Hochdeutsch im Kindergarten? — Schwyzerdüütsch im Chindergarte!
Juli 10th, 2006Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 05.07.06, S. 16, von einer unheilvollen Entwicklung für die Zukunft unserer Kinder:
Am 23. Mai entschied die Schlierener Schulpflege, dass ab nächstem Schuljahr an allen Kindergärten mehrheitlich Hochdeutsch gesprochen werden soll. Lediglich bei Liedern, Versen und zuweilen auch beim Geschichtenerzählen wird Schweizerdeutsch noch akzeptiert.
(Quelle: Tages-Anzeiger 5.7.06)
Wir sind offen gestanden entsetzt über diese Entwicklung. Wohin soll das führen, wenn unsere Kinder mit „Gutem Tag“ anstelle von „Grüezi“ am Morgen begrüsst werden? Werden sie nicht schon genug den lieben langen Tag mit Hochdeutsch bombardiert, wenn sie im Fernsehen ihre Lieblingssendungen wie „Die Sendung mit der Maus“ oder „Siebenstein“ auf dem Kinderkanal auf Hochdeutsch anschauen müssen? Reicht diese schleichende Aufweichung ihres Schweizerdeutschen Sprachvermögens nicht schon?
Wann wird endlich durchgesetzt, dass diese Sender im Schweizer Senderaum nicht mehr auf Hochdeutsch sondern nur noch in Berndeutsch synchronisierter Fassung ausgestrahlt werden dürfen? Die Deutschen schotten sich doch auch vor unseren Sendern ab, warum können wir das in der Schweiz nicht praktizieren? Müssen wir unbedingt ZDF und ARD und RTL auf Hochdeutsch empfangen und damit die gesunde Aussprache und das Sprachvermögen unser Kinder gefährden? Hand aufs Herz. Wer guckt eigentlich diese arroganten Sender? Gerade die WM hat doch wieder gezeigt, dass nichts über die Qualität des Schweizer Fussballkommentars geht, Kerner und Beckmann waren nicht zum Aushalten bei ARD und ZDF. Und seit wir „Genial Daneben Schweiz“ kennen, könnte man eigentlich auch SAT1 Schweiz vom Kabel nehmen, es schaut ja eh niemand mehr an. Wie kann man freiwillig Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen wählen, wenn man Frank Baumann haben kann?
Als Sprecher für ein rein Schweizerisches Fernsehen empfehlen wir Emil Steinberger, der in vorbildlicher Weise bereits Kinderkassetten mit Astrid Lindgren Geschichten vertont auf Luzerner Schweizerdeutsch veröffentlicht hat. Diese Bemühungen müssen unbedingt verstärkt werden, sonst droht unseren Kindern der Verlust der Sprachidentität. Könnte man im Schweizer Fernsehen statt „Peter Lustigs Löwenzahn“ nicht die traditionellen „Pingu-Geschichten“, die unsere Kinder aus der Fernsehecke des Migros-Restaurants so gut kennen, in einer Endlosschleife präsentieren? Denn nur durch die dort fortbildlich artikulierte Sprache können wir einen gesunden Lerneffekt durch Nachahmung bei unseren Kindern erhoffen. Die Kinder hätten sicherlich ihren Spass, würden nicht durch Hochdeutsch in die falsche Richtung gelenkt, und ein gutes Stück Schweizer Kultur bekämen Sie auch gleich noch mit auf ihren Lebensweg.
Wir begrüssen die Bildung der „IG Schwyzerdüütsch im Chindergarte“, die innert zweier Wochen 1500 Unterschriften gegen den Hochdeutschentscheid der Schulpflege sammelte (vgl. Tagi vom 5.7.06) und danken den Bewohnern des Kantons Schwyz, dass sie dieser IG für einmal gestatten, das Ypsilon im Namen zu führen. Es dient ja einer guten Sache.
Hochdeutsch ist und bleibt die Sprache der Katastrophen- und Verkehrsmeldungen und hat nichts in unseren Kindergärten zu suchen. Wahrscheinlich werden die Kinder sonst nur mit „zack zack, ab in den Sandkasten“ und „Organisation! Wo hast Du wieder deine ‚Hausschuhe’ liegen gelassen“ von den Hochdeutsch sprechenden Kindergärtnerinnen herumbefohlen, und wissen bald nicht mehr, was ‚Finken‚ und das ‚Zvieri‚ sind! Bald kämen Sie dann nach Hause und wünschen „ruck zuck, Marsch Marsch, das Abendessen, wir haben Hunger!„, wenn es Zeit fürs Znacht ist! Und was soll geschehen, wenn ein Kind sich verletzt? Wenn es den Trost einer Erzieherin benötigt? Wie soll das gehen in der Schriftsprache? In der Sprache der Gesetze und Verordnungen ist kein Platz für Gefühlsäusserungen, völlig unmöglich, das geht schon rein technisch und vom Vokabular her nur auf Schwyzerdüütsch.
Der Tagi schreibt:
Während SP und Grüne sich hinter die zügige Förderung der Standardsprache stellen, um einen «zweiten Pisa-Schock» zu vermeiden (…)
Für Hochdeutsch im Kindergarten spreche, dass Kinder im Alter von vier Jahren am empfänglichsten fürs Sprachenlernen seien.
Pisa-Schock? Was wurde denn in dieser Studie in der Schweiz gemessen? Die Kompetenz der Schweizer Schüler in der Schweizerdeutschen Alltagssprache etwa? Oder die Fähigkeit der Jugend, perfekt per SMS auf Schweizerdeutsch zu kommunizieren? Dann wäre das Ergebnis sicher besser ausgefallen. Hier wurden doch Äpfel mit Birnen verglichen. Wer braucht denn schon „Lesekompetenz in der Schriftsprache Deutsch“, wenn Gebrauchsanweisungen auch auf Englisch erhältlich sind?
Wir brauchen kein Hochdeutsch im Kindergarten, unsere Kinder sollen in diesem Alter lieber „richtiges Schwyzerdüütsch“ lernen, das schafft Identität und nebenbei auch Verbundenheit mit dem Kanton Schwyz. Den Ausländerkindern in der Klasse steht es frei, ebenfalls Schwyzerdüütsch zu lernen, wenn sie hier weiter in das Alltagsleben der Schweiz integriert werden wollen. Als Vorbereitung für den Berufsalltag an der Migroskasse, beim Güselwagen fahren oder fürs KV sicherlich unabdingbar. Solides kaufmännisches Rechnen ist hier gefragt, und warum nicht endlich mal ein paar Textaufgaben auf Basel-, Züri- oder St. Gallerdütsch, damit die Vielfalt unserer Heimatidiome gleich mitgelernt wird?
Alternativ bliebe für die nicht integrationswilligen Ausländerkinder ja auch noch das Erlernen von non-verbaler Kommunikation mit Händen und Fäusten Füssen, praktiziert auf dem Spielplatz oder Pausenhof. Man muss ja nicht immer reden, oder? Praktisches Überlebenstraining für den Alltag wäre es allemal. Ein guter Gebärdensprachen-Lehrer oder ein Meister im Kung Fu würde hier auch Abwechslung und Bewegung in den Chindsgi-Alltag bringen.
Wer will schon höher hinaus? Wer braucht schon die Matura? Wenn die Universitäten und Spitäler in der Schweiz nur von Deutschen Professoren geleitet werden, hat doch eh niemand Lust, dort studieren oder arbeiten zu wollen. Sollen die ruhig unter sich bleiben. In der öffentlichen Kommunikation mit Gästen aus dem Ausland bevorzugen wir Englisch, das hat sich auch als „lingua franca“ mit unseren Freunden aus der Westschweiz erwiesen. Da gibt es nichts auf Hochdeutsch, was nicht auch wunderbar auf Englisch ausgedrückt werden könnte: „Next stop: Zurich main station.. we wish you a pleasant journey“. Unsere Besucher aus dem Norden können auch alle Englisch, wie wir jetzt während der Fifa-WM täglich beobachten durften. Dann sollen sie diese Sprache bei uns gleich weitersprechen. No need for High-German at all!
Wie sollen unsere Kinder später den Meteo-Wetterbericht im Schweizer Fernsehen verstehen, wenn sie nicht schon mit vier Jahren im Kindergarten systematisch in die Fachsprache der Wetterkunde auf Schwyzerdütsch eingeführt werden? Die Gestaltungsmöglichkeiten und die Vielfalt der Dialekte ist hier besonders ausgeprägt, sie muss aber auch frühzeitig gelernt werden, sonst geht uns ein Stück Kultur verloren. Wir hätten dazu einen Vorschlag: Anstatt in die Hochdeutsch Verbildung -Fortbildung der Kindergarten-Erzieherinnen zu investieren, sollte man lieber die ersten vierzehn publizierten Bände des Schweizer Idiotikons für jeden Kindergarten anschaffen, um daraus täglich eine Seite den Kindern vorzulesen. Nur so kann der Sprachschatz und die Variantenvielfalt der Schweizer Sprache auf Dauer in den Köpfen der Jugend bewahrt bleiben. Genialer Plan, nicht wahr? Wir sind da ganz zuversichtlich, dass das auf Dauer mehr Wirkung zeigt als „Hochdeutsch im Kindergarten“. Dem Idiotikon wird auch eine stark sedative Wirkungen zugesprochen. Ideal, um eine Gruppe von aufgedrehten Chindsgi-Kindern nach ausgelassenem Spiel wieder ruhig zu stimmen. So ruhig, dass sie unmerklich wie beim Superlearning im Halbschlaf ihr Vokabular vergrössern, noch bevor die Erzieherin beim Buchstaben B angekommen ist.






