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Kein Windows in Hollywood? — Über die Topoi der Computer im Film

  • Firewall muss nicht übersetzt werden
  • Eigentlich wollten wir heute ins Kino gehen, in den neuen Action-Thriller mit Harrison Ford. „Firewall“ heisst der Streifen. Ein äusserst praktischer Titel, weil er nicht übersetzt werden muss für die Kinos in Deutschland. Nur der letzte freiwillige Feuerwehrmann vom Lande würde hier einen Film über „Feuerwände“ vermuten, denn in Zeiten von Internet und Email sind Würmer schon lange keine Tiere mehr, die wir fürs Angeln brauchen, und ein „Trojaner“ wird auch erst seit dem Sandalenfilm mit Brad Pitt wieder in Verbindung mit einer antiken Stadt und einem grossen Holzpferd gebracht. Bis dahin war es irgendetwas Böses, was unseren Computer lahmzulegen versteht, wenn es unsere Antiviren-Software nicht rechtzeitig findet und vernichtet.

  • Was ist eine Brandschutzmauer?
  • „Brandschutzmauer“ nennt man eine Firewall auf Deutsch, in Grossstädten soll sie helfen, beim Brand eines Hauses das Übergreifen der Flammen auf das danebenliegende Haus zu verhindern. Brandschutzmauern sind daher dick und haben keine Fenster oder Türen. Firewalls in der IT-Welt hingegen haben jede Menge Löcher, mit voller Absicht hineingeschlagen, um kontrollierte Datenströme durchzulassen.

  • Und was ist ein Fireman?
  • Wenn wir es gerade vom Feuer haben: Wussten Sie, dass der deutsche „Feuerwehrmann“ auf Englisch nur „Fireman“, ohne „Wehr“ im Wort heisst? Das lässt natürlich Wortspiele und Assoziationen zu, die auf Deutsch kaum möglich sind, und vom amerikanischen Autoren Ray Bradbury in seinem SF-Klassiker „Fahrenheit 451“ (der Temperatur, bei der Papier anfängt zu brennen) weidlich ausgenutzt werden.

  • Doch eigentlich wollten wir ja ins Kino gehen.
  • Dann sahen wir den Trailer für „Firewall“, natürlich nicht den gleichnamigen tiefen PKW– oder Bootsanhänger, sondern den

    (…) aus einigen Filmszenen zusammengesetzter Clip zum Bewerben eines Kino- oder Fernsehfilms, eines Computerspiels oder einer anderen Veröffentlichung. Der Zweck eines Trailers ist es, dem Publikum einen Vorgeschmack auf das beworbene Produkt zu geben und natürlich Werbung für dieses zu machen.
    (Quelle: Wiki)

    Und plötzlich wollten wir den Film gar nicht mehr sehen. Der Grund war ein Ausschnitt, in dem Harrison Ford als „Hacker“ zu sehen ist, wie er sich in einen Bankcomputer einhackt und Manipulationen vornimmt. Denn da waren sie wieder: Die grünen Buchstaben, die Rattergeräusche und die blinkenden Warnmitteilungen.

  • Kein Microsoft in Hollywood
  • Wir schreiben das Jahr 2006, seit mehr als 10 Jahren gibt es die grafische Benutzeroberfläche Windows, mit Taskleiste, Start-Button und hübschen Programmen wie Excel und Word auf der Oberfläche. Nicht so in Hollywood. Wir haben in den letzten 10 Jahren viele Kinofilme gesehen, die das Thema Computer am Rand oder als Hauptsujet behandelten. Bisher ist uns in (fast) keinem Film Hollywoods jemals eine Windows-Oberfläche gezeigt worden. Woran das wohl liegt? Gibt es die Produkte von Microsoft in Hollywood gar nicht? Arbeiten dort wirklich alle nur mit Apple-Computer, wie es der Film „Independence Day“ zeigt, in dem sogar die ausserirdische Bedrohung über einen von einem Apple-Computer gespeisten Virus schachmatt gesetzt wird?

    Zahlt Bill Gates der „Product-Placement-Mafia“ einfach nicht genug oder ist er dazu vielleicht überhaupt nicht bereit? Was wenige wissen: Auch für die Apple-Gemeinde liefert Microsoft fleissig Produkte (jetzt sogar Windows!), z. B. die Office Suite, die sind aber niemals in einem Film zu sehen. Wurde je ein Outlook in einem Hollywood-Film gezeigt? Es gibt zwar „You’ve got mail“, und „Email für Dich“, doch mit welchen Mailprogrammen wurde hier gedreht? Phantasieprodukte…

  • Wie funktioniert der „Computer-Topos“ im Film?
  • Eine gängige Übersetzung für „Topos“ (Plural Topoi) ist „Ort“, oder „Allgemeinplatz“. Man versteht laut Wiki darunter

    einen abstrakten Ort, aber auch eine Formkategorie.

    • In den Geistes- und Kulturwissenschaften wird der Begriff Topos sowohl für Kategorien als auch für Bilder verwendet. Beispielsweise stellt die Kategorie „Definition“ einen Topos dar. Man spricht vom „Topos der Gottesstrafe“ oder vom „Topos der Musikstadt Wien“. (…)

    • In der Literaturwissenschaft ist ein „Topos“ ein bezeichnender Einzelzug, z. B. der Topos der „bösen Stiefmutter“ oder auch der „liebliche Ort“ (lat. locus amoenus) in der Natur, an dem die Handlung vorübergehend inne hält.

    Und was hat das jetzt mit Computer in Filmen zu tun? Nun, es ist einfach ein „Topos“, dass Computer in Hollywoodfilmen immer

    a) grüne Schrift verwenden, die

    b) von links nach rechts zeichenweise lesbar schreiben, ähnlich wie Fernschreiber (für die Jüngeren unter uns: Das waren die Vorläufer der Faxgeräten).

    c) dabei möglichst rattern wie eine mechanische Schreibmaschine oder eine blechernde Maschinenstimme hören lassen,

    d) nie nie nie eine Windows oder Office Application auf dem Screen zeigen,

    e) nie nie nie eine Grafik sofort auf den Bildschirm bringen, es sei denn es handelt sich hier um ein „Warning“ Schild, oder „Access Denied“, das aber dann blinkend und im überdimensionalen Textmodus.

    Die einzige Annäherung hinsichtlich „Grafikmodus“, die Hollywood je bereit war, am Bildschirm zu zeigen, war ein „Fortschrittsbalken“ bei Kopieraktionen, wenn der Held oder die Heldin gerade versucht, enorm wichtige Daten auf eine Diskette zu kopieren, und das mindestens 20 Sekunden dauert, in denen die Feinde immer näher kommen, und der Balken furchtbar langsam über den Bildschirm wandert.

  • Jeder weiss doch, wie eine GUI aussieht
  • Das merkwürdige an diesen Computer-Topoi ist nur, dass sie im krassen Gegensatz zur Lebenserfahrung der Zuschauer stehen. Heutzutage weiss doch jeder, wie eine grafische Benutzerschnittstelle, ein „Graphical User Interface“ aussieht. Selbst die Linux-Anhänger haben ihre GUIs mit Icons und Taskleiste.

  • Krach im Weltall? Kein Problem…
  • Anders ist es beim Topos „Krach im Weltraum“: Wir wissen zwar, dass im leeren Raum kein Geräusch übertragen werden kann, es dort also absolut lautlos zugehen müsste. Dennoch lieben wir den Explosionskrach und die Triebwerkgeräusche in jedem Sciencefiction. Nur der Film „Lautlos im Weltall“ = Silent running durchbricht diesen ehernen Film-Topos, nämlich dass Filme wie „Starwars“ schön laut im THX Sound auf das Kinopublikum einwirken müssen. Für das Weltall fehlt uns die persönliche Erfahrung, da ist uns ganz egal, wenn wir ein bisschen betrogen werden. Der Hörspass ist wichtiger. Aber bei den Computern wird das Publikum wohl nie anfangen, sich gegen diesen Unsinn zu wehren.

    Doch, ich fange heute damit an und gehe nicht in diesen Film, solange dort grüne Schrift und ratternde Buchstaben zu sehen sind. Ist mir einfach zu blöd…

    P. S.:
    Wir haben uns den Film dann 2 Tage später doch noch angesehen. Die grüne Schrift baute sich zeilenweise auf dem Bildschirm auf, wie erwartet. Harrison Ford bastelte aus einem IPod und einem Fax-Lesekopf einen OCR-Scanner, der mit der Batterie des IPods lief. Schick, wirklich schick. Jede Menge DELLs waren im Bild, wahrscheinlich der offizielle Sponsor. Und wir konnten das „Windows XP Professional“ Logo auf einem Notebook erkennen! Damit ist es das zweite Mal, das wir Windows in einem Hollywood-Film entdecken konnten. Beim ersten Mal war es ein arabisches Windows 3.0 im Film „True Lies“ mit Arnold Schwarzenegger.

    

    13 Responses to “Kein Windows in Hollywood? — Über die Topoi der Computer im Film”

    1. Thomas Says:

      Also ich finde es gut dass Hollywood kein Windows benutzt. Wie ich gehoert habe (k.A. obs stimmt) liegt das daran, dass Microsoft Geld verlangt wenn man Windows zeigt….

    2. Fiona Says:

      Re: Nerds in den USA resp. in Hollywood. Was ist ein Nerd? Eher schwer zu definieren. Ein Nerd irritiert, ist nie hip, nie cool, eher unbeholfen, sieht normalerweise stinknormal (trägt chinos?) aus.
      Auch Milliardäre dürfen Nerds sein.

      „Topos“ ist griechisch (Mehrzahl Topoi) > topography.

      Just for fun – some Generation X expressions:

      „Blamestorming“ – a group discussing why a deadline was missed or a project failed, and who was responsible.

      „Chainsaw consultant“ – an outside expert hired to reduce the employee headcount (ie. to eliminate jobs), leaving the top brass (a synonym for top management) with clean hands.

      „Cube farm“ – an office filled with cubicles.

      SITCOM – Single Income, Two Children, Oppressive Mortgage.

      Fiona

    3. Phipu Says:

      Mit direkten Übersetzungen kann man sich köstlich amüsieren. In Hollywood (also auf USA-Englisch) werden Feuerwehrmänner „Feuerbekämpfer“ (Firefighters) benannt. Ich bin sicher, dass auch in den Hollywood-Studios „Fenster“-Anwendungen der Firma „Sehrkleinweich“ benützt werden, um die Filme zu retuschieren.

      Ich vermute, die Computer-Technologie in Filmen muss absichtlich nach „Held = schlauer MS-DOS-Programmierer“ aussehen. Ich will doch nicht, dass der millionenbezahlte Star eine Benutzeroberfläche anwendet, in der sich heute schon jeder Primarschüler zurechtfindet. Ausserdem bin ich froh, wenn ich im Kino in der hintersten Reihe sitze, dass die Warnmeldung (z.B. „Zugriff abgelehnt“) anders als schwarz auf grau und nicht bloss 8 x 4 cm gross auf dem Helden-Bildschirm erscheint. Und die altmodische Roboter-Stimme hilft mir als kurzsichtigem, vielleicht analphabetischem Kinobesucher zu verstehen, was auf dem Bildschirm stünde. Ein nerviger Buchstaben-Tastenklick, der bei jedem erscheinenden Schriftzeichen piepst, gehört höchstwarscheinlich zur Qualitätskontrolle der Hochfrequenz-Lautsprecher der Quadrofonie-Dolby-Surround-oder so-Anlage des Kinos. Für diese Umgebung zahle ich schliesslich CHF 15.- Kinoeintritt. Für einfache, weniger nervige Bedienerführung benütze ich den PC an der Arbeit – da werde ich sogar bezahlt (halt weniger als ein Hollywood-Star), um ein „tubelisicheres“ Programm bedienen zu dürfen.

      Jens, Ich nehme an, schon In den 1960er-Jahren ging die „Auch Kinofilme darf man hinterfragen“-Kundschaft mit ähnlichen Gedanken in die damaligen Vorstellungen: „Wieso habe ich ein fein säuberlich beschriftetes Kontrollpult in meinem Atomkraftwerks-Arbeitsplatz – und der Film-Bösewicht muss nur einen Tresorraum überwachen und hat dafür zwei Wände voller wahllos blinkender Lämpchen?“ oder „Wieso haben die Filmhelden immer noch so gefährliche Autos, die bei jedem kleineren Aufprall wie ein Gaslager explodieren und haben den Benzintank nicht so clever angeordnet wie mein eigenes Fahrzeug?“ Schau doch mal auf den Blogs von damals nach…äh, vielleicht findest du in der Bibliothek etwas.

      +++++++++++++++++++++++++++

    4. I like my husband Says:

      Also, ich möchte hier mal ganz klar feststellen, dass ich diesen Film nicht gesehen habe, du warst also ganz alleine im Kino, denn es gibt Filme da gehst du schön alleine rein.
      your wife

    5. Rainer Says:

      Auch mir ist aufgefallen, dass man in amerikanischen Filme immer nur Applecomputer sieht. Wer kann dafür eine Erklärung geben?

    6. tyrannosaurus Says:

      Und die Büros der CTU in der Serie „24“ sind gerammelt voll mit Apple – Produkten, was mich als Mac – user jeweils ein klein wenig mit Stolz erfüllt…

    7. tyrannosaurus Says:

      @Rainer: Ich glaube nicht, dass in erster Linie Sponsoring dahintersteckt, vielmehr hat „Apple“ einfach das „coolere“ Image, das aesthetischere Design etc. , so sehen die ganzen Gerätschaften auf dem Bildschirm auch einfach besser aus als das 08 15 – Zeugs der Konkurrenz.

    8. Andre Says:

      Hi @ all

      Apple ist genauso lange dabei, wie IBM meine ich.
      Aber IBM – product-placement habe ich auch schon gesehen.
      Die Meinung, daß es keinerlei Werbung für MS Produkte in Hollywood-Streifen gäbe, kann ich nicht teilen…
      (Syncronisation kann auch Werbung sein!)
      Wieviele eingetr. Markenzeichen hat MS ?
      Das davon keine bei irgendwelchen Hollywoodstreifen aufgezählt werden,
      ist unrealistisch. Ist nicht email eine tm ????

      Mr. Gates hat doch auch Corbis, die riesen Bilderbibliothek und medien bibliothek.
      kann mir vorstellen, daß es bei vielen Hollywoodfilmen Rechtegelder regnet, wenn bestimmte Fotos etc. gezeigt werden…

      Die ganze 3d- Special Effect Software läuft auf MS.
      MAYA oder MAX oder Softimage….

      Außerdem helfen diese Firmen sich durch ihre Allianzen, bzw teilen sich ihre geschäftsfelder auf.

      auf ca. 93% aller PC läuft MS.

    9. Andre Says:

      Gegendarstellung : email ist zum Glück keine TM

      Microsoft cooperation alleine hat schon 256 trademarks.
      Apple will ich nichtmehr zählen und die einfache suche nach schon vorhandenen Trademarks bieten manche Sites als Dienstleistung an.
      gegen Kohle – logens

      🙁

    10. Marischi Says:

      Die meisten Filmer arbeiten auf Mac.

      PC hat den Büro-Groove, Mac den Kreativi-Appeal.
      Und da die Mac-Produkte wirklich schöner aussehen, nehmen auch die meisten Stylisten für Filmdekos lieber ein Ibook oder ein Power-Book. Jedenfalls was mit einem Apfel drauf.

      Marischi, die ihren hässlichen PC mit grosser Freude losgeworden ist und nun ein cooles Ibook besitzt, dass ihre Wohnung deutlich aufwertet.

    11. Andre Says:

      Soll doch jeder meinen was er will ;-P

      Apple workstations G5 sind langsam und zu teuer.
      Letztens erst auf Intels umgestiegen.
      Informatiker und alle freaks scheren sich nicht ums Aussehen.
      Finanziell ist bei Apple nur der IPOD ein clou.

      Ich laß mich mich nicht verapplen 🙂

    12. doppelsack Says:

      mal davon abgesehen das sich ein microsoft betribssystem weniger für einen echten hack eignet.. klar gibt es gewisse tools die es sogenannten „script kiddys“ ermöglichen einen wlan-schlüssel zu knacken oder gar auf nicht sauber geschützte systeme einzusteigen.

      sehr warscheinlich würde es microsoft auch nicht sehr gefallen wen man zeigt das sowas mit dem ach so tollen windows möglich ist.

      90% aller brauchbaren hacks basieren auf einer shel-eingabe meist schwarzer screen mit weisser schrift under unix systemen.

      da linux distributionen weniger für die breite menge sondern eher für den sogenannten „nerd“ ausgelegt sind würde auch kaum einer den unterschied zwischen einer ratterden kiste oder einem sauberen linuxsystem erkennen.

    13. Phipu Says:

      Eben habe ich in einem Elektronik-Werbeprospekt auf französisch den Ausdruck „pare-feu“ für „Firewall“ entdeckt. Wenn wir uns auf deutsch über die unzulängliche Übersetzung „Brandschutzmauer“ lustig machen können, gibt es in Molières Sprache ernsthaft ein dafür kreiertes Wort. Es ist mir zwar nicht neu, dass sich auf französisch die Anglizismen nicht einmal in der Informatik durchsetzen können, dennoch finde ich immer wieder unerwartete Vokabular-Erweiterungen.

      http://fr.wikipedia.org/wiki/Pare-feu

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