Nicht pöbeln sondern pröbeln — Wenn der Verurteilte seine Probezeit erlebt

Mai 21st, 2006

Der „Pöbel“ ist, wie der Lateiner weiss, das Überbleibsel von lat „populus“:

Pöbel, der; -s [(unter Einfluss von frz. peuple) mhd. bovel, povel = Volk, Leute von afrz. pueble, poblo von lat. populus = Volk(smenge)] (abwertend): ungebildete, unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen [der gesellschaftlichen Unterschicht]
(Quelle: duden.de)

An diesen „Pöbel“ mussten wir unweigerlich denken, als wir zum ersten Mal in der Schweiz das hübsche Wörtchen „pröbeln“ lasen. Ist es etwas, das der Pöbel tut? Vielleicht eine Variante zu „herumpöbeln“:

pöbeln sw. V.; hat (ugs.): jemanden. durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren:
(Quelle: duden.de)

Weit gefehlt! Es handelt sich vielmehr um eine geniale Wortschöpfung der Schweizer, mit der die langatmige Formulierung: „etwas ausprobieren“ kurz und präzise zum Ausdruck gebracht werden kann. Passend zum „Pröbchen“, der kleinen Probe, gibt es immer was zum „pröbeln“ in der Schweiz. Handelt es sich hierbei um Wein oder Käse, sprechen die Schweizer allerdings lieber von der „Dégustation“, die „erst noch“ gratuite sein muss, also umsonst. Später wird es dann teuer, wenn man nach dem fünften Probierglas Rotwein alle Hemmungen fallen lässt und unbeschwert den Bestellschein des Weinhändlers auszufüllen beginnt.

pröbeln (sw. V.; hat) (schweiz.): allerlei [erfolglose] Versuche anstellen: unser Nachbar pröbelt jetzt mit Elektromotoren; Während der Bub mit seinem Schwert herumpröbelt, pröbelt er ein wenig mit den Spiegeln (Geiser, Fieber 113).
(Quelle: Duden.de)

Bezogen auf das Wortfeld „Probe“ erfahren wir aus dem Variantenwörter noch ein paar weitere markante Unterschiede:

  • Eine Sechs für eine Probe ist in der Schweiz etwas sehr Gutes
  • Die „Probe“ wird in der Schweiz nicht nur für eine Chorprobe oder Theaterprobe verwendet, sondern kommt auch als Klausur, Klassenarbeit oder Schularbeit daher:

    Zum ungetrübten Ärger fast aller Lehrer waren sie gezwungen, uns nach jeder Probe eine Fünf oder Sechs zu notieren
    (Quelle: Schädelin: Mein Name ist Eugen, Seite 60)

    Die zitierte Quelle ist ein äusserst bekanntes Jungendbuch, das in der Schweiz Kultstatus hat, im Sommer 2004 genial verfilmt wurde und als einer der erfolgreichsten Schweizerdeutschen Filme überhaupt in die Geschichte einging. Link zum Film hier.

    Deutsche Leser müssen an dieser Stelle noch wissen, dass die Schweizer Schulnoten von 6 bis 1 absteigend vergeben werden. Die Sechs und die Fünf sind in der Schweiz die besten Noten, während sie in Deutschland als schlechteste Noten gelten.

  • Probelektionen sind nicht umsonst in der Schweiz
  • Die „Lehrproben“, die in Deutschland die Referendare während ihrer Ausbildung haufenweise abgeben müssen, heissen in der Schweiz passend „Probelektionen“. In Deutschland würde das allerhöchstens als erste kostenlose Unterrichtsstunde in einer Fahrschule oder in einem Tanzkurs aufgefasst.

  • „Der ist in der Probezeit“ muss nichts Gutes heissen in der Schweiz
  • Die „Probezeit“ wird in Deutschland nur für die ersten 3 Monate eines Arbeitsverhältnisses geltend gemacht, während sie in der Schweiz als „Bewährungsfrist“ bei einer bedingten Verurteilung gilt:

    Das Gericht entschied sich für eine Strafe von drei Monaten Gefängnis auf eine Probezeit von drei Jahren.
    Quelle: NLZ 24.08.01, Internet; CH, nach Variantenwörterbuch S. 592

  • „Der tut nix“ kann vieles heissen
  • So können die einfachsten Formulierungen schon zu grossen Missverständnissen zwischen Deutschen und Schweizern führen. Aber mitunter sind die Verwirrungen und Zweideutigkeiten auch direkt in der Deutschen Sprache verankert. So lernt der türkische Held des Romans „Selim oder die Gabe der Rede“, von Sten Nadolny, im Laufe der Geschichte während seines Aufenthalts als Gastarbeiter in Deutschland zwar immer besser Deutsch, ist aber völlig verwirrt bei dem Satz: „Der tut nix“. Wird dieser über einen Hund geäussert, bedeutet er etwas sehr Gutes. Auf einen Lehrling in einer Lehrwerkstatt bezogen jedoch etwas sehr Negatives.

    Leider keine Goldene Maus im „LEBEN“ für die Blogwiese

    Mai 20th, 2006

    Mein Statement kurz nach der Preisverleihung würde vom nominierten „Rebell.tv“ Blogger aufgezeichnet und ist hier als Film zu sehen.
    Weitere Bilder und Interviews von der Verleihung der Goldenen Maus auf Rebell.tv hier. Einfach auf die Standbilder klicken, dann starten die wmv-Filmübertragung.

  • Leider keine Goldene Maus im „LEBEN“ für die Blogwiese
  • Am 18.05.06 fand auf der Orbit IEX die Preisverleihung für die Goldene Maus 2006 statt. Fast alle nominierten Blogger waren erschienen, nur die Macher von Bands Magazine konnten wegen einer Panne auf der Autobahn ihren Preis in der Kategorie „Kultur“ erst am Ende in Empfang nehmen.

  • Kommen Sie bitte nach vorne… und keiner kommt
  • Die Veranstaltung wurde teils auf Hochdeutsch, teils auf Französisch moderiert, obwohl die Mehrheit der der nominierten Blogger aus der Westschweiz stammten, und auch die Jury bis auf den Deutschen Peter Hogenkamp von ZEIX gut Französisch sprach (der schlug sich dafür sehr gut auf Englisch in allen Diskussionen durch). Witzig fanden wir, dass die entscheidenden Schlussworte: „Wir bitten alle Sieger nun nach vorne zu kommen zum Fotoshooting“ nur auf Deutsch geäussert wurden, und 4 von 5 Siegern auf ihren Plätzen sitzen blieben, weil sie kein Wort verstanden hatten.

    In der Kategorie „Leben“ gewann dann der „Bondy Blog“, zu dem es in der Pressemitteilung heisst:

    Le Bondy Blog” wurde in der Kategorie „Leben” als Sieger gekürt. Während der Unruhen in Frankreich im letzten Jahr hatten auf diesem Blog Journalisten des „L’Hebdo“ vom Leben in der französischen Kleinstadt berichtet. Der international bekannte Blog wurde nun an ein Team von jungen Bloggern aus Bondy übergeben.
    (Quelle: educa.ch)

  • Grosse Beachtung des Bondy Blogs
  • Der Blog hatte während der Unruhen in den Banlieues von Paris international ein grosses Presseecho. Auch Spiegel-Online und viele europäische Zeitungen berichteten darüber, wie die Westschweizer Zeitung „L’hebdo“ auf die Idee kam, ein paar ihrer professionellen Journalisten in die „heisse Zone“ von Paris zu schicken um von dort in Form eines Blogs zu berichten. Klasse Idee eines kommerziellen Schweizer Printmediums, hervorragend realisiert. Doch dann waren die Unruhen vorbei, und es gab nichts mehr zu berichten, Alltag kehrte ein. Was also tun mit diesem Blog? Die Geschichte war nicht mehr „heiss“ genug, es lohnte sich nicht, auf Dauer dort weiterhin Profis arbeiten zu lassen.

    Also kam man auf die Idee, ein paar der vor Ort lebenden Jugendlichen in die Schweiz zu schicken, ihnen eine Kurzausbildung zum Journalismus zu spendieren, und dann den Blog in ihre Hände zu legen. Hätte man auch so verfahren, wenn nach wie vor interessante und neue Dinge in Paris passiert wären, über die man hätte berichten können?

  • Der bittere Beigeschmack
  • Wir kommen nicht umhin, bei dieser Wahl der Jury einen bitteren Beigeschmack zu spüren. Die Idee zu diesem Blog stammte nicht von den Bloggern, die jetzt geehrt wurden mit dem Preis. Die sind erst seit März 2006 dabei, also noch keine 3 Monate. Das Konzept des Blogs ist das Kind eines kommerziell arbeitenden Printmediums, nicht zurück gehend auf Eigeninitiative wie bei allen anderen Nominierten der Goldenen Maus.

    „L’Hebdo“ hätte sicher nicht diesen bemerkenswert heroischen Schritt „Wir übergeben jetzt den Blog an junge Journalisten vor Ort“ gewählt, wenn das Thema in Paris immer noch spannend und gut für eine Story gewesen wäre.
    Die offizielle Jury Begründung klang dann so:

    „Bondy Blog“ wurde preisgekrönt als typisches Beispiel für einen möglichen Wandel vom traditionellen Journalismus von Journalisten zum sogenannten „partizipativen Journalismus“ von Laien. Der Blog selbst hat diesen Wandel vollzogen, indem er von den Journalisten, die ihn produzierten, nun an Bürger von Bondy übergeben wurde. Bondy Blog hat ein internationales Echo gefunden, das wohl nur ganz wenigen anderen Blogs zuteil geworden ist und hat damit auch die Idee des Blogs einer weiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
    (Quelle: educa.ch)

    Was heisst das im Klartext? Als die Geschichte nichts mehr hergab hat man die Jungs vor Ort rangelassen. Und dafür jetzt einen Preis? Ist das eine lobenswerte Idee? Hätte man sie auch „partizipieren“ lassen, wenn noch weiter Geld mit der Materie zu verdienen gewesen wäre?

  • Wir freuen uns für die Blogger in Paris
  • Um das ganz deutlich festzuhalten: Wir freuen uns sehr für die Blogger in Paris, welche mit dem Preis nicht nur eine moralische Unterstützung für ihre Arbeit bekommen, sondern einen Ansporn, das Ding dort mit hoher Professionalität weiterzuführen. Ihre Ideen war der Blog jedoch nicht, und sie haben ihn weder aufgebaut noch berühmt gemacht. Darum unser etwas bittere „Beigeschmack“ bei dieser Jury-Wahl.

  • Bitte keine Profis mit Amateuren vergleichen
  • Wir hätten uns gewünscht, das der Aspekt „eine eigene Idee konsequent und originell entwickeln und über eine längere Zeit kontinuierlich pflegen“ stärker beachtet worden wäre, und dass grundsätzlich keine Profi-Journalisten oder kommerziell geführte Zeitungsblogs mit in die Wertung kommen, weil sie einfach nicht in der gleichen Liga mitspielen wie die normalen Privat-Blogs, was die eingesetzten Mittel und Ressourcen angeht.

    Aus Paris kam übrigens niemand zur Preisverleihung, die Goldene Maus wurde einem lokalen Vertreter von „L’Hebdo“ überreicht. Ob das daran lag, dass die Reisespesen nicht ersetzt wurden? Andere Nominierte reisten sogar aus London oder New York auf eigene Kosten an.

    Daher der Frust unter den Nominierten der Kategorie „Leben“, die sich nach der Preisverleihung einen wunderbaren langen Abend über ihre Blogger Erfahrungen austauschen konnten und glücklich waren, die netten Menschen hinter den Geschichten und Rezepten einmal persönlich kennenzulernen.

  • Die Jury bestand nur aus Männern
  • Zum Schluss wollen wir noch festhalten, dass wir das Prinzip: „Eine Fachjury wählt aus und entscheidend“ grundsätzlich gutheissen. Alle Anwesenden freuten sich sehr über den Sieger „Une voix pour la Boillat“ und über „Le semeur“.
    Der Umstand, dass keine Frau unter den Gewinnern war und auch keine Italienisch geschriebenen Blogs aus dem Tessin nominiert waren, ist zu bedauern, sollte aber nicht überbewertet werden. Ein paar Frauen in der Jury beim nächsten Mal wäre aber kein Fehler.

    Stellvertretend für die Tessiner hielt der Tessiner Technologie-Journalist Bruno Giussani (EnglischerBlog: Lunch over IP ) seine Dankesrede auf Italienisch. Auch er übrigens ein Profi-Journalist und Buchautor.

    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen

    Mai 20th, 2006
  • Ab dem dritten Kind wird es mehr in Deutschland
  • Falls Sie Kinder haben, in der Schweiz arbeiten, und hier auch wohnen, haben Sie Anspruch auf Kindergeld. Als wir Deutschland verliessen, gab es dort stolze 270 DM, mittlerweile sind es 154 Euro (240 Fr) fürs erste bis dritte Kind, und 179 Euro (279 Fr) ab dem vierten.

    Grundsätzlich ist Kindergeld in Deutschland ein feine Sache. Es kann erhalten:

    (…), wer in Deutschland seinen Wohnsitz oder seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, oder im Ausland wohnt, aber in Deutschland unbeschränkt einkommensteuerpflichtig ist. Als Kinder werden im ersten Grad mit dem Antragsteller verwandte Kinder berücksichtigt(eheliche, für ehelich erklärte, nichteheliche und adoptierte Kinder), Kinder des Ehegatten (Stiefkinder) und Enkelkinder, die der Antragsteller in seinen Haushalt aufgenommen hat sowie Pflegekinder, mit denen der Antragsteller durch ein familienähnliches, auf längere Dauer berechnetes Band verbunden ist. Kindergeldberechtigter und damit Anspruchsinhaber sind die Eltern, nicht die Kinder. (…). Der Kindergeldanspruch kann jedoch von den Eltern an die Kinder abgetreten werden, so dass diese das Kindergeld selbst geltend machen können.
    (Quelle: Wiki)

    Kinder können also ihr eigenes Kindergeld bekommen in Deutschland. Manche Kinder sind ziemlich alt in Deutschland. Bis 27 Jahren und noch älter:

    Kindergeld wird mindestens bis zum 18. Lebensjahr gezahlt, darüber hinaus bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, wenn das Kind sich in der Schul-, Berufsausbildung oder dem Studium befindet. Wenn das Kind verheiratet ist, besteht Anspruch auf Kindergeld nur noch, sofern der Ehepartner für den Unterhalt des Kindes nicht aufkommen kann.
    (Quelle: Wiki)

    Wir erinnern in diesem Zusammenhang gern daran, dass in Deutschland der Grossteil der Jugendlichen nicht schon mit 14 oder 15 genau weiss, dass er jetzt das KV oder sonst eine Ausbildung machen will, sondern so lange wie möglich zur Schule geht, danach gern auch an die Uni wechselt, um dann im Schnitt bis 27, 28 oder 30 Jahren zu studieren. Die Bundeswehr oder der Zivildienst wird in Deutschland vor dem Studium absolviert, was Ansprüche auf Kindergeld noch mal um ein paar Jahre nach hinten verlängern kann:

    In Einzelfällen wird selbst über das 27. Lebensjahr hinaus noch Kindergeld gezahlt. Dies ist dann der Fall; wenn Kinder in Schul-, Berufsausbildung oder im Studium den gesetzlichen Grundwehrdienst oder Zivildienst geleistet haben, sich freiwillig für nicht mehr als drei Jahre zum Wehrdienst verpflichtet haben oder eine vom Grundwehr- bzw. Zivildienst befreiende Tätigkeit als Entwicklungshelfer ausgeübt haben. Die Zahlung verlängert sich um die Dauer der Dienstzeit.

    Das Schweizer Kindergeld wird ihnen vom Deutschen Kindergeld abgezogen, sie können das also auf keinen Fall in beiden Ländern zugleich beziehen.

  • Wie kommen Sie in der Schweiz an Kindergeld?
  • Sie kriegen gar keins, denn hier gibt es kein Kinder-„Geld“, sondern eine „-Zulage„. Da müssen Sie erst mal nach suchen, am besten mit einem „Ge-such“, damit das nicht so einfach ist wie in Deutschland einfach „Kindergeld zu beantragen“, erhalten Sie als „Gesuchsteller“ ein dreisprachiges Formular in der Schweiz mit dem Titel:
    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen
    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen
    Eine Hochzeit könnten Sie ja auch ausrichten, für ihre Tochter. Oder die Satellitenschüssel auf dem Dach, die müsste dringend mal wieder korrekt ausgerichtet werden. Vielleicht lassen sie es ihrem TV-Fachmann ausrichten, dass er kommt und diese Ausrichtung für sie vornimmt. In der Schweiz „gesuchen“ Sie erst mal um Ausrichtung. Nicht von Kindergeld, sondern von „Kinderzulagen“. Legen Sie sich also Kinder zu, dann richtet man ihnen Kinderzulagen aus. In allen Lebens- und sonstigen Lagen, versteht sich.

  • Warum heisst das Ding „Gesuch“?
  • Warum dieses Teil „Gesuch“ heisst? Vielleicht weil es auf Französisch eine „Demande d’allocations pour enfants“ ist. Und „demander“ heisst fragen, um etwas bitten, um etwas höflich „ersuchen“. Denken sie an den dreifach höfischen Knicks, wenn sie dieses Gesuch bei ihrem Souverän, der „Ausgleichskasse“ vorbringen möchten. Die sorgt dann für ausgleichende Gerechtigkeit und legt zu bei der Zulage.

    Ach, und ehe wir es vergessen: Ohne Vorlage ihres „Familienbüchleins“ läuft sowieso rein gar nichts in der Schweiz. Wenn das bei Ihnen in Deutschland noch ein „Familienbuch“ war, dann sorgen Sie am besten rasch dafür, dass es nun zu einem „Büchlein“ mutiert um Anerkennung in der Schweiz zu finden.

    Haben Sie auch einen Knopf in der Leitung?

    Mai 19th, 2006
  • Der Knopf in der Leitung
  • Wir lasen im Tagesanzeiger vom 05.05.06 auf Seite 28:

    Der Knopf in der Doha-Leitung

    Der Knopf in der Leitung
    und verstanden natürlich erst mal nur noch Bahnhof. Verstehen Sie das?

  • Wenn Deutsche nichts verstehen
  • Wenn Deutsche etwas nicht verstehen, dann können Sie das auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel, in dem Sie „gerade auf der Leitung stehen„. In der Schweiz klappt das nicht, denn die Schweizer telefonieren nicht über Leitungen, sondern über Linien, genauer gesagt „Telefon-Linien“, wenn man den digitalen Ansagen des Telekommunikationsanbieters Swisscom Glauben schenken darf „Alle unsere Linien sind belegt“ (vgl. Blogwiese).

    Die Schweizer weigern sich, im Falle eines Verständnisproblems nach draussen zu gehen. „Ich komme nicht draus“ (vgl. Blogwiese). Wahlweise kann man in Deutschland auch noch auf dem „Schlauch“ stehen, wenn man nichts versteht. Ob das nun die Sauerstoffleitung auf der Intensivstation ist, auf der man da steht, oder der Bierschlauch, welcher vom grossen Tank der Kleinbrauerei hinüber in den Biergarten führt, ist nicht bekannt. Wenn alle Stricke reissen, dann verstehen die Deutschen nur noch Bahnhof, oder es kommt ihnen alles Spanisch vor.

  • Warum ist ein Knopf in der Leitung?
  • Als Deutsche wundern wir uns, wenn plötzlich von Knöpfen geredet wird, obwohl es gar nicht um Kleider und Hemden geht. Der Knopf ist in der Schweiz dass, was wir Standarddeutschen als „Knoten“ bezeichnen. Knöpfe braucht man beim Klettern mit Seil, beim Segeln und beim Schuhe zubinden sollten man sie tunlichst vermeiden.
    Das Variantenwörterbuch verrät uns:

    Knopf der; -(e)s, Knöpfe: 1. A CH D-süd Verknüpfung von Fäden, Schnüren o. Ä:
    Du machst oben an der Scheibe einen Knopf in den Faden, unten befestigst du eine bunte Holzperle (Bastellecke, 2002, Internet; A); Die Turnschuhe dürfen lediglich mit einem normalen Knopf verschnürt werden (Schweizerischer Turnerverband, 2002, Internet; CH)

    Sogar die Krawatte erhält in der Schweiz einen „Krawattenknopf“, ganz ohne Knopfloch.

    Wenn in der Schweiz „jemandem der Knopf aufgeht“, dann verliert er nicht gleich seine Hose, sondern er ist

    „plötzlich zu sehr guter Leistung fähig, macht einen sprunghaften Fortschritt“
    (Quelle: Variantenwörterbuch, S. 420)

    Gerade im Sport scheint in der Schweiz der Knopf recht häufig aufzugehen:

    Der als Vorlage gedachte Schuss fand den direkten Weg ins Tor von Piamont. In der Folge ging der Knopf auf und Kerzers fing an zu spielen – und zu treffen.
    (Quelle: freiburger-nachrichten.ch)

    Wir fanden noch einen Beleg beim FC Henau:

    Wir mussten bis ca. in die 15. Minute, bis uns endlich das erste Tor gelang. Erst jetzt ging der Knopf auf, bis zur Pause gelangen uns noch zwei weitere Treffer.
    (Quelle: fchenau.ch)

    Zum Schluss noch ein Tipp: Wenn der Knopf mal nicht aufgeht, dann hilft es manchmal, ihn einfach abzuschneiden. So wie im „Krieg der Knöpfe“.

    Wo lagern Sie Ihr Heu? Neue alte Schweizer Redewendungen

    Mai 18th, 2006
  • Die Bühne ist nicht im Theater
  • Wir lasen im Migros-Magazin, dem Fachblatt für den Schweizer Landwirt und das Schauspielwesen, über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident George W. Bush:

    In Sachen Umwelt haben die beiden das Heu nicht auf der gleichen Bühne

    Heu nicht auf der gleichen Bühne
    (Quelle Migros-Magazin 19, 8.05.06, Seite 4)
    Wir wussten nicht, dass Merkel und George W. Bush im Nebenberuf Schauspieler sind und aus Platzgründen ihr Heu auf der Bühne, sogar auf unterschiedlichen Bühnen, lagern. War nicht Ronald Reagan der Schauspieler unter den Präsidenten? Doch ist das natürlich alles Kokolores. Wer lange im Süden lebt, kennt die Variante „Bühne“ für „Dachboden“ oder „Speicher“ natürlich bereits. Es soll aber immer noch aus dem Norden Deutschlands zugewanderte Feuerwehrhauptmänner geben, die beim Anruf „Es brennt bei uns auf der Bühne“ in einer Schwäbischen Stadt mit dem Löschzug zum Städtischen Theater gefahren sind. So weit, so gut. Aber wie ist das jetzt mit dem „Heu auf der gleichen Bühne“?

    Wir wurden fündig im Variantenwörterbuch:

    Heu: *das/sein Heu [nicht] auf der gleichen Bühne haben
    CH eine gleiche/unterschiedliche Art des Denkens und Fühlens haben; [nicht ]die gleiche Wellenlänge haben: „Ein Berner Vertreter der Schweizerischen Volkspartei hat das Heu nicht auf der gleichen Bühne wie ein Waadtländer (Wiedmer, Hautnah-Helvetia 53)
    (Quelle Variantenwörterbuch S. 348)

    Und nicht nur dort! Sogar die Neue Zürcher Zeitung, die sich sonst mit Helvetismen immer schön zurück hält, kann hier mitreden:

    Der Vergleich mit dem Parlamentarier-Rating zeigt, mit welchen Nationalräten man das Heu auf der gleichen Bühne hat – oder eben nicht.
    (Quelle: nzz.ch)

    Oder die Zeitung RZ Oberwallis:

    Wie man die letzten paar Jahre mitbekommen hat, haben Sie selten das Heu auf der gleichen Bühne wie Ihre Kollegen im Gemeinderat. Sind Sie ein Querkopf?
    (Quelle: rz-online.ch)

    Ohne Probleme könnten wir 42 weitere Belege für die Verwendung dieser Redensart bei Google anführen.

  • Heu nicht nur im Gruss
  • In der Schweiz, deren Einwohner sich schon in ihrer Grussformel als Fachleute für getrocknetes Grass im Allgemeinen zu erkennen geben, gibt es noch weitere Redewendungen mit Heu. So sagt man z. B.:

    *sein Heu im Trockenen haben
    CH eine Aufgabe erfolgreich beendet haben
    , seinen Anteil gesichert haben.: Der stillstehende Landamman spricht, als ob er mitten im Wahlkampf stecken Würde. Dabei hat er sein Heu längst im Trockenen (Blick 28.9.1999, 6)
    (Variantenwörterbuch, S. 348)

    Nördlich des Rheins muss es mehr Schafe als Heu gegeben haben, zu der Zeit, als diese Redewendung entstand, denn dort hat man eher seine „Schäfchen im Trocknen“.

    Oder:

    *Jetzt ist genug Heu [dr]unten!
    CH Jetzt ist aber genug!:

    Hierfür ein Beispiel aus Schaffhausen:

    Ferner steigen die Kosten für die Schätzer kräftig an, obwohl nur noch ein Schätzer anstelle von zweien unterwegs ist. Dazu kann man nur noch sagen: „Jetzt ist genug Heu drunten.
    (Quelle: grossratsprotokolle.sh.ch)

    Klar, wenn an den steilen Hängen der Schweiz das Heuen so arbeitsaufwendig ist, muss das Produkt anschliessend sparsam verwendet und darf nicht übertrieben grosszügig verfüttert werden.

    Wieso die gleiche Lagerung von Heu auf einem Heuboden, der in der Schweiz „Heubühne“ genannt wird, auch auf gleiche „Art des Denkens und Fühlens“ zurückschliessen lässt, bleibt uns ein Rätsel. Die Schweizer brauchen keinen Psychologen für die Selbsterkenntnis: Sag mir, wo Du Dein Heu lagerst, und ich sag Dir wer Du bist.
    Wo lagern Sie Ihr Heu?