Deutsche Motzkultur vs. Schweizer Harmoniebedürfnis

Mai 12th, 2006
  • Motzkultur vs. Harmoniebedürfnis
  • Wenn es einen besonders häufig festgestellten Mentalitätsunterschied zwischen den Schweizern und den Deutschen gibt, dann ist es das Fehlen einer schweizerischen „Motzkultur“. Anders rum ausgedrückt: Wenn sich Deutsche in einer Situation schlecht bedient fühlen, wenn es mal nicht so läuft, wie es laufen sollte, wenn der Service schlecht ist, ein Zug Verspätung hat, ein Stau sich unnötig lange nicht auflösen kann, dann fangen sie an zu motzen. Und zwar laut und vernehmlich. Die Schweizer hingegen schweigen und leiden stumm. Im berühmten Sketch mit dem Deutschen am Skilift, durch das Schweizer Cabaret Rotstift aufgeführt (war als Ausschnitt in der Sendung QUER am 24.03.06 ganz am Anfang zu sehen) beschwert sich der Deutsche in der Wartschlange, dass es nicht weitergeht:

    „Jetzt warte ich hier schon seit 20 Minuten an diesem Skilift und komme nicht hoch, man, hier fehlt’s doch an der Organisation, verstehen Sie, Organisation, ruck zack zack…“. Der Deutsche als arrogantes Grossmaul. Ein Vorurteil mit langer Tradition. (Kommentar aus dem OFF). Das Cabaret Rotstift belustigte mit diesem Klischee die ganze Nation. (…)
    (notiert nach QUER vom 24.04.06)

    Solche Geschichten bekamen wir als Deutsche häufig erzählt: Wenn in einem Ferienort die Bedienung schlecht ist, das Frühstückbuffet nicht rechtzeitig aufgefüllt wird, es an irgend etwas mangelt, wer geht als erstes an die Rezeption und beschwert sich? Der Gast aus Deutschland. Hören wir unseren Schweizer Freunden bei diesen Erzählungen genau zu, dann haben wir mitunter das Gefühl, eine gewisse Resignation in ihrer Stimme herauszuhören. Die Schweizer bewundern ihre Deutschen Nachbarn offensichtlich für ihre Unhöflichkeit, sich bei Missständen gleich zu beschweren und nicht auf Harmonie und „Friede, Freude, Eierkuchen“ Stimmung bedacht zu sein. Jeden Unbill zu ertragen und weiter dazu zu schweigen.

  • Motzen die Deutschen häufiger als die Schweizer?
  • Die Hausverwaltungen im Kanton Zürich, welche unter ihren Mietern immer häufiger Deutsche haben, können ein Liedchen davon singen: Geht etwas schief im Haus, fällt die Heizung oder das warme Wasser aus (bei allen Mietparteien!), sie können darauf wetten: Als erstes ruft der Deutsche Mieter an und beschwert sich.

    Die Deutschen streiten sich gern, wenn sie sich im Recht fühlen. Unzählige Richter und Anwälte beschäftigen sich in Deutschland mit Streitereien zwischen Nachbarn, Vermietern und Mietern und Lappalien wie den „Maschendrahtzaun“, den einst Stefan Raab erfolgreich durch eine Platte zu Geld machte (750.000 verkaufte Expemplare!).

  • Zeige mir Dein Auto, und ich sage Dir wer Du bist
  • Deutschland war in der Geschichte lange kein Nationalstaat mit zentralistischer Struktur sondern ein Flickenteppich von Kleinstaaten und Fürstentümern, die alle jeweils miteinander verfeindet waren. Vielleicht kommt daher diese Lust am Streit, am Kräftemessen, am Imponiergehabe der Deutschen? Das manifestiert sich heute natürlich durch andere Ausdrucksformen. Während in den kleinen Nachbarstaaten wie Dänemark oder den Niederlanden die Einwohner tunlichst darauf achten, ihren erworbenen Wohlstand nicht zu stark nach aussen zu zeigen und damit Neid und Missgunst bei den Nachbarn zu provozieren, gehört ein vorzeigbares Auto zu Untermauerung des persönlichen Selbstwertgefühls und des Statusempfindens für den Deutschen häufig dazu. Da prallen dann die Mentalitäten aufeinander, wenn der Deutsche Arbeiter aus dem Rheinland am Wochenende seinen Mercedes oder BMW an den Strandpromenaden von Hollands Küsten vorführt, wohl wissend, dass ihn die Raten für das Auto noch ein paar Jahre zu Überstunden und Sonderschichten nötigen werden.

  • Gilt das für alle Deutschen?
  • Betonen wollen wir aber wiederum, dass diese Verallgemeinerungen auch in Deutschland schwer durchgängig zu halten sind. Die pietistischen (evangelischen) sparsamen Schwaben mit ihrem Drang zum Eigenheim haben da sicher ein anders Verhältnis zum Prestigeobjekt Auto (s’heiliges Blechle!) als die nicht auf den Mund gefallener karneval-feiernder Rheinländer. Sie merken, da ziehen sich kulturelle Gräben mitten durch Deutschland, die sehr wohl mit dem Röschtigraben und der Grenze zum „anderen Kulturkreis“ Schweiz vergleichbar sind.

  • Jeder Schweizer hat es schon erlebt: Den meckernden Deutschen
  • Was bleibt sind die zahlreichen kleinen Geschichten von Schweizern, die es alle selbst erlebt haben, in einem Restaurant in Deutschland, in einer Bar in Spanien, im Zug der Deutschen Bahn (= Die Bahn): Deutsche, die sich beschweren, Deutsche, die das Maul aufreissen und den für eine missliche Situation Verantwortlichen bedrängen, Deutsche, die ihr Recht einfordern und nicht schweigen wie die Lämmer. Wir wissen dabei nie so genau, ob dann aus der Stimme des Schweizers, der uns das erzählt, Bewunderung oder Spott herauszuhören ist. Irgendwie scheint es die Schweizer sehr stark zu faszinieren, wie man so „aushäusig“ veranlagt sein kann, und bei jedem Problem gleich so in „die Vollen“ geht.

    „Streitkultur“ ist quasi ein Schimpfwort in der Schweiz. Sie darf lediglich im kleinen und überschaubaren Rahmen der Sendung ARENA jeden Freitag um 22:20 Uhr praktiziert werden. (Für Leser ausserhalb der Schweiz: Unbedingt mal hier einen Real-Player-Videostream einer Sendung anschauen. Öffentlich lautstark streitende Schweizer haben absoluten Seltenheitswert!)

  • Beschwerde auch noch auf Hochdeutsch
  • Der Deutsche, der sich beschwert, das ist sowieso eine Horrorvorstellung für einen Schweizer, der diese Beschwerde zu hören bekommt. Er muss sich dann nicht nur den sachlichen Vorwürfen stellen und ihnen sachlich begegnen, das Ganze geschieht auch noch auf Hochdeutsch, der Sprache, in der er sich sowieso nicht ganz sattelfest fühlt. Schon gar nicht wenn die Emotionen hochgehen. Denn Emotionen, das war in der Schule nie Thema im Deutschunterricht. Für Emotionen ist ganz eindeutig nur Schweizerdeutsch vorgesehen. Klarer Vorteil also für den Beschwerdeführer, und Grundsubstanz für alle „Die Deutschen sind einfach arrogant“ Vorwürfe.

  • Ironie und Hochdeutsch, eine gefährliche Mischung
  • Wenn Sie jetzt als Deutscher oder Deutsche auch noch Sarkasmus und Ironie als Waffe einsetzen, um ihre Vorwürfe zu untermauern, fühlt sich ihr Schweizer Gegenüber gänzlich verloren. Er hat Mühe genug, ihrem Redeschwall zu folgen, wie soll da auch noch die Doppeldeutigkeit von Ironie verstanden werden?

    Kein Wunder, dass da schnell mal die „Klappe zu“ geht und gar nichts mehr zu erwarten ist. Darum bleiben Sie als Deutscher am besten immer gelassen, höflich, freundlich, sprechen Sie weiterhin betont langsam, auch wenn ihnen gerade der Kragen platzt, und halten Sie auf jeden Fall alle vorgeschriebenen Kommunikationsrituale ein (Ist das jetzt guet? Haben Sie sonst noch eine Frage? Dann ist das jetzt guet… etc) wenn sie wirklich in einer Problemsituation nicht nur Recht behalten sondern auch Erfolg haben wollen.

    Im Zweifel einfach «SIE» rufen — Die Höflichkeit der Schweizer Jugend

    Mai 11th, 2006
  • Haben Sie auch Kollegen?
  • Die Schweizer Jugend ist besser als Ihr Ruf. Wir haben diese Situation oft erlebt: Eine Clique junger Schweizer kommt auf der Strasse auf uns zu. Es sind Freunde, die über sich selbst als «Kollegen» sprechen. Ein «Kollege» ist für einen jungen Schweizer keinesfalls nur einfach eine Person, die in der gleichen Firma oder im gleichen Büro arbeitet. «Kollegen» sind Freunde, so wie «Kumpel» im Bergbau unter Tage auch mehr sind als nur Mitarbeiter. In der Schweiz sagt man nicht «Kumpel» oder «Copain» (weiblich «copine») sondern «Kollege», wenn es schon ein guter Freund aber noch nicht der «Schatzi» ist. Der muss dann allerdings meistens erst noch gehoben werden, der Schatz.

  • Höflichkeit mit Löffeln gefressen
  • Vielleicht haben wir einfach noch keine anderen negativen Erfahrungen gemacht in der Schweiz, um die folgende Beobachtung für allgemeingültig erklären zu können, aber wir haben die Schweizer Jugendlichen immer nur sehr höflich und wohlerzogen erlebt. Obwohl, das mit der Höflichkeit und Wohlerzogenheit bezieht sich jetzt ausschliesslich auf eine direkte Begegnung mit uns Deutschen. Zurück zu der beschriebenen Clique auf der Strasse. Ein ganzer Trupp von «Kollegen» kommt uns also entgegen, offensichtlich ausser Rand und Band, zu allerlei Jux aufgelegt, foppen sie sich gegenseitig, nehmen sich die obligatorischen Baseball-Kappen weg usw. Dann sind sie uns ganz nah, und eigentlich würde der jugendliche Übermut jetzt leicht dazu führen, sich auch mit jemand Erwachsenen anzulegen, ein bisschen zu provozieren, die Grenzen auszutesten. Jedoch nichts geschieht: Sprechen wir diese Kids an, fragen sie etwas, nach dem Weg zum Beispiel, sind sie plötzlich die Liebenswürdigkeit in Person, überschlagen sich schier vor Höflichkeit. Sprechen wir sie nicht an, werden wir zumindest respektvoll gegrüsst, in der Agglo und auch ausserhalb der grossen Städte. Das ist so gut wie überall üblich und normal.

  • «Sie» Rufen
  • Nur mit der Anrede hapert es ein bisschen. Weiss ein junger Schweizer nicht, wie er einen Erwachsenen ansprechen soll, dann ist ein lang gezogenes «Siiiiie» häufig die Regel. Es kling wie in Frankreich das «Monsieur!» der Schüler, die keine Ahnung haben, wie ihr Mathelehrer eigentlich mit Familiennamen heisst. Er ist für sie einfach nur «Monsieur», wenn es hochkommt, dann vielleicht noch «Monsieur le prof», oder «Monsieur le censeur» (= stellvertretende Direktor an einem Lycée in Frankreich). In der Schweiz begnügt man sich mit «Siiie».

  • Die Jugend von heute ist frech und unerzogen
  • Wenn Sie diesen Spruch noch nicht gehört haben, dann müssen Sie irgendwas verpasst haben im Laufe Ihres Lebens auf diesem hübschen Planeten, denn er ist eine «kulturhistorische Konstante» ersten Grades. Er fand sich bereits in den Pyramiden im alten Ägypten in Hieroglyphenschrift an die Wand gepinselt. Gleich neben dem anderen Klassiker: «Früher war alles besser». Keine menschliche Erfahrung, keine Lebensweisheit ist nachweislich älter als diese beiden Sentenzen.

  • Wieso sind Schweizer Jugendliche so höflich und wohlerzogen?
  • Sind sie es wirklich? Nicht mit ihresgleichen oder mit ihrer Umwelt. Auf dem Weg zum Kino die leeren Redbull oder Bierdosen einfach an der nächsten Ampel stehen zu lassen oder ins Gras neben der Strasse zu werfen, damit haben sie keine Probleme. Überall gibt es genug „magische Papierkörbe“ wie in Bülach. Ein ganz klein bisschen Rebellion muss schliesslich sein, gegen die Generation der sauberen Bünzli-Schweizer, die am liebsten noch den Papierkorb am Strassenrand von innen putzen würden.

  • Findet hier überhaupt Unterricht statt?
  • Wir liefen durch eine Schweizer Primarschule am Vormittag, während der Unterrichtszeit, und waren erstaunt über den nicht vorhandenen oder nur sehr geringen Lärmpegel aus den Klassenräumen. Man konnte meinen, es war Ferienzeit. Tatsächlich sind die Klassen kleiner als in Deutschland, wo max. bis 32 Kinder in einer Klasse unterrichtet werden und Frontalunterricht oft der einzige Weg ist, alle „im Griff“ zu behalten. Wir konnten auch beobachten, das grösster Wert auf Disziplin (Aufstellen in Zweiereihen am Ende der Pause) in Schweizer Schulen gelegt wird. Aus Deutschen Grundschulen blieb uns eher der Eindruck „Lärmpegel wie im Schwimmbad“ und „Schrei so laut du kannst“ im Gedächtnis (weswegen der Sensationserfolg der Teeniegruppe Tokyo-Hotel in Deutschland mit dem Titel „Schrei“ leicht zu verstehen ist). Natürlich sind das nur einzelne, subjektive Beobachtungen. Es gibt bestimmt auch leise Grundschulen in Deutschland und schlecht erzogene Schüler in der Schweiz, nur sind wir denen nicht begegnet.

  • Haben Sie auch schon mal vergessen «Merci» zu sagen?
  • Wir haben es in einem Gartenlokal am Zürisee erlebt: Eine Familie mit zwei vielleicht 14 oder 15-jährigen Jugendlichen studierte die Speisekarte (die vor «spitzen Spissen» nur so wimmelt). Der 15-jährige ist unleidlich, schlecht gelaunt und kann sich nicht entscheiden, was er bestellen soll. Wahrscheinlich hat er sich den sonnigen Feiertag sowieso irgendwie anders erträumt, nicht in Begleitung seiner Eltern. Er lässt sich von der jungen Bedienung, die hier im Freien freilich nicht «Saaltochter» heissen kann, weil es keinen Saal gibt, das Menü erklären. Dann folgt Schweigen. Dann verlässt die Bedienung den Tisch. Dann folgt das Donnerwetter des Vaters: «Du hättest Dich gefälligst für die freundliche Auskunft bedanken sollen!». Hatte der Junge nicht getan, er hatte glatt die Dienstleistung als solche entgegengenommen, ohne danach mindestens drei «Merci vielmals», und «ja, das ist jetzt guet» zu äussern.

    Für uns Deutsche am Nebentisch war es eine Schlüsselszene: So wird Höflichkeit von klein auf antrainiert in der Schweiz und von den Eltern für die Einhaltung der ungeschriebenen Regeln gesorgt!

  • Höfliches Fragen auf Ruhrpott-Deutsch
  • Dabei erinnerte ich mich daran, wie ich als Kind im Urlaub in Bayern losgeschickt wurde, um an einem Kiosk eine Flasche Cola zu kaufen. Die für mich als Ruhrpott-Kid übliche Fragestellung an den Verkäufer lautete: „Eh, hamse ma’ ne Cola oda son Scheiss?“ Selbstverständlich wurde dieses hochpolierte Deutsch von dem bayrischen Verkäufer nicht verstanden. Ich bekam dennoch irgendwie die gewünschte Cola und erlebte zum ersten Mal, dass nicht in ganz Deutschland mein heimischer «Soziolekt» gesprochen wurde, und das gleiche Verständnis für die korrekte Form einer «höflichen Frage» vorhanden war.

    Die fünf Fettnäpfe, in die Sie als Deutscher in der Schweiz nicht hineintappen sollten

    Mai 10th, 2006
  • Fettnapf oder „faux pas“?
  • Falls Sie als Deutscher neu in die Schweiz kommen, gibt es eine paar Fettnäpfchen, vor denen Sie sich in acht nehmen sollten, damit Sie da nicht gleich hinein tappen. Sagte ich „Fettnäpfchen“? Schon falsch: In der Schweiz würde man eher von einem „faux pas“ sprechen, denn Sie begehen können. Einen „falsus passus“ oder falschen Schritt, wie der lateinversierte Frankreichkenner sagen würde. Die Deutschschweizer lieben ihre Landsleute von der anderen Seite des Röschtigrabens so sehr, dass sie bei jeder Gelegenheit deren Sprache üben und pflegen. Sie werden sich noch umschauen, wieviel Französisch Sie hier in kürzester Zeit automatisch lernen können. Beim „Merci vielmals“ geht es los, bei „excusez“ geht es weiter und bei der Frage nach der Plastiktüte, die in der Schweiz grundsätzlich als „sac“ im Idiom der Westschweiz bezeichnet wird, hört es noch lange nicht auf. Le „sac-à-dos“ ist darum auch kein Fluch, wie „Heilands-sak-rament“ in Oberschwaben, sondern einfach nur ein Rucksack in der Westschweiz. Et ceci n’est pas un Witz. Auch die Ostschweiz färbt sprachlich ab in der Westschweiz.

  • Fettnapf Nummer 1: Am Telefon nicht in die Luft gehen
  • Falls Sie mit einem Schweizer telefonieren, excusez, wir meinten natürlich: „Falls Ihnen ein Schweizer ein Telefon gibt“, dann sollten Sie dieses nicht „fortrühren“, unter langsamen Kreisbewegungen in den Abguss, sondern beantworten. So wie sie auch den „Beantworter“ benutzen, falls Ihr Schweizer „Kollege“, also Freund und nicht Arbeitskollege, nicht daheim ist und Sie ihm auf selbigen sprechen müssen. Ist er jedoch daheim und geht kurz weg vom Telefon, dann wird er Sie bei seiner Rückkehr fragen: „Bist Du noch da?“, und dann wäre es ganz falsch zu antworten: „Nein, ich bin geplatzt“, oder „das weiss ich gar nicht, Moment, ich schaue kurz nach. Kannst Du schnell warten?“. Da wären wir schon mitten drin im Dilemma: Sie warten so schnell Sie können, und es ist immer einfach nicht schnell genug für die Schweiz.

  • Fettnapf Nummer 2: Alle Inlaut-Is in Zür-i-ch vermeiden
  • Sprechen Sie niemals vom Züricher See oder Züricher Geschnetzelten. Das ist verboten und wird mit vielsagendem Schweigen bestraft. Nur Gottfried Kellers Verleger durfte seine Novellensammlung die „Züricher Novellen“ nennen. Heute würde der bekannteste aller Schweizer Dichter glatt des Landes verwiesen für diesen Fehler. „Glatt“ verwiesen passt „in dem Fall“ extrem gut, denn dort an „der Glatt“ wuchs er einst auf, der Gottfried Keller, bei seinem Onkel in „Glattfelden“. Eine glatte Sache, nicht wahr?

  • Fettnapf Nummer 3: Sie meinen, Emils Schwiizertüütsch gut zu verstehen
  • Erwähnen Sie niemals in Anwesenheit von Schweizern, dass Sie deren Schwiizertütsch recht gut verstehen während die Schweizer die ganze Zeit nur auf ihrem bestens hochpolierten Hochdeutsch mit Ihnen gesprochen haben. Passiert jedem Deutschen, der neu in die Schweiz kommt, am Anfang.

  • Fettnapf Nummer 4: Eine Tür zufallen lassen, wenn in 15 Meter Entfernung noch ein Schweizer naht
  • Ganz schlechtes Verhalten. Gehen Sie durch eine Tür, dann schauen Sie sich bitte drei mal um ob auch wirklich niemand naht, der auch durch diese Tür möchte, bevor Sie diese Tür hinter sich zufallen lassen. Besonders schwierig ist das bei einer Drehtür. Halten Sie die doch einfach offen für den nächsten Schweizer, der Ihnen auf dem Fusse folgt!

  • Fettnapf Nummer 5: „Was für ein hübscher Dialekt hier in der Schweiz!“
  • Vergessen Sie alles, was man ihnen je über Mundarten und Dialekte erzählt hat. Es stimmt nicht, bezogen auf die Sprache der Schweizer. Die Schweizer sprechen eine Sprache, mehr noch, eine eigene Sprache, mehr noch, eine „richtige“ eigene Sprache. Sie haben nur noch keine eigene Bezeichnung dafür. Die Bezeichnung „Schweizerdeutsch“ erinnert ja schon wieder ganz fatal an diese andere Sprache, die die Schweizer eben nicht sprechen, sondern nur schreiben, denn sie reden ja „ihre“ Sprache, die eine Sprache und auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen, auch nicht in der grössten Not als „Dialekt“ bezeichnet werden darf. Haben Sie das verstanden? Begreifen Sie es auch?

    Ja, schon, aber jetzt sind sie „sprachlos“. Woran erkennt man, dass eine Sprache richtig und eigen ist? Ganz einfach: An den für sie vorhandenen Lehrwerken und Grammatiken. Davon gibt es einige für das Schwiizertüütsche. Folglich ist es eine richtige Sprache. Ein Wörterbuch für die Sprache der Schweizer gibt es auch, es gehört hier zur wichtigsten Grundausstattung jedes Deutschen in der Schweiz. Nehmen Sie also am besten gleich einen Kredit auf, kaufen sie sich eine Schubkarre oder einen Leiterwagen, gehen Sie in die nächste Buchhandlung und erstehen Sie das Schweizer „Idiotikon“. Sie brauchen sich nicht wie ein Idiot fühlen, wenn sie danach fragen. Idiotisch ist das Ding ganz bestimmt nicht, sondern eher schwer. Ziemlich schwer, weil bedeutungsgeladen und verantwortungsschwer:

    Ein Idiotikon (griech. Idio, Eigenes; Ausdruck, Begriff, Mundart) ist ein Wörterbuch, das mundartliche, dialektale, soziolektale oder fachsprachliche Ausdrücke erläutert. (auch Regionalismenwörterbuch)
    (Quelle: Wiki)

    Die Schweizer versuchen seit 1862, dieses Wörterbuch zu erstellen. Denn was man aufschreibt, vergisst man nicht:

    Am Ursprung des Idiotikons stand die Angst vor dem Sprachverlust. Friedrich Staub, der erste Chefredaktor des Idiotikons, befürchtete 1862, die schweizerdeutsche Mundart würde vom Hochdeutschen verdrängt. Die Korrespondenten begannen damals, „unter Beihülfe aus allen Kreisen des Schweizervolkes“, Mundartausdrücke aus Stadt, Land und Bergtälern zusammenzutragen. Systematisch wurden auch die Mundartliteratur bereits vorhandener Dialektwörterbücher, Chroniken, Rechtsprotokolle, Arznei- und Rezeptbücher und religiöse Schriften im Idiotikon erfasst.
    (Quelle: swissinfo.org)

    Ich vergass zu erwähnen, dass Sie zuvor noch eine Zeitmaschine kaufen sollten um in die Zukunft zu reisen. Denn momentan ist das Idiotikon leider noch nicht lieferbar. Der aktuelle Stand sind 15 Bände. Bei gleichbleibender echt schweizerisch-gründlichen Herausgabegeschwindigkeit von 9.6 Jahren pro Band müssten Sie im Jahr 2026 die Gesamtausgabe erwerben können. Sie können also ruhig schon mal anfangen mit sparen.

    Mit 15 Bänden und über 130’000 Stichwörtern ist das Schweizerdeutsche Wörterbuch schon vor seinem Abschluss das umfangreichste Regionalwörterbuch im deutschen Sprachraum. Es dokumentiert die deutsche Sprache in der Schweiz vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert, die älteren Sprachstufen genauso wie die lebendige Mundart. Da der Grundstock des Mundartmaterials in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank der Mitarbeit von gegen 400 Korrespondenten zusammengekommen ist, kann das Werk sonst kaum beschriebene und heute weitgehend verschwundene Bereiche der sprachlichen, geistigen und materiellen Kultur dieser Zeit besonders gut dokumentieren.
    (Quelle: sagw.ch)

    Vielleicht erleben Sie ja tatsächlich noch die Fertigstellung dieses Werkes ? Gut Ding will Weile haben.

    P.S.: Wir haben zwar schon die fünf Fettnäpfchen erläutert, ein sechstes wollen wir daber dennoch hinzufügen: Erwähnen Sie unter gar keinen Umständen, dass irgendetwas in Deutschland auch nicht schlecht ist. Das kommt gar nicht gut an. Sie sind hier im Land der besten Waschmaschinen, der besten Schokolade, der besten Demokratie, der besten Taschenmesser, der besten Käsesorten, der besten Biochemie, der besten Fussballer… na, Sie wissen jetzt sicherlich schon selbst weiter, einfach immer „der besten …“ davor setzen.

    Die illegale Gleis-Lotterie am Bahnhof Museumstrasse

    Mai 9th, 2006
  • Perron oder Bahnsteig, Gleis oder Ge-leis?
  • Am Bahnhof Museumsstrasse gibt es zwei Bahnsteige und vier Gleise. Schweizer dürfen diese Dinge gerne weiterhin „Perron“ (=Vortreppe, heute sagt man „quai“ in Frankreich) und „voie“ nennen, wie die Deutschen es vor der grossen Eindeutschung und Reichsgründung um 1870 auch taten, bei der die Schweizer natürlich nicht mitmachten. Meinetwegen sagen Sie als Schweizer auch „Ge-leise“, wie die Aufforderung, doch bitte „leise zu gehen“, also mit einem „e“ mehr als in Deutschland üblich, laut unserem Duden in der Schweiz noch möglich:

    Geleise, das; -s, – [mhd. geleis(e) = Radspur, Kollektivbildung zu: leis(e), ahd. (wagan)leisa = (Wagen)spur] (österr., schweiz., sonst geh.)

    Doch wo wir hinschauen, steht „Gleis“ angeschrieben, auch in der Schweiz. Wahrscheinlich hatte der Duden hier wieder Probleme mit der korrekten Einordnung von „schweizerisch“. Soll ja vorkommen.

  • Alles wirklich nur ein Zufall?
  • Wo genau auf welchem Gleis jetzt hier Ihr Zug halten wird, das weiss kein Fahrplan sondern wird jeweils fünf Minuten vor der Einfahrt des Zuges von einem Computer wahrscheinlich per Zufallsgenerator bestimmt. Wer das daheim mit seinem Microsoft Excel nachbauen will verwende am besten die Funktion „randomize“ zur Erzeugung einer Zufallszahl, im deutschen Excel als =WENN((ZUFALLSZAHL()*2+1)<2;21;22) zu haben, einfach in eine Excel-Tabelle kopieren und mit der F9-Taste aktualisieren. Egal was der Computer sagt, die Menschen auf diesem Bahnsteig starren wie gebannt auf die Anzeigetafeln. Müssen sie sich nun nach links oder nach rechts wenden? Manche versuchen die Röhre, aus der ihr Zug zu ihnen rollen wird, zu erahnen. Am Luftstrom die Ankunft des baldigen Zuges zu erspüren. Wie beim Roulette, wo manche Spieler auch versuchen, den Lauf der Kugel vorauszuberechnen: Wenn der Zug eben links ankam, und der Zug danach rechts, dann müsste mein Zug aller Wahrscheinlichkeit wieder links… doch halt, da hat ja ein Zug Verspätung! Es bleibt spannend bis zum Schluss, und die Menschen sind beschäftigt. Sind abgelenkt vom tristen Alltag, ihrem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Für einen Moment werden alle zu Spielern. Warum auf den Anzeigentafeln eigentlich keine Werbeeinblendungen erfolgen, so wie beim Boxkampf im TV, in der kurzen Pause zwischen zwei Runden, ist uns schleierhaft.

  • Wetten Sie einfach mit!
  • Man sollte da unten am Bahnhof Museumstrasse eigentlich einen Croupier beschäftigen: „20 Franken für Ankunft auf Gleis 21, 10 Franken für Zieleinlauf auf Gleis 22, rien ne vas plus!“ aber solch nicht-staatliches Glückspiel ist illegal in der Schweiz. Auch der Discounter FUST bekam mächtig Ärger, als er im Rahmen einer Werbeaktion der Kauf eines neuen TV-Geräts mit dem Spielglück der Schweizer „Nati“ (=Nationalmannschaft ohne Parteiabzeichnen) verband.

    28.04.2006 — Tages-Anzeiger Online
    Fust-Wettbewerb wird untersucht
    Die Fust AG verspricht in Inseraten und TV-Spots Gratis-Fersehgeräte, falls die Schweizer Fussball-Elf an der WM den Viertelfinal erreicht. Jetzt prüft die St. Galler Staatsanwaltschaft, ob dies gegen das Lotterie-Gesetz verstösst.

    Der Elektronik-Discounter Dipl. Ing. Fust AG mit Sitz in Oberbüren SG will den Kaufpreis für neu gekaufte TV-Geräte zurückerstatten, falls die Schweizer Fussballnationalmannschaft den WM-Viertelfinal erreicht. Allerdings muss der Käufer auch noch einen Tippschein korrekt ausfüllen.

    An Wettbewerb gekoppelt
    Weil die Teilnahme am Wettbewerb an den Kauf eines Fernsehgeräts gekoppelt ist, verstösst die Praxis der Fust AG laut dem St. Galler Finanzdepartement möglicherweise gegen das Lotterie-Gesetz. Es hat Fust aufgefordert, den Wettbewerb abzubrechen.
    (Quelle: tagesanzeiger.ch)

  • Und was passiert, wenn die Schweiz Vize-Weltmeister wird?
  • Unlauterer Wettbewerb? Genehmigungspflichtiges Glückspiel? Wer nur diesen Verdacht äussert, bezogen auf den programmierten Fussballerfolg der Schweizer Kicker, muss der sich nicht in der Schweiz gegen den Vorwurf des versuchten Landesverrats rechtfertigen?

    Wir werden mal bei FUST nachfragen, was es zu gewinnen gibt, wenn die Schweiz wie geplant Vizeweltmeister wird dieses Jahr. Vielleicht einen Zweitfernseher für den Zweitplatzierten oder einen Harddisk-Videorekorder mit der Aufzeichnung aller sensationellen Erfolge der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft der letzten 30 Jahre. Braucht es dafür eine Harddisk? Würde nicht auch eine DVD reichen? Oder eine CD? Oder eine Diskette? Wir werden das auf jeden Fall mal durchrechnen lassen.

    Renn wenn Du kannst — Was ist ein Turnschuhanschluss?

    Mai 8th, 2006
  • Das tägliche Fitnesstraining am Zürcher Hauptbahnhof
  • Die Zür(i)cher sind kreativ. Sie haben nicht nur einen enorm vielseitigen Namen, den man je nach Herkunft mal mit oder mal ohne Input-i schreiben kann, nein, sie machen sich auch intensiv Gedanken über die Fitness ihrer Tagesgäste, den Pendlern aus den Umlandgemeinden. Tagtäglich strömen diese aus den hintersten Ecken der Agglo zu ihnen per S-Bahn oder Zug. „Agglo“ nennen die Zürcher liebevoll ihr Umland. Der Kosename „Agglo“ von „Agglomeration“ kommt von Lateinisch „agglomerare“, und das heisst wörtlich „fest anschliessen„. Klingt irgendwie richtig zärtlich, so nach „fest in die Arme schliessen„. Man hat sie richtig lieb, die Menschen aus der Agglo, wenn man in Zürich lebt und täglich von diesen Gästen besucht wid.

  • Ich — ES — Über-Ich in ZürIch
  • Die Zürcher (jetzt ohne „i“) unterdrücken schüchtern ihren Binnen-Vokal „i“, denn der steht für „Intensiv“ , so intensiv wie sie das Leben an der Limmat in der heimlichen Hauptstadt der Schweiz täglich neu empfinden. Gibt es eigentlich überhaupt noch eine andere Stadt von ähnlicher Bedeutung in der Schweiz? Es ist diese spezielle Ich-Bezogenheit in ZürIch, von Französisch „sur„, dem Wörtchen für „über„, hier in dieser Stadt mit dem eingebauten „Über-Ich„, was sie bei den restlichen Schweizern so beliebt macht.

    Intensiv ist diese Stadt vor allem für den Herzschlag der Pendler. Diejenigen, die mit dem zugigen Zug von Zug her kommen, werden besonders gründlich bedacht. Für sie hat man sich in Zürich am Hauptbahnhof ein morgendliches Spezialtraining einfallen lassen: Den Turnschuhanschluss.

    Das wunderbare Wort hat es sogar schon in die heiligen Hallen von Hugo Egon Balders „Genial Daneben“ Studio in Köln-Hürth geschafft. Das Rateteam mit Hella von Sinnen, sonst immer voll bei Sinnen und Verstand, und Bernhard „Der Streber“ Hoëcker, hat nicht herausgefunden, welche Bedeutung sich dahinter verbirgt. Es wurde gemutmasst und theoretisiert, Ereignisse aus der Deutschen Geschichte wurden diskutiert, in welcher das Wörtchen „Anschluss“ eine unsägliche Rolle spielte, nämlich beim „Anschluss Österreichs“ 1938 an Nazideutschland. Das Wort kann in Deutschland zwar auch heute noch verwendet werden, in Zeiten von „Beziehungskisten“ und „Lebensabschnittspartnern“ können Menschen mitunter keinen „Anschluss finden“.

  • Weg mit dem Anschluss, es lebe die ReiseMöglichkeit
  • Im Zusammenhang mit der Deutschen Bahn, die sich selbst nur noch „Die Bahn“ nennt, als ob es auf der ganzen Welt keine andere mehr gäbe, hat das Wort „Anschluss“ jedoch ausgedient und wurde schon vor Jahren im Zeichen der Privatisierung durch die „Reisemöglichkeit“ ersetzt. Kein Witz: Wenn Sie in Deutschland zu später Stunde ankommen, sagen wir so zwischen Mitternacht und 0:30 Uhr, dann können Sie von Glück sagen, wenn es diese „ReiseMÖGLICHkeit“ für Sie noch gibt. Anschlüsse haben Sie bald darauf sicher keine mehr, bis zu den ersten Frühzügen ab 5.00 Uhr.

  • Was ist ein Turnschuhanschluss?
  • Ein notwendig gewordener Sprint, den Sie am besten mit angelegten Turnschuhen und angelegten Ohren bewältigen, um bei der Ankunft ihres Zuges von Luzern/Zug/Thalwil am neuen Zürcher Bahnhof Sihlpost die 1.200 Meter bis zum S-Bahn-Tiefbahnhof „Museumsstrasse“ zurückzulegen. Von dort geht es dann mit der S-Bahn weiter. Klingt zwar sehr beschaulich dieser Bahnhof „Museumsstrasse“, heisst aber nur so, weil er auf der Seite des Schweizer Landesmuseums unter dem Zürcher Hauptbahnhof gebaut wurde. Von dem Museum sehen Sie also gar nichts. Hier unten irgendwo gibt es auch ein Stück Autobahntunnel, vor vielen Jahren erstellt und dann nie genutzt für die Autos, denn das dazugehörige Stück Autobahn unter der Oberfläche von Zürich wurde nie fertiggebaut. Nur das Tunnelteilstück ist fertig und wird als Lagerhalle oder skuriller Ort für House-Parties genutzt.

  • Der ultimative Kick per Board
  • Es gibt noch eine Alternative für die Turnschuhe: Kaufen Sie sich einfach ein Kickboard, am besten gleich mit Helm und Schonern dazu, denn dann haben Sie ein reelle Chance, innerhalb der vorgeschriebenen 4-5 Minuten ihren Anschlusszug an der anderen Seite des Bahnhofs tatsächlich zu erreichen.
    Hier der Weg in rot eingezeichnet, den Sie zurücklegen müssen.
    Der lange Weg zu Fuss per Turnschuh
    Sie sollten unterwegs das Geräusch eines Rettungswagens imitieren, dann haben Sie garantiert freie Fahrt in den Menschenmassen. Alternativ können Sie auch laut „Vorsicht: Heiss und fettig“ rufen und damit die anderen Pendler so irritieren, dass sich sogleich ein Gasse für Sie auftut. Erfahrene Pendler und „unter der Erde Umsteiger“ laufen oder kick-boarden übrigens auf der rechten Gangseite. Sie fallen mächtig auf, wenn Sie jetzt einen auf Britisch machen, und den Linksverkehr einführen.

    Turnschuhanschluss
    Turnschuhanschluss mit Helm, Kickboard und Reflektoren an den Turnschuhen. So soll es sein!

    (Zweiter Teil morgen: Die illegale Gleis-Lotterie am Bahnhof Museumstrasse)