Dialekt ist Privatsache in Deutschland

Mai 3rd, 2006
  • Die Amstsprache Deutsch wird in der Verfassung nicht erwähnt
  • Während in der Schweizer Bundesverfassung im Artikel 4 die Landessprachen festgelegt wurden:

    Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
    (Quelle: admin.ch)

    wird dies in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht einmal erwähnt:

    Deutsch ist einzige Amtssprache Deutschlands auf gesamtstaatlicher Ebene, was so selbstverständlich ist, dass die Verfassung auf die ausdrückliche Feststellung verzichtet.
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. XLII)

  • Welche Minderheiten sind in Deutschland anerkannt?
  • Darüber hinaus gibt es in Deutschland offiziell anerkannte Minderheiten mit eigenen Sprachen:
    Die Sorben (auch Wenden), ein westslawischesn Volk mit 60.000 aktiven Sprecher.
    Die Friesen im Norden mit 10.000 Sprechern
    Die Dänen an der Grenze zu Dänemark mit 50.000 Sprechern. Dort ist Dänisch in einigen Orten auch Schulsprache
    Die Sinti und Roma sprechen „Romani“ mit bis zu 50.000 Sprechern.
    Und dann wäre da noch das Plattdeutsche, offiziell als „Niederdeutsch“ bezeichnet:

    Seit 1999 ist auch Niederdeutsch — die Gruppe der niederdeutschen Dialekte, die über keine eigene Standardsprache verfügt — Als Minderheitssprache anerkannt. Damit gilt Niederdeutsch im Grunde als gesonderte, nicht zum eigentlichen Deutsch (»Hochdeutsch«) gehörende Sprache und ist auch in der Charta für Regional- und Minderheitensprachen der Europäischen Union und des Europarats als solche ausgewiesen.
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. XLIV)

  • Die Stellung der Standardsprache in Deutschland
  • In Deutschland ist die Standardsprache allgemein die normale Form öffentlicher Rede und schriftlicher Texte, zumindest der Sach- und Fachtexte.

    Das ist in der Schweiz und in Österreich sicherlich nicht anders. Wobei die Fachsprache in manchen Forschungsdisziplinen mittlerweile fast nur noch Englisch ist. Wer in der Medizin etwas publiziert und auch gelesen werden will, muss auf Englisch publizieren.

    Der Dialekt (die Mundart) bleibt mündlich weitgehend beschränkt auf die Privatsphäre und die nicht-öffentliche Kommunikation am Arbeitsplatz, ferner auf das so genannte Volkstheater auf der Bühne und im Rundfunk sowie schriftlich auf bestimmte Formen belletristischer Literatur (Dialektdichtung)
    (Variantenwörterbuch S. XLIV-XLV)

  • Wer liest schon Dialektdichtung?
  • Dialektdichtung findet in Deutschland bestimmt den gleichen reissenden Absatz wie in der Schweiz. Es ist ein Nischenprodukt, schön zum Verschenken. Der „Kleine Prinz“ wurde allerdings in Deutschland noch nicht auf Schwäbisch oder Hessisch übersetzt. Vielleicht kommt das ja demnächst. Schliesslich gibt es auch schon mehrere Bände von Asterix auf Schwäbisch.

    Das erwähnte „Volkstheater“ bezeichnet Spielstätten wie das „Ohnsorg-Theater“ in Hamburg oder das Volkstheater Millowitsch in Köln, die beide zum Grossteil nur „gemässigte“ Mundartaufführungen bringen, speziell wenn sie im Deutschen Fernsehen für ein bundesweites Publikum ausgestrahlt werden.

  • Dialekt ist Privatsache in Deutschland
  • Bemerkenswert scheint uns der erste Satz dieses Zitats aus dem Variantenwörterbuch: „Der Dialekt (die Mundart) bleibt mündlich weitgehend beschränkt auf die Privatsphäre und die nicht-öffentliche Kommunikation am Arbeitsplatz.“

    Diese Erfahrung musste der Blogger „Geissenpeter“ in Deutschland machen:

    Eine andere Freundin von mir spricht mit charmantem schwäbischem Einschlag. Ich weiß, dass sie in ihrer Familie Dialekt redet. Als ich sie aber neulich mit ihrem Bruder zusammen traf, sprachen die beiden beharrlich Hochdeutsch miteinander. Später konnte ich sie belauschen, ihr Dialekt klang lustig, aber als sie bemerkte, dass ich zuhöre, warf sie mir einen strengen Blick zu.
    (Quelle: Heidiswelt 11.11.2005)

    Wie kommt es zu dieser Situation? Warum ist Dialekt Privatsache in Deutschland und wird nicht automatisch in der Öffentlichkeit gesprochen? Das Variantenwörterbuch meint:

    Die Standardsprache ist Lehrziel und Unterrichtssprache in den Schulen. Der Dialekt dient in den Schulen nur als Hilfsmittel, um den Dialekt sprechenden Kindern den Übergang zur Standardsprache zu erleichtern.

    Und wir können davon ausgehen, das Grundschulkinder im Südschwarzwald in der ersten Klasse noch genauso Alemannisch sprechen wie die Primarschüler in der benachbarten Schweiz.

    Damit hängt es zusammen, dass die erkennbar unzureichende Beherrschung der Standardsprache bei Erwachsenen oft als Zeichen mangelnder Bildung gilt. Aus diesem Grunde meiden die »höheren«, bildungsorientierten Sozialschichten das ausgeprägte Dialektsprechen sogar in der Privatsphäre. Es gibt also Unterschiede im Gebrauch von Dialekt und Standardsprache zwischen den sozialen Schichten. Dieser Schichtenunterschied ist allerdings nicht ohne weiteres erkennbar, denn er wird überlagert von der situationsspezifischen Variation. Alle Schichten tendieren in der Öffentlichkeit eher zur Standardsprache und in der Privatsphäre eher zum Dialekt. Die Variationsbreite zwischen Dialekt und Standardsprache ist jedoch bei den Sozialschichten unterschiedlich. Ausserdem wird auf dem Land mehr Dialekt gesprochen als in der Stadt.
    (Variantenwörterbuch S. XLV)

    Vereinfacht gesagt: Auf dem Marktplatz spricht auch die Bürgermeisterfrau den örtlichen Dialekt mit der Marktfrau. Sie wechselt ganz einfach den „Soziolekt“. Genauso handelt der Lehrer, wenn er zum Fussballspiel in Gelsenkirchen „auf Schalke“ geht.

  • Wamama und hatata
  • Er schaltet um auf „Ruhrpott-Deutsch“, um bei den Fans nicht ausgegrenzt zu werden, wenn die sich nach dem Spiel erzählen: „Wamama auf Schalke, hatata jerechnet“ (=waren wir mal auf Schalke, hat das da geregnet). Mit dem Regen auf Schalke ist aber heutzutage sowieso Schluss, denn die neue „Veltins-Arena“ (Name einer Biermarke) hat ein Dach, weswegen der Rasen nach jedem Spiel zur Erholung nach aussen gefahren werden muss:

    Die VELTINS-Arena setzt Maßstäbe. Und das in vielerlei Hinsicht: Sie ist das erste Stadion in Deutschland, das komplett privatwirtschaftlich finanziert worden ist. Für das 186 Mio. Euro Projekt wurde kein Cent an öffentlichen Geldern verwendet. Herausragend ist zudem ihre Technik: Das herausfahrbare Rasenfeld, das verschließbare Dach, die verschiebbare Südtribüne und der überdimensionale Videowürfel unter dem Arena-Dach sind die technischen Highlights in der Multifunktionsarena.
    (Quelle: veltins-arena.de)

    Doch zurück zur wichtigsten Aussage aus dem Variantenwörterbuch: „Damit hängt zusammen, dass die erkennbar unzureichende Beherrschung der Standardsprache bei Erwachsenen oft als Zeichen mangelnder Bildung gilt„.

  • Die Ursache der „Arroganz“ der Deutschen
  • Und das ist genau die Ursache für den Vorwurf von Arroganz, mit dem sich die Deutschen in der Schweiz immer wieder konfrontiert sehen. Sie bringen diese Erfahrung „Dialekt ist Zeichen mangelnde Bildung“, die ihnen in den Deutschen Schulen von den Lehrern permanent eingebläut wurde, mit in die Schweiz und übertragen sie auf die neue, nicht-kompatible Situation. Ich habe selbst erlebt, wie Schüler eines Gymnasiums im Hochschwarzwald nach 11 Jahren Schullaufbahn fest davon überzeugt waren, dass ihr Dialekt als „hinterwälderisch“ gilt und im Schulunterricht absolut fehl am Platz ist. Wer 11 Jahre den Lehrer „Lehrersprech“, also Hochdeutsch hat reden hören, der fängt an, von der gesellschaftlichen Minderwertigkeit seiner Mundart überzeugt zu sein. Die Folge ist eine andersartige Diglossie, als wir sie von der Schweiz kennen. Dialekt wird daheim gesprochen, und mit den Freunden, Hochdeutsch dann in allen „öffentlichen“ Situationen.

  • Weg mit dem Jööö-Effekt
  • Wer mit dieser Erfahrung in Deutschland aufwuchs, der braucht eine Weile, bis er den Stellenwert von Dialekt in der Schweiz nachvollziehen kann, bis sich dieser „Jööö-Effekt“ abbaut. Aber irgendwann stellt sich dann bei jedem Deutschen die Erkenntnis ein, dass Dialekt in der Schweiz nicht ein Soziolekt ist und hat auch nicht unmittelbar etwas mit mangelnder Bildung zu tun.

    Kein Windows in Hollywood — Nachtrag

    Mai 2nd, 2006
  • Computer und Internet in Hollywood-Filmen
  • Wir hatten uns am 14. April unter dem Titel „Kein Windows in Hollywood? darüber aufgeregt, dass in etlichen Filmen aus der Traumfabrik die Wirklichkeit der grafischen Oberflächen aus dem Hause Microsoft ziemlich unsinnig abgebildet wird. Nun hat das Wallstreet Journal alle diese Filmclips hier aneinander gereiht. Ob die da auch manchmal Blogwiese lesen? Oder ob es ihnen einfach nur langsam reicht, wie bescheuert das World Wide Web und alles was mit Hacking etc. zusammenhängt im Kino dargestellt wird? Wir stiessen auf die hübsche Filmclip-Zusammenstellung in einem Spiegel Online Artikel von Felix Knoke.

    Die Mac-Virus Szene aus „Independence Day“ und die berühmten „grafischen Fortschrittsbalken“ beim Runter- oder Hochladen sind auch dabei. Viel Spass beim Anschauen!

    Hilfe für die Swisscom — Come to the point

    Mai 2nd, 2006
  • Swisscom Help Point
  • Der Swisscom geht es schlecht. Sie braucht dringend unsere Hilfe. Zu dieser Erkenntnis konnten aufmerksame Einwohner Bülachs in den letzten Tagen gelangen, wenn Sie auf dem Weg zu ihrer Hauptpost am Parkplatz Alte Winterthurer Strasse vorbeikamen. Dort steht nämlich ein einsamer Bus der Swisscom mit der Aufschrift: „Swisscom Help Point“.
    Hilfe für die Swisscom durch den Help Point

    Wie genau diese Hilfe aussehen soll, ist uns allerdings nicht klar. Es könnte sich um eine Blutspende-Aktion handeln, für den guten Zweck «Rettet die Swisscom». Danach jedenfalls sieht es aus, wenn man die Milchglas-Scheiben des Busses und die Grafik aussen betrachtet, die uns an ein schreiendes Gesicht erinnert. Vielleicht steht es symbolisch für den Gesichtsausdruck eines Blutspenders, wenn ihm die Nadel gesetzt wird ? Auch Blutplasma lässt sich vortrefflich in solch mobilen Einheiten spenden, und das bringt einen hübschen Ertrag. Was ist die Ursache für diese Misere der Swisscom? Vielleicht die Angst, in der Zukunft nicht mehr der Schweiz zu gehören?

    Die Eidgenossenschaft will die Swisscom weiter privatisieren. So hiess es am 24.11.05 in einer sda Meldung:

    Bund will Swisscom-Anteile verkaufen
    Bern – Der Bund plant den Verkauf seiner Swisscom-Aktien. Der Bundesrat lässt die dazu nötige Gesetzesänderung vorbereiten. Ziel ist dabei die vollständige Aufgabe der Bundesbeteiligung am Telekomkonzern.
    (Quelle: nachrichten.ch)

    Das ist bereits Ende September 2005 mit dem Schweizer Kabelnetzbetreiber Cablecom passiert:

    US-Konzern übernimmt Cablecom
    Überraschende Wende bei Cablecom: Der grösste Schweizer Kabelnetzbetreiber geht Mitte Oktober nicht an die Börse, sondern wird für 2,825 Milliarden Franken an den US-Konzern Liberty Global verkauft.
    (Quelle: Tagesanzeiger.ch)

    Soll jetzt ein ähnlicher Ausverkauf durch eine gemeinsame Hilfsaktion verhindert werden? Es ist allerhöchste Zeit, etwas zu tun für dieses letzte Stück Schweizer Identität, mit dem durch und durch schweizerischen Namen «Swisscom». Lasst uns spenden gehen, unsere «Help» wird dringend benötigt.
    «Kurse
    Die rote Aufschrift «Kurse für alle» zeigt uns übrigens deutlich, dass die Swisscom sich diesen Bus bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) ausgeliehen haben muss. Dort werden ständig Kurse gefahren, wie es uns eine Suche auf der Homepage des Unternehmens nach dem Wort «Kurse» bestätigt. Ergebnis siehe hier. Nur naive Deutsche kämen auf die Idee, beim Wort «Kurs» (von Latein «cursus» = der Verlauf, der Umlauf, zu currere (2. Part: cursum) = laufen) an Computerkurse zu denken.

  • Hilfe für den Punkt
  • Oder soll mit dieser Bus-Aktion gar nicht der Swisscom geholfen werden, sondern dem Punkt? «Help Point» könnten wir genauso als «come to help the point» interpretieren. Für Punkte haben die Schweizer etwas übrig. Ohne Cumulus-Karte verlässt niemand das Haus, denn sonst könnten die beliebten Punkte bei der Migros ja nicht gutgeschrieben werden und wären für alle Ewigkeit verloren! Also seien wir solidarisch und uneigennützig, geben wir ab von dem was wir haben und helfen dem Punkt der Swisscom! Noch bis zum 5. Mai in Bülach auf dem Parkplatz der Alten Winterthurer Strasse, Montags bis Mittwochs mit fixen Zeiten 9:30 – 17:30 Uhr, Donnerstag bis Freitag auf Anfrage. Ja, da müssen Sie erst anfragen, wenn Sie helfen möchten! Die Telefonnummer für die Anmeldung Ihrer Hilfsangebote ist aussen am Bus angeschrieben. Einfach so helfen kommen ohne Termin, das geht leider nicht.

    Nicht popeln oder poppen sondern pöpperlen — Neue alte Schweizer Verben

    Mai 1st, 2006
  • Es pöpperlet
  • Wir fanden im Fachblatt für angewandte Schweizer Onomatopoesie, dem Tages-Anzeiger vom 03.04.06 auf Seite 50 in der Kritik zum Theaterprojekt „Blaiberg und Sweetheart19“, vorgetragen von der Gruppe „Rimini Protokoll“ diesen Passus:

    Dazu pöpperlet der Technotrack „Brutalga Square“ von DJ Koze.

    Es pöpperlet

    Auch diesmal musste unser freundliches Gegenüber im der S-Bahn nicht lange nachdenken, um uns das Wort erklären zu können. „Pöpperlet“ hat ganz und gar nichts mit „poppen“ zu tun, im Sinne von „miteinander schlafen“. Oder doch?

    Es scheint da vielleicht sogar einen Zusammenhang zu geben, denn „poppen“ heisst eigentlich „sich schnell hin u. her bewegen“, und das wird beim „leisen Klopfen“ mit dem Finger auch getan.

    Der Duden meint dazu:

    poppen (sw. V.; hat) [zu landsch. poppern = sich schnell hin u. her bewegen od. zu landsch. poppeln (wohl zu Puppe) = ins Bett legen] (landsch. derb): mit jmdm. Geschlechtsverkehr haben.

    Natürlich gibt es noch die Varianten „es poppt“, die sich von der Pop-Kultur ableitet:

    poppen : (regional ugs.)
    hervorragend u. effektvoll, wirkungsvoll od. beeindruckend sein; z. B. die Sache poppt.

    Doch zurück zum freundlichen Gegenüber in der S-Bahn. Diesmal wurde mir erklärt, dass „pöpperlen“ in der Schweiz einfach nur „leise klopfen“ bedeutet. Und in diesem Sinn findet sich der Begriff gleich 427 Mal bei Google-Schweiz.

    Sogar das alte Wörterbuch der Gebrüder GRIMM kann etwas mit dem Verb anfangen:

    PÖPPERLEN, verb. wiederholt und leise poppern (1) SCHM.2 1, 400. STALDER 1, 204:er pöpperlet am lädemli. HEBEL (1843) 1, 134, s. GÖTHE 33, 175;
    er (der spatz) pöpperlet am fenster a,
    und bettelt um e stückli brot.
    vor einer stunde pöpperlet sie ans fenster, wie ich vorübergeh, und winkt mir hinauf. AUERBACH ges. schriften 16, 19.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Der alemannische Dichter Hebel und sogar Göthe (mit „ö“) werden zitiert

    Ob nun das Wort ein Beispiel für Onomatopöie, Onomatopiie oder Onomatopoesie, der „Lautmalerei“ ist, in dem hier das leise Klopfgeräusch als Naturlaut nachgeahmt wird, oder ob es wirklich vom schnellen „hin und her bewegen“ des Fingers kommt, wie der Duden vermutet, lässt sich bestimmt nicht mehr ganz genau klären. Wir finden es toll, dass selbst neumodische Technotracks von DJ Koze in der Schweiz leise „pöpperlen“, als wäre hier die Zeit seit Johann Peter Hebel stehen geblieben.

    Dem Teufel vom Karren gefallen — Neue alte Schweizer Redewendungen

    April 30th, 2006
  • Woher stammt das Wort „Karren“?
  • Ein Karren ist in Deutschland ein Fahrzeug, das von Hand oder von einem Zugtier gezogen oder geschoben werden muss. Diese Bezeichnung kommt von Lat. „carrus“ und ist in der Schweiz auch als „Garette“ (von ital. carretta) bekannt.

    Eine „Karre“ ist aber auch ein altes Auto, liebevoll auch als „Rostlaube“, „Nuckelpinne“ oder „Schrottkarre“ betitelt. In Süddeutschland und Österreich kommt noch „Schnauferl“ oder „Spuckerl“ als Kosename hinzu.

    Wir lasen in der Sonntagszeitung vom 9. April auf Seite 22

    Entweder wir stellen uns darauf ein, dass wir in regelmässigen Abständen mit schockierenden Geschichten und Bildern von «Foltercamps» konfrontiert werden – überlassen aber ansonsten diese dem Teufel vom Karren gefallenen Kinder und Jugendlichen ihrem Schicksal. Oder wir lassen unserer Entrüstung Taten folgen.

    Dem Teufel vom Karren gefallen
    (Sonntagszeitung vom 09.04.06 Seite 22)

  • Dem Teufel vom Karren gefallen
  • Wir waren, gelinde gesagt, schockiert über diesen Ausdruck. Wir haben ihn noch nie gehört, und wir verstehen auch nicht, wie er in der sonst so calvinistischen Schweiz, die von Ratio und merkantilem Denken geprägt ist, bis in die heutige Zeit überleben konnte. Es klingt nach finsterem Mittelalter, nach Hexenverbrennung und einem Karren mit Verurteilten auf dem Weg zum Richtplatz.

    Es finden sich bei Google-Schweiz 35 Belege für diese Redewendung, in Deutschland hingegen nur 10, von denen der erste ein Zitat des Schweizer Dichters Jeremias Gotthelf ist:

    Dann sei ein zweiter Fall, und der sei anders. Die Lismerlise im Bohnenloch kennten alle; wenn eine dem Teufel vom Karren gefallen, so sei es die.
    (Quelle: buecherquelle.com)

    Ein paar Belege weisen auf den katholischen Teil der Schweiz:

    Dem Teufel vom Karren gefallen
    Das Roma-Mädchen, die Behörden und die Öffentlichkeit
    Die Geschichte des kriminellen Roma-Mädchens und seiner Familie ist kein Asyl-Skandal, sondern eine Häufung von sehr verschiedenen Nöten.
    (Quelle: kath.ch)

    Die Coopzeitung zitiert Viktor Giacobbo zu seiner Kunstfigur Fredi Hinz:

    Trotzdem mögen Sie Fredi, oder?
    Absolut. Er ist wirklich eine Ausnahmefigur, einer, der dem Teufel vom Karren gefallen ist. Ein Verlierer, der in der untersten Schicht lebt und nie lacht, aber trotzdem gut gelaunt und immer zu einem tiefgründigen Gespräch bereit ist.
    (Quelle: coopzeitung.ch)

    Wie so eine merkwürdigen Redewendungen so lange überleben konnten? Aber so ist das halt mit der Sprache: Ist ein Ausdruck besonders blumig oder besonders brutal, dann prägt er sich leicht ein. Also wird weiterhin in der Schweiz der Teufel seinen Karren durchs Land ziehen, auf dem Weg zum Fegefeuer, und der ein oder andere Jugendliche hoffentlich unterwegs herunterfallen.