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Nicht ins Auge, in den Teich sondern ins Tuch gehen — Neue alte Schweizer Redewendungen

  • Wohin man alles gehen kann
  • Wenn etwas „ins Auge“ geht, dann tut das weh, und eine Sache ist misslungen, fehlgeschlagen. Wenn jemand „ins Wasser“ geht, dann will er sich umbringen, geht er „über den grossen Teich“, dann wandert er aus nach Amerika. Die Schweizer, das haben wir gelernt, gehen am liebsten in den Ausgang (vgl. Blogwiese) Manchmal geht auch etwas ganz gewaltig „in die Hose„, wenn etwas schief läuft oder misslingt. Doch was bedeutet es, wenn etwas „ins Tuch geht“?

    Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt der Leinenweber und Strickindustrie, vom 19.04.06 in einem Artikel über die „Schleichende Preiserhöhung“ des Benzinpreises:

    Den Tank auffüllen, das geht wieder ins Tuch.

    Ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, was hier gemeint sein kann, beginnen wir zu grübeln. Wann geht in Deutschland etwas „ins Tuch“? Nun, das kann zum Beispiel dem Baby passieren, wenn es satt und zufrieden seine menschlichen Bedürfnisse in die Windeln erledigt, falls Mami und Papi dafür keine Pampers Wegwerfwindeln gekauft haben sondern lieber die „Stoff-Variante“ mit dem praktischen Abhol- und Wäschedienst in Anspruch nehmen.

  • In trockene Tücher sein
  • In Deutschland werden die Dinge gern und häufig „in trockene Tücher“ gebracht, als Anspielung an den Vorgehensweise der Hebamme bei einer Geburt, wenn das Kind, frisch geboren und noch feucht und glitschig, erst einmal in ein „trockenes Tuch“ gewickelt und so gesäubert und gewärmt wird. Wenn etwas „in trockenen Tüchern“ ist, dann ist es laut Variantenwörterbuch

    endlich zufrieden stellend abgeschlossen, erledigt.

    In der Schweiz muss dafür wohl ein besonders teurer Stoff verwendet werden, denn die Redewendung „ins Tuch gehen“ bedeutet hier:

    Tuch: *ins [gute]Tuch gehen CH „teuer zu stehen kommen“: Ins gute Tuch und ans Ersparte geht es erst, wenn wir das Spital in Anspruch nehmen müssen (Biel/Bienne 28.5.1998, 6)
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 806)

    Wir fanden 47 Belege bei Google-Schweiz für „ins Tuch gehen“:
    Beispiel „Betrug am Betrieb“

    Ins Tuch gehen aber auch die Verlockungen, denen sich Kassierinnen ausgesetzt sehen. Trotz raffinierter Scanning-Systeme, die Eintippen überflüssig machen, kommt es zu Gelddiebstahl durch Kassenmanipulation in Form von Gutschriften, Stornos, Verbilligungen oder Fehlbons.
    (Quelle: onlinereports.ch)

    Beispiel „Freelancing statt Arbeitnehmerverhältnis“

    Genau da liegt denn auch das beträchtliche Risiko für den Auftraggeber bzw. Arbeitgeber: entpuppt sich nämlich das Freelancing plötzlich als Arbeitnehmerverhältnis, müssen die entsprechenden Beiträge nachgezahlt werden, was ins Tuch gehen kann.
    (Quelle: kommunikationsrecht.ch)

    Google Fundstellen aus Deutschland hingegen reden von Babies, die Windeln anhaben, oder

    Nur weil man ein wenig älter ist als 14, sollte man mal trotzdem leise sein!! Wenn man ohne 14jährige feiern will, dann soll man ins Tuch gehen oder so!! Schließlich gibt es für euch mehr Möglichkeiten mal tanzen und feiern zu gehen als für uns!! Also werd ma nicht aufmüpfig hier.
    (Quelle: max-kiel.de)

    Was die wohl meinen mit „soll man ins Tuch gehen oder so!!“ Vielleicht ist der Ausdruck „jemand an die Wäsche gehen“ damit gemeint? Aber Wäsche und Tuch, das sind doch zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen. Wie sagen die Deutschen dann, wenn etwas teuer wird? „Das geht ans Eingemachte“, oder „das wird eine Stange Geld kosten“. Die Schweizer trinken die Stange lieber, anstatt mit ihr zu bezahlen (vgl. Blogwiese)

    

    4 Responses to “Nicht ins Auge, in den Teich sondern ins Tuch gehen — Neue alte Schweizer Redewendungen”

    1. Pio Says:

      Hallo,

      mir war das bisher als ‚ins dicke Tuch gehen‘ bekannt, Beispiel hier:
      http://www.nzz.ch/2005/08/23/il/newzzECQLGZMX-12.html

      Gruss,

      Pio

    2. räulfi Says:

      Hallo Jens!
      Also diese Redewendung war mir bis jetzt auch unbekannt. Naja, kann mir eigentlich auch egal sein. Besitze nämlich kein Auto, bleibt demfall ja nur das ‚an die Wäsche gehen‘ über…*fg*
      Das Tuch(olsky) ist offenbar eine Kneipe an der Bergstrasse in Kiel
      http://neon.stern.de/kat/kaufen/reise/deutschland/1084460422/ausgehen/17725.html
      Gruss!

    3. Bastian Says:

      Nicht umsonst ist man „gut betucht“ … oder auch nicht.
      Der Ursprung beider Redensarten dürfte der Selbe sein.

    4. Philip Says:

      Na gut. Da bin ich jetzt mal wieder etwas schlauer *g*.

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