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Führerausweis ohne Führer

  • Der Lappen von der Kirmes
  • Der Schweizer „Führerausweis“ heisst in Deutschland kurz der „Führerschein„, denn merke: Der Schein trügt! Mitunter kann man sich „den Lappen“ (Jugendjargon ) auch auf einem Jahrmarkt (Schweizerdeutsch „Chilbi“) auf einem Schiessstand (in Deutschland nur mit Luftgewehr!) selbst schiessen. Daher kommt auch die spöttische Bemerkung, wenn jemand einen äusserst schlechten Fahrstil hat. „Hast Deinen Führerschein wohl vom Jahrmarkt, oder was?“
    Ein grosser alter Führerausweis

  • In der DDR war der Führer abgeschafft
  • Führerausweis“ lässt einen Deutschen unwillkürlich stramm stehen, das Wort erinnert doch sehr an „Führerhauptquartier“ oder „Führer befiehlt — wir folgen„, und ausnahmsweise ist es mal länger als das deutsche Gegenstück „Führerschein“.

    Hat ganz Deutschland das Ding so genannt? Nein, natürlich nicht, denn in der DDR war der Führer bekanntlich abgeschafft. Das Wort wurde ersetzt, so hiessen bestimmte Leute in Berlin offiziell die „Stadtbildzeiger„, weil sie nicht mehr als Fremden-Führer arbeiten konnten, und der Lappen hiess einfach die „Fahrerlaubnis„, womit das Führerproblem elegant umgangen werden konnte. Wobei den Jungs im Osten noch lange nicht erlaubt war hinzufahren, wohin sie wollten, trotz Fahrerlaubnis.

  • Die Nazi
  • Es gibt noch andere Worte, bei denen ein Deutscher unwillkürlich zusammenzuckt, so z. B. wenn die Schweizer immer wieder von „die Nazi“ reden. Sie meinen damit jedoch keine Nationalsozialistische Partei, sondern ihre „Nationalmannschaft„, ist echt wahr!

  • Vorbelastete Wörter
  • Weiterer Wörter, die bei mir als Deutscher in der Schweiz eine ganze Reihe von Assoziationen und Konnotationen auslösen: Fahre ich mit einem Fahrstuhl und lese das Typenschild des Herstellers „Schindlers Lifte“, muss ich sofort an den Film von Steven Spielberg über den Deutschen Judenretter Oskar Schindler und seine Liste denken.

    Höre ich auf dem Zürcher Hauptbahnhof die Lautsprecherdurchsage „Sie haben Anschluss“, dann fällt mir ein, dass die Deutsche Bahn gleich nach der Privatisierung den Anschluss abgeschafft hat. Es gibt in Deutschland keinen Anschluss mehr, der ist ersetzt worden durch „die Reisemöglichkeit“. Nur noch im Potentialis, in der Möglichkeitsform wird gesprochen, wenn sie irgendwo ankommen und ihr nächster Zug ist gerade abgefahren. Suchst Du den Anschluss, dann geh doch nach Österreich, die haben da auch genug von.

    Es finden sich weitere Beispiele. So heissen die internationalen „Workcamps„, die jeden Sommer in vielen Ländern Europas stattfinden und von zahlreichen Jugendlichen besucht werden, auf Französisch „Chantier“ und auf Deutsch verschüchtert „Aufbaulager„, denn die eigentliche Übersetzung „Arbeitslager“ ist nicht mehr verwendbar.

  • Keinen TÜV beim Strassenverkehrsamt
  • Unser Auto hatten ich erst einige Wochen nach dem Umzug in die Schweiz umgemeldet. Die Grenzer wurden von mal zu mal unfreundlicher, wenn wir mit Schweizer Wohnsitz und deutschem Kennzeichnen nach Jeststetten „go postschte“ gingen. Irgendwie total illegal, ein Auto in Deutschland gemeldet zu haben, ohne dort zu wohnen.
    Zuvor musste ich den Wagen beim Strassenverkehrsamt in Zürich vorführen, denn einen TÜV gibt es nicht in der Schweiz . Der linke Scheinwerfer war um 8 mm zu tief eingestellt, erfahre ich vom untersuchenden eidgenössischen Ingenieur nach einstündiger eingehender Prüfung unseres Neuwagens, der erst zwei Monaten zuvor in Deutschland mit zwei Jahren TÜV zugelassen worden war. Upps, da müssen die deutschen TÜV-Ingenieure wohl etwas übersehen haben! Also musste ich durch die Stadt zu meiner Werkstatt brausen und das richten lassen. Völlig umsonst, denn nach einer Stunde Rückfahrt wurde die erfolgte Korrektur nicht einmal mehr begutachtet.

    Meine Kollegen amüsierten sich über meine Folgsamkeit: „Du warst nicht beim Schweizer Militär, da hättest Du gelernt, dass Du am besten einfach auf den Parkplatz gefahren und dort zwei Stunden gewartet hättest, um dann den Wagen direkt nochmals vorzufahren.“ So geht das also, muss ich merken für die nächste Vorführung.

    Ein paar Wochen später haben wir auch unsere Führerscheine umschreiben lassen. Jetzt haben wir „Führerausweise“. Die alten Ausweise werden, wie zuvor schon die Autokennzeichnen, einkassiert und an die deutschen Behörden zurück überstellt. Das sei so üblich. Man will sich ja nicht am Eigentum des befreundeten Auslands bereichern. Für das Einpacken und Zurückschicken der alten Kennzeichnen werden sage und schreibe 120 CHF Gebühr verlangt. Ein teurer Päckchendienst ist das hier!

  • Führerausweis C1 — Permiss dar manischar
  • Zwei Jahre später werde ich vom Zürcher Strassenverkehrsamt erneut angeschrieben: Ich soll mich einer Kontrolluntersuchung bei einem Arzt unterziehen. Dieser muss auf einem Formblatt eintragen, ob ich Einstichstellen habe, oder ein „auffälliges Nasenseptum“ (= Koksnase), oder ein Leber-Stigmata (=“Säuferleber“).

    Besonders Wert wird auf die Untersuchung der Psyche gelegt: „Stimmung, Affekt, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedankengänge, Gedankeninhalte und Gedächtnis“ sollen vom Arzt bei mir untersucht und beschrieben werden. Besonders freute ich mich auf die Untersuchung der Gedankeninhalte…

    Was war der Grund? Meine Deutscher Führerschein Klasse III wurde zu einem C1 in der Schweiz umgeschrieben, wodurch ich die Berechtigung habe, PKW über 3.500 KG zu fahren (in Deutschland nur bis 2800 KG), somit auch Kleinbusse etc., aber definitiv noch keine Panzer. Will ich diese Bewilligung behalten, muss ich zur Untersuchung. Seit März 2003 gibt es diese Regelung, und nach und nach wird es alle Deutsche mit umgeschriebenen Führerausweis in der Schweiz erwischen!
    Neuer C1 Führerausweis
    Das rätoromanische „Permiss dar manischar“ klingt meiner Meinung nach eher nach einer Erlaubnis zum Essen. Sind die sicher, dass da nicht ein Irrtum vorliegt und das hier als Mensa-Ausweis gilt?

    

    22 Responses to “Führerausweis ohne Führer”

    1. sal Says:

      Wobei ich in Sachen „Nazi = Nationalmannschaft“ noch anmerken möchte, dass man im gesprochenen Schweizerdeutsch einen deutlichen Unterschied hört: Sagt ein Schweizer „Naazi“, meint er die Rechtsradikalen, eben die Nazis. Sagt er hingegen „Natzi“ (mit kurzem A), ist immer die Nationalmannschaft einer Sportart (z.B. Fussball, aber auch Handball usw.) gemeint.

    2. Blogwiese » Blog Archive » Lebensmüde benutzen bitte den Zebrastreifen — Die Schweizer im Verkehr Says:

      […] In der Fahrschule in Deutschland kriegt man vom Fahrlehrer eingetrichtert: “Wenn Du an einem Zebrastreifen nicht anhältst, bist Du den Lappen sofort wieder los”. Stoppzeichen, Rote Ampel und Zebrastreifen sind die drei Orte, an denen man immer stehen bleiben muss, sonst ist man in der Fahrprüfung sofort durchgefallen. Denn überall wartet die Polizei (dein Freund und Helfer), die nur darauf lauert, dir eine Strafe (Schweizerdeutsch: “Busse”) und ein paar Punkte in Flensburg, der zentralen Verkehrssünderdatei der Deutschen, aufzubrummen. […]

    3. krs Says:

      Es sollte zugefügt werden, dass man meistens sagt: „eusi nati“ denn ausländische Nationalmanschaften werden meistens mit „diä andere“, „diä ander Mannschaft“ betitelt.

    4. Phipu Says:

      Man braucht das geschichtlich zweideutige Wort „Führer“ gar nicht in den Mund zu nehmen. den „Führerschein“ nennen wir umgangssprachlich „Fahrausweis“. Da dieser Ausdruck in anderen Ländern nicht verstanden würde, steht halt „Führerausweis“ drauf… und ausserdem 2 (neu 4) fremdsprachige Begriffe, die es erlauben sollten, hin- und wieder zurückzuübersetzen, falls „Ausweis“ so schwierig zu verstehen ist. „Schein“ wird kaum verwendet. (Eine „Zehnernote“ wird nie ein „Zehn-Franken-Schein“ genannt)

    5. BD Says:

      […]Mitunter kann man sich “den Lappen” (Jugendjargon ) auch auf einem Jahrmarkt (Schweizerdeutsch “Chilbi”) auf einem Schiessstand (in Deutschland nur mit Luftgewehr!) selbst schiessen. […]

      Auch in der Schweiz schiessen wir nur mit Luftgewehren an der Chilbi – Nur im Schiessstand beim Obligatorischen (Abkürzung für die obligatorische jährliche Schiessübung der Militärangehörigen)

    6. BD Says:

      Ah und Panzer fahren darfst du nur wenn auf der Rückseite deines Ausweises unter der Linie die entsprechende Zahl (zB 960 = Radpanzer) steht 😉

    7. viking Says:

      Versuch das Prozedere mal andersrum.
      Zulassen von 2 Fahrzeugen in Deutschland.
      1. TÜV mit einer etwas umgebauten Ente. Resultiert in einer zweiseitigen Mängelliste. Gleiches Fahrzeug ohne Änderung, anderer TÜV -> keine Mängel.
      2. Zulassungstelle. Öffnungszeiten 8-12 und halb Deutschland vor den Schaltern. Die Odyssee zwischen den einzelnen Schaltern und der Schilder-Herstellungs-Firma (zum Glück auf dem Gelände) brauche ich dir als Deutschen ja wohl nicht mehr zu beschreiben.
      3. Führerscheinwechsel. Die Schweiz ist bekanntlich kein EU Land und ein Schweizer profitiert deshalb nicht vom erleichterten EU-Verfahren. D.h. innerhalb von sechs Monaten ist der Führerschein einzutauschen. Kein Problem, man geht mit den nötigen Utensilien (alter Führerschein, Fotos) zur Führerscheinstelle (Öffnungszeiten 8-12) und Nummer ziehen.(die Hälfte von Deutschland, die nicht für eine Zulassung ansteht, steht hier an)
      Vom Sachbearbeiter dann die Frage nach dem Nachweis der Fahrpraxis. „Häh..??“. Ja, als nicht-EU Bürger muss der Nachweis erbracht werden, dass ich mindestens sechs Monate Fahrpraxis in Deutschland habe. „Ich fahre seit 10 Jahren durch Europa“ reicht da nicht.
      Ein (zum Glück formloses) Schreiben des Arbeitgebers, dass ich die letzten sechs Monate in Deutschland mit dem Auto unterwegs war, reicht da z.B. aus für diesen Nachweis. Das hat es, in Kombination mit den Öffnungszeiten, verunmöglicht, an diesem Tag einen schweinchenrosa Führerschein zu erhalten.

    8. Phipu Says:

      Beweis für das Wort „Fahrausweis“ oder „das Billett“ (hier im Zusammenhang mit Auto- und nicht mit öV-Fahren) http://www.20min.ch/tools/suchen/story/28241806

    9. Sandra-Lia Says:

      Weisch, mir hend halt so wie alli andere e kreditcharte zum autofahre becho.. fählt nur no in dee

    10. Joe B. Says:

      Führerausweis oder Führerschein, es bleibt der Führer!
      Glücklich, wer damit keine Probleme zu haben braucht.

    11. viking Says:

      Warum sollte ich mit „Führerausweis“ Probleme haben. Das ist das Dokument, das mich als berechtigt zum führen von Fahrzeugen ausweist.
      Genauso wie ich den Mist führen kann oder ein Pferd führen kann etc.
      Ich glaube keiner kommt auf die Idee, wenn er meinen „Lappen“ (bzw. neu mein Kärtchen) sieht, mich aufgrund dieses Ausweises als seinen Führer anzusehen.
      Mann kann Interpretationen wirklich übertreiben. Vor allem, da die Schweiz sprachlich nicht direkt vorbelastet ist. Oder hat sich schon mal ein Deutscher geweigert, im Aargau oder Thurgau Wohnsitz zu nehmen, weil …gau sprachlich vorbelastet ist?

    12. ernst Says:

      Zum Führer hatten die Schweizer früher ein noch viel ungebrocheneres Verhältnis. In vielen älteren Postautos, Bussen und Trams beschied ein Schild „Unterhaltung mit dem Führer verboten“.

      re Permiss da manischar: in http://www.pledarigrond.ch/ – dem rätoromanischen Online-Wörterbuch – gibt’s dazu und zu vielem Anderem erschöpfend Auskunft.
      item.
      Die Blogwiese gefällt mir. Wusste gar nicht, wie exotisch die Schweiz wirkt – zumal ja alles von Kanton zu Kanton unterschiedlich sein soll.

    13. Tobi Says:

      Tja, die Umschreibung des Führerscheins zum Führerausweis kostet zwar etwas. Aber bei mir hat das (incl. Postlaufzeit) nur vier Tage gedauert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Deutschland unter vier Wochen ablaufen würde.

    14. Lingus Says:

      Und wenn ein Schweizer Soldat krank ist oder einen Unfall hatte, kommt er ins KZ. Das ist kein Konzentrationslager, sondern das Krankenzimmer.

    15. SUrfer Says:

      In Basel gab’s übrigens früher mal die (linksliberale) National-Zeitung, umgangssprachlich „Nazi-Zeitung“, deren Jugendbeilage bis in die 1960er „dr glai Nazi“ (der kleine Nazi) genannt wurde…

      In der westlichen Deutschschweiz ist für den Führerausweis auch französisch „das Permis“ (sprich „permi“) geläufig.

    16. Fritz Says:

      wenn wir schon bei Armee-Ausdrücken sind:
      SS = Soldatenstube ~= Cafeteria, Restaurant

    17. Hansruedi Says:

      Wir haben beide Deutschen – Führerschein bei uns in der Schublade. Bei der Umschreibung wurden sie uns nicht abgenommen. Das war im Jahre 1971

    18. Christian Says:

      Ich möchte nur anmerken, dass es mittlerweile in Deutschland für Pkw den europäischen Führerschein Klasse B gibt, mit dem KFZs bis zu 3500kg zulässiger Gesamtmasse bewegt werden dürfen. Führerausweis? Alles kleine Adolfs, was? :-))

    19. Al Gore Says:

      Sehr netter Blog. Bin durch Zufall darauf aufmerksam geworden, weil ich nach „Nazi“ gesucht habe. Werde hier öfters vorbeischauen, habe die Blogwiese auch in meine Blogroll aufgenommen, weil mir das hier echt gefällt.

    20. tschambo Says:

      Zu meiner Schulzeit hatten gingen wir noch ins Konzentrationslager. Heute ist das eine
      Projektwochen (Themenwoche), meistens in einem Lager (Gästehaus mit Küche etc.).

    21. Allmechtna Says:

      C1 ??
      Man merkt schon wie alt diese Blogbeiträge teilweise sind 🙂
      Genau, Christian hat’s mir aus dem „Muul“ 🙂 genommen, ‚B‘ ist es. Mein FS (D) ist vom Anfang der 1990er und ich hatte alte Klasse III, jetzt habe ich ‚BC‘.
      (gibts aber noch keine wirksamen Medikamente für ;))

    22. stefan Says:

      Das mit den 120 SFr für das ‚Zurückschicken‘ der Schilder in die BRD stimmt so nicht (mehr). Die Schilder werden nicht zurückgeschickt (wozu auch), sondern vor Ort vernichtet und man bekommt dafür eine Bestätigung. Die 120 SFr sind die Gesamtgebühren für den kompletten Zulassungsprozess inklusive der Schilder, wie mir von der freundlichen Dame der Zulassungsstelle in Frauenfeld/Thurgau soeben mitgeteilt wurde.

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