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Als die Schweizer Uhren eine Stunde nachgingen — 25 Jahre Sommerzeit in der Schweiz

  • Nichts geht ohne Zustimmung des Volkes
  • In der Schweiz ist es so gut wie unmöglich am Volk, dem Souverän, vorbei zu regieren. Oder besser gesagt: Etwas durchzusetzen, das vom Volk bereits auf breiter Front abgelehnt worden ist. Jedes politische Vorhaben muss aus diesem Grunde von einer breiten Konkordanz getragen werden, um nicht durch ein Referendum gestoppt werden zu können.

    Nur einmal gelang es, etwas „von oben herab“ dem Volk aufzuzwingen, ohne dass die Mehrheit tatsächlich damit einverstanden war. Wir reden von der Einführung der Sommerzeit im Jahre 1981, einer Sternstunde der Schweizer Demokratie.

  • Ist die Sommerzeit eine gute Idee für die Schweiz?
  • Bereits in den 20er Jahren wurde in der Schweiz über die Möglichkeiten zum Energiesparen durch eine Sommerzeit nachgedacht, und die Idee wurde verworfen:

    24.3.1917 Der Bundesrat lehnt es ab, die Sommerzeit einzuführen, weil diese keine wesentlichen Kohleneinsparungen mit sich bringe.
    (Quelle: parlament.ch)

    Ein paar Jahrzehnte später wurde dann doch ein Versuch gestartet, zur Zeit des Zweiten Weltkriegs:

    In der Schweiz galt in den Jahren 1941 und 1942 die Sommerzeit von Anfang Mai bis Anfang Oktober. Nach einer öffentlichen Debatte Ende der 1970er Jahre wollte man die Sommerzeit eigentlich auch nicht wieder einführen, (…)
    (Quelle: Wiki)

    Eigentlich nicht… aber dann fingen die Nachbarländer plötzlich an, die Uhren zwei Mal im Jahr umzustellen. Frankreich bereits 1976, Österreich und Deutschland 1980. In Deutschland wurde hierzu ein „Zeitgesetz“ erlassen. Darin heisst es:

    § 3 Ermächtigung zur Einführung der mitteleuropäischen Sommerzeit
    (1) Die Bundesregierung wird ermächtigt, zur besseren Ausnutzung der Tageshelligkeit und zur Angleichung der Zeitzählung an diejenige benachbarter Staaten durch Rechtsverordnung für einen Zeitraum zwischen dem 1. März und dem 31. Oktober die mitteleuropäische Sommerzeit einzuführen.
    (2) Die mitteleuropäische Sommerzeit soll jeweils an einem Sonntag beginnen und enden. Die Bundesregierung bestimmt in der Rechtsverordnung nach Absatz 1 den Tag und die Uhrzeit, zu der die mitteleuropäische Sommerzeit beginnt und endet, sowie die Bezeichnung der am Ende der mitteleuropäischen Sommerzeit doppelt erscheinenden Stunde.
    (Quelle:)

    So einfach ging das in Deutschland. Das Volk wählt ein Parlament. Das Parlament wählt eine Bundesregierung. Die Bundesregierung ist nun die Exekutive und kann durch die Legislative des Parlaments per Gesetz ermächtigt werden, die Sommerzeit einzuführen. Repräsentative Demokratie in Reinkultur. Bloss nicht jeden Bürger einzeln fragen.

    Die Schweizer Parlamentarier waren danach nicht untätig. Es wurde auch in der Schweiz ein „Zeitgesetz 941.299“ beschlossen, am 21. März 1980. Darin heisst es:

    Der Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft,
    gestützt auf Artikel 40 Absatz 1 der Bundesverfassung 1),
    nach Einsicht in eine Botschaft des Bundesrates vom 14. November 1979 2),
    beschliesst:
    Art. 1 Mitteleuropäische Zeit
    1 In der Schweiz gilt die mitteleuropäische Zeit.
    2 Die mitteleuropäische Zeit ist die Weltzeit plus eine Stunde.
    3 Der Bundesrat bestimmt die Einzelheiten der Messung und Verkündigung der Zeit.
    Art. 2 Sommerzeit
    1 Der Bundesrat kann, um Übereinstimmung mit benachbarten Staaten zu erreichen,
    die Sommerzeit einführen.
    2 Die Sommerzeit ist die Weltzeit plus zwei Stunden.
    3 Der Bundesrat legt jeweils den Zeitpunkt der Umstellung fest.
    Art. 3 Referendum und Inkrafttreten
    1 Dieses Gesetz untersteht dem fakultativen Referendum.
    2 Der Bundesrat bestimmt das Inkrafttreten.
    Datum des Inkrafttretens: 1. Januar 1981
    (Quelle: admin.ch)

    Schien ja alles in Ordnung zu gehen. Wenn da nicht der Artikel 3.1 gewesen wäre: „Dieses Gesetz untersteht dem fakultativen Referendum“. Was bedeutet: Das Volk kann dazu auch NEIN sagen, wenn es gefragt wird. Es kommt, wie es kommen musste: Das Volk sagt NEIN.

    Zeitgesetz
    Die Vorlage wurde abgelehnt

    Stimmberechtigte
    Total Stimmberechtigte 3835650
    davon Auslandschweizer 4315
    Stimmbeteiligung
    Eingelangte Stimmzettel 1879954
    Stimmbeteiligung 49%
    Ausser Betracht fallende Stimmzettel
    Leere Stimmzettel 28392
    Ungültige Stimmzettel 1324
    In Betracht fallende Stimmzettel
    Gültige Stimmzettel 1850238
    Ja-Stimmen 886376 47.9%
    Nein-Stimmen 963862 52.1%

    Annehmende Stände 0
    Verwerfende Stände 0
    (Quelle: admin.ch)

    Mit den Einzelheiten des Abstimmungsverhaltens wollen wir uns jetzt nicht aufhalten. Natürlich waren in Basel 60% für die Sommerzeit, denn dort sah man kommen, was nun im Sommer 1980 Wirklichkeit wurde: Die Schweiz wurde eine MEZ-Insel mitten in Europa. Sie begab sich in „splendid isolation“ . Ob diese Isolation wirklich so „splendid“ war, sollte sich bald zeigen.

  • Die geballte Macht der Agrar-Lobby hatte erfolgreich zugeschlagen
  • (…) [Es] stiegen die einheimischen Bauern auf die Misthaufen und ergriffen das Referendum: Sie sorgten sich um die Kühe, die im natürlichen, sommer-zeitunabhängigen Biorhythmus zu melken, ihre Arbeitszeit abends verlängern sollte.

    Das Volk der Hirten sagte ja zu diesem Referendum, und die Schweiz wurde zur Zeitinsel, bis das Fernsehpublikum zu reklamieren begann: Die beliebte Krimisendung «Derrick» auf den deutschen Sendern lief plötzlich vor der Schweizer Tagesschau – ein unhaltbarer Zustand…
    (Quelle: webjournal.ch)

    Ein Zeitzeuge berichtet in einem Forum:

    (…) für den Zugverkehr und Ähnliches war das vermutlich lästig, aber ich fand’s gut. ich war da grad 14 und durfte abends nicht weg, da war’s klasse, so früh schon ‚Tatort‘ oder so gucken zu können…
    (Quelle: forum.freeklick.com)

    Besonders kritisch war die Schweizer „Zeitinsel“ für die SBB:

    Die Schweizerischen Bundesbahnen mussten einen eigenen Interimsfahrplan einführen, damit sie den Anschluss an die internationalen Züge gewährleisten konnten. Auf dem Flughafen Basel-Mulhouse wurden «Doppel-Uhren» aufgehängt – eine zeigte die schweizerische, die andere die europäische Zeit an…
    (Quelle: webjournal.ch)

    Was tun? Das Volk hatte NEIN gesagt, aber die Schweiz war im „Schussfeld des europäischen Gelächters“. Die Lösung kam durch den Nationalrat:

    3.3.1980 Der Nationalrat erteilt dem Bundesrat die Kompetenz zur Einführung der Sommerzeit.
    (Quelle: parlament.ch)

    Wie es dann weiterging, ist äusserst schwierig historisch zu rekonstruieren. Obwohl das Zeitgesetz vom Souverän abgelehnt worden war, konnte der Bundesrat die Einführung durchsetzen, so dass im Sommer 1981 die Schweizer „Zeitinsel“ der Geschichte angehörte.

    Doch noch war nicht alles verloren, denn nun tritt ein neues Gesicht in Erscheinung:

    (…) 1982 startete ein junger Politiker von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) – ein gewisser Christoph Blocher – eine neuerliche Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit. Sein Argument waren nicht die Kühe, sondern der «missachtete Volkswille» – weil das Parlament trotz des Volks-Nein gegen die Sommerzeit dieselbe auf parlamentarischer Ebene eingeführt hatte. Eine immerhin grundsätzlich bemerkenswerte Einstellung über das Selbstbestimmungsrecht des Schweizervolkes. Doch diese neuerliche Initiative kam nicht zustande, (…)
    (Quelle: webjournal.ch)

    Das ging schief. Der gleiche Souverän, der ein Jahr zuvor noch Gegen diese europäischen Ideen war, hatte nun ein Einsehen und verweigerte die erforderliche Anzahl an Unterschriften:

    Im Sammelstadium gescheitert 02.03.1984
    Ablauf Sammelfrist 01.03.1984
    Sammelbeginn 31.08.1982
    Vorprüfung vom 17.08.1982
    (Quelle: admin.ch)

    So hatte in dieser Angelegenheit doch noch das Volk das letzte Wort, nachdem es auf „parlamentarischen Weg“ umgangen wurde. Es hätte die Sommerzeit wieder abschaffen können. Hat es aber nicht. Weil bis zu diesem Zeitpunkt jeder Schweizer bereits drei Mal die Sommerzeit am eigenen Leib erlebt hatte. Die Angst vor dem „Unbekannten“ war verloren, und die Erinnerung an nette lange Sommerabende im Hellen war stärker als die Solidarität mit den Bauern und ihren Milchkühen.

    

    14 Responses to “Als die Schweizer Uhren eine Stunde nachgingen — 25 Jahre Sommerzeit in der Schweiz”

    1. CH-Bueb Says:

      Dir ist da ein kleiner Fehler unterlaufen:
      Wenn etwas dem fakultativen Referendum untersteht, dann heisst das nicht, dass es vor’s Volk muss, denn das wäre das obligatorische Referendum. Beim fakultativen Referendum braucht es 50000 Unterschfiften stimmberechtigter Bürger, die innerhalb von 100 Tagen gesammelt werden müssen, damit über die Vorlage abgestimmt wird.

    2. Jannis Says:

      Das Geschehen um das Zeitgesetz von 1980 zeigt, dass die direkte Demokratie für solche „technische“ Fragen nicht in jedem Fall geeignet ist. Für diese Art von Entscheiden sollte die Regierung abschliessend zuständig sein. Ich habe damals diese Vorgänge als peinlich für die Schweiz und als Missbrauch der Demokratie empfunden. Wieder einmal waren wir der Dorftrottel Europas. Wir leiden oft an einem Zuviel an Demokratie, das unser Land blockiert.

    3. Daniel Says:

      Und noch ein zweiter kleiner Fehler:
      Die Aussage „…, um nicht durch eine Initiative gestoppt werden zu können.“ ist natürlich falsch. Hier müsste das Referendum stehen.
      Mit einer Initiative und damit einhergehendem Sammeln von 100’000 Unterschriften hätte der Souverän (also das Volk) eine Abstimmung über die Sommerzeit herbeiführen können. (Diesmal obligatorisches Referendum, also eine zwingende Abstimmung bei Verfassungsänderungen) Soviel zum kleinen Politiklexikon der Schweiz… 😉

      Gruss
      Daniel

    4. su Says:

      Ich möchte für die Schweizer Demokratie eine Lanze brechen. Klar, manchmal sagt der Suverän NEIN und besteht oft aus einem großen Teil NEIN-Sager. Und manchmal dauert es lange, bis endlich eine Einigung erzielt und umgesetzt werden kann.

      ABER, ich würde von Deutschland ehrlich gesagt das Gleiche behaupten. Auch da dauert es viel zu lange bis eine Einigung erzielt wird, und das nicht deshalb, weil der Bürger viel mitreden kann, nein, hier geht es sehr oft (ich will nicht sagen ausschließlich) um Macht- und Partei-Politik. Und es entstehen auch „faule Kompromisse“.

      Ich war dem schweizerischen System auch viel kritischer eingestellt, als ich noch keine Auslandschweizerin war. Aber heute sehe ich das anders. Ich habe lieber mehr Mitsprache-Recht als ein Bundestags-Abgeordnete, die sehr oft nur auf den eigenen Vorteil achten, bzw. auf den der jeweiligen Partei. Ich will die deutschen Politiker nicht schlecht machen, und weiss genau, dass die schweizer Politiker nicht viel besser sind, aber trotzdem erlaubt das System in der Schweiz viel mehr Mitsprache-Recht als in Deutschland, wo alle 4 Jahre gewählt bzw. abgewählt wird.

    5. Fiona Says:

      Vor allem profitieren Landwirtschaft, Gastgewerbe und die Freizeitbranche allgemein von der Sommerzeit. Wer gern Sport treibt, freut sich auf die Sommerzeit.

      Fiona

    6. tr Says:

      „Wir leiden oft an einem Zuviel an Demokratie, das unser Land blockiert.“

      In diesem Fall war es wohl eher so, dass der Rest Europas an einem Zuwenig an Demokratie litt und diese Unsinnigkeit eingeführt hat. Der Wechsel spart nicht nur keine Energie (man geht inzwischen davon aus, dass sogar mehr Heizenergie verbraucht wird), er verschlingt jährlich allein in der Schweiz Abermillionen für Anpassungen an informatischen Systemen, Wechseltagsfahrplanplanung, indirekte Kosten durch Leistungsabfall bei Mensch und Nutztier durch Biorythmusumstellung etc. Ich bin durchaus der Meinung, dass ein Alleingang der Schweiz sinnlos war und ist, und dass das erste Abstimmungsresultat vielleicht mehr eine Trotzreaktion war. Der Auslöser für diese teure Übung in einem zuviel an Demokratie zu sehen, ist etwas seltsam. Es sollte eben nicht die Regierung abschliessend zuständig sein, sondern das ganze betroffene Volk.

      Wenn alles gut geht, wird der Wechsel übrigens europaweit abgeschafft und auf Dauer die Sommerzeit beibehalten. Hauptsache der keine Umstellungen mehr.

    7. Dan Says:

      > Hauptsache der keine Umstellungen mehr.

      Die sind doch lustig, all die verpassten Züge, verpatzten Verabredungen, abstürzende IT-Systeme, dazu die intelektuelle Herausforderung stellt man vor oder nach, wird der Tag länger oder kürzer, warum braucht man in den Tropen keine Sommerzeit, ist meine Funkuhr wirklich eine Funkuhr, wo ist die Datumsgrenze wenn bei uns Mitternacht ist. Ich stimme mit Ja zur Sommerzeit und gründe jetzt ProTemporeAestatis.

    8. Johanna Says:

      Ich gebe es zu. Ich habe damals auch gegen die Sommerzeit gestimmt. Aus dem Bauch heraus UND weil die Argumente dafür mich nicht überzeugten, vor allem nicht das dümmste aller Argumente: dass man diesem Club der Sommerzeitler beitreten müsse, weil alle anderen schon dazugehörten. Wenn der lauten Masse nicht hinterherzulaufen bedeutet, zu den „Dorftrotteln Europas“ zu gehören – tant pis, ich bin in guter Gesellschaft.

    9. Florian Wirth Says:

      Zu dem unsäglichen Unfug der „Sommerzeit“ gibt es eine wunderbare Website, die die Absurdität des Uhrumstellens wunderbar entlarvt.
      http://www.mibule.de
      Eine deutsche Initiative zur Abschaffung der Sommerzeit: initiative sonnenzeit. Googeln!
      Und wenn Millionen diesen krankmachenden Blödsinn mitmachen:
      Ich plädiere für die Abschaffung der Sommerzeit und mit mir viele,viele Menschen in ganz Europa. Die Bauern haben recht!!!
      Liebe Grüsse
      Florian

    10. eggestei Says:

      „…ist meine Funkuhr wirklich eine Funkuhr…“ (von Dan)

      War mir eigentlich immer egal, aber seit einem England-Aufenthalt und seit ich Sonntags arbeite erlebe ich genüssliche Momente mit meiner „Funk“-Uhr…
      Zu Hause schiens mit Funk nicht zu klappen, also nahm ich sie mit nach England, manuelle Umstellung… hui ist ja doch eine Funkuhr. Seither ist sie geheilt und ich kann auch bei Sommerzeitumstellung am Morgen sicher sein am Morgen geweckt zu werden. (Leider ;))

    11. Widi Says:

      Hallo

      Also, das mit der Schweizer Demokratie hat mal jemand schön auf den Punkt gebracht:
      „Mit der Schweizer Demokratie gelingt uns der grosse Wurf sicher nicht, aber so ein richtiger Riesenblödsinn auch nicht“ 🙂

      Auch sind Regierung und Parlament eben dazu gezwungen, Tragfähige Gesetze, Bestimmungen und Regeln aufzustellen, weil etwas anderes wird abgelehnt. Und das ist auch gut so!

      Gruss
      Widi

    12. Hans Frnake Says:

      > “Mit der Schweizer Demokratie gelingt uns der grosse Wurf sicher
      > nicht, aber so ein richtiger Riesenblödsinn auch nicht”

      *G* jo, aber ich denke, dass passt auch gut auf Deutschland … selbst als Grosse Koalition schaffen Sie es nicht irgendetwas auf Linie zu setze, es bleibt das allgewalltige Durchwurschteln.

    13. sirdir Says:

      Ich wäre auch dafür immer Sommerzeit zu behalten, resp GMT+2, meinetwegen auch noch mehr, ich bin eher ‚Nachtmensch‘ und hab von einem frühen Morgen eh nichts.
      Das ist hier in Spanien noch cool, wir haben sicher ne Stunde länger hell als in der Schweiz.

    14. Blueflam Says:

      Hey danke für deinen geschichtlichen Rückblick über eine -für mich- Schattenseite der schweizer Demokratie.
      Dennoch ein kleiner chronologischer Nachtrag: Über das Zeitgesetzt wurde am 28. Mai 1978 (Quelle: admin.ch) abgestummen, weil ein Referendum zustande kam. Am 20.3.1980 wurde das Zeitgesetz trotzdem erlassen und am 1.1.1981 trat es in Kraft.

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