Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 14) — Vernehmen oder Vernehmen lassen

Dezember 25th, 2005
  • Lassen Sie sich auch vernehmen?
  • Wenn die Polizei in der Schweiz einen Verdächtigen festnimmt, dann wird er auf dem Revier von ihr nicht „vernommen“, sondern „einvernommen“. Das ist wichtig, denn das Wörtchen „vernehmen“ wird schon anderweitig gebraucht in der Schweiz. Wenn sich jemand „vernehmen lässt“, dann bedeutet das nicht, dass er freiwillig ins Verhörzimmer geht, um ein ungemütliches Tête-à-tête mit einem Hauptkommissar zu erleben. Vielmehr spricht man sehr laut und deutlich, um von den anderen wahrgenommen, gehört und „vernommen“ zu werden.

    Offensichtlich besteht dafür in der Schweizer Politik, speziell im Schweizer Parlament, der „Bundesversammlung“ verstärkter Bedarf. Hier wimmelt es nämlich nur von Dingen, die andere vernommen haben wollen, die sie darum „vernehmen lassen“. „Die Vernehmlassung“ ist eine völlig normale Sache für die Schweizer: „Vernehme“ sie, oder lasse sie andere „vernehmen“, das ist der politische Alltag in Bern. Nicht so brutal wie einst bei James Bond mit „to live and let die“ = Leben und Sterben lassen“, aber doch ein bisschen in diese Richtung.

  • Was ist eine Vernehmlassung?
  • Wenn Sie als Schweizer in einem Gespräch mit einem deutschen Kollegen mal tüchtig Eindruck schinden wollen, dann bringen Sie dieses Wort einfach ganz beiläufig in Ihren Redenfluss unter: „Hast Du schon gehört, da gibt es wieder eine neue Vernehmlassung“.
    Es wird ihm genauso unverständlich sein, wie „die Betreibung„, „die Betreibungsauskunft“ oder „die Verabgabung„. Je nachdem, wie lange Ihr Deutscher Kollege schon in der Schweiz lebt, können Sie folgende Reaktion beobachten:

    1. Er versteht das Wort ohne Probleme, weil er sich für die Feinheiten der Schweizer Gesetzgebung interessiert.

    2. Er versteht kein Wort, wird dies aber nicht zugeben, weil es für einen Deutschen einfach unmöglich ist, offen einzugestehen, dass er mal wieder ein hübsches Nomen seiner eigenen Muttersprache nicht kennt.

    3. Er versteht nichts, wird aber sofort nachfragen, wer sich jetzt hier auf was einlassen möchte bei der Vernehmung.

    Bei dem Wort „Vernehmlassung“ haben wir Deutsche das Problem, dass es dafür keine Entsprechung in Deutschland gibt. Die politische Tradition ist eine andere. In Deutschland ist das eine „Anhörung„, bei der wir nichts vernehmen sondern uns einfach nur zugehört wird.

    Man sieht hierbei deutlich den himmelweiten Unterschied im Demokratieverständnis der Deutschen und der Schweizer: Während in Deutschland ein Gesetz im Parlament vorgelesen wird und die Abgeordneten darüber dann diskutieren können, geht in der Schweiz ein Gesetz in die „Vernehmlassung„, es wird von allen Beteiligten gefordert, einen Kommentar abzuliefern.

    In Amerika und in der IT-Welt nennt man diesen Vorgang „RFC“ = „Request For Comments“. So werden die Definitionspapiere zur Computer-Standarisierungen betitelt. Über RFCs wird so gut wie alles in der IT-Technik genormt. Nur will hier niemand tatsächlich mehr einen „comment“ hören, denn wenn ein RFC draussen ist, ist es bereits Norm und hat den Zustand des „Drafts“ = Entwurfs schon hinter sich gebracht.

    Schauen wir, was Wikipedia zu Vernehmlassung meint:

    Die Vernehmlassung oder das Vernehmlassungsverfahren ist eine wichtige Phase im schweizerischen Gesetzgebungsverfahren. Bei der Vorbereitung wichtiger Erlasse und anderer Vorhaben von grosser Tragweite sowie bei wichtigen völkerrechtlichen Verträgen werden die Kantone, die politischen Parteien und die interessierten Kreise (insb. Verbände) zur Stellungnahme eingeladen. Das Ziel ist, die Erfolgschancen des Projektes im weiteren Gesetzgebungsprozess abschätzen zu können. Insbesondere im Hinblick auf ein mögliches Referendum ist es in der Schweizer Politik wichtig, bei der Vernehmlassung alle wichtigen Interessengruppen zu konsultieren, um so genannt „referendumssichere“ Vorlagen präsentieren zu können. Auch wer nicht persönlich zum Vernehmlassungsverfahren eingeladen wird, kann sich zu einer Vorlage äussern, auch als Einzelperson. (Quelle🙂

    Aber ich denke es wird Zeit, das Thema „Vernehmlassung“ jetzt zu lassen, es „vernimmt“uns sowieso keiner, denn schliesslich ist heute Weihnachtsfeiertag. Und dann ausgerechnet dieses Thema, so trocken wie eine Schachtel Spekulatius-Kekse vom Vorjahr….

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 13) — Nachtbuben und Strolchenfahrten

    Dezember 24th, 2005
  • Wenn Nachtbuben unterwegs sind
  • Die Schweizer bleiben in der Regel in der Nacht daheim, wenn sie nicht „im Ausgang“ unterwegs sind. In der Nacht geht es gefährlich zu in der Schweiz, denn dann sind die „Nachtbuben“ unterwegs. Nein, es sind keine „Nackt-Buben“, dieser Lesefehler ist uns beim ersten Mal auch unterlaufen. Darunter könnten wir uns ja noch etwas vorstellen. Ein Exhibitionist wird das sein, ein „Sittenstrolch“, wie er in Deutschland genannt wird. Aber ein „Nachtbube“? Vielleicht ist das ein sehr junger „Nachtwächter“?

    Unser Duden kennt viele zusammengesetzte Wörter mit „Nacht“, darunter die „Nachtarbeit“, den „Nachtangriff“, das „Nachtmahl“ oder „Nachtlicht“, auch den „Nachtisch“, den wir streng vom „Nachttisch“ zu unterscheiden wissen. Ersteres kann man essen und es ist lecker, weil ein Dessert, letzteres diente früher zur Aufbewahrung des schwäbischen „Potschamberles“ = Pot-de-chambre = „Nachtopf“ (im Norden sagten wir schlicht „Pisspot“ dazu)

  • Nachtbuben und Schulsilvester
  • Umtreiben tun sie sich in der Schweiz, diese „Nachtbuben“, denn so heissen hier die bösen Kerle, die nur Nachts unterwegs und grundsätzlich immer an allem Schuld sind.

    Nachtbuben am Werk
    Im letzten Juli waren wiederum Nachtbuben in der Umgebung des Wild Ma Horstes in Aktion. Neben Verwüstungen wurde auch die Materialkiste aufgebrochen und das sich darin befindliche Material zum Teil verbrannt oder in den Rhein geschmissen. (Quelle🙂

    Nachtbuben gibt es schon sehr lange in der Schweiz, wie diese Geschichte aus Rüti b. Büren im Seeland belegt:

    Kurz vor der Jahrhundertwende war in Rüti des öfteren eine Gruppe so genannter Nachtbuben unterwegs. (Quelle: )

    In Deutschland, zumindest im südlichen Teil, haben sich ähnliche Bräuche zur Walpurgisnacht (= die Nacht zum 1. Mai) und zu Halloween (= Nacht vor dem Feiertag „Allerheiligen“) eingebürgert. Da werden dann in ländlichen Gegenden schon mal Gartentore ausgehängt und verschleppt, oder Briefkästen mit Toilettenpapier verstopft und es passieren andere Scherze mehr.

  • Schul-Silvester gar nicht zu Silvester
  • Die Schweizer haben dafür das „Schulsilvester“ am letzten Schultag vor Weihnachten. Dann ist zwar noch nicht Silvester oder Weihnachten, das Schuljahr ist dann auch noch nicht um, aber die Schweizer Schulkinder stehen freiwillig irre früh auf, ziehen lärmend mit Töpfen und sonstigen Lärminstrumenten durch die Strassen, wecken ihre Lehrer und treiben in aller Herrgottsfrühe allerlei mehr oder weniger lustigen Schabernack im Ort. Später gibt es eine Party um 6.00 Uhr (in der Frühe!) im Schulhaus. Offiziell wird im Kanton Zürich immer wieder versucht, diese Art von Bräuche zu unterbinden, ohne Erfolg. Also wandelte man das Schulsilvester lieber um in eine Art organisiertes Schulfest, um die ausrastenden Kids besser unter Kontrolle halten zu können (Beispiel hier: ).

  • Die kleinen Strolche auf grosser Fahrt
  • Und dann sind da noch unsere lustigen Freunde aus der Zeit des amerikanischen Schwarz-Weiss-Films, die kleinen Strolche:
    Die kleinen Strolche kommen aus Amerika
    Denen wurde es in den USA zu langweilig, also machten sie sich auf nach Europa, genauer gesagt in die Schweiz, klauten sich da ab und zu ein Auto, und gingen auf „Strolchenfahrt“.

    362 Einträge verzeichnet Google für dieses Wort. Die sind also verdammt oft unterwegs, die kleinen Strolche. Und nie haben sie einen „Führerausweis“ oder „Führerschein“ dabei, denn der Schein trügt bekanntlich (siehe Blogwiese) .

    Manchmal treffen die kleinen Strolche dann unterwegs die Nachtbuben:

    Teure Strolchenfahrt für Berner Nachtbuben
    Bern – «Parkschaden» von 65 000 Franken haben ein 14- und ein 16-jähriger Jugendlicher auf Strolchenfahrt am Samstag gegen 21.15 Uhr in Bern verursacht. Nach Polizeiangaben entwendete der 16- jährige den Wagen einer verwandten Person und raste durch die Stadt. (klei/sda) (Quelle🙂

    Auch diesmal hilft der Duden weiter:

    Strol|chen|fahrt, die (schweiz.): Fahrt mit einem entwendeten Fahrzeug

    Und schon haben wir als Deutsche zwei neue Wörter gelernt: Die Strolchenfahrt und die Nachtbuben. Wir fragen uns dann: Wenn es diese Wörter in unserem Wortschatz bisher nicht gab, gab es dann die dazugehörigen Personen und Ereignisse in Deutschland auch nicht?

    Kaum vorstellbar. So etwas passiert doch sicher auch in Deutschland. Wie sagt man dann dazu im deutschen Polizei-Jargon? Wir hoffen auf stichhaltige Beispiele von „ennet“ der Grenze und bleiben bis dahin ahnungslos.

    Die Blogwiese wünscht allen Ihren Lesern ein Frohes Weihnachtsfest!

    Schweizer Kultur: Mit Wassermusik von Händel in den Welthandel

    Dezember 23rd, 2005

    Die Schweiz ist eine Kulturnation, nichts wird hier so hoch geschätzt und verehrt wie die klassische Musik. Ganz besonders gilt dies für den barocken Komponisten Georg Friedrich Händel. Für König Georg I. von England schrieb er 1717 die Wassermusik, später für den Thronfolger König Georg II. die Feuerwerksmusik.
    Georg Friedrich Händel

    Georg Friedrich ist daher in der Schweiz besonders in stürmischen Zeiten, auf dem Wasser und wenn es brenzlig wird immer präsent. Er schafft es sogar in den Wirtschaftsteil des Tages-Anzeiger am 14.12.05:
    „Viele Händel um den Welthandel“
    Händel in der Mehrzahl im Tages-Anzeiger

    Nur so ganz verstehen wir nicht, warum die Schweizer den armen Georg Friedrich immer im Plural ansprechen. Ist er denn eine multiple Persönlichkeit? Gibt es mehrere von ihm? Oder hatte er viele fleissige und komponierende Kinder, so wie einst Johann Sebastian Bach?

  • Will Georg-Friedrich fremde Söhne adoptieren?
  • Schon im März 2001 lasen wir auf unzähligen Plakaten, Aufklebern, unübersehbar überall angebracht, diesen Satz:

    Keine Schweizer Söhne für fremde Händel

    Sogar geopfert sollten die Söhne für ihn werden:

    Schweizer Söhne für fremde Händel opfern? (Quelle:)

    Zum Glück hatten wir es hier nicht wirklich mit einem musikalischen Opfer zu tun, sondern es ging um die Frage, ob Schweizer Soldaten beim Kosovo-Hilfseinsatz bewaffnet sein dürfen um sich selbst zu verteidigen, oder ob das die heiligen Prinzipien der Neutralität zerstört?

    Das Thema bewegte sowohl die Pazifisten ganz links, die die umstrittene Schweizer Armee sowieso am liebsten ganz abgeschafft haben mochten, als auch die Rechten um Blocher auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

    Beide bekamen sie eine Abfuhr: Die Schweizer stimmten am „Abstimmigs-Sunntag“ 10.06.2001 mit knapper Mehrheit für die Selbstverteidigung. Zugleich wurde damals ein Entscheid bestätigt, wonach der Staat der Katholischen Kirche beim Gründen von Bistümern nicht mehr reinreden darf. Jetzt kann die Katholische Kirche so viele Bistümer in der Schweiz gründen, wie sie mag, und braucht keine Genehmigung mehr von der Regierung. Es gab Zeiten, da war so ein Gesetz notwendig.

    Manchmal bereuten wir es in solchen Momenten politischer Willensbildung in der Vergangenheit aufrichtig und von Herzen, dass wir da nicht mit abstimmen konnten. Wir hätten alle Macht beim Staate gelassen, soll doch die Katholische Kirche woanders ihre Bistümer gründen, wenn sie mag! Aber es hat nicht sollen sein.

    Zurück zum „Händel“. Dazu vermerkt unser Duden lakonisch:

    Händel (dt. Komponist).

    Aber halt Stopp, direkt darüber, da steht es ja:

    „Der Handel, die Händel meist Plur. (veraltet für Streit), Händel suchen“

    Wieso veraltet? Was massen die sich in der Dudenredaktion eigentlich an? Die sollen doch einfach mal ein paar vernünftige Schweizer Zeitungen vom Dezember 2005 lesen! Nix da mit veraltet, denen werden wir es zeigen! Händel werden wir suchen gehen!

    Jetzt sind wir erleichtert! Doch kein Georg Friedrich. Hier fehlt im Duden nur der Zusatz „Schweiz.“, der sonst alle unsere Wortentdeckungen adelt und sanktioniert. Aber wir wollen jetzt aufhören damit, Händel zu suchen und wieder schön friedlich werden. Schliesslich ist morgen Weihnachten!

    Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 12) — Motion ohne E-motion und Motzern

    Dezember 22nd, 2005

    Wir lesen in unserem Standardwerk für die korrekte Schweizerdeutsche Schriftsprache, dem Tages-Anzeiger vom 27.11.05

    Motion fordert weitere Liberalisierung. (…)
    Traktandiert ist eine Motion des Ständerates, zu der sich der Bundesrat positiv gestellt hat (Quelle🙂

    Wir verstehen als ungebildete Deutsche mal wieder gar nichts, und müssen tief in unseren Lateinkenntnissen kramen: „Motion“ = Lateinisch für „Bewegung“. Wer oder was bewegt sich denn hier in der Schweiz? Geht das Volk auf die Strasse, als Volks-Bewegung? Hat sich der Ständerat gemeinschaftlich bewegt? So eine Art „Group Fitness Aerobic Aktion“ in Bern? Und der Bundesrat machte gleich voller Eifer mit? Es passieren rätselhafte Dinge im Bern dieser Tage.

  • Die Motion hat was mit Bewegung zu tun
  • Das englische Wort „Motion“ gebrauchen wir gewöhnlich nur in zusammengesetzten Formen, als „E-motion“ wenn wir von lauter Gefühlen stark bewegt sind, oder als „motion pictures“, wenn wir uns „bewegte Bilder“ im Kino anschauen. Motion hat was mit Bewegung zu tun.

    In der Sprachwissenschaft bedeutet es eine Veränderung in der Sexusmarkierung (Quelle Wiki:), auch der Duden äussert sich in dieser Richtung:

    Motion: ,-en (franz.). (Sprachw.) Abwandlung des Adjektivs nach dem jeweiligen Geschlecht;

    Doch leben wir zwar in der Heimat von Ferdinand de Saussures, der einst in Genf die allgemeinen Sprachwissenschaft begründet hat, aber eigentlich geht es hier um eine besondere Spezialität der Schweizer, nämlich der „Bewegung in der Politik“.

    Eine Motion ist in der Schweiz eine bestimmte Art von Parlamentarischer Vorstoss auf eidgenössischer, kantonaler oder kommunaler Ebene. Mit einer Motion verlangt ein Parlamentsmitglied von der Regierung, dass diese ein Gesetz oder einen Bundesbeschluss ausarbeitet oder eine bestimmte Massnahme ergreift. Dieser Auftrag ist zwingend, wenn ihm das Parlament zustimmt. Eine Motion kann vom Parlament in die abgeschwächte Form eines Postulats umgewandelt werden; allerdings nur mit dem Einverständnis des Motionärs respektive der Motionärin (Quelle:).

    Wohlgemerkt: Das mir niemand den „Motionär“ als „Motzer“ falsch ausspricht! Sowohl die Schweizer Motion als auch der Motionär werden im Duden würdig erwähnt:

    schweiz . fr. gewichtigste Form des Antrags in einem Parlament; der Motionär, -s, -e (schweiz. für jmd., der eine Motion einreicht)

    Da erspare ich mir doch lieber die übrigen Übersetzungen, die mir LEO für dieses hübsche Wort offeriert (Quelle Leo):

    Unmittelbare Treffer
    motion der Antrag
    motion Antrag bei einer Sitzung
    motion die Bewegung
    motion das Gesuch
    motion der Stuhlgang
    motion [tech.] das Treibwerk [Uhren]

    Mit Uhren hat es also auch etwas zu tun, nicht nur mit Stuhlgang. Obwohl Stuhlgang, war das nicht ein höfliches Wort für „Scheisse“? Sind Motionen auch dies? Müssen die Engländer und Amis denn alles so negativ sehen? Denken wir lieber wieder an ein Schweizer Uhrwerk, denn so sollte es in der Politik in Bern zugehen, bei diesen vielen Motionen. Da sind wir ja beruhigt.

    Bleibt die Frage: Warum sagen die eigentlich nicht einfach „Antrag“ in der Schweiz? Wegen der Kollegen aus der Westschweiz? Oder ist auch diesmal wieder Napoleon schuld, der mit Sicherheit dieses Wort in den Schweizer Politik-Wortschatz eingeführt hat? Immer diese Ausländer…

    Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend

    Dezember 21st, 2005

    Vor einigen Jahren schulte ich das Produkt MS Outlook bei einer Firma in der Westschweiz. Als wir den Outlook-Kalender mit der Möglichkeit kennenlernten, Termine festzulegen und Einladungen zu verschicken, forderte ich die Kursteilnehmer auf für Freitag, 16.00 Uhr, einen Termin anzusetzen und alle im Kursraum anwesenden Kollegen dazu einzuladen. Was war das Ergebnis: Es wurde flugs zu 10 „Apéros“ eingeladen. Das hätte mir bei den Deutschschweizern auch passieren können, denn nichts ist hier so beliebt wie der gemeinsam „Apéro„.

    Alles kann dazu Anlass sein: Das Ende der Probezeit eines Mitarbeiters, ein Geburtstag, ein Jahrestag, der letzte Tag vor den Ferien, sogar ein neues Auto habe ich schon auf einem apéro gefeiert. Das ist eine ziemlich mühsehlige Angelegenheit, und die Mühlsal steigt potentiell mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gibt ein eisernes Gesetz auf einem Schweizer apéro-Empfang: Jeder muss mit jedem anstossen.

  • Wenn jeder mit jedem anstossen muss
  • In der Datenbanktechnik nennen wir das einen „outer join„. Das ist jetzt nicht etwas Unanständiges, wie Sie vielleicht denken, und hat auch nicht mit einem draussen vor der Tür gerauchten „Joint“ zu tun, sondern das ist, wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen sinnvollen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden (also alle Menschen mit Glas in der Hand), und das dann schrecklich viele Möglichkeiten ergibt.
    Anstossen beim Apéro ist Pflicht
    Angenommen Sie haben 20 Kollegen in ihrer Firma, dann rechnen sie 20 x 19 = 380 Möglichkeiten, zwei Gläser aneinander zu führen. Nun, zum Glück müssen sie persönlich nur 19 Mal anstossen. Bis Sie dann fertig sind, ist der Champagner oder kühle Weisswein warm, das Glas kaputt oder Sie verdurstet.

    Beim Anstossen müssen Ihrem Gegenüber immer schön tief in die Augen schauen und lächeln, vorbeigrinsen gilt nicht und führt zur Wiederholung. Überkreuz anstossen ist genauso unsittlich, also stehen Sie am besten auf, laufen durch den Raum und verschütten den kostbaren Inhalt Ihres Glases dabei nicht.
    Anstossen ist anstrengend

    Wer meint, mit ein Mal anstossen am Abend sei es getan, der irrt. Bei jeder neuen Runde geht das Spiel von vorn los. Kein Wunder, dass Sie dabei nicht betrunken werden, Sie kommen ja kaum dazu, wirklich etwas zu trinken.

    Anstossen tun die Schweizer sonst ja nur in einsamen Wohngegenden, genau da, wo die Deutschen sonst ein „Anliegen“ haben (siehe Blogwiese). Beim Apéro wird aber gern über solche Kleinigkeiten hinweggesehen. Zum Wohl!