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Wo lagern Sie Ihr Heu? Neue alte Schweizer Redewendungen

  • Die Bühne ist nicht im Theater
  • Wir lasen im Migros-Magazin, dem Fachblatt für den Schweizer Landwirt und das Schauspielwesen, über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident George W. Bush:

    In Sachen Umwelt haben die beiden das Heu nicht auf der gleichen Bühne

    Heu nicht auf der gleichen Bühne
    (Quelle Migros-Magazin 19, 8.05.06, Seite 4)
    Wir wussten nicht, dass Merkel und George W. Bush im Nebenberuf Schauspieler sind und aus Platzgründen ihr Heu auf der Bühne, sogar auf unterschiedlichen Bühnen, lagern. War nicht Ronald Reagan der Schauspieler unter den Präsidenten? Doch ist das natürlich alles Kokolores. Wer lange im Süden lebt, kennt die Variante „Bühne“ für „Dachboden“ oder „Speicher“ natürlich bereits. Es soll aber immer noch aus dem Norden Deutschlands zugewanderte Feuerwehrhauptmänner geben, die beim Anruf „Es brennt bei uns auf der Bühne“ in einer Schwäbischen Stadt mit dem Löschzug zum Städtischen Theater gefahren sind. So weit, so gut. Aber wie ist das jetzt mit dem „Heu auf der gleichen Bühne“?

    Wir wurden fündig im Variantenwörterbuch:

    Heu: *das/sein Heu [nicht] auf der gleichen Bühne haben
    CH eine gleiche/unterschiedliche Art des Denkens und Fühlens haben; [nicht ]die gleiche Wellenlänge haben: „Ein Berner Vertreter der Schweizerischen Volkspartei hat das Heu nicht auf der gleichen Bühne wie ein Waadtländer (Wiedmer, Hautnah-Helvetia 53)
    (Quelle Variantenwörterbuch S. 348)

    Und nicht nur dort! Sogar die Neue Zürcher Zeitung, die sich sonst mit Helvetismen immer schön zurück hält, kann hier mitreden:

    Der Vergleich mit dem Parlamentarier-Rating zeigt, mit welchen Nationalräten man das Heu auf der gleichen Bühne hat – oder eben nicht.
    (Quelle: nzz.ch)

    Oder die Zeitung RZ Oberwallis:

    Wie man die letzten paar Jahre mitbekommen hat, haben Sie selten das Heu auf der gleichen Bühne wie Ihre Kollegen im Gemeinderat. Sind Sie ein Querkopf?
    (Quelle: rz-online.ch)

    Ohne Probleme könnten wir 42 weitere Belege für die Verwendung dieser Redensart bei Google anführen.

  • Heu nicht nur im Gruss
  • In der Schweiz, deren Einwohner sich schon in ihrer Grussformel als Fachleute für getrocknetes Grass im Allgemeinen zu erkennen geben, gibt es noch weitere Redewendungen mit Heu. So sagt man z. B.:

    *sein Heu im Trockenen haben
    CH eine Aufgabe erfolgreich beendet haben
    , seinen Anteil gesichert haben.: Der stillstehende Landamman spricht, als ob er mitten im Wahlkampf stecken Würde. Dabei hat er sein Heu längst im Trockenen (Blick 28.9.1999, 6)
    (Variantenwörterbuch, S. 348)

    Nördlich des Rheins muss es mehr Schafe als Heu gegeben haben, zu der Zeit, als diese Redewendung entstand, denn dort hat man eher seine „Schäfchen im Trocknen“.

    Oder:

    *Jetzt ist genug Heu [dr]unten!
    CH Jetzt ist aber genug!:

    Hierfür ein Beispiel aus Schaffhausen:

    Ferner steigen die Kosten für die Schätzer kräftig an, obwohl nur noch ein Schätzer anstelle von zweien unterwegs ist. Dazu kann man nur noch sagen: „Jetzt ist genug Heu drunten.
    (Quelle: grossratsprotokolle.sh.ch)

    Klar, wenn an den steilen Hängen der Schweiz das Heuen so arbeitsaufwendig ist, muss das Produkt anschliessend sparsam verwendet und darf nicht übertrieben grosszügig verfüttert werden.

    Wieso die gleiche Lagerung von Heu auf einem Heuboden, der in der Schweiz „Heubühne“ genannt wird, auch auf gleiche „Art des Denkens und Fühlens“ zurückschliessen lässt, bleibt uns ein Rätsel. Die Schweizer brauchen keinen Psychologen für die Selbsterkenntnis: Sag mir, wo Du Dein Heu lagerst, und ich sag Dir wer Du bist.
    Wo lagern Sie Ihr Heu?

    

    8 Responses to “Wo lagern Sie Ihr Heu? Neue alte Schweizer Redewendungen”

    1. Phipu Says:

      Auf Google.de, Seiten aus DE, habe ich gesehen, dass dort zwar jemand „seine Schäfchen im Trockenen“ hat, aber trotzdem „Geld wie Heu“ haben kann. Was nun, von beidem? Achtung, man sollte das Heu nicht auf der gleichen Bühne wie die Schäfchen haben, sonst wird ersteres weggefressen.

      Weitere Dialekt-Ausdrücke mit „Heu“:
      „heue“ (heuen) = etwas unkoordiniert, chaotisch ereldigen
      „es Gheu“ (ein Geheue) = ein Chaos

    2. Werner Says:

      Lieber Jens-Rainer

      Hab auch ein wenig gegoogelt: Dass unter Bühne nicht nur die (TRI-)Bühne gemeint ist, verstehen offenbar nicht nur die Schweizer so, sondern auch unsere alemannischen Freunde im Norden:

      „[…]Wenn die Kiste das Heu wieder freigibt, ist ein wunderschöner Heuballen entstanden, der platzsparend in der Garage oder auf der Bühne gelagert werden kann.[…]“

      Quelle: http://www.wila-tuebingen.de/html-Dateien/wuehltisch.html

      „Er hat Heu auf der Bühne. Schwaben (Besitzt Verstand)“

      Quelle: http://www.proverbium.eu/spr/srz715.htm

      ***

      Weshalb wird dies eigentlich von Deinem Variantenwörterbuch (unter anderem) unterschlagen, wenn von „CH“ die Rede ist. Müsste da der korrekte linguistische Ausdruck nicht „alemannisch“ lauten oder ist das Variantenwörterbuch mehr ein Produkt der Politikwissenschaften? 😉

    3. Fiona Says:

      Solche Ausdrücke stammen aus der „Pre-Industrialization“ Zeit, als die Volkswirtschaften Europas auf der Ebene „Primary“ (Landwirtschaft) waren.

      Mein erster Schweizer Boss hat immer „Milchbuechli“ (Auftragsbuch) gesagt! In der englischen Sprache gibt’s ähnliche Ausdrücke wie „make hay while the sun shines“, „don’t count your chickens before they are hatched“ sowie „cheese-paring“ usw.

      Fiona

    4. Administrator Says:

      @Werner
      Dass die Bühne im Süden gebräuchlich ist für Dachboden, Speicher, hatte ja erwähnt. Wie Du herausgefunden hast, gibt es die Redewendung „Heu auf der Bühne haben“ auch im Schwäbischen. Sehr schön! Ich habe mich da auf DeGruyters Variantenwörterbuch verlassen, aber offensichtlich geht das auch mal fehl. Wodurch wir einmal mehr erkennen dürfen, wie alt solche Redewendungen meistens sind, und wahrscheinlich oft über die politischen Grenzen des alemannischen Sprachraums hinweg bekannt.
      Wie glaubwürdig die „proverbium“ Quelle ist, muss sich allerdings erst noch zeigen.
      Danke für den Hinweis!

    5. Spaced Says:

      wie fiona schon erwähnte, handelt es sich dabei um einen ausdruck vom lande. ich bin zwar selber nicht als „bauernkind“ aufgewachsen, ich versuch mal trotzdem:

      „Jetzt ist genug Heu [dr]unten!“
      strategisch klug war/ist wenn die bühne sich gleich über dem kuhstahl befindet. dann muss bei fütterungszeit bloss eine luke geöffnet werden und das heu direkt in die futtertröge der kühe hinunter geworfen werfen.

      „Heu nicht auf der gleichen Bühne“
      meine vermutung: manchmal gab es auf der bühne platzmangel und man musste sich untereinander aushelfen. so gab es situationen, wo sich die bauern eine bühne teilten. bei verkrachten parteien würde man es lieber unterlassen, das heu auf der gleichen bühne zu lagern (vertrauen und so..)

      „sein Heu im Trockenen haben“
      naja, nasses heu auf den feldern zu haben, wäre für den bauern wirtschaftlich ein verlust..immer wieder zu beobachten, wie die bauern bei ankündigung von regen emsig ihr heu von den feldern kratzen..

      „geld wie heu“
      jeder bauer hat wohl immer heu auf lager, aber nicht immer genügend geld..

    6. Arne Völker Says:

      Heu zäme! (Muss im Fall ja mal gesagt werden…)

    7. Christian Says:

      Das Variantenwörterbuch irrt in diesem Falle nicht, denn es verzeichnet ja nur die *ganze* Redewendung “das Heu (nicht) auf der gleichen Bühne haben“; dass auch in anderen Gegenden „Heu“ auf „Bühnen“ liegt, wird durch diesen Eintrag nicht in Abrede gestellt.

      Noch was zu den Helvetismen in der NZZ: Die sind nicht so selten, wie man gerne meint; das betrifft nicht nur die politische Berichterstattung über die Schweiz (wo man ohne Helvetismen gar nicht auskäme), sondern auch sehr viele Eigenheiten, die keinem Schweizer als solche bewusst sind, à la „eindrücklich“ (statt „eindrucksvoll“), „tönen“ (statt „klingen“), „einnachten“, „Türe“ (statt „Tür“) oder Satzanfänge wie „Kommt dazu, dass…“.

    8. Doe Says:

      Für gewöhnlich – zumindest in meiner Region – wird das Begrüssungswort als „Hoi“ und nicht als „Heu“ geschrieben.

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