Blogwiese für die „Goldene Maus“ nominiert

Mai 7th, 2006

Wie wir gerade ganz zufällig über die Referals erfahren haben, wurde die Blogwiese von der Jury de „Goldenen Maus®“ in der Kategorie LEBEN nominiert.
Nominiert für die Goldene Maus 206

Die vollständige Liste aller Nominierungen in den fünf Kategorien Politik, Kultur, Bildung, Leben und Fachthemen finden Sie hier

Die Jury trifft sich am nächsten Freitag, den 12. Mai, um die fünf Gewinner der „Goldenen Maus®“ in jeder Kategorie zu wählen. Diese werden an der Preisverleihung am 18. Mai 2006 um 17 Uhr ( an der Orbit-iEX) bekannt gegeben.

Die Jury ist wie folgt besetzt:
Wolfgang Frei, NZZ (Präsident)
Roger Fischer, Kaywa
Peter Hogenkamp, Zeix
Francis Moret, educa
Bernard Rappaz, TSR
Peter Wälty, 20 Minuten

Wir freuen uns auf nächsten Freitag!

Zum Wettbewerb „Die Goldene Maus®“ heisst es auf dem Schweizerischen Bildungsserver educa.ch:

Wettbewerb „Die Goldene Maus®“ 2006: Blogs
Der von der Milton Ray Hartmann-Stiftung veranstaltete Wettbewerb „Die Goldene Maus®“ 2006 gilt einem mit viermal viertausend Franken und vier Kleinskulpturen dotierten Preis, der in den vier Kategorien Bildung, Kultur, Politik und Leben einem öffentlich zugänglichen schweizerischen Blog für informativen Gehalt, Betreuung und allenfalls auch Originalität zugesprochen wird. Die viertausend Franken können nicht aufgeteilt werden. Die Jury kann hingegen, wenn keine der in Frage kommenden Realisationen den Preis verdient, auf die Vergabe verzichten.
(Quelle: educa.ch)

Wie die Hinterhand vorderhand überhand nimmt

Mai 7th, 2006
  • Vorderhand ist nicht vor der Hand
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger über Andreas Simmen, den ehemaligen Chef des kantonalen Steueramts, der in der Swissair-Affäre wegen Falschbeurkundung angeklagt wurde und deswegen erst freigestellt und kurz darauf entlassen worden ist:

    Gemäss TA-Recherchen soll der Amtschef nach Treffen mit gut situierten Steuerpflichtigen bei den zuständigen Steuerkommissären vorstellig geworden sein und sie aufgefordert haben, Kulanz walten zu lassen. Auch diese Vorwürfe sind vorderhand unbewiesen.
    (Tages-Anzeiger vom 01.04.06, S. 13)

    Wir hatten ja schon von manchen dunklen Geschäften gehört, die „unter der Hand“ abgewickelt wurden, oder über die man nur hinter „vorgehaltener Hand“ gesprochen hat, so ganz klar war uns dies „vorderhand“ jedoch nicht. Wir fanden es auf Anhieb bei Swissinfo:

    Vorderhand keine Evakuationen aus Tschad
    (Quelle swissinfo 13.04.06)

    Im Sportteil der NZZ:

    GC vorderhand ohne Lizenz
    (Quelle nzz.ch)

    Und in einer Pressmitteilung der Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft:

    Verwendung von GVO-Soja als Futtermittel ist vorderhand möglich
    (Quelle: admin.ch)

    Es muss also sehr beliebt sein, in der Schweiz, etwas „vorderhand“ zu tun. Und siehe da, wieder so ein Ausdruck, der für den Duden „veraltend“ ist, ausser in der Schweiz:

    vor|der|hand [auch:vorhand] (Adv.) (bes. schweiz., sonst veraltend):
    einstweilen, zunächst [einmal], vorläufig:
    das ist vorderhand genug; Dass es sich vorderhand lediglich um eine Absichtserklärung handelt, ging allerdings … etwas unter (NZZ 27. 8. 83, 25); Vorderhand habe ich keine Ahnung, wie ich es durchbringen soll (Broch, Versucher 39).

    Die „Vorhand“ hingegen, als Kurzform der „Vorderhand“, die kennt der Duden bei allen möglichen Tieren

    1. Vorhand .
    Ein anderer wieder tut das alles nicht einmal, reitet es (= das Pferd) dafür so auf der Vorhand, dass jeder Tritt das arme Tier bis in die Brust prellt (Dwinger, Erde 88).

    Dartmoor-Pony mit starker Vorderhand:
    Pony mit starker Vorderhand
    (Foto ponyfarm.de)
    74.700 Belege bei Google-Deutschland die mit Pferden, Hunden, Welpen, Hinterbeinen oder Vorderbeinen zu tun haben, und kein „einstweilen“ oder „vorläufig“ weit und breit zu erblicken.

    Was schlussfolgern wir daraus? Vorderhand erst mal gar nichts, denn einstweilen reicht es uns mit „veraltenden“ Ausdrücken. Wir machen auf der Vorderhand kehrt und gehen heim.

    „Einmal“ in Bern, „manches Mal“ auch im Oberland

    Mai 6th, 2006

    Wer als Deutscher in die Schweiz kommt und anfängt, sein Hörverständnis für die Schweizerdeutschen Dialekte (=Sprach-Varianten) zu trainieren, wird früher oder später über diese hübschen Wörter stolpern, die vor allem im Kanton Bern häufig zu hören sind:

  • „Einisch“ sind nicht die „Ein-heim-ischen“
  • Nein, das Wort ist wirklich keine ultraverkürzte Form, mit verschlucktem „heim“ in der Mitte. Ganz im Sinne der dichtbesiedelten Schweiz mit ihrem Gebot, sorgsam und platzsparend mit jeder Fläche umzugehen. „Einisch“ heisst „einmal“, und es wird auch nicht nur einmal geschrieben. So finden sich bei Google-Schweiz 59.400 Erwähnungen. Das Wort wird in der ganzen Schweiz verstanden, aber nicht überall gleich ausgesprochen. Schon im Berner Oberland mutiert es zu „iinisch“.

    Die Schreibweise mit „ei“ am Anfang hat gemäss Aussage eines Berners, den wir dazu befragten, rein gar nichts zu sagen. Er versichert uns, dass dies in Bern wie „ä“ ausgesprochen wird. „Wänn äs näch dän Bärner gänge, kännte män sowieso auf älle „Eis“ verzichtän und nur noch „äh“ sprächen und schräbän“, sagt der Berner und lächelte dabei. Natürlich mit „ä“. Der will uns bestimmt auf die Schippe nehmen. Wir wissen ganz genau, da sind noch jede Menge „ou“ und „u“ im Berndeutschen. Für uns klang das mehr nach dem „Seele-Fant“ aus der Augsburger Puppenkiste Serie „Urmel aus dem Eis„.

    Wir stellten fest, dass es ungefähr 12 Aussprachemöglichkeiten von Lauten zwischen e-ee-ei-ä-eä-iä gibt, die sich kaum mit dem beschränkten Lateinischen Alphabet niederschreiben lassen.

    Das Wörtchen „einisch“ dann konsequent auch mit „ä“ als „ähnisch“ zu schreiben, fiel den Bernern nicht ein. Denn das erinnerte dann doch wieder zu stark an „eher nicht“. Und „einisch“ ist doch „eher doch“ nämlich „ein Mal“ zumindest. Zu „einisch“ passt noch ein zweites Wort, dass ebenfalls aus Bern stammt:

  • Mängisch oder mänggisch in der Schweiz
  • Hat es was mit „Mengen“ der „Mengenlehre“ zu tun, oder mit „Männern“? Wenn Weiber „weibisch“ sein können, warum sollten in der Schweiz nicht auch Männer „mängisch“ werden? Solchen Ideen gehen uns als Deutsche durch den Kopf, bis wir das Wort endlich dank des Kontextes, in dem es permanent verwendet wird, verstehen können. Mani Matter sei Dank! So in seinem Lied „D Nase“:

    Loset mit was für Methode
    Mängisch ds Schicksal eim tuet schla
    Loset mit was für Methode
    Mängisch ds Schicksal eim tuet schla
    Zumnen Arzt isch eine cho dä
    Het e zlängi Nase gha
    Het e zlängi Nase gha
    (Quelle: geocities.com)

    Oder im Lied „Hemmig“:

    I weis, das macht eim heiss, verschlat eim d’Stimm
    Doch dünkt eim mängisch o s’syg nüt so schlimm
    S’isch glych es Glück, o we mirs gar nid wei
    Das mir Hemmige hei
    (Quelle: geocities.com)

    Und in „Mir hei e Verein“

    Mir hei e Verein, i ghöre derzue
    Und d’Lüt säge: Lue dä ghört o derzue
    Und mängisch ghören i würklech derzue
    Und i sta derzue

    Mänggisch sollte laut alter Berndeutsch Schreibung eigentlich mit zwei „g“ geschrieben werden, sagt unser Berndeutsch Spezialist. Bei Google-Schweiz finden sich jedoch fast nur Verwendungen der knappen Form „mängisch“, dass dafür sensationelle 49.800 Mal!

  • Berndeutsch nur gesprochen?
  • Wir erinnern uns an die ständig gehörte Feststellung, dass Schweizerdeutsch nur eine gesprochene Sprache ist, abgesehen von Liedtexten bei Mani Matter, SMS und E-Mail. Wie kommen dann die fast 50.000 Einträge in Google zustande? Gibt es Berner, die ihre E-Mails von Google erfassen lassen?

  • Mängisch oder mengmal
  • Nein, aber es gibt dafür Menschen, die statt mängisch lieber mengmal sagen. Die kommen dann in der Regel aus dem Berner Oberland. Die restlichen 23 regionalen Versionen von „manchmal“ im haben wir dann nicht mehr weiter gesucht.

    Nicht ins Auge, in den Teich sondern ins Tuch gehen — Neue alte Schweizer Redewendungen

    Mai 5th, 2006
  • Wohin man alles gehen kann
  • Wenn etwas „ins Auge“ geht, dann tut das weh, und eine Sache ist misslungen, fehlgeschlagen. Wenn jemand „ins Wasser“ geht, dann will er sich umbringen, geht er „über den grossen Teich“, dann wandert er aus nach Amerika. Die Schweizer, das haben wir gelernt, gehen am liebsten in den Ausgang (vgl. Blogwiese) Manchmal geht auch etwas ganz gewaltig „in die Hose„, wenn etwas schief läuft oder misslingt. Doch was bedeutet es, wenn etwas „ins Tuch geht“?

    Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt der Leinenweber und Strickindustrie, vom 19.04.06 in einem Artikel über die „Schleichende Preiserhöhung“ des Benzinpreises:

    Den Tank auffüllen, das geht wieder ins Tuch.

    Ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, was hier gemeint sein kann, beginnen wir zu grübeln. Wann geht in Deutschland etwas „ins Tuch“? Nun, das kann zum Beispiel dem Baby passieren, wenn es satt und zufrieden seine menschlichen Bedürfnisse in die Windeln erledigt, falls Mami und Papi dafür keine Pampers Wegwerfwindeln gekauft haben sondern lieber die „Stoff-Variante“ mit dem praktischen Abhol- und Wäschedienst in Anspruch nehmen.

  • In trockene Tücher sein
  • In Deutschland werden die Dinge gern und häufig „in trockene Tücher“ gebracht, als Anspielung an den Vorgehensweise der Hebamme bei einer Geburt, wenn das Kind, frisch geboren und noch feucht und glitschig, erst einmal in ein „trockenes Tuch“ gewickelt und so gesäubert und gewärmt wird. Wenn etwas „in trockenen Tüchern“ ist, dann ist es laut Variantenwörterbuch

    endlich zufrieden stellend abgeschlossen, erledigt.

    In der Schweiz muss dafür wohl ein besonders teurer Stoff verwendet werden, denn die Redewendung „ins Tuch gehen“ bedeutet hier:

    Tuch: *ins [gute]Tuch gehen CH „teuer zu stehen kommen“: Ins gute Tuch und ans Ersparte geht es erst, wenn wir das Spital in Anspruch nehmen müssen (Biel/Bienne 28.5.1998, 6)
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 806)

    Wir fanden 47 Belege bei Google-Schweiz für „ins Tuch gehen“:
    Beispiel „Betrug am Betrieb“

    Ins Tuch gehen aber auch die Verlockungen, denen sich Kassierinnen ausgesetzt sehen. Trotz raffinierter Scanning-Systeme, die Eintippen überflüssig machen, kommt es zu Gelddiebstahl durch Kassenmanipulation in Form von Gutschriften, Stornos, Verbilligungen oder Fehlbons.
    (Quelle: onlinereports.ch)

    Beispiel „Freelancing statt Arbeitnehmerverhältnis“

    Genau da liegt denn auch das beträchtliche Risiko für den Auftraggeber bzw. Arbeitgeber: entpuppt sich nämlich das Freelancing plötzlich als Arbeitnehmerverhältnis, müssen die entsprechenden Beiträge nachgezahlt werden, was ins Tuch gehen kann.
    (Quelle: kommunikationsrecht.ch)

    Google Fundstellen aus Deutschland hingegen reden von Babies, die Windeln anhaben, oder

    Nur weil man ein wenig älter ist als 14, sollte man mal trotzdem leise sein!! Wenn man ohne 14jährige feiern will, dann soll man ins Tuch gehen oder so!! Schließlich gibt es für euch mehr Möglichkeiten mal tanzen und feiern zu gehen als für uns!! Also werd ma nicht aufmüpfig hier.
    (Quelle: max-kiel.de)

    Was die wohl meinen mit „soll man ins Tuch gehen oder so!!“ Vielleicht ist der Ausdruck „jemand an die Wäsche gehen“ damit gemeint? Aber Wäsche und Tuch, das sind doch zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen. Wie sagen die Deutschen dann, wenn etwas teuer wird? „Das geht ans Eingemachte“, oder „das wird eine Stange Geld kosten“. Die Schweizer trinken die Stange lieber, anstatt mit ihr zu bezahlen (vgl. Blogwiese)

    Als die Schweizer Uhren eine Stunde nachgingen — 25 Jahre Sommerzeit in der Schweiz

    Mai 4th, 2006
  • Nichts geht ohne Zustimmung des Volkes
  • In der Schweiz ist es so gut wie unmöglich am Volk, dem Souverän, vorbei zu regieren. Oder besser gesagt: Etwas durchzusetzen, das vom Volk bereits auf breiter Front abgelehnt worden ist. Jedes politische Vorhaben muss aus diesem Grunde von einer breiten Konkordanz getragen werden, um nicht durch ein Referendum gestoppt werden zu können.

    Nur einmal gelang es, etwas „von oben herab“ dem Volk aufzuzwingen, ohne dass die Mehrheit tatsächlich damit einverstanden war. Wir reden von der Einführung der Sommerzeit im Jahre 1981, einer Sternstunde der Schweizer Demokratie.

  • Ist die Sommerzeit eine gute Idee für die Schweiz?
  • Bereits in den 20er Jahren wurde in der Schweiz über die Möglichkeiten zum Energiesparen durch eine Sommerzeit nachgedacht, und die Idee wurde verworfen:

    24.3.1917 Der Bundesrat lehnt es ab, die Sommerzeit einzuführen, weil diese keine wesentlichen Kohleneinsparungen mit sich bringe.
    (Quelle: parlament.ch)

    Ein paar Jahrzehnte später wurde dann doch ein Versuch gestartet, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs:

    In der Schweiz galt in den Jahren 1941 und 1942 die Sommerzeit von Anfang Mai bis Anfang Oktober. Nach einer öffentlichen Debatte Ende der 1970er Jahre wollte man die Sommerzeit eigentlich auch nicht wieder einführen, (…)
    (Quelle: Wiki)

    Eigentlich nicht… aber dann fingen die Nachbarländer plötzlich an, die Uhren zwei Mal im Jahr umzustellen. Frankreich bereits 1976, Österreich und Deutschland 1980. In Deutschland wurde hierzu ein „Zeitgesetz“ erlassen. Darin heisst es:

    § 3 Ermächtigung zur Einführung der mitteleuropäischen Sommerzeit
    (1) Die Bundesregierung wird ermächtigt, zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit und zur Angleichung der Zeitzählung an diejenige benachbarter Staaten durch Rechtsverordnung für einen Zeitraum zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober die mitteleuropäische Sommerzeit einzuführen.
    (2) Die mitteleuropäische Sommerzeit soll jeweils an einem Sonntag beginnen und enden. Die Bundesregierung bestimmt in der Rechtsverordnung nach Absatz 1 den Tag und die Uhrzeit, zu der die mitteleuropäische Sommerzeit beginnt und endet, sowie die Bezeichnung der am Ende der mitteleuropäischen Sommerzeit doppelt erscheinenden Stunde.
    (Quelle:)

    So einfach ging das in Deutschland. Das Volk wählt ein Parlament. Das Parlament wählt eine Bundesregierung. Die Bundesregierung ist nun die Exekutive und kann durch die Legislative des Parlaments per Gesetz ermächtigt werden, die Sommerzeit einzuführen. Repräsentative Demokratie in Reinkultur. Bloss nicht jeden Bürger einzeln fragen.

    Die Schweizer Parlamentarier waren danach nicht untätig. Es wurde auch in der Schweiz ein „Zeitgesetz 941.299“ beschlossen, am 21. März 1980. Darin heisst es:

    Der Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft,
    gestützt auf Artikel 40 Absatz 1 der Bundesverfassung 1),
    nach Einsicht in eine Botschaft des Bundesrates vom 14. November 1979 2),
    beschliesst:
    Art. 1 Mitteleuropäische Zeit
    1 In der Schweiz gilt die mitteleuropäische Zeit.
    2 Die mitteleuropäische Zeit ist die Weltzeit plus eine Stunde.
    3 Der Bundesrat bestimmt die Einzelheiten der Messung und Verkündigung der Zeit.
    Art. 2 Sommerzeit
    1 Der Bundesrat kann, um Übereinstimmung mit benachbarten Staaten zu erreichen,
    die Sommerzeit einführen.
    2 Die Sommerzeit ist die Weltzeit plus zwei Stunden.
    3 Der Bundesrat legt jeweils den Zeitpunkt der Umstellung fest.
    Art. 3 Referendum und Inkrafttreten
    1 Dieses Gesetz untersteht dem fakultativen Referendum.
    2 Der Bundesrat bestimmt das Inkrafttreten.
    Datum des Inkrafttretens: 1. Januar 1981
    (Quelle: admin.ch)

    Schien ja alles in Ordnung zu gehen. Wenn da nicht der Artikel 3.1 gewesen wäre: „Dieses Gesetz untersteht dem fakultativen Referendum“. Was bedeutet: Das Volk kann dazu auch NEIN sagen, wenn es gefragt wird. Es kommt, wie es kommen musste: Das Volk sagt NEIN.

    Zeitgesetz
    Die Vorlage wurde abgelehnt

    Stimmberechtigte
    Total Stimmberechtigte 3835650
    davon Auslandschweizer 4315
    Stimmbeteiligung
    Eingelangte Stimmzettel 1879954
    Stimmbeteiligung 49%
    Ausser Betracht fallende Stimmzettel
    Leere Stimmzettel 28392
    Ungültige Stimmzettel 1324
    In Betracht fallende Stimmzettel
    Gültige Stimmzettel 1850238
    Ja-Stimmen 886376 47.9%
    Nein-Stimmen 963862 52.1%

    Annehmende Stände 0
    Verwerfende Stände 0
    (Quelle: admin.ch)

    Mit den Einzelheiten des Abstimmungsverhaltens wollen wir uns jetzt nicht aufhalten. Natürlich waren in Basel 60% für die Sommerzeit, denn dort sah man kommen, was nun im Sommer 1980 Wirklichkeit wurde: Die Schweiz wurde eine MEZ-Insel mitten in Europa. Sie begab sich in „splendid isolation“ . Ob diese Isolation wirklich so „splendid“ war, sollte sich bald zeigen.

  • Die geballte Macht der Agrar-Lobby hatte erfolgreich zugeschlagen
  • (…) [Es] stiegen die einheimischen Bauern auf die Misthaufen und ergriffen das Referendum: Sie sorgten sich um die Kühe, die im natürlichen, sommer-zeitunabhängigen Biorhythmus zu melken, ihre Arbeitszeit abends verlängern sollte.

    Das Volk der Hirten sagte ja zu diesem Referendum, und die Schweiz wurde zur Zeitinsel, bis das Fernsehpublikum zu reklamieren begann: Die beliebte Krimisendung «Derrick» auf den deutschen Sendern lief plötzlich vor der Schweizer Tagesschau – ein unhaltbarer Zustand…
    (Quelle: webjournal.ch)

    Ein Zeitzeuge berichtet in einem Forum:

    (…) für den Zugverkehr und Ähnliches war das vermutlich lästig, aber ich fand’s gut. ich war da grad 14 und durfte abends nicht weg, da war’s klasse, so früh schon ‚Tatort‘ oder so gucken zu können…
    (Quelle: forum.freeklick.com)

    Besonders kritisch war die Schweizer „Zeitinsel“ für die SBB:

    Die Schweizerischen Bundesbahnen mussten einen eigenen Interimsfahrplan einführen, damit sie den Anschluss an die internationalen Züge gewährleisten konnten. Auf dem Flughafen Basel-Mulhouse wurden «Doppel-Uhren» aufgehängt – eine zeigte die schweizerische, die andere die europäische Zeit an…
    (Quelle: webjournal.ch)

    Was tun? Das Volk hatte NEIN gesagt, aber die Schweiz war im „Schussfeld des europäischen Gelächters“. Die Lösung kam durch den Nationalrat:

    3.3.1980 Der Nationalrat erteilt dem Bundesrat die Kompetenz zur Einführung der Sommerzeit.
    (Quelle: parlament.ch)

    Wie es dann weiterging, ist äusserst schwierig historisch zu rekonstruieren. Obwohl das Zeitgesetz vom Souverän abgelehnt worden war, konnte der Bundesrat die Einführung durchsetzen, so dass im Sommer 1981 die Schweizer „Zeitinsel“ der Geschichte angehörte.

    Doch noch war nicht alles verloren, denn nun tritt ein neues Gesicht in Erscheinung:

    (…) 1982 startete ein junger Politiker von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) – ein gewisser Christoph Blocher – eine neuerliche Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit. Sein Argument waren nicht die Kühe, sondern der «missachtete Volkswille» – weil das Parlament trotz des Volks-Nein gegen die Sommerzeit dieselbe auf parlamentarischer Ebene eingeführt hatte. Eine immerhin grundsätzlich bemerkenswerte Einstellung über das Selbstbestimmungsrecht des Schweizervolkes. Doch diese neuerliche Initiative kam nicht zustande, (…)
    (Quelle: webjournal.ch)

    Das ging schief. Der gleiche Souverän, der ein Jahr zuvor noch Gegen diese europäischen Ideen war, hatte nun ein Einsehen und verweigerte die erforderliche Anzahl an Unterschriften:

    Im Sammelstadium gescheitert 02.03.1984
    Ablauf Sammelfrist 01.03.1984
    Sammelbeginn 31.08.1982
    Vorprüfung vom 17.08.1982
    (Quelle: admin.ch)

    So hatte in dieser Angelegenheit doch noch das Volk das letzte Wort, nachdem es auf „parlamentarischen Weg“ umgangen wurde. Es hätte die Sommerzeit wieder abschaffen können. Hat es aber nicht. Weil bis zu diesem Zeitpunkt jeder Schweizer bereits drei Mal die Sommerzeit am eigenen Leib erlebt hatte. Die Angst vor dem „Unbekannten“ war verloren, und die Erinnerung an nette lange Sommerabende im Hellen war stärker als die Solidarität mit den Bauern und ihren Milchkühen.