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Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend

Vor einigen Jahren schulte ich das Produkt MS Outlook bei einer Firma in der Westschweiz. Als wir den Outlook-Kalender mit der Möglichkeit kennenlernten, Termine festzulegen und Einladungen zu verschicken, forderte ich die Kursteilnehmer auf für Freitag, 16.00 Uhr, einen Termin anzusetzen und alle im Kursraum anwesenden Kollegen dazu einzuladen. Was war das Ergebnis: Es wurde flugs zu 10 „Apéros“ eingeladen. Das hätte mir bei den Deutschschweizern auch passieren können, denn nichts ist hier so beliebt wie der gemeinsam „Apéro„.

Alles kann dazu Anlass sein: Das Ende der Probezeit eines Mitarbeiters, ein Geburtstag, ein Jahrestag, der letzte Tag vor den Ferien, sogar ein neues Auto habe ich schon auf einem apéro gefeiert. Das ist eine ziemlich mühsehlige Angelegenheit, und die Mühlsal steigt potentiell mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gibt ein eisernes Gesetz auf einem Schweizer apéro-Empfang: Jeder muss mit jedem anstossen.

  • Wenn jeder mit jedem anstossen muss
  • In der Datenbanktechnik nennen wir das einen „outer join„. Das ist jetzt nicht etwas Unanständiges, wie Sie vielleicht denken, und hat auch nicht mit einem draussen vor der Tür gerauchten „Joint“ zu tun, sondern das ist, wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen sinnvollen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden (also alle Menschen mit Glas in der Hand), und das dann schrecklich viele Möglichkeiten ergibt.
    Anstossen beim Apéro ist Pflicht
    Angenommen Sie haben 20 Kollegen in ihrer Firma, dann rechnen sie 20 x 19 = 380 Möglichkeiten, zwei Gläser aneinander zu führen. Nun, zum Glück müssen sie persönlich nur 19 Mal anstossen. Bis Sie dann fertig sind, ist der Champagner oder kühle Weisswein warm, das Glas kaputt oder Sie verdurstet.

    Beim Anstossen müssen Ihrem Gegenüber immer schön tief in die Augen schauen und lächeln, vorbeigrinsen gilt nicht und führt zur Wiederholung. Überkreuz anstossen ist genauso unsittlich, also stehen Sie am besten auf, laufen durch den Raum und verschütten den kostbaren Inhalt Ihres Glases dabei nicht.
    Anstossen ist anstrengend

    Wer meint, mit ein Mal anstossen am Abend sei es getan, der irrt. Bei jeder neuen Runde geht das Spiel von vorn los. Kein Wunder, dass Sie dabei nicht betrunken werden, Sie kommen ja kaum dazu, wirklich etwas zu trinken.

    Anstossen tun die Schweizer sonst ja nur in einsamen Wohngegenden, genau da, wo die Deutschen sonst ein „Anliegen“ haben (siehe Blogwiese). Beim Apéro wird aber gern über solche Kleinigkeiten hinweggesehen. Zum Wohl!

    

    14 Responses to “Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend”

    1. viking Says:

      Das mit dem Auto ‚begiessen‘ kenne ich aber auch aus Deutschland. Da wurde mir vor einigen Jahren ziemlich schnell klargemacht, dass mein neues Auto noch quietscht und dringend mit alkoholischem ‚geölt‘ werden muss 🙂

    2. Guggi Says:

      Das kommt mir doch irgendwie bekannt vor 🙂
      Ich leide mit dir.

    3. Dan Says:

      …Du hast vergessen: beim Anstossen den Vornamen des Gegenübers mit dem gleichem Ernst aussprechen wie sonst das „Friede sei mir dir“ in der Messe. Und bitte den richtigen Namen und die richtige Betonung „Röneh, Dan-jell, Jassmin, Jo-ell“. Mich hat das am Anfang viel Nerven gekostet, schon in der ersten Woche war ich bei meinem Nachbarn und seinen acht Gästen eingeladen, alle wurden mir vorgestellt, dass dabei jeder nochmal meinen Namen wiederholte, kam mir zuerst als Schweizer Umständlichkeit vor, aber als es dann beim Anstossen zum namentlichen Ansprechen kam, steckte ich in argen Schwierigkeiten, war das nun René, Reto oder Jerôme? Jetzt weiss ich dass Schweizer beim Sich-Vorstellen den Namen des Gegenüber memorieren, um ihn für den est des Lebens nicht mehr zu vergessen. Eine beachtliche Leistung.

    4. Mänu Says:

      Naja, ganz so tragisch ist es auch wieder nicht (ich spreche hier natürlich nur für die Region ‚Bern Stadt und Umgebung‘ ). Das beim zweiten Glas wieder anstossen, hab ich noch selten erlebt. Dennoch kann es mühselig sein mit allen anzustossen, mir wär ein ‚Prost zusammen‘, Glas heben und finito auch lieber.

    5. R.B. Says:

      Kleine Korrektur: wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden, nennt man das einen ‚cross join‘. Ein ‚outer join‘ zeigt alle Elemente der ersten Tabelle sowie alle passenden Elemente der zweiten. Wenn in der zweiten Tabelle kein passendes Element vorhanden ist, wird das Element der ersten Tabelle trotzdem angezeigt, im Gegensatz zum ‚inner join‘.
      *klugscheissmodusaus*
      *klugscheissmoduswiederan*
      Worum sprechen wir eigentlich die ganze Zeit von Elementen? SQL – schwere Sprache …

    6. Administrator Says:

      Hallo R.B.
      vielen Dank für die Info, nur dann hätte das mit dem Joint draussen (out) vor der Tür nicht so gut funktioniert.. 🙂
      Aber Du hast natürlich recht. „Cross Join“ wäre fürs Anstossen unsinnig, weil Du dann versuchen würdest, das Glas zu heben bei einer Person die keins in der Hand hat. Darum lieber Outer Join, nur passende Gläser machen „kling“.
      Gruss, Jens

    7. Guido Says:

      Nu ja, das Anstossen kann man auch abkürzen. Wenn nämlich eine ganze Gruppe am anderen Ende des Raums steht kann man (in sicherer Entfernung, sonst muss man trotzdem anstossen) auch einfach das Glas heben und sagen „es söu gäute“ (es soll gelten) – in diesem Falle verstösst man zwar geringfügig gegen die guten Sitten, trotzdem sind die Gegenüber genau so froh dass sie etwas früher zu ihrem Trunk kommen und deshalb normalerweise so entgegenkommend. Generell löst ein einzelnes „es söu gäute“ irgendwo im Raum sogar eine kleine Epidemie aus, alle denken „juhu, jetzt kann ich auch“ und entsprechend klingen danach nur noch wenige Gläser, bis man sich endlich dem Inhalt widmen kann.

    8. Cruscthi Says:

      Also eigentlich müssten es 21 mal 20 über 2 Möglichkeiten sein, also insgesamt 210 mal muss angestossen werden. Beim ersten mal hat jeder 20 Möglichkeiten, das ergibt insgesamt 420 Möglichkeiten anzustossen, wenn man genau sein will. ^^

    9. Severin Says:

      man muss anmerken das die „anstoss-sitten“ je nach region ganz unterschiedlich sind:
      so schafft es z.b. der st.galler mehrere mal pro glas anzustossen, während der bieler nur einmal am abend anstösst. für ein zweites anstossen muss dann schon ein sehr triftiger grund vorliegen (z.B. eine exquisite flasche wein)

      die names problematik kann man mit eine sehr herzlichen „zum wohl“ (oder je nach region: „viva!“ (bündnerland), „sante!“(welschland), „pröschtli“, „xundhait“ (deuschsprachige schweiz) umschiffen…

      es gibt zwei regeln die nie vergessen werden dürfen (sonst werden sie mit einer lokalrunde, oder ewig schlechtem sex bestraft):
      – dem gegenüber imeer in die augen schauen!
      – das glas (nach dem anstossen) erst absetzen wenn man mindestens einen schluck getrunken hat…

      mfg Severin

      (bin ürigens st.galler, sprich „sooftwiemöglich-anstosser“ 😉

    10. Phipu Says:

      Wer schon jemals in der Romandie wohnte, arbeitete oder sonst häufig dort war, wird die Erfahrung gemacht haben, dass im „Wilden Westen“ unzählige Gelegenheiten bestehen, ein Apéro zu veranstalten. Ja es gibt sogar den Ausdruck: „C’est l’heure de l’apéro“ ( = Es ist Aperitif-Zeit, bzw. Aperitif-Stunde). Fragt ihr nun naiv verschiedene Leute, um welche Zeit denn das sei, stellt ihr fest, dass die Antworten stark auseinanderklaffen. Vereinfacht gesagt ist es irgendwann gleich nach dem Frühstück bis kurz vor Mittagessen. Vermutlich ist es einfach der Small-Talk, der erlauben soll, mit trinken zu beginnen.

      Apropos Small-Talk zum trinken: Ruft nie eine Ambulanz oder sucht nicht nach der blutverschmierten Axt, wenn ein Deutschschweizer das gesundheitliche Leiden erwähnt: „ich han Spält im Rugge“ (= ich habe Spalten im Rücken), sondern schenkt ihm einfach (wieder) etwas zum Trinken ein. Damit wird der komplett ausgetrocknete Rücken wieder befeuchtet.

      Die Romands trinken ausserdem nicht aus den oben im Bild gezeigten „kulinarisch hochstehenden“ Weissweingläsern, sondern eher in solchen „gläsernen Bechern“ (mit oder ohne Aufschrift):

      http://www.fwbrugg.ch/pic/shop/P5280674.jpg

      Wie der abgebildete Aufdruck beweist, sind die auch in der Deutschschweiz beliebt.

      Ich musste übrigens feststellen, dass diese Gläser im Ausland unbekannt sind. Als ich noch in Genf wohnte, wollte ich mal meinen Haushalt mit solchen Weissweingläsern ausrüsten. Dies kam mir natürlich genau an dem Tag in den Sinn, als ich nach Frankreich einkaufen ging. So fand ich dann nur ähnliche, viel zu stark verzierte Gläser (die, glaube ich, als Saki-Gläser zum Verkauf standen).

      Vorteile dieser kleinen Gläser:
      – man kann weniger einschenken, und glaubt dadurch, weniger getrunken zu haben
      – sie klingen nicht beim Anstossen, verleiten eher zu weniger Anstoss-Handlungen (siehe Kommentar von Severein: je westlicher – z.B. Romandie – um so weniger Anstossbewegungen)
      – man kann sie auch gleich für das „Verriisserli“ oder „le digestif“ ( = Zerreisser/Verdauer, Ausdrücke für Schnaps nach dem Essen) benützen. (um die Schnaps-Zeit könnte ja sowieso niemand mehr aufstehen, um neue Gläser zu holen. Grund: Muskelkater vom Anstossen)

    11. räulfi Says:

      Ich kenne ‚den‘ Apero eigentlich nur als Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen (gegenseitiges Vorstellen) oder bei ‚wichtigen‘ Angelegenheiten, sprich Verabschiedung von Mitarbeiteren, ‚hohe‘ Geburtstage, Familienfesten, gediegenen Abendessen, Vernissagen/Dernièren. Allgemein als Einstimmung auf etwas wichtigere Anlässe halt.
      Oder einfach weils Spass macht, sich bei Häppchen und gutem Wein/Champagner mit netten Leuten zu unterhalten.
      Wenns halt mal ein eher unfreiwilliger und gezwungener Anlass sein sollte, empfiehlt es sich auf jeden Fall trotz Unlust aufzukreuzen und sich dann möglichst rasch und höflich wieder zu verabschieden. Im allgemeinen wird niemand deswegen böse sein.
      Angestossen wird jeweils bei einem Getränkewechsel und wenn die Runde überschaubar ist (also sicher nicht mit jedem persönlich anstossen, wenn 15 oder mehr Leute anwesend sind. In diesem Fall reicht ein ‚zum Wohl miteinander‘ od. ähnliches). Das meiner Meinung nach schlimmste Verhalten ist übrigens nicht das ’nichtindieaugenschauen‘, sondern das Glas abzusetzen, ohne einen Schluck getrunken zu haben… zeugt von wenig Wertschätzung und macht das ganze Anstoss-Ritual zunichte:-)

    12. Urs von T. Says:

      zum apero gibt es meistens ein cuepli oder wiise.
      am warmen sommertagen durfte es auch schon mal ein dibbidabbi sein.wer kennt das?

    13. Simone Says:

      Ohne die Apéro-Kultur wäre ich in der Schweiz eingegangen. Bei der Gelegenheit habe ich alle wichtigen und unwichtigen Leute kennengelernt. Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass man hierzulande in Sachen Emanzipation mindestens noch 15 Jahre hinterher ist. Für eine Frau scheint es ausserhalb grösserer Städte recht ungewöhnlich zu sein, wenn sie alleine an eine Bar geht. Über die Interessen schweizer Männer beim Apéro könntest Du einen eigenen Blog schreiben, Jens! Ich hatte noch nie so viele Offerten von alten Säcken…

    14. daniel Says:

      Öhm, liebe Simone, an einer Bar trinkt man keinen Apero. Höchtens das Feierabendbier. Der Apero ist ein gesellschaftlicher Anlass in stehender Runde für eine geschlossene Gesellschaft, also einen klar umrissenen Personenkreis. Dass Frauen bei solchen Gelegenheiten unangemessen „angemacht“ werden halte ich für ein Gerücht. Dass eine Frau, die alleine an eine Bar geht, als Freiwild betrachtet wird von den dort anwesenden Männern kann ich mir dagegen viel eher vorstellen.

      Daher, liebe Simone, solltest du dich besser an die Aperos halten, statt in Bars zu gehen 🙂