Hochdeutsch im Kindergarten? — Schwyzerdüütsch im Chindergarte!

Juli 10th, 2006
  • Mehrheitlich Hochdeutsch?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 05.07.06, S. 16, von einer unheilvollen Entwicklung für die Zukunft unserer Kinder:

    Am 23. Mai entschied die Schlierener Schulpflege, dass ab nächstem Schuljahr an allen Kindergärten mehrheitlich Hochdeutsch gesprochen werden soll. Lediglich bei Liedern, Versen und zuweilen auch beim Geschichtenerzählen wird Schweizerdeutsch noch akzeptiert.
    (Quelle: Tages-Anzeiger 5.7.06)

    Wir sind offen gestanden entsetzt über diese Entwicklung. Wohin soll das führen, wenn unsere Kinder mit „Gutem Tag“ anstelle von „Grüezi“ am Morgen begrüsst werden? Werden sie nicht schon genug den lieben langen Tag mit Hochdeutsch bombardiert, wenn sie im Fernsehen ihre Lieblingssendungen wie „Die Sendung mit der Maus“ oder „Siebenstein“ auf dem Kinderkanal auf Hochdeutsch anschauen müssen? Reicht diese schleichende Aufweichung ihres Schweizerdeutschen Sprachvermögens nicht schon?

  • ARD und ZDF einfach nicht mehr ausstrahlen
  • Wann wird endlich durchgesetzt, dass diese Sender im Schweizer Senderaum nicht mehr auf Hochdeutsch sondern nur noch in Berndeutsch synchronisierter Fassung ausgestrahlt werden dürfen? Die Deutschen schotten sich doch auch vor unseren Sendern ab, warum können wir das in der Schweiz nicht praktizieren? Müssen wir unbedingt ZDF und ARD und RTL auf Hochdeutsch empfangen und damit die gesunde Aussprache und das Sprachvermögen unser Kinder gefährden? Hand aufs Herz. Wer guckt eigentlich diese arroganten Sender? Gerade die WM hat doch wieder gezeigt, dass nichts über die Qualität des Schweizer Fussballkommentars geht, Kerner und Beckmann waren nicht zum Aushalten bei ARD und ZDF. Und seit wir „Genial Daneben Schweiz“ kennen, könnte man eigentlich auch SAT1 Schweiz vom Kabel nehmen, es schaut ja eh niemand mehr an. Wie kann man freiwillig Hugo Egon Balder und Hella von Sinnen wählen, wenn man Frank Baumann haben kann?

  • Pingu in die Endlosschleife!
  • Als Sprecher für ein rein Schweizerisches Fernsehen empfehlen wir Emil Steinberger, der in vorbildlicher Weise bereits Kinderkassetten mit Astrid Lindgren Geschichten vertont auf Luzerner Schweizerdeutsch veröffentlicht hat. Diese Bemühungen müssen unbedingt verstärkt werden, sonst droht unseren Kindern der Verlust der Sprachidentität. Könnte man im Schweizer Fernsehen statt „Peter Lustigs Löwenzahn“ nicht die traditionellen „Pingu-Geschichten“, die unsere Kinder aus der Fernsehecke des Migros-Restaurants so gut kennen, in einer Endlosschleife präsentieren? Denn nur durch die dort fortbildlich artikulierte Sprache können wir einen gesunden Lerneffekt durch Nachahmung bei unseren Kindern erhoffen. Die Kinder hätten sicherlich ihren Spass, würden nicht durch Hochdeutsch in die falsche Richtung gelenkt, und ein gutes Stück Schweizer Kultur bekämen Sie auch gleich noch mit auf ihren Lebensweg.

    Wir begrüssen die Bildung der „IG Schwyzerdüütsch im Chindergarte“, die innert zweier Wochen 1500 Unterschriften gegen den Hochdeutschentscheid der Schulpflege sammelte (vgl. Tagi vom 5.7.06) und danken den Bewohnern des Kantons Schwyz, dass sie dieser IG für einmal gestatten, das Ypsilon im Namen zu führen. Es dient ja einer guten Sache.

    Hochdeutsch ist und bleibt die Sprache der Katastrophen- und Verkehrsmeldungen und hat nichts in unseren Kindergärten zu suchen. Wahrscheinlich werden die Kinder sonst nur mit „zack zack, ab in den Sandkasten“ und „Organisation! Wo hast Du wieder deine ‚Hausschuhe’ liegen gelassen“ von den Hochdeutsch sprechenden Kindergärtnerinnen herumbefohlen, und wissen bald nicht mehr, was ‚Finken‚ und das ‚Zvieri‚ sind! Bald kämen Sie dann nach Hause und wünschen „ruck zuck, Marsch Marsch, das Abendessen, wir haben Hunger!„, wenn es Zeit fürs Znacht ist! Und was soll geschehen, wenn ein Kind sich verletzt? Wenn es den Trost einer Erzieherin benötigt? Wie soll das gehen in der Schriftsprache? In der Sprache der Gesetze und Verordnungen ist kein Platz für Gefühlsäusserungen, völlig unmöglich, das geht schon rein technisch und vom Vokabular her nur auf Schwyzerdüütsch.

    Der Tagi schreibt:

    Während SP und Grüne sich hinter die zügige Förderung der Standardsprache stellen, um einen «zweiten Pisa-Schock» zu vermeiden (…)
    Für Hochdeutsch im Kindergarten spreche, dass Kinder im Alter von vier Jahren am empfänglichsten fürs Sprachenlernen seien.

    Pisa-Schock? Was wurde denn in dieser Studie in der Schweiz gemessen? Die Kompetenz der Schweizer Schüler in der Schweizerdeutschen Alltagssprache etwa? Oder die Fähigkeit der Jugend, perfekt per SMS auf Schweizerdeutsch zu kommunizieren? Dann wäre das Ergebnis sicher besser ausgefallen. Hier wurden doch Äpfel mit Birnen verglichen. Wer braucht denn schon „Lesekompetenz in der Schriftsprache Deutsch“, wenn Gebrauchsanweisungen auch auf Englisch erhältlich sind?

  • Textaufgaben auf Baseldütsch
  • Wir brauchen kein Hochdeutsch im Kindergarten, unsere Kinder sollen in diesem Alter lieber „richtiges Schwyzerdüütsch“ lernen, das schafft Identität und nebenbei auch Verbundenheit mit dem Kanton Schwyz. Den Ausländerkindern in der Klasse steht es frei, ebenfalls Schwyzerdüütsch zu lernen, wenn sie hier weiter in das Alltagsleben der Schweiz integriert werden wollen. Als Vorbereitung für den Berufsalltag an der Migroskasse, beim Güselwagen fahren oder fürs KV sicherlich unabdingbar. Solides kaufmännisches Rechnen ist hier gefragt, und warum nicht endlich mal ein paar Textaufgaben auf Basel-, Züri- oder St. Gallerdütsch, damit die Vielfalt unserer Heimatidiome gleich mitgelernt wird?

  • Non-verbale Kommunikation ist besser
  • Alternativ bliebe für die nicht integrationswilligen Ausländerkinder ja auch noch das Erlernen von non-verbaler Kommunikation mit Händen und Fäusten Füssen, praktiziert auf dem Spielplatz oder Pausenhof. Man muss ja nicht immer reden, oder? Praktisches Überlebenstraining für den Alltag wäre es allemal. Ein guter Gebärdensprachen-Lehrer oder ein Meister im Kung Fu würde hier auch Abwechslung und Bewegung in den Chindsgi-Alltag bringen.

  • Lieber Englisch als Hochdeutsch
  • Wer will schon höher hinaus? Wer braucht schon die Matura? Wenn die Universitäten und Spitäler in der Schweiz nur von Deutschen Professoren geleitet werden, hat doch eh niemand Lust, dort studieren oder arbeiten zu wollen. Sollen die ruhig unter sich bleiben. In der öffentlichen Kommunikation mit Gästen aus dem Ausland bevorzugen wir Englisch, das hat sich auch als „lingua franca“ mit unseren Freunden aus der Westschweiz erwiesen. Da gibt es nichts auf Hochdeutsch, was nicht auch wunderbar auf Englisch ausgedrückt werden könnte: „Next stop: Zurich main station.. we wish you a pleasant journey“. Unsere Besucher aus dem Norden können auch alle Englisch, wie wir jetzt während der Fifa-WM täglich beobachten durften. Dann sollen sie diese Sprache bei uns gleich weitersprechen. No need for High-German at all!

  • Täglich eine Seite aus dem Idiotikon vorlesen
  • Wie sollen unsere Kinder später den Meteo-Wetterbericht im Schweizer Fernsehen verstehen, wenn sie nicht schon mit vier Jahren im Kindergarten systematisch in die Fachsprache der Wetterkunde auf Schwyzerdütsch eingeführt werden? Die Gestaltungsmöglichkeiten und die Vielfalt der Dialekte ist hier besonders ausgeprägt, sie muss aber auch frühzeitig gelernt werden, sonst geht uns ein Stück Kultur verloren. Wir hätten dazu einen Vorschlag: Anstatt in die Hochdeutsch Verbildung -Fortbildung der Kindergarten-Erzieherinnen zu investieren, sollte man lieber die ersten vierzehn publizierten Bände des Schweizer Idiotikons für jeden Kindergarten anschaffen, um daraus täglich eine Seite den Kindern vorzulesen. Nur so kann der Sprachschatz und die Variantenvielfalt der Schweizer Sprache auf Dauer in den Köpfen der Jugend bewahrt bleiben. Genialer Plan, nicht wahr? Wir sind da ganz zuversichtlich, dass das auf Dauer mehr Wirkung zeigt als „Hochdeutsch im Kindergarten“. Dem Idiotikon wird auch eine stark sedative Wirkungen zugesprochen. Ideal, um eine Gruppe von aufgedrehten Chindsgi-Kindern nach ausgelassenem Spiel wieder ruhig zu stimmen. So ruhig, dass sie unmerklich wie beim Superlearning im Halbschlaf ihr Vokabular vergrössern, noch bevor die Erzieherin beim Buchstaben B angekommen ist.

    Fräuleinbesuch aus Hamburg zu Gast in Winterthur

    Juli 9th, 2006
  • Fräuleinbesuch in Winthi
  • Man eh (=Manet), wat is dat denn fünne Tussie?
    Nana, du wirst doch wohl dieses Fräulein aus Hamburg kennen, oder?

    Zur Zeit hängen im Zürcher Unterland an vielen Orten Plakate, die bekannte Damen zeigen.
    Manets Nana
    Foto Manets Nana
    (Quelle Kunsthalle Hamburg)

    Wir erkennen ein hübsches Mädchen im Unterrock, weitere Kleider liegen bereit zum Anziehen vor ihr auf einem Hocker. Offensichtlich schminkt sie sich gerade, denn sie steht vor einem Spiegel mit praktischer Kerzenbeleuchtung auf einem hohen Ständer, ähnlich einem Notenständer mit drei Beinen. Im Hintergrund sehen wir eine im japanischen Stil bemalte Tapete, auf der wir einen Ibis an einem Teich entdecken. Das Blau des Korsetts wiederholt sich in den blauen Strümpfen und im Blau des gemalten Teichs im Hintergrund. Ein netter Gag, dieses „Bild im Bild“, wurde von den Surrealisten wie Dali und Magritte später noch verfeinert.

  • Was macht der Herr da in dem Bild?
  • So weit, so hübsch. Was soll an diesem Gemälde so besonders sein? Die wahre Bedeutung dieser adretten Szene entdecken wir am rechten Bildrand. Dort sitzt ein Herr, mit Frack und Zylinder, für den Ausgang bereit, auf einem Sofa, halb angeschnitten, und schaut dem Mädchen zu. Und jetzt erst wird deutlich, um was es hier eigentlich geht: Es ist ihr Freier, ihr Geliebter, und er hält sie aus, denn sie ist eine Courtisane, wir dürfen heute auch „Kurtisane“ schreiben, und lebt von ihrem Gönner. Eine Professionelle, wenn Sie so wollen.

  • Wie kommt die Nana nach Winthi?
  • Das Gemälde ist von Eduard Manet, dem „Vater der Impressionisten“, und hängt für gewöhnlich in der Kunsthalle in Hamburg. Zur Zeit ist es in Winterthur im Museum Oskar Reinhart zu sehen, noch bis zum 28. Januar 2007. Die Winterthurer haben ihre „Kreidefelsen auf Rügen“ an eine Caspar David Friedrich Ausstellung nach Hamburg ausgeliehen, dafür war eine gleichwertige Gegenleihgabe fällig. Darum also nun die Werbung auf den Strassen der prüden und calvinistischen Schweiz mit der Zurschaustellung einer Prostituierten.

    Die Nanas auf der Winterthurer Strasse
    Hier auf der Strasse nach Winterthur vorne rechts die Nana, und dahinter noch eine Dame in Hellblau, mit weisser Schrift und grünem Hintergrund.

  • Où sont les nanas?
  • Manet nennt das Gemälde „Nana“, und dieses Wort ist heute noch üblich in Frankreich als jugendsprachlicher Ausdruck für „Mädchen, Chicks, Tussie“. Der Name erinnert uns an die Figur der „Nana“ in Romane von Manets Freund Emile Zola:

    Die Bezeichnung Nana war gebräuchlich unter den demoiselles und scheint daher nicht unbedingt auf Emile Zolas bekannten Roman „Nana“ zurückzugehen, zumal dieser erst seit dem 16. Oktober 1879 im Feuilleton der Zeitschrift „Le Voltaire“ publiziert wurde, als Manet mit seinem Gemälde bereits riesige Skandale provoziert hatte. Allerdings erschien Zolas Roman „L’assommoir“ [Deutsch: „Der Totschläger“, der Name einer Kneipe in Paris] aus dem Zyklus „Les Rougon-Macquart“, in dem Nana bereits eine Nebenrolle spielt, in Fortsetzungen in der Wochenzeitschrift „République des lettres“ zwischen Juli 1876 und Januar 1877. Die Nana betreffenden Kapitel wurden im November 1876 veröffentlicht, gerade als Manet an seinem Bild arbeitete. Man darf daher wohl von gegenseitiger Inspiration sprechen und nicht von Abhängigkeit, waren doch die beiden gut befreundet.
    (Quelle: Museum Oskar Reinhart)

    Wir lieben dieses Werk, es gehört sicherlich zu den 20 berühmtesten Gemälden der Welt, und wir würden wieder nach Hamburg reisen, um es zu sehen. Doch jetzt ist es in Winterthur! Also nichts wie hin!

    Die dazugehörigen Romane von Emile Zola, „Der Totschläger“ und „Nana“ sind übrigens auch heute noch auf Französisch oder auf Deutsch als Taschenbuch erhältlich und wunderbar spannend zu lesen.

    Zum Schluss für die Kunstfans noch weitere Details zu diesem Bild. Sie müssen das nicht mehr lesen, aber sie sollten, wenn Sie in der nächsten Zeit zufällig in der Nähe von Winterthur sind, unbedingt das Original dort anschauen gehen!

    Für dieses skandalumwitterte, 1877 datierte Gemälde, welches eine Szene aus dem zeitgenössischen Pariser Leben zeigt, stand Henriette Hauser, eine junge Schauspielerin, Modell. Als Schwester von Victorine teilte sie deren Reputation als demoiselle de galanterie. Sie war soubrette, Geliebte des prince d’Orange, der ihr den Übernamen „Citron“ verlieh, und eifrige Besucherin des „Tortoni“ in Paris. Manet, der Henriette Hauser wohl im Salon der von ihm kurz zuvor porträtierten Schauspielerin Nina de Callias kennen gelernt hatte, begann die Arbeiten am Gemälde im Herbst 1876 mit zahllosen Sitzungen, die sich den ganzen Winter hinzogen. Manet musste sein Atelier gut heizen, so dass Henriette déshabillé Modell stehen konnte. Zusätzlich hatte er einen Winkel im Atelier in ein boudoir verwandelt, etwa mit einer Konsole im Stil Louis XV, mit einer Blumenvase sowie entsprechendem Mobiliar. Die mit Blumen und Ibis geschmückte japanische Tapete im Hintergrund findet sich auch auf weiteren Werken Manets jener Zeit, etwa im „Bildnis Nina de Callias“ und im „Bildnis Stéphane Mallarmé“ (beide Paris, Musée d’Orsay). Der erwartungsvoll musternde Herr rechts mit seinem Zylinder und dem Spazierstöckchen in den Händen lässt keinen Zweifel über Ort und Handlung dieser Szene sowie über seine Absichten offen. Er wurde schon wiederholt als eine Art Vorgänger von Emile Zolas Comte Muffat bezeichnet, dem in Zolas Roman die Rolle eines Nana völlig verfallenen Gönners zukommt. Mit der magischen Verführungskraft ihres Körpers hat sie sich zwar in der korrumpierten Gesellschaft des zweiten Kaiserreiches einen Platz erobert, ohne indes von dieser akzeptiert zu werden.
    (Quelle)

    Informationen zu Öffnungszeiten etc. finden Sie hier: museumoskarreinhart.ch

    Und Obacht! Das ist nicht die Nana, auch wenn die beiden Damen nah beieinander stehen.
    Nicht Nana sonder Gut

    Wohnen in der Schweiz — Beim Auszug brauchen Sie eine gute Haftpflichtversicherung

    Juli 8th, 2006
  • Zügelmänner aus dem Deutschen
  • Wir hatten schon früher darüber berichtet, dass die Schweizer nicht gern „umziehen“, sondern lieber „zügeln“ (vgl. Blogwiese ), ganz ohne reflexives „sich“ davor. Die starken Zügelmänner helfen ihnen dabei, vorausgesetzt, sie verdienen auch genug und können sich die Dienstleistung eines Zügelunternehmens wirklich leisten. Die sind nämlich schweineteuer, wegen — Sie wissen schon — hohes Lohnniveau und Top-Qualität der Arbeitsleistung in der Schweiz und so. Im grenznahen Gebiet, also bis weit in den Kanton Zürich, Aargau, Thurgau hinein, sind auch jede Menge Umzugsunternehmer aus „dem Deutschen“ unterwegs.

  • Die drei grossen Umzugstermine in der Schweiz
  • Die Schweizer ziehen nicht oft um, genauer gesagt nur an drei Stichtagen im Jahr. Zum 1. Januar, zum 1. April und zum 1. Oktober. Nur jeweils zu Beginn eines Quartals ist in vielen Mietverhältnissen eine Kündigung regulär möglich. Warum nicht auch im Juli? Nun, da haben die Hausverwaltungen meistens Urlaub und es ist eh viel zu heiss für eine Wohnungsabnahme mit Protokoll schreiben etc.

    In Deutschland übernehmen Sie beim Einzug eine Wohnung entweder frisch renoviert oder in einem „abgewohnten“ Zustand. Ist sie frisch renoviert worden, dann müssen Sie vor dem Auszug dafür sorgen, dass die Wohnung genauso aussieht wie sie übernommen wurde. Das können Sie selbst übernehmen, oder einen Fachmann beauftragen, der nicht einfach zu bekommen ist, sofern sie jemand günstigen suchen, trotz hoher Arbeitslosigkeit.

  • Marktnische „Wohnungen renovieren“?
  • Tapezierer und Maler, die auf freiberuflicher Basis in Deutschland versuchen, diese Marktlücke zu schliessen, müssen sich davor hüten, allzu stark durch Werbung und Anzeigen auf sich aufmerksam zu machen. Bislang kam es schnell zu einer Abmahnung durch die zuständige Handwerkskammer oder Innung. Einfach eine Dienstleistung wie Malerarbeiten anbieten, ohne dafür einen Meisterbrief zu besitzen, geht nämlich nicht in Deutschland. Trotz „Ich-AG“ und Suche nach alternativen Dienstleistungsmodellen. Die Ich-AG ist mittlerweile schon wieder Geschichte.

  • Keine Tapeten in der Schweiz?
  • Übernehmen Sie die Wohnung hingegen ohne Renovierung, dann können Sie tun und lassen, wozu Sie Lust haben: Nochmals streichen oder sogar tapezieren. Tapeten scheint man in der Schweiz nicht zu kennen, wir haben jedenfalls in diversen Mietwohnungen noch keine gesehen. Immer nur Rauputz statt Raufaser. Aber vielleicht waren wir noch einfach noch nicht in einer genügend grossen Anzahl von Wohnungen? Wir kommen ja kaum nach mit den Besichtigungstermine, bei der horrend hohen Zahl an Einladungen von Privatpersonen, die man als Zugezogener in der Schweiz täglich beantworten muss. Falls Sie als Deutscher zugezogen sind, können Sie Ihren Tapetentisch und den Quast für den Kleister gleich in den Keller räumen beim Einzug, Sie werden ihn nicht brauchen.

  • Das Land der Liegenschaftsverwaltungen
  • In der Schweiz ist häufig eine Haus- oder Liegenschaftsverwaltung, die den Eigentümer vor den Mietern vertritt, dafür verantwortlich, dass die Wohnung bei der Übergabe in perfektem Zustand ist. Wenn Sie wieder ausziehen nach ein paar Jahren, müssen sie lediglich für grosse Schäden wie Löcher in der Wand, Einbau eines Whirlpools im Wohnzimmer, eines Hundezwingers für den Deutschen Schäferhund im Kinderzimmer etc, aufkommen. Denn dafür können Sie haftbar gemacht werden. Darum ist eine Haftpflichtversicherung ein guter Schutz. Mieterschutzverbände bieten für wenig Geld pro Jahr diese Leistung zusätzlich an.

  • Warum gibt es so viele Wohnungen in der Schweiz?
  • In der Schweiz gibt es das System der Pensionskassen, die irgendwo hin müssen mit den vielen angesparten Geldern für die Altersvorsorge. Da ist jede Menge Kapital vorhanden, das zugleich sicher und Gewinn bringend angelegt werden muss. Diese Pensionskassen investieren gern in Wohnungen, welche erst nach 1-2 Jahren Leerstand wirklich Gewinne abzuwerfen brauchen. Darum wird gebaut wie verrückt, obwohl schon an vielen Orten ein hoher Leerstand zu verzeichnen ist. Was heisst „hoher Leerstand“? Vielleicht 400 Wohnungen in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern? Für deutsche Zuzügler aus den überfüllten Städten wie Stuttgart, München oder Frankfurt sind das traumhafte Zustände. In Stuttgart heissen diese Menschen übrigens „Neigschmeckte“. So heissen sie auch noch, wenn sie in der dritten Generation dort leben.

    Die Zahl der freien Wohnungen nimmt in konzentrischen Kreisen um Zentren wie Zürich, Bern oder Basel zu. Faustregel hierbei: Mit jeder Minute Fahrzeit weiter weg von der Innenstadt nimmt das Wohnungsangebot an bezahlbaren Wohnungen zu, und steigen gleichzeitig die Abo-Kosten für das Monatsbillet der SBB.

  • Kaution geschenkt oder 1-2 Monate umsonst wohnen
  • Durch das momentane Überangebot an Wohnungen reagiert der Markt mit aggressiven Massnahmen auf die geringe Zahl der Wohnungssuchenden. Zum Teil wird Neumietern sogar die Kaution geschenkt, wenn sie mindestens für zwei Jahre einen Vertrag eingehen, oder sie können 1-2 Monate vor dem eigentlichen Vertragsbeginn in die neue Wohnung einziehen

  • Miete per Einzahlungsschein bezahlen
  • Ungewohnt für Deutsche ist es, dass man nicht gleich mit dem Mietvertrag eine Einzugsermächtigung für den „Mietzins“ unterschreiben muss. Man bekommt dafür von der Verwaltung einen Stapel rosa Einzahlungsscheine in die Hand gedrückt, mit denen dies ein Mal pro Monat auf der Post eingezahlt werden kann. Oder Sie füllen einen virtuellen rosa Einzahlungsschein im Internet aus. Dauerauftrag oder Einzugsermächtigung sind zwar möglich aber eher unüblich bei den Schweizern. Sie kontrollieren gern selbst, wohin das Geld jeden Monat fliesst. Ein typischer Deutscher lässt Strom, Wasser, Miete, Telefon, Lebensversicherung etc. alles automatisch abbuchen. Das ist so üblich in Deutschland. Für das richtige „Schweiz-Feeling“ reiht man sich am Monatsende ein in die Schlange der Wartenden bei der Post (vgl. Blogwiese)

    Wollen wir abmachen? — Fürs Rendezvous braucht der Schweizer kein Werkzeug

    Juli 7th, 2006
  • Wenn die Schweizer etwas abmachen
  • Manche Formulierungen der Schweizer sind für uns in den letzten Jahren völlig normal geworden, auch wenn wir sie immer noch nicht aktiv verwenden würden. Dazu zählt sicherlich die Angewohnheit, ständig etwas abmachen zu wollen. Wir denken da nach wie vor an Schraubendreher und anderes Werkzeug, mit dem man was los machen kann, denn das ist für uns abmachen. Etwas lösen.

    Der Duden meint dazu

    abmachen (sw. V.; hat):
    1. (ugs.) von etwas loslösen und entfernen:

    den Rost abmachen.; das Schild [von der Tür] abmachen.;
    Übertragung: das mach dir man ab, Vater! Schnaps kriegst du nie mehr (Berlin.; das schlag dir aus dem Kopf!; Fallada, Jeder 327).
    (Quelle: duden.de)

    Abmachen tun wir grundsätzlich sehr gern, denn wir sind gern, wenn irgendwo was los ist. Die Deutschen verwenden das praktische Verb freilich auch im Sinne von „vereinbaren“, dann aber nur in der 2. Partizip Form. Das ist die mit dem „ge“ dazwischen:

    2.
    a) vereinbaren:
    einen neuen Termin, eine dreimonatige Kündigungsfrist abmachen; wir hatten abgemacht, dass jeder die Hälfte zahlen soll; es war zwischen ihnen noch nichts abgemacht worden; (häufig im 2. Part.) (bekräftigend, zustimmend in Bezug auf den Abschluss einer Vereinbarung:) abgemacht!;

  • Am Abmachen erkennen Sie den Schweizer
  • Während die Deutschen nur eine „Abmachung treffen“, wenn es sehr förmlich zugeht, treffen sich die Schweizer, wenn sie was abmachen. Das „was“ ist dabei absolut unwichtig, denn es geht auch ganz direkt und zwanglos in der Schweiz. Die Frage: „Wollen wir abmachen“ ist eine durchaus akzeptierte Form des Anbändelns:
    In Schweizer Internet-Foren findet man das mit schöner Regelmässigkeit:

    Bike Treff/Tour in Luzern

    @ Kyle
    Wann und wo wollen wir abmachen?
    (Quelle: traildevis.ch/forum)

    Spielst Du auch Tennis?
    Wollen wir abmachen?
    (Quelle: fcbforum.ch)

    Wenn Sie diesen Satz in einem ansonsten recht anonymen Forum lesen, dann können Sie sicher sein, dass der Schreiber oder die Schreiberin Schweizer(in) ist. Deutsche würden eher fragen: „Wollen wir uns treffen?“ oder „Hast Du Lust auf ein Bier“, „Gehen wir Tauben vergiften im Park?“, ach nee, das war ja der Wiener Georg Kreisler, der das bei den Wienern populär machte.

    Der Fahrkartenschalter für die Dienstboten im Zürcher Hauptbahnhof

    Juli 6th, 2006
  • Fahrkartenschalter für Hausangestellte
  • Wir wollten uns eine „Fahrkarte“ kaufen am Zürcher Hauptbahnhof, obwohl wir wissen dass diese Karte nirgendwohin fahren kann und hier „Billet“ genannt wird, denn die Eisenbahn-Fachsprache in der Schweiz ist Französisch, das erklärt ihnen jeder „Kondukteur“ der SBB gern ausführlich.

    Also suchten wir die „Schalterhalle“ auf. „Le hall de commutateur“ schlägt WorldLingo dafür vor. Erstaunlich, was unsere Online-Übersetzung im 21. Jahrhundert in Sekundenbruchteilen alles für einen Mist zu produzieren vermag. „La salle des guichets“ wäre richtiger. Viele „commutateurs“ waren geschlossen, und bei einigen sahen wir diese Anzeige:
    Schweiz Domestic Schalter

    Interessant! Die Schweiz hat also das Dienstbotenwesen noch nicht abgeschafft, und in der Mehrklassengesellschaft gibt es nach wie vor Fahrkartenschalter speziell für Schweizer Domestiken. Denn wir erfahren aus unserem Duden:

    Domestik, der; -en, -en [frz. domestique, zu lat. domesticus = zum Hause gehörend, zu: domus = Haus]:
    1. (veraltend, heute meist abwertend) Dienstbote:
    Ein Hausangestellter, ein Domestik, ein junger Mann vom Gesinde tritt bei mir ein (Th. Mann, Krull 202); Araminte ist Witwe und schön, Dubois nichts weniger als ein fressgieriger, rüpelhafter Domestik aus dem Geschlecht der … Hausknechte (Rolf Schneider, November 191).
    (Quelle: duden.de)

    War uns noch gar nicht aufgefallen, dass im bürgerlich-liberalen Zürich nach wie vor viele Dienstboten leben und arbeiten, und ausserdem gern mit dem Zug fahren. Das sind dann wahrscheinlich die, die hier ständig „Ausgang“ haben und dann „im Ausgang“ sind, wenn man sie am Wochenende fragt, was sie so vorhaben. (vgl. Blogwiese)

    Alles Quatsch! Es ist eine Sonderaktion für verspätete Teilnehmer der Tour de France, die gerade in Frankreich läuft, denn das Wort „Domestik“ hat noch eine zweite Bedeutung laut Duden:

    2. Radrennfahrer, der als Mitglied einer Mannschaft in erster Linie für den Sieg des erklärten Spitzenfahrers fährt und. ihm Hilfsdienste leistet: Das härteste Radrennen der Welt … kennt nicht nur Stars, auch die Helfer und Domestiken, die auf der mörderischen Strecke die Dreckarbeit verrichten, sind nicht vergessen (Saarbr. Zeitung 9. 7. 80, 6).

    Doch halt, das Wort über dem Schalter schreibt sich gar nicht mit „k“ am Ende, sondern mit „c“. Es ist wohlmöglich Englisch? Ich frage meinen Nebenmann, und wie der Zufall es so will, es ist ein Engländer und er kommt aus London. Auch er hat keine Ahnung, was „domestic“ hier am Schalter zu suchen haben könnte. Mit dem Haushaltsreiniger „Domestos“ wird es bestimmt auch nichts zu tun haben.

  • Von Kanton zu Kanton, ist das wirklich „innerstaatlich“?
  • Wir geben nicht auf und schlagen das Wort bei Leo.org, dem genialen Online Wörterbuch der TU-München, nach:
    domestic adj. einheimisch
    Ob hier nur Einheimische Fahrkarten kaufen dürfen?

    domestic adj. häuslich
    Ob die Schweiz hier ganz häuslich erscheint?

    domestic adj. innerstaatlich
    Sie glauben gar nicht, wie schnell so Kantonsgrenzen als Staatsgrenzen angesehen werden! Wir kennen uns da aus, mit Freistaat Bayern etc.

    domestic der Dienstbote
    domestic der Domestik
    Hatte ich es nicht gesagt?

    domestic adj. inländisch
    Das muss es sein: Fahrkarten für den Inlandsverkehr!

    Von Dominas etc. fangen wir jetzt gar nicht erst an. Beruhigt hat uns die Unwissenheit des Engländers neben uns. Auch er dachte mehr an Dienstboten als ans Binnengrenzen. Vielleicht sollte die Schweizer Bundesbahn doch lieber bei der „Französischen“ Eisenbahnsprache bleiben? Aber wie so oft wurde hier „domestic“ gewählt, um sich in der „Weltstadt Zürich“ die Übersetzungen auf Französisch, Italienisch und Rumansch sparen zu können. Wir hätten noch eine Vorschlag für den Schalter: „INLAND“ ist fast Englisch, und wird sicher auch von anderen verstanden. Nur wie schreibt man das jetzt eigentlich auf Züridütsch?