Strahlen in den Haaren? — Es „strählen“ nicht nur die Narren

Mai 26th, 2006
  • Strahlen in den Haaren?
  • Die Schweizer sind nicht zimperlich, wenn es um ihre eigene Körperpflege geht. Fangen wir doch ganz oben an, beim Kopf, oder um noch genauer zu sein: Bei den Haaren. Die werden in der Schweiz nicht nur „gekämmt“, sondern quasi mit einer Strahlenkanone malträtiert. Der Fachmann dafür ist in der Schweiz natürlich kein „Frisör“ wie in Deutschland, sondern ein „Coiffeur“ und der spricht vom „Strählen“.

  • Wir strählen das Gewinde
  • In der Industrie ist das eine beliebte Technik der Metallbearbeitung:

    – Mehrkantdrehen und Tieflochbohren auf der Drehmaschine
    – Gewinde schneiden, strählen, rollen und walzen
    – Rundschleifen, spitzenlosschleifen und flachschleifen
    (Quelle: accurtec.ch)

    Was wir mit Gewinde anstellen können, warum sollten wir das nicht auch mit unseren Haaren tun?

  • Wir strählten schon in alter Zeit
  • Der Duden klärt uns über die Herkunft dieser Technik auf:

    strählen sw. V.; hat [mhd. strælen, ahd. strāljan]
    (landsch., schweiz. mundartl., sonst veraltet):
    (langes Haar) kämmen:
    ich strähle [mir] mein Haar; Die Friseurin nimmt eine Rundbürste aus der Tasche und strählt und föhnt und windet ihr kunstvoll das Haar um den Kopf (Frischmuth, Herrin 46);

    Wir bemerken, dass die Duden-Redaktion einmal mehr ein schweizer Wort als „veraltet“ einstuft, und es als „landschaftlich schweiz. mundartl“ kennzeichnet. Hinter „landschaftl.“ versteckt sich wahrscheinlich wie immer der restliche alemannische Sprachraum ausserhalb der Schweiz, sprich das Elsass, Schwaben usw.

    Auch DWDS, das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh.“, herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nennt das Verb veraltet:

    strählen /Vb./ veralt. jmdn., sich, etw. kämmen
    (Quelle: dwds.de)

    Mit umfangreichen Quellen und Belegen kann hingegen wie immer das fabelhafte Wörterbuch der Gebrüder Grimm aufwarten:

    kämmen, ahd. strâlen (aus *strâljan); mhd. strælen; as. …
    1) in eigentlicher Bedeutung ‚kämmen‘; ahd. in glossen für lat. pectere: stralta …
    a) das haar, die locken, den bart mit dem kamm, der bürste ordnen, kämmen; pectere strelen .
    (Quelle: Grimm)

  • Wenn der Narr den Bürger strählt
  • In Deutschland kennt man das Verb „strählen“ ausserhalb der Metallverarbeitung heutzutage nur noch in der alemannischen Fasnacht. Dort werden die Besucher eines Umzugs von den Narren „gestrählt“:

    Ein rückläufiger Brauch ist das „Strählen„, „Schnurren“, „Hecheln“, „Aufsagen“oder „Welschen“, d.h., der Narr spricht den unvermummten Mitbürger (den „Gestrählten“) auf der Straße oder im Gasthaus, ggf. mit verstellter Stimme, an und kann diesem hinter der Maske ohne Rücksicht auf die soziale Stellung des Angesprochenen unverhohlen und geradeheraus die Meinung sagen, ihn rügen (Rügerecht des Narren), ihn mit der Kenntnis der einen oder anderen Begebenheit überraschen oder einfach Unsinn reden. Das Gesagte sollte allerdings niemals verletzend oder gar ehrenrührig sein. Daher lautet in Rottweil auch das Motto: „Niemand zu Leid – jedem zur Freud“. Da der Narr heutzutage aber immer mehr Zugezogene oder Fremde am Straßenrand oder im Wirtshaus antrifft, fällt es ihm zunehmend schwerer, den Brauch des „Schnurrens“ zu pflegen. „Schnurren“ leitet sich ab von „Schnurre“ = „Posse, komischer Einfall“ (ursprünglich ein Lärmgerät, mit dem besonders Possenreißer umgingen). „Strählen“ = „kämmen“ und „hecheln“ = „Fasern des Hanfs oder Flachses spalten“: der Narr zieht im übertragenen Sinn sein Gegenüber, wie einst die Bäuerin die Flachsbüschel, durch ein (kammartiges) Nagelbrett (den Hechelkamm).
    (Quelle: narren-spiegel.de)

    In der Schweiz hingegen wird auch mal in der Politik etwas durch „strählen“ wieder ansehnlich, denn „strählen“ kann auch „verschönern“ bedeuten:

    dass wir in diesem Saal oder mindestens die Kommissionen diese Berichte – ich glaube, im Dezember 2003 sind der dritte und vierte Bericht fällig – noch anschauen und „strählen“ können, bevor solche Dinge wieder nach aussen gehen.
    (Quelle: parlament.ch)

    Schon lange ist den Hausfrauen bekannt: Die schönsten Muster in der Butter bekommt frau mit einem Kamm hin! Warum solche Verschönerungen nicht auch beim „Strählen“ von Kommissions-Berichten versuchen?

    Zum Abschluss ein paar Verse Schweizerdeutsch. Geben Sie Obacht und versuchen Sie einmal, die Herkunft dieses Dialektgedichts zu ergründen:

    dîn hâr was dir bestroubet:
    dô strælte dir dîn houbet
    zeswenhalp der rabe dâ,
    winsterhalp schiet dirz diu krâ
    (Quelle: Grimm)

    Na, woher stammt das? St. Gallen oder doch eher aus dem Wallis? Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Es ist etwas viel Älteres. Die Verse sind kein Versuch eines Deutschen, Schweizerdeutsch zu schreiben sondern entstammen der Versnovelle „Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts

    Hätten wir das jetzt nicht erwähnt, wäre bestimmt sogleich eine Diskussion entbrannt. Wir werden uns hüten, nochmals Schweizerdeutsch „frei-nach-Gehör“ zu verschriften. Sonst kommt noch jemand mit dem Kamm und will uns strählen.. lieber nicht.

    Strählen geht nicht immer ohne Nebenwirkungen:
    Strählen mit dem Kamm

    Ostdeutsch für Fortgeschrittene —Keene Feddbemmen fressen

    Mai 25th, 2006
  • Ostdeutsch für Fortgeschrittene
  • Deutschland ist ein wunderbares Land. Überall strotzen die Menschen vor Selbstbewusstsein und sind voller Stolz über ihr gepflegtes, weil sorgsam poliertes Hochdeutsch. Wirklich überall? Es gibt da eine Gegend in Deutschland, da hat sich das „geschliffene Hochdeutsch“ deutlich ein wenig zu viel weiterentwickelt, denn dort wurde aus „geschliffen“ eines Tages „mattpoliert“. Aus allen knallharten „Ks“ wurden weiche „Gs“, damit aus „Helmut Kohl“ ein „de Gaulle“, aus dem harten „T“ wurde ein weiches „D“ wie „Detlev“ oder „Damendolette“, und aus dem Anlautvokal „A“ ein „O“ wie in „och schön!“. Wir sprechen von Ostdeutschland und seinem eigenem Idiom, dem Ostdeutschen:

  • Gibbe raus!
  • Der folgende kleine Lehrfilm soll zeigen, dass auch innerhalb von Deutschland die sprachlichen Unterschiede zu gewaltigen Verständigungsproblemen führen können. Mitunter mit gefährlichem Ausgang:
    Film KeinOstdeutsch (avi-File, 1Mb)

  • Neufünfländisch für Anfänger
  • In Ostdeutschland spricht man „Neufünfländisch“, die Sprache der fünf neuen Bundesländer. Eine ganze Reihe von eigenen Wortprägungen in dieser Sprache sind im Westen unbekannt. Zum Beispiel:

    abkindern =
    Sex zwecks Schuldentilgung: Schulden des Ehekredits wurden den werdenden Eltern teilerlassen. Den Ehekredit konnten alle Frischvermählten in Anspruch nehmen.

    Arbeiterschließfach = Neubauwohnung

    Bückware = im Osten gab es alles – man mußte nur wissen wo

    Fehlerdiskussion = Krisensitzung

    Gastmahl des Meeres = Name aller Gaststätten, die ausschließlich Fisch auf ihrer Speisekarte anboten

    Mumienexpreß = Ost-Slang für Interzonenzug

    Tal der Ahnungslosen =
    Gegend der DDR, in der kein Westfernsehen zu empfangen war. Dies führte dazu, daß z. B. der Bezirk Dresden die höchsten Ausreisezahlen hatte.

    Winkelement = A5-Papierfähnchen (heute vornehmlich bei CDU-Veranstaltungen zu sehen)

    (Quelle: user.cs.tu-berlin.de)

    Ganz schön kreativ, die Menschen aus dem Osten.
    Aber wenn jetzt die Diskussion anfängt, ob man „Feddbemmen“ nun mit einem oder zwei „d“ schreiben sollte, oder doch lieber mit „ä“ wie „Feddbämmen“, dann wandere ich aus…
    Vielleicht klärt uns Branitar erst einmal darüber auf, was das eigentlich sind, diese Feddbemmen.

    Friedrich Hegel in Zürich? — Der Ursprung des Zürihegel-Laufs

    Mai 24th, 2006
  • Friedrich Hegel in Zürich?
  • In Zürich findet dieser Tage ein besonderes Ereignis statt. Es trägt den hübschen Namen „Zürihegel“ und hat, wie Sie jetzt richtig vermuten, mit dem schwäbischen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel wenig zu tun.

    Das Event findet jedes Jahr im Mai-Juni statt und heisst offiziell „De schnällscht Zürihegel“. Für die armen deutschen Leser, die jetzt nichts mehr schnallen: Es handelt sich hier um einen Wettlauf für Kinder, den es bereits seit 1951 gibt. „Schnällscht“ = schnellste.
    De schnällscht Zürihegel

  • Seit wann gibt es den Zürihegellaufes?
  • Das erzählt uns die Website zuerihegel.ch:

    1950 war kein Zürcher im Sprinterfinal der Schweizermeisterschaft. Das war für das LCZ Clubmitglied Silvio Nido, Rekordhalter im Hammerwerfen, ein Alarmzeichen. Er untersuchte die Sache, besuchte Spielplätze, Turnstunden, sprach mit den Fachleuten. Das Ergebnis war deutlich; das Laufen spielte in der Notengebung im Turnen eine absolut untergeordnete Rolle. Weder der Schnellauf noch die Ausdauer wurde in der Schule gepflegt oder gar gefördert. Silvio Nido schlug im Winter 1950 an der Seniorenversammlung des LCZ vor, eine Kommission zu bilden, die sich mit der Organisation eines Laufwettbewerbes für Schüler befassen sollte. Da die Sache aber finanziellen Einsatz benötigte, kam die Angelegenheit vor die Generalversammlung. Mit grossem Mehr wurde der Vorschlag angenommen.
    (Quelle: zuerihegel.ch)

    Nur mühsam könnten wir von befragten Schweizern erfahren, warum dieser Lauf denn so heisst. Gibt es vielleicht einen „Hügel“ in Zürich, der „Hegel“ genannt wird, über den der Lauf geht? Viele Nicht-Zürcher müssen bei dem Wort passen, denn es ist eine lokale Besonderheit.

  • Was ist ein Zürihegel?
  • Ein Zürihegel ist ein Kind aus Zürich. Wie genau diese Definition nun aufzufassen ist, konnten wir nicht feststellen. Für die Herkunft des Wortes gibt es verschiedene Auslegungen. Am plausibelsten erscheint uns Grimms Wörterbuch:

    narr, querkopf, schweiz. hegel, baurenhegel grobian STALDER 2, 30; im Aargau wird der eigenname Heinrich in den spottnamen Heichel, Zürih-Hegel ‚querkopf‘ umgesetzt. ROCHHOLZ bei FROMM. 6, 458b; es rührt das mundartliche verbum hegeln, ‚hernehmen, mit worten oder schlägen, auf eine niedrige art foppen‘ (STALDER a. a. o.), bair. hegeln zum besten haben, aufziehen, necken (SCHM. 2, 164), schwäb. hegen plagen (SCHMID 268) an; als die den hegel gefoppet (officiere einen neuen ehemann), er würde mir (der frau) die hosen lassen müssen. Simpl. 3, 40 Kurz.
    (Quelle: Grimm)

    Hier ist also der „Zürih-Hegel“ als Querkopf bereits genannt. Ob die in dieser Gegend früher wirklich alle „Heinrich“ = Heichel = Hegel hiessen?

    Der Duden leitet den Namen auf einen Hag = Gebüsch zurück:

    Hegel:
    1) Wohnstättenname zu mhd. hegel, Verkleinerungsform von mhd. hac Dornbusch, Gebüsch; Einfriedung, Hag oder von mhd. hege Zaun, Hecke .
    2) Auf eine Koseform von Hagen (3.) zurückgehender Familienname.
    3) Für Nürnberg kann eine Ableitung von mhd. hegel, hegelīn Spruchsprecher, Gelegenheitsdichter infrage kommen. In den Nürnberger Polizeiordnungen (13.-15. Jh.) ist von den pfeiffern, hegeln und pusaunern, die zu dem tantz hofieren [musizieren], die Rede.
    (Quelle: duden.de)

    Das wollen wir uns gleich mal merken für die nächste Diskussion mit Zürchern oder wahlweise Nürnbergern: „Hör auf mich so zu hegeln!„. Oder: „noch ein Wort und ich werde Dich hegeln…“ Ob dann wirklich jemand versteht, was gemeint ist? „Den Hegel foppen“ ist hoffentlich nicht weit verbreitet im Schwäbischen, so wie es Grimms Wörterbuch angibt.

  • Hag oder Zaun? Der Schweizer weiss Bescheid
  • Vielleicht gab es ja in Zürich besonders viele Dornenbüsche, Gebüsche oder Einfriedungen. Den „Hag“ kennt man in der Schweiz nur unter dem Namen „Zaun“, weil die Migros vor vielen Jahren ihre Eigenmarke mit koffeinfreiem Kaffee so nannte: Kaffee Zaun.
    Migros Cafe Zaun
    (Quelle Foto: swissbymail.com)
    Denn Hag = Zaun, wie wir gerade im Duden lesen konnten. Dass da zufällig ein grosser Deutscher Markenhersteller namens „Hag“ auch ein entkoffeiniertes Kaffeeprodukt auf dem Markt hat, dass konnte doch vom Migros-Marketing niemand wissen!

    Doch zurück zum „Zürihegel“. Wir kennen solche lokalen Spezialnamen auch aus anderen Städten, dort wird gleich auch eine Definition mitgeliefert.

  • Das Freiburger Bobbele
  • In Freiburg im Breigau heissen die Kinder „Friburger Bobbele“:

    Als „Friburger Bobbele“ bezeichnet man jemanden, der In Freiburg im Breisgau geboren ist und dessen Eltern und Großeltern ebenfalls aus Freiburg stammen. Dann sollte man noch im St. Elisabethen-Krankenhaus in Freiburg zur Welt gekommen sein und mindestens einmal in ein Freiburger „Bächle“ gefallen sein. Die Anforderungen an ein echtes „Friburger Bobbele“ sind also hoch.

    Woher kommt der Begriff „Friburger Bobbele“?
    Wenn man den Zeittafeln der Freiburger Adressbücher aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Glauben schenken darf, findet man den für alle „Bobbele“ bedeutenden Eintrag „Eröffnung einer Normalschule unter Franz Josef Bob, 1773“. Alle seine Schüler nannte man ab sofort Bobbele und heutzutage nennt man alle typischen Freiburger so.
    (Quelle: akverlag.de)

    Der Name hat also nichts mit den „Bobbel“ = Bollen zu tun, den hübschen roten Kugeln auf den Trachtenhüten im Schwarzwald:
    Bollenhut aus dem Schwarzwald
    (Quelle lahr.de)

    Bobbele ist in Deutschland natürlich noch ein Spitznamen für Boris Becker.
    Boris Becker
    (Quelle Foto: dennis.jubiiblog.de)
    Wussten Sie übrigens, dass nach seinen Wimbledon Siegen 1985 und 1986 die Zahl der Kinder, die in Deutschland den Jungennamen „Boris“ bekamen, schlagartig zurück ging?
    Sportlicher Erfolg eines Namensträgers heisst noch lange nicht, dass der Name auch populär wird! „Kevins“ gab es zur gleichen Zeit dafür umso mehr, wegen Kevin Keegan und Kevin Costner, der da gerade „mit dem Rolf“ tanzt, oder sich „einen Wolf“ tanzt, und später „Kevin allein zuhause“.

    Schweizer Wohneinheit mit fünf Buchstaben — Was ist ein Flarz?

    Mai 23rd, 2006
  • Kreuzworträtsel sind anspruchsvoll!
  • Die Pendler in den Agglo-Zügen stürzen sich jeden Morgen auf die Kästen mit der kostenlosen Minizeitung „20minuten“. Seit neuestem am Abend auf dem Heimweg dann noch ein zweites Mal auf die Spätausgabe von „heute“. Nein, das ist nicht die betuliche Nachrichtensendung im Zweiten Deutschen Fernsehen, einst wegen seiner regierungsfreundlichen Berichtausstattung auch als „Kohls Privatshow“ verunglimpft, sondern eine weitere „Zeitung für Nichtleser“. Die seit dem 15. Mai 2006 erscheinende Gratiszeitung „heute“ wird an Bahnhöfen von „Kolporteuren“ verteilt. Das sind keine schmuddeligen Gestalten, die „Kolportagen“ schreiben, also anrüchige Berichte, denn laut Duden ist eine Kolportage:

    Kolportage […], die; -, -n [frz. colportage, zu: colporter, kolportieren]: 1. literarisch minderwertiger, auf billige Wirkung zielender Bericht
    (Quelle: Duden.de)

    Nein, so heissen die Verteiler der Zeitungen in der Schweiz. Eigentlich ein sehr negativ besetztes Wort:

    Kolporteur […] der; -s, -e aus fr. colporteur „Hausierer“:
    1. jmd., der Gerüchte verbreitet.
    2. (veraltet) jmd., der mit Büchern od. Zeitschriften hausieren geht.
    (Quelle: Duden.de)

    Über die Duden typische Wertung „veraltet“ für einen typisch schweizerischen Begriff sehen wir wie immer gewohnt souverän hinweg. Auch der Blogger Jérome, der heute übrigens Geburtstag hat, fing an als Kolporteur:

    Meine „Promokarriere“, die 2001 als 20-Minuten und Metropol Kolporteur (bei Wind und Wetter: Jé war immer gut gelaunt) in Zug begann – hat gestern ihren wohl vorläufigen Höhepunkt erreicht!
    (Quelle: jeromel.kaywa.ch)

    Doch kehren wir zurück zu „20minuten“ und „heute„, zwei äusserst auflagenstarke Blätter im Schweizer Blätterwald, die besonders auf einer Seite einen besonders hohen Tribut an Verstand und Geistesgabe fordern: Beim Kreuzworträtsel.

  • Tagi und Dagi statt Maggi und Daggi
  • Manchmal schaue ich meinem Banknachbarn in der S-Bahn über die Schulter und lese heimlich mit, welche Frage in den Rätsel gelöst werden müssen: „Singvogel mit fünf Buchstaben, erster Buchstabe ein A“. Hmm, das ist jetzt aber verdammt schwer für einen Stadtmenschen wie mich. Vielleicht „a’Spatz“? Aber das sind ja schon sechs Buchstaben. Dann versuche ich mich wieder im Verstehen meiner Lieblingslektüre, dem „Total Anspruchsvollen Gesamt-Idiotikon“ für die Schweiz. Kurz: Dem „TAGI“, bei dem nur Deutsche auf die Idee kommen könnten, ihn mit zwei „g“ in der Mitte abzukürzen. Merke: Der „Tagi“ schreibt sich nicht wie „Maggi“, also nur mit einem „g„. Eine „Dagmar“ würde in Deutschland zur „Daggi“ und in der Schweiz zur „Dagi“ verkürzt (zum Name siehe hier)

  • Behausung mit fünf Buchstaben
  • Und dort im Tagi stolperten wir auch prompt über ein Wort, das gut in jedes Kreuzworträtsel passen würde. Der „Flarz“

    Aber das Haus hat natürlich auch eine Identität und eine Geschichte, die ein Stück weit einbezogen werden. Es ist ein ehemaliger Flarz aus dem Jahr 1780, der vor 15 Jahren einer grossen Renovation unterzogen wurde.
    (Quelle:Tages-Anzeiger.ch)

    Die Schweiz hat viele alte Gebäude und Haustypen, und als Deutsche stehen wir immer wieder staunend vor alten Fachwerkhäusern, die langsam vor sich hin modern, weil niemand Interesse hat, sie zu renovieren. Es gibt einfach zu viele davon. Oftmals werden sie abgerissen und an gleicher Stelle wird, mit gleicher Dachform und Umfang, etwas Neues gebaut. In Deutschland wurde durch das Bombardement im Zweiten Weltkrieg ein Grossteil der alten Bausubstanz ausradiert. Wer heute durch eine schnuckelige Altstadt wie die von Freiburg im Breisgau läuft, verfällt leicht dem Irrglauben, hier wirklich alte Häuser zu sehen.
    Altes Kaufhaus in Freiburg im Breisgau ist nicht alt
    (Quelle: lpb.bwue.de)
    In Wirklichkeit wurde fast alles mühsam wieder aufgebaut in den Fünfzigern, nur das Münster überstand wie durch ein Wunder den Bombenteppich der Engländer.
    Freiburg nach dem Bombenangriff
    Man muss sich das als Deutscher in jeder Schweizer Altstadt vor Augen halten: Hier ist alles wirklich alt, hier gab es keinen Bombenkrieg, hier wurde nicht alles erst wieder aufgebaut. Wirklich alte Wohnhäuser sind darum in deutschen Städten eine Seltenheit, die sorgsam gepflegt werden und häufig unter speziellem Denkmalschutz stehen, ob sie nun schön anzusehen sind oder nicht.

  • Doch was ist ein Flarz?
  • Wir fanden eine Definition auf Englisch:

    House in “flarz” style
    Three hundred years ago many communities in the Zurich Highlands restricted house construction because of the rapid population growth. They specified exactly how many dwellings were permitted within their municipal borders, or they completely prohibited the construction of new apartments. The crafty highlanders, however, found ways to circumvent such obstacles by dividing up existing houses or by adding extensions to the gable end. The outcome was the row house in “flarz” style – which today is a coveted, romantic dwelling.
    (Quelle: bioengineering.ch)

    Beispiel für ein Flarz
    Flarzhaus in Sternenberg
    (Quelle: sternenberg.ch)

    Das Flarzhaus ist ein so spezielles Haus, dass die Bezeichnung von vielen Schweizern auch nicht gekannt wird. Es sei denn, sie stammen aus dem Zürcher Oberland:

    Das Flarzhaus ist typisch für das Zürcher Oberland: Ein Zürcher Weinbauernhaus am Zürichsee unterscheidet sich vom Flarzhaus des Zürcher Oberlandes. Für eine gezielte Exkursion zur Beobachtung von Haustypen eignet sich das Zürcher Oberland besonders gut. Auf kleinstem geografischem Raum können verschiedene Bauweisen besichtigt werden. Fachwerkhäuser sind in Lützelsee-Hombrechtikon (das Menzihaus und das Hürlimannhaus) und in Lutikon-Hombrechtikon (das reich geschmückte Eglihaus) zu sehen. Das Dürstelerhaus in Ottikon-Gossau und das Guyerhaus in Wermatswil sind Bohlenständerbauten. In Rutschberg-Pfäffikon ist ein so genanntes Flarz-Reihenhaus aus dem 16. Jahrhundert erhalten geblieben
    (Quelle: verlagzkm.ch)

    Heute werden Häuser dieser alten Form des Flarzhauses nachempfunden:
    Häuser im Flarz Stil
    (Quelle: forums9.ch)

    Und weil Sie es ja sowieso wussten: Der Singvogel mit fünf Buchstaben, erster Buchstabe „A“ ist eine „Ammer„, oder was hatten Sie gedacht?

    Da laust sich der Affe — Fellpflege des Businessman im 21. Jahrhundert

    Mai 22nd, 2006
  • Da laust sich der Affe
  • Kenne Sie das? Sie sitzen im Zug, in einem Cafe oder Sie halten vor einem Gruppe von erwachsenen Menschen einen Vortrag, und haben die volle Aufmerksam Ihrer Zuhörer. Da fängt doch tatsächlich der Mensch, der Ihnen genau gegenüber sitzt, plötzlich damit an, von seinem Hals ein wenig Haut abzukratzen,
    Fellpflege des Mannes Teil 1
    (Phase 1: Die Materialsammlung am Hals)

    diese dann mit spitzen Fingern vor dem Gesicht zu begutachten,

    Fellpflege: Optische Begutachtung
    (Phase 2: Die Optische Begutachtung der Ausbeute)

    schliesslich daran zu riechen
    Die olfaktorische Probe
    (Phase 3: Die olfaktorische Probe),

    und wenn Sie dann ganz grosses Glück haben, dürfen Sie jetzt auch noch einen Geschmackstest erleben.

    Geschmackstest nach der Fellpflege
    (Phase 4: Der Geschmackstest).

    Alles live und in Echtzeit, immer in genau dieser Reihenfolge.

    Ich weiss nicht, wie oft ich das in den letzten Monaten erlebt habe, und je häufiger ich das erlebe, desto öfter frage ich mich, was an mir diese alten tierischen „Fellpflege“-Instinkte auslöst, die Kopfhaut zu kontrollieren, Schuppen zwischen den Fingernägeln zu zerdrücken, daran zu riechen und sie sogar noch zu probieren.

  • Zuschauer stören nicht im Geringsten
  • Die Menschen, bei denen ich dieses Verhalten beobachte, lassen sich durch mein aufmerksames Zuschauen niemals in ihrem Tun stören. Manchmal möchte ich fragen: „Na, riecht das auch angenehm“ wenn sie bei der Geruchsprobe angekommen sind. Oder ich will ihnen einen Hinweis geben: „Dahinten rechts neben dem Ohr, da ist noch ganz frischer Schmalz zum Abkratzen“.

    Aber natürlich reisse ich mich zusammen, doppelt zusammen, um damit den Ausgleich für die entspannte Befindlichkeit meines Gegenübers zu schaffen. Vielleicht sollte ich ja strenger gucken, wenn es wieder losgeht. Vielleicht hilft ein energisches „Na na, wir wollen uns doch nicht selbst verspeisen?!“ im rechten Moment geäussert?

    Zugegeben, es sind vorwiegend Männer, bei denen ich dieses Verhalten beobachtet habe. Aber eins ist sicher und kann statistisch leicht bewiesen werden. Wenn sich 10 Personen im Raum befinden, dann sitzt derjenigen mit dem starken „mich laust der Affe“ Trieb unter Garantie genau vor mir.

  • In den Zähnen stochern war gestern
  • In der Nase popeln oder zwischen den Zähnen mit leicht fletschendem Geräusch die letzten Speisereste suchen, das habe ich hingegen schon lange nicht mehr erlebt. In der Schweiz putzen sich die Männer nach dem Mittagessen sorgsam die Zähne, wie wir schnell gelernt haben (vgl. Blogwiese). Folglich ist da nichts zum rausprokeln. Bleibt nur die Kopfhaare und Vorzugsweise die Haut am Hals und bei den Ohren. Am meisten liebe ich die kennerische „Schnuppergeste“, wenn das gefundene Hautstück geniesserisch zur Nase geführt wird. Nur was wirklich gut riecht, wird danach noch verköstigt.

    Was würden Sie tun in solch einer Situation? Salz und Pfeffer reichen? Es müssen alte Instinkte sein, aus grauster Vorzeit, als wir noch näher mit dem Affen verwandt waren, die nun plötzlich mitten in unserer Zivilisation wieder an die Oberfläche des menschlichen Verhaltens kommen. Die kleine Schicht „Konvention“, die uns von dieser Urzeit trennt, ist schnell durchbrochen, glauben Sie mir. „Fröhliches Fellpflegen“ bleibt uns da nur zu wünschen, und je nach Ausbeute auch „En Guete“!