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Die Reporter mit dem „der“ davor — Schweizer Werbung — Im Ausgang

  • Werbung im Radio
  • Ich trainierte mein Schweizerdeutsches Hörverständnis durch aufmerksames „losen“ = hören (wird kurz gesprochen und klingt dann wie Englisch „listen“) von Radio-Z, „dä Herzschlag vo Züri“. Am liebsten mochte ich die Werbespots. Es wird von einer Geschäftsneueröffnung in Züri berichtet, Live-Stimmen, Eindrücke und Aufzählung der Neuheiten, dann kommt der Sprecher zum krönenden Abschluss: „Sell isch es gsii, von der Neueröffnung des XY-Geschäfts…“ tönt es mit salbungsvoller Stimme aus Lautsprecher.

    Ich stelle fest: Die Schweizer haben das Bedürfnis, eine Gesprächssituation resümierend zu beenden. Bei den Anthros heisst es am Ende des Christengemeinschaft-Gottesdienst: „Die Menschenweihehandlung, DAS war sie!“ Es hat was kultisches, dieser Abschluss. Einfach nur „Amen“ zu sagen, ist wohl nicht mehr populär.

  • Die Wichtigkeit der Vorsilbe „dr“ in der Schweiz
  • Ist ein Reporter im Schweizer Fernsehen fertig mit seinem Bericht, dann lautet sein Schlusssatz: „Für SFR, der Hans-Peter Meier“ oder „Der Peter Müller berichtete“ oder „Für Tele-Züri, der Beat Frey“. Der bestimmte Artikel wird hierbei wie „dr“ ausgesprochen. Es muss sehr viele Reporter gleichen Namens geben in der Schweiz, oder warum wird sonst stets mit dem bestimmten Artikel unterstrichen, dass es der eine und nicht ein anderer war? Merkwürdig ist auch, dass die Reporter sich selbst so verabschieden. Wäre Ulrich Wickert ein Schweizer, würde er sich wohl so verabschieden: „Für die ARD-Tagesthemen, der Ulrich Wickert“

  • „10 vor 10“ contra „heute-journal“
  • Wir geben es zu, als echte TV-Junkies zappen wir gern wild durch die 50 Kanäle des Kabelanbieters Cablecom. Um 21:45 Uhr ist im deutschen ZDF das seriöse heute-journal dran, doch wenn wir nach 5 Minuten bei der Innenpolitik ins Gähnen kommen, wird flugs rübergezappt zur Schweizer Konkurrenz von 10 vor 10. Hier interessieren uns natürlich am meisten die Interviews. Eben noch verlas Steffen Klaproth nahezu perfekt die Nachrichten auf Hochdeutsch, doch nun schaltet er um auf Züri-Dütsch, um seinen Gesprächspartner zu befragen. Zwei Minuten später ist wieder Hochdeutsch angesagt. Einfach nur bewundernswert, diese Zweisprachigkeit der Schweizer. Für unsere welschen Freunde hingegen ist es ein Grund, diese Sendung nicht anzuschauen. Sie verstehen im Interviewteil kein Wort. Sie haben Hochdeutsch in der Schule gelernt.

    Rein medienkritisch betrachtet ist die Sendung „heute-journal“ kalter Kaffee im Vergleich zu den flott gemachten journalistischen Beiträgen von „10 vor 10“, oder trübt sich langsam nach 5 Jahren in der Schweiz unsere Wahrnehmung? Wir finden Berichte aus dem „grossen Kanton“ nicht mehr so unglaublich spannend wie einst, und sitzen an Abstimmungstagen sogar vor dem Fernseher um die Ergebnisse zu verfolgen. Zum Glück gibt es dieses Mega-Event 4 Mal pro Jahr, da wird das nie langweilig.

  • Werbung extra für die Schweizer
  • Was die Deutschen Zuschauer von SAT1 nicht wissen: Die Schweizer bekommen in den Werbepausen ihre eigenen Schweizerdeutschen Fassungen der Werbung zu sehen! So bei dem Spott, in dem zwei Jungs beim Spielen in den Matsch fallen und dann der Mutter daheim (auf Hochdeutsch) erzählen, es sei plötzlich ein Ufo gekommen und habe „galaktischen Schleim“ abgeworfen. In der Schweizer Fassung wird daraus „galaktischer Schliim„. Echt schlimm das.

    Ständig wird auf Schwyzerdütsch für Handy-Chats geworben: „Alliin in Uusgang, das muos nit siin. Lern trendige und uffgstellte Lüüt chenne…!.“ Unsere Tochter kann diese Spotts schon komplett auswendig nachsprechen und spielen.

  • Was treiben die Schweizer immer im Ausgang?
  • In den Ausgang“ gehen die Schweizer übrigens ausgesprochen gern. Was sie da an der Ausgangstür dann suchen, ob sie hinter dem Ausgang noch weiter laufen oder den ganzen Abend da stehen bleiben, haben wir am Anfang nicht verstanden. Wir kennen „Ausgang haben„, den hatten die Hausmädchen und Küchenhilfen im späten 19. Jahrhundert. Sind die Schweizer immer noch ein Volk von Dienstboten, die Ausgang haben? Später wurde uns klar: Die meinen „ausgehen“ wenn sie „in den Ausgang gehen„. Da gingen uns dann die Worte aus.

    

    15 Responses to “Die Reporter mit dem „der“ davor — Schweizer Werbung — Im Ausgang”

    1. Peter Says:

      Lieber Jens,
      der Schluß der Menschenweihehandlung in der Christengemeinschaft entspricht der alten Formel „Item missa est“ (oder ähnlich, ich bin ja kein Lateiner), auch dies eine deutliche Ankündigung, daß die Heilige Handlung, hier die Messe, jetzt zu Ende ist. Das Amen beschließt übrigens das Vaterunser (und wird nach meiner Meinung oft als belanglose Floskel mißbraucht).
      Peter wünscht Dir einen schönen Sontag!

    2. Colin Says:

      Zu 10 vor 10: Dieser Switch zwischen Hochdeutsch und Schweizerdeutsch ist mir auch aufgefallen und stört mich extrem. Ich würde es bevorzugen die ganze Sendung in Hochdeutsch zu hören. Ich habe mir jedoch auch die frage gestellt wieso man die Interviews in Schweizerdeutsch macht. Nach langer Überlegung hatte ich eine Idee. Stellen Sie sich mal ein Interview mit einem Bauern aus der Schweiz vor auf Hochdeutsch. Das wäre dann mehr Comedy als News. 😀

      Zur Schweizerdeutschen Werbung: Leider werden immer mehr Deutsche Werbungen sprachlich auf Schweizerdeutsch abgeändert. Dies stört mich extrem, vor allem wenn man diese Werbung vorher in Original auf einem Deutschen Sender gehört hat. Vor allem sind diese abgeänderten Werbungen extrem gut synchronisiert was Ton und Bild angeht. Es wird geredet wenn die Lippen zu sind, und der Tonfall passt nicht zum Gesichtsausdruck etc …

      Ich kann leider auch nicht nachvollziehen wieso man diese Werbungen abändern muss, denn ich(18) bin mit Fernsehen aufgewachsen. Und es gibt etwa drei Schweizer Sender, alle restlichen sind Deutsche. Daher versteht jedes Kleinkind schon nach geringer Zeit Hochdeutsch. Ich persönlich merke gar nicht mehr wenn ich umschalte von einem Deutschen auf einen Schweizer Sender.

    3. el faco Says:

      was die schweizer werbefenster auf sat1. rtl und co. betrifft: es macht sehrwohl sinn, die werbungen zu „verschweizerdeutschen“, da meiner schätzung nach nur etwa 10% der schweizer zuschauer wirklich schnallen, wenn ein ebensolcher werbeblock läuft. wird ihm der ramsch aber in seiner landessprache vorgesetzt, merkt er auch, dass es ihn angeht. ganz abgesehen davon werden diese werbefenster logischerweise von den jeweiligen schweizer vertreibern finanziert. die verkaufen mit garantie mehr mit den schweizerdeutschen fassungen.

    4. Oliver Says:

      ich bin froh muss ich nur die Werbung auf schwizerdütsch hören, mehr wäre echt nicht zu ertragen (übrigens zapp ich rigoros weg oder stell stumm) stell dir mal vor…. sie übesetzen stefan raab auf schwizerdütsch, damit auch in der Zentralschweiz TV Zuschauer gewonnen werden, oder die Schillerstrasse… grööööhl.. das wär ja echt der Lacher 🙂

      übrigens… vor einigen tagen war doch die sendung von tvtotal, da waren zwei schweizer komödianten eingeladen.
      und was machten sie ? ha ha ha
      sie wollten über die Vertragsklausel (keine anderen TV Sendungen erwähnen – die absolute Routineklausel) sich lustig machen und das solle jetzt als cleverer Witz dargestellt werden.
      Also leierten sie superhektisch und gestresst ihren Text runter in dem sie mit Wortspielen alle möglichen Sendungen erwähnten.
      Ei wie gewagt und welch Mut in den Hirnen.
      Und wie verabschiedeten sie sich? Das hat mich nachdenklich gemacht…

      sie sagten: „liebes deutsches Publikum, wir verabschieden uns und wünschen ihnen Gute Zeiten und … und wir wünschen ihnen Schlechte Zeiten.“ (ha ha… das Wortspiel auf die TV Sendung GZSZ ist ja wirklich clever)
      Punkt. Aus. Artiger Applaus.
      Mit dem Wunsch nach schlechten Zeiten sich von einem Gastgeberland sich zu verabschieden. Autsch.

    5. Sam Says:

      Eine hübsche Analogie: Auf spanisch werden Namen nie mit Artikel verwendet, im Portugiesischen sagt man aber z.B. „o Joao“ oder “ a Maria“, also der Joao und die Maria. Wobei zwischen dem grossen Spanien und dem kleinen Portugal auch in anderen Dingen ein ähnliches Verhältnis gesehen werden könnte wie zwischen D und CH…

    6. ItaloRaver Says:

      vor allem weis man dann das diese Artikel auch in der Schweiz erhältlich sind

    7. Beat Says: Says:

      Hoi Jens,

      Radio z heisst seit längerem nicht mehr Radio Z sondern Energy-Zueri
      Du Nase !!

    8. ItaloRaver Says:

      LooooooooL stimmt, habe ich nicht mal bemerkt

    9. Phipu Says:

      ergänzend zum bestimmten Artikel vor den Namen:

      Glücklich, wer nicht von Anfang an im Grossraum Bern vom deutschen Sprungbrett ins klate Dialektwasser geworfen wird. Züritütsch ist harmlos. Auf Bärndütsch wird nicht nur der Artikel vor die Namen gesetzt, sondern (fast) jeder Vorname wird verändert. Als Neuling erkennt man nicht einmal den (oftmals geläufigen) Vornamen, der dahinter steckt. Die Umbenennung beginnt schon auf dem Schulhof. Die Ideen (besonders für Namen ausländischer Herkunft) stammen also manchmal von Kindern, weshalb eine Regel aufzustellen kaum möglich ist. Häufiges Muster ist allerdings: Jungennamen enden mit -u, Mädchennamen mit -e. Thömu (Thomas), Rege (Regina oder Regula), Tinu (Martin), Küsu (Markus), Vrene (Verena), Chrigu (Crhistian oder Christof), Chrige (Christine), Nattle (Nathalie), Schänggu (Jean-Claude), Närdu (Leonardo).

      Leute, die sich kennen, nennen sich ein Leben lang bei diesen Vornamen. Viele Künstler z.B. in der Dialektmusikszene machen sich solche Vornamen zum Künstlernamen bzw. Markenzeichen. (Tinu Heiniger, Büne Hueber)

      „Der Köbu isch mit der Miche no hurti eis ga zieh näb der Chiuche; si hei ja no viu z’viu Ziit gha.“ heisst also: „Jakob ging mit Michaela noch rasch einen heben neben der Kirche; die hatten ja noch viel zuviel Zeit“. Dieser Satz ist nicht sehr sinnvoll, beinhaltet aber Wörter, die zeigen, dass L oft durch U ersetzt wird, was die Verständlichkeit für Fremde (also auch für Zürcher) beeinträchtigt. (Referenz zu „Mein Name ist Eugen“)

    10. anna Says:

      mein lieblings-verberndeutschder name ist hans-peter alias „hämpu“ 😀 *lol*

    11. viking Says:

      Nur um Zürich wenigstens zum Teil zu rehabilitieren. In Zürich wirds statt dem -u und dem -e vielfach ein -i (allerdings of Geschlechterunabhängig):
      Chrigi (oder auch Chrigel), Thomi, Rägi, Vreni, Michi, Hampi, Köbi…

    12. baalsebub Says:

      Bei den berndeutschen Namen sind folgende nicht zu vergessen:

      Aschi = Ernst
      Housi = Hans
      Nöudu = Arnold
      Wale = Walter
      Stöffu = Stefan

      Hey Jens; Super Blog! Hab mich die letzten Tage da durchgelesen (noch nicht alles!). Sehr interessant und amüsant, wirklich.

      Übrigens, weisst du , dass es bei Biel/Bienne einen Ort gibt der Jens heisst? Allerdings nur geschrieben; ausgesprochen wird es „Jeiss“.
      Grz

    13. people goes ... Says:

      Hey Oliver
      Ja da waren zwei Schweizer bei TV Total ( die ultimative, extravagante, beste, sensationelle, überirdische Sendung mit Stefan Raab, der beste, ultimativste Lachbänger der je aus dem Entertainment hervorgekommen ist )
      Du bist mir noch ein Gastgeber, ha ha ha

    14. Diti Says:

      Na doll – und mich nennen se „Diätma“ – dabei glaube ich nicht, dass ich eine solche noetig haett….

    15. Rafi Says:

      Also etwas verstehe ich nicht ganz. Warum stört euch eine Sendung, Werbung oder Interview auf Schweizerdeutsch? Schliesslich ist das ja „unsere“ Sprache. Sicherlicht klingt dies für gewisse Leute „niedlich“ aber was solls?

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