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Schweizer Kultur: Mit Wassermusik von Händel in den Welthandel

Die Schweiz ist eine Kulturnation, nichts wird hier so hoch geschätzt und verehrt wie die klassische Musik. Ganz besonders gilt dies für den barocken Komponisten Georg Friedrich Händel. Für König Georg I. von England schrieb er 1717 die Wassermusik, später für den Thronfolger König Georg II. die Feuerwerksmusik.
Georg Friedrich Händel

Georg Friedrich ist daher in der Schweiz besonders in stürmischen Zeiten, auf dem Wasser und wenn es brenzlig wird immer präsent. Er schafft es sogar in den Wirtschaftsteil des Tages-Anzeiger am 14.12.05:
„Viele Händel um den Welthandel“
Händel in der Mehrzahl im Tages-Anzeiger

Nur so ganz verstehen wir nicht, warum die Schweizer den armen Georg Friedrich immer im Plural ansprechen. Ist er denn eine multiple Persönlichkeit? Gibt es mehrere von ihm? Oder hatte er viele fleissige und komponierende Kinder, so wie einst Johann Sebastian Bach?

  • Will Georg-Friedrich fremde Söhne adoptieren?
  • Schon im März 2001 lasen wir auf unzähligen Plakaten, Aufklebern, unübersehbar überall angebracht, diesen Satz:

    Keine Schweizer Söhne für fremde Händel

    Sogar geopfert sollten die Söhne für ihn werden:

    Schweizer Söhne für fremde Händel opfern? (Quelle:)

    Zum Glück hatten wir es hier nicht wirklich mit einem musikalischen Opfer zu tun, sondern es ging um die Frage, ob Schweizer Soldaten beim Kosovo-Hilfseinsatz bewaffnet sein dürfen um sich selbst zu verteidigen, oder ob das die heiligen Prinzipien der Neutralität zerstört?

    Das Thema bewegte sowohl die Pazifisten ganz links, die die umstrittene Schweizer Armee sowieso am liebsten ganz abgeschafft haben mochten, als auch die Rechten um Blocher auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

    Beide bekamen sie eine Abfuhr: Die Schweizer stimmten am „Abstimmigs-Sunntag“ 10.06.2001 mit knapper Mehrheit für die Selbstverteidigung. Zugleich wurde damals ein Entscheid bestätigt, wonach der Staat der Katholischen Kirche beim Gründen von Bistümern nicht mehr reinreden darf. Jetzt kann die Katholische Kirche so viele Bistümer in der Schweiz gründen, wie sie mag, und braucht keine Genehmigung mehr von der Regierung. Es gab Zeiten, da war so ein Gesetz notwendig.

    Manchmal bereuten wir es in solchen Momenten politischer Willensbildung in der Vergangenheit aufrichtig und von Herzen, dass wir da nicht mit abstimmen konnten. Wir hätten alle Macht beim Staate gelassen, soll doch die Katholische Kirche woanders ihre Bistümer gründen, wenn sie mag! Aber es hat nicht sollen sein.

    Zurück zum „Händel“. Dazu vermerkt unser Duden lakonisch:

    Händel (dt. Komponist).

    Aber halt Stopp, direkt darüber, da steht es ja:

    „Der Handel, die Händel meist Plur. (veraltet für Streit), Händel suchen“

    Wieso veraltet? Was massen die sich in der Dudenredaktion eigentlich an? Die sollen doch einfach mal ein paar vernünftige Schweizer Zeitungen vom Dezember 2005 lesen! Nix da mit veraltet, denen werden wir es zeigen! Händel werden wir suchen gehen!

    Jetzt sind wir erleichtert! Doch kein Georg Friedrich. Hier fehlt im Duden nur der Zusatz „Schweiz.“, der sonst alle unsere Wortentdeckungen adelt und sanktioniert. Aber wir wollen jetzt aufhören damit, Händel zu suchen und wieder schön friedlich werden. Schliesslich ist morgen Weihnachten!

    

    5 Responses to “Schweizer Kultur: Mit Wassermusik von Händel in den Welthandel”

    1. Weiacher Geschichte(n) Says:

      Guter Beitrag, Herr Wiese! Flockig geschrieben und genau auf den Punkt. Jetzt müssen ausser den Diaspora-Deutschen in der Schweiz nur noch die Deutschland-Deutschen begreifen, dass es auch etwas selbst dann geben kann, wenn es NICHT im Duden steht. Viele von ihnen scheinen der Meinung zu sein, dass Sprachformen, die in den Standardwerken aus Mannheim nicht auftauchen, auch nicht existieren.

    2. Phipu Says:

      Vermutlich ist „die Händel“ tatsächlich etwas veraltet. In meiner Kinderzeit hörte ich oft Eltern (natürlich auch meine) zu den Kindern sagen „höret jetz uuf händle!“ (= hört jetzt auf zu streiten!). Also gibt (gab) es das in gesprochener Sprache sogar als Verb (mir in helvetischem Hochdeutsch hingegen nicht bekannt). Allerdings habe ich dieses Verb schon lange nicht mehr gehört. Richtig moderne Eltern sagen wohl eher „Höret jetz uuf fighte!“

    3. Mikki Studer Says:

      Also, ich bin auch der Meinung, dass Händel eine veraltete Form für Streitereien, Zwist (da widerspreche ich dem Duden, der es mit Streit gleichsetzt) ist.
      Nur, es handelt sich beim SVP-Plakat ja um (politische) Werbung und da müssen einfach gut klingende Worte her – und ich muss sagen, dass Händel verglichen mit Streitereien einfach irgendwie geil klingt! Ich würde sagen, gut getroffen.

    4. Administrator Says:

      Miki,
      wie unterscheidest Du bitte zwischen
      Streit, Streitereien und Zwist?
      Bitte mal gaaaanz ausführlich zum mitschreiben.

      Gruss, Jens

    5. Administrator Says:

      @Weiacher Geschichten,
      Danke für das freundliche Lob!
      Auch die Deutschen erleben häufig, dass ihnen bekannte Wörter nicht im Duden stehen. Der Duden ist ein vorschreibendes Regelwerk (präskriptiv) sondern ein „beschreibendes“ (deskriptives) Werk.

      Auf Deutsch gesagt: Wenn ein Wort mit einer genügend grossen Anzahl von Quellen belegt werden kann, also von einer grossen Sprechermenge verwendet und akzeptiert wird, landet es im Duden. Sonst fliegt es wieder raus. Beispiel: Ein paar Jahre war „die Kautsch“ im Duden, dann flog sie wieder raus und wurde durch „die Couch“ ersetzt. Das Wort „Kautsch“ hatte sich doch nicht länger halten können.

      Spiegel-Online hat mal nach solchen Wörter gesucht, z. B. die vielen Varianten im Deutschen für den Rest eines gegessenen Apfels: Apfelbutzen, Apfelkitsche, etc. etc., die stehen alle nicht im Duden, weil sie nur regional bekannt sind und nicht von allen Sprechern akzeptiert werden.

      Gruss, Jens Wiese

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