, eigtl. = Wort, Spruch, über das Vlat. zu lat. parabola, Parabel]: Kennwort (2 a):
    die Parole kennen, sagen, ausgeben; wie heißt die Parole?; am Tor will ein Posten nach der Parole fragen, sein Kiefer klappt töricht herab, als er in die Pistolenmündung starrt (Loest, Pistole 14).

    Aber das Wort „Parole“ hat noch mehr Bedeutungen:

    in einem Satz, Spruch einprägsam formulierte Vorstellungen, Zielsetzungen o. Ä. [politisch] Gleichgesinnter; motivierender Leitspruch: politische, kommunistische Parolen; die Parole lautet: …; Überall in Orgosolo und den Nachbardörfern stehen Parolen an den Hauswänden: Sardinien den Sarden (Chotjewitz, Friede 192); einen Spruch als Parole zum 1. Mai ausgeben; Parolen rufen, skandieren; der Parteitag stand unter der Parole: …; das war schon immer meine Parole (Motto).

    Aber es kommt noch schlimmer! Als letztes führt der Duden eine Bedeutung an, die uns in Zusammenhang mit der Abstimmung und den Parolen in der Schweiz arg zu denken gibt:

    3. [unwahre] Meldung, Behauptung:
    aufwieglerische Parolen verbreiten; den -n des Gegners keinen Glauben schenken.
    (Quelle: duden.de)

    Sollten die Schweizer sich durch solche „aufwieglerischen Parolen“ etwa bei der Abstimmung beeinflussen lassen? Fragen Sie doch einfach in den nächsten Tagen mal einen Schweizer oder eine Schweizerin in Ihrer Umgebung, worum es im Detail bei diesem Bildungsartikel eigentlich geht und wie er oder sie ganz geheim abstimmen wird. Sie werden verblüfft sein über den ausgezeichneten Bildungsstand der Eidgenossen in dieser Frage. Und falls Sie selbst nach Ihrer Meinung gefragt werden, antworten Sie doch einfach mit geheimnisvoller leiser Stimme: „Parole Emil!“.

    Fliegende Zelte für Angela Jolie — Die Schleckstange ist nicht das was Sie denken

    Mai 14th, 2006
  • Zelte aus Erdnussbutter?
  • Wir lasen in 20minuten, der kostenlosen Schweizer Pendlerzeitung mit einem morgendlich erreichten Publikum von knapp 1.2 Millionen Lesern:

    Jolie lässt Erdnussbutter-Zeltli einfliegen
    (Quelle 20minuten vom 5.5.06, S. 22)

    Erdnussbutter-Zeltli
    Das finden wir echt hübsch, was Jolie so alles treibt. Nun werden schon kleine Zelte für sie eingeflogen, noch dazu welche aus Erdnussbutter. Klingt irgendwie nicht so lecker. Warum sollte sie in ihrem hochschwangeren Zustand sich auch noch um eine Camping-Ausrüstung kümmern wollen?

    Aber das Schweizer Wörtchen „Zeltli“ hat mit Zelten gehen und Camping rein gar nichts zu tun, auch wenn es nach einem typisch schweizerischen Diminutiv mit „-li“ am Ende des Wortes „Zelt“ aussieht. Vielleicht kommt „Zeltli“ ja von „Zetteli“, von kleinen Papierfetzen, den Zetteln, in welchen man in der Schweiz Bonbons einwickelt?

    London — Auch ein Hollywood-Star wie Angelina Jolie ist offenbar nicht gegen Schwangerschaftsgelüste immun: Wie «The Sun» berichtete, liess die 30-Jährige eigens aus den USA eine ganz spezielle Bonbonsorte nach Namibia einfliegen. Dort wartet die hochschwangere Jolie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Brad Pitt (42) und den zwei Adoptivkindern auf ihre Niederkunft. Jolies Heisshunger richtet sich auf die mit Erdnussbutter gefüllten Mini-Bonbons Reese’s Pieces.
    (Quelle: 20minuten 5.5.06, S. 22)

  • Woher kommt der Begriff „Zelti“?
  • Sicher nicht vom Zelten. Ob es einen Hersteller gab, der so hiess? Die Theorie mit den kleinen Papierfetzen scheitert an zwei Tatsachen:
    1.) Das Wort „Zeltli“ wir auch für unverpackte Bonbons verwendet. Es ist allgemein ein Synonym für kleine Süssigkeit. Das kann alles sein, ausser Schokolade, denn die hat mit „Schoggi“ und „Täfeli“ ihre eigene Bezeichnung.
    2.) Es ist auch die Sprech- und Schreibweise mit „ä“ als „Zälti“ verbreitet. Dann klingt es mehr nach einer Abkürzung wie „Z-L-I“ = Zürcher Lehrmeistervereinigung Informatik. Nur kümmern die sich mehr um die Ausbildung von Informatik Lehrlingen als um Bonbons.

    Vor Zeltlis warnt die Schweizerische Zahnarzt Gesellschaft:

    Hauptfeind der Zähne ist der Zucker (in Nussgipfeln, Schokolade, Crèmeschnitten, Konfitürenbroten, Schleckstengeln, Dörrobst, Caramels, Glace, Zeltli, aber auch in mit Zucker gesüssten Getränken).
    (Quelle: sso.ch)

    Dabei gibt es die Dinger ganz sportlich als „Sport Fresh“:
    Sportfresh bei Lovebugs.ch
    Foto:

    Aso die Zeltli verzehri regelmässig, well sie halt eifach soo guet send… aber 🙂 du hesch recht, weg dene zeltli werd mer leider ned sportlicher!
    (Quelle:
    lovebugs.ch)

  • Bei Zelti schwimmt ihr los
  • Im Schwimmunterricht in der Schweizer Primarschule beschloss der Lehrer, die Kinder mit einem netten Spiel in Bewegung zu halten. Er erzählte eine Geschichte, in der das Wort „Zeltli“ vorkommt. Immer wenn er das Wort erwähnt, sollten die Kinder das Becken einmal quer durchschwimmen. Nach 5 Minuten und etlichen Zeltlis später war unsere Tochter immer noch nicht losgeschwommen. Sie hatte die ganze Zeit auf das Auftauchen eines Campingplatzes in der Geschichte gewartet. Niemand hatte ihr erklärt, dass es hier nicht um „Zelten gehen“ sondern um Bonbons ging. Muss alles erst gelernt werden im Schweizer Alltag!

    Mission Impossible: Das detailgetreue Deutschlandbild in Hollywood

    Mai 13th, 2006
  • Henry V und Mission Impossible III
  • Momentan läuft in den Schweizer Kinos der Action-Thriller „Mission Impossible III“. Als 1989 das Königsdrama „Henry V.“ von Shakespeare durch Kenneth Branagh verfilmt wurde, überlegte dieser lange, ob der Titel für Hollywood überhaupt verwendbar sei. Jeder würde doch glauben, Teil I. bis IV. im Kino verpasst zu haben. Nicht so bei „Mission Impossible“. Falls Sie Teil I und II im Kino nicht gesehen haben, schauen Sie sich einfach Teil III an. Sie können nahtlos einsteigen in den wohldurchdachten Plot und seine Schauplätze. Das erste Drittel dieses Films spielt in Deutschland, genauer gesagt in Berlin.

  • Berlin impossible
  • Woran der Zuschauer das merkt? Nun, es wird mehrfach deutlich erwähnt, dass der Oberboswicht sich mit seinem Opfer, einer entführten Geheimagentin, in Berlin versteckt hat. Wir erleben einen 10 Sekunden-Schnellflug über den grossen Teich, dann wird ein altes Industriegebäude in der Nacht gezeigt. Das soll Berlin sein? Ach ja, ein Mercedes ist auch kurz zu sehen. Muss also in Deutschland spielen, diese Szene, denn dort fahren sie ja alle nur Mercedes. Dann kommt noch kurz ein auf Deutsch geschriebenes „Verboten“ Schild ins Blickfeld der Kamera. Immerhin haben Sie das für die Filmaufnahmen extra angebracht. Aber es kommt noch besser.

  • Lieferwagen mit gotischer Frakturschrift
  • Der Lieferwagen, in dem die Befreier sich an dieses feindliche deutsche Objekt herangepirscht haben, ist mit einem schwarzen Schriftzug versehen. Wir lesen etwas wie „Ziegelhütte“. Es ist schwer zu erkennen, denn die Schrift ist Fraktur.
    Beispiel für Frakturschrift
    Quelle: identifont.com

    Als Deutsche wissen wir: Alle Lieferwagen in Deutschland sind so beschriftet, denn seit „Asterix und die Goten“
    Asterix und die Goten
    Die Goten (Deutschen) schreiben nur so
    wissen wir, dass so die Deutschen schreiben. Schon als Kind haben wir dieses Werk übrigens nicht verstanden, geschweige denn kapiert, dass es darin um Deutschland gehen soll.

    Auch die Deutsche „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schreibt so:
    Frankfurter Allgemeine Zeitung Fraktur

    Darum wird heutzutage überhaupt nichts mehr anderes als Werbeschrift in Deutschland verwendet. Nur noch Fraktur. Ist doch irgendwie schlüssig nachvollziehbar, nicht wahr?

  • Windmühlen in Berlin
  • Aber es kommt noch besser: Die alte Industrie-Ruine (eine Ziegelei vielleicht?) steht in mitten eines Windparks. Wir wussten schon lange, dass es äusserst lukrativ sein muss, in Berlin einen Windpark mit solch grossen Rotoren anzusiedeln. Bei all dem Wind, der dort ständig im Regierungsviertel rund um den Reichstag durch die Politiker gemacht wird!

    Windpark nicht in Berlin
    Foto: klimastaffel.de

    Hauptsächlich ging es den Machern von „Mission Impossible III“ jedoch darum, eine sensationelle Hubschrauber-Verfolgungsjagd in den Film einzubauen. Dazu passend die grossen Rotoren des Windparks, die es zu durchfliegen gilt.

    Jetzt warten wir auf Mission Impossible IV, der dann vielleicht in Zürich spielt? Gelegen am Fusse des Matterhorns? Gedreht am Mount Paramount? Sieht ja fast genauso aus und kommt billiger für die Paramount Studios.

  • Das Matterhorn in der Schweiz:
  • Matterhorn oder Paramount?
    Ob das überhaupt einem amerikanischen Kinogänger auffallen würde?