Das Deutsche Fanmobil in Zürich — Selbstversuch Ein-Auto-Korso

Juli 5th, 2006
  • Dichtung und Wahrheit zum Fanmobil
  • Am Dienstag vor dem Spiel Deutschland-Italien wollten sich gleich beide Pendlerzeitungen der Schweiz, 20minuten und HEUTE, bei uns nach unseren Erlebnissen als Deutsche in der Schweiz erkundigen.

    20minuten-Online machte dann ein Telefon-Interview mit mir, das Ergebnis mitsamt einer hübschen Umfrage findet sich hier: 20min.ch.
    Von der HEUTE-Redaktion hörten wir dann nichts mehr, die wurden wohl am Mittag von ihrer Deadline „Redaktionsschluss“ eingeholt, bevor es zum Interview kam.

    Nur leider gingen in der Hektik ein paar Fakten durcheinander. Darum hier noch mal ein bisschen „Dichtung und Wahrheit zum Fanmobil“.

    Mit dem Deutschen Fanmobil unterwegs

  • Wahrheit
  • Fakt ist, dass wir nach dem Spiel Deutschland-Schweden mit kleinem Flaggenschmuck und aus dem Fenster gehaltener Fahne, dezent hupend in Zürich den Hirschengraben, später Seilergraben bergab in Richtung Central fuhren und dabei in eine Polizeikontrolle gerieten. Vor uns blockierte ein angehaltenes Fahrzeug nicht ungefährlich die Strasse, die Insassen wurden gerade kontrolliert. Ein Polizist kam zu unserem Auto, riss meiner Frau die Fahne aus der Hand, mit der Begründung, sie können sich ja damit verletzen, sogar den Finger abreissen, wenn sie den in die kleine Metallöse stecken würde (was sie natürlich aus genau diesem Grund nicht getan hatte). Als sie ihn fragte: „Haben Sie sich denn gestern über den Sieg der Schweiz nicht auch gefreut“ gab er ihr mit grimmigen Gesicht die Fahne zurück.

  • Hörensagen
  • Wir bekamen später erzählt, können aber keinen Beleg aus dem Tagi oder der NZZ etc. finden, dass in Zürich Tage später Italienische Fans wegen Korsofahrens mit Flagge und Gefährdung der Allgemeinheit bestraft worden sind. Wie das so ist in der Schweiz: Sie mussten es richtig büssen!

    Es wurde auch berichtet von einem Deutschen Uni-Professor im Audi, der allein über die Langstrasse in Zürich einen Korso fuhr. Fotos oder Details davon haben wir nicht gesehen oder gelesen.

  • Reaktion der Menschen am Strassenrand
  • In Zürich, im Unterland, vor allem im Bülach, wo wir dann unseren „Ein-Auto-Korso“ fuhren, gab es zahlreiche Passanten, Menschen am Strassenrand, Jung wie Alt, die uns mit lautem Gebuhe und „Daumen nach Unten“ Geste zu verstehen gaben, wie sehr sie Deutschland moralisch unterstützten.

  • Gefährliche Autofahrer
  • Auf der Flughafenautobahn und später ein zweites Mal auf einer Durchgangsstrasse in Bülach kam es zu zwei gefährlichen Manövern zweier Autofahrer, die uns beim Überholen schnitten, gefährlich abdrängten und mit unverständlichem Gebrüll aus dem Fenster zu verstehen gaben, wie sehr sie Schwarz-Rot-Gold mochten. Daraufhin haben wir unseren Selbstversuch eingestellt.

  • Zwei weitere Deutsche gesichtet
  • Unser Beispiel scheint dennoch Nachahmer zu finden, denn heute sahen wir auf einem grossen Parkplatz bei einem Schweizer Supermarkt zwei weitere Schweizer Autos mit Deutschen Flaggen geschmückt.

    Wir sind zum Spiel Italien-Deutschland nicht mehr zum Sechseläuten-Platz gefahren. Nicht, weil uns die Stimmung dort beim letzten Mal nicht gefallen hat, im Gegenteil, es war richtig klasse, aber wir brauchen uns den Stress einfach nicht noch mal antun. Freuen oder traurig sein, dass geht auch ganz prima alleine daheim.

    Wer wird gewinnen, Deutschland oder Italien?
    Ganz egal, wer am Dienstag gewinnt, wir hoffen es wird ein faires Spiel und es gibt einen verdienten Sieger. Vielleicht diesmal ohne Schiedsrichter Fehlentscheidungen und ohne Mord-und-Totschlag auf dem Feld. Wir hatten bisher grossen Spass an der WM, und die Italiener sicherlich auch. Das Fest in Deutschland geht weiter, so oder so.

  • Und wen wünschen sich die pragmatischen Schweizer als Sieger?
  • Die Meinung eines Lesers aus der Westschweiz:

    Nicht dass ich besonders für die deutsche Nationalelf wäre, dafür verstehe ich zu wenig von Fussball. Ich bin ganz einfach gegen latino-typische Hupkonzerte, besonders da ich morgen um 05.00 Uhr wieder an der Arbeit sein muss, und dies natürlich möglichst ausgeschlafen. Der deutsche Autokorso wird hier in der Westschweiz sicher auch viel diskreter als der eventuelle italienische. Immerhin darf man es sich in der Romandie als „politisch korrekt“ leisten, für Deutschland sein. In der Deutschschweiz, wie es auch in 20Minuten steht, natürlich nicht. Kürzlich sind mir in einem Einkaufszentrum prominent platziert Deutschland-Schals aufgefallen. Frankreich-Fahnen sehe ich hier fast keine.

    Allen Lesern weiterhin viel Spass bei der WM! Wir hatten in bisher und wollen ihn auch weiterhin haben.

    Deutscher Gartensitzplatz im Unterland
    (Foto: Deutscher Gartensitzplatz im Zürcher Unterland)

    P.S.: Ein grandioses Spiel, eine absolute Top-Leistung der Italiener in den letzten 3 Minuten. Bravo! Fast haben wir Lust, jetzt Auto-Korso für Italien zu fahren, aber das übernehmen jetzt unsere Schweizer Freunde für uns. Und alle, die jetzt schon im Bett sind in der Schweiz, werden gleich wissen, wer gewonnen hat. Die Party in Dortmund wird deswegen bestimmt nicht abgesagt. Dortmund feiert die Geschlagenen. Glückwunsch an die Italiener!

    Suchen Sie Streit? Gehen Sie in einen Lämpen-Laden!

    Juli 4th, 2006
  • Lämpen haben in der Schweiz
  • Eine Lampe ist eine prima Sache. Mit ihr kann man zum Beispiel im Dunkeln lesen, oder den Weg zum Kühlschrank finden, ohne sich das Knie an der Tischkante anzustossen. Mehr als eine Lampe sind „Lampen“, und dann gibt es da noch die „Lämpen“, die die Schweizer mitunter haben, aber auf die keiner so richtig scharf ist.

    Unser Variantenwörterbuch meint dazu:

    Lämpen CH die; nur Plur.: „Auseinandersetzungen, Streitereien“: Ich bezahl auch sofort, will keine Lämpen mit Franz (Durschei, Meldegg 148)

    Der altmodische Duden kennt das Wort mit einer ganz anderen Bedeutung:

    Lämpen, der; -s, – [spätmhd. lempe = Stück Fleisch]
    (schweiz.): Doppelkinn.

    Wie kommen wir vom Doppelkinn zu den Streitereien? Sind es die vielen Streitereien, die das Doppelkinn entstehen lassen?

    Lämpen fanden sich auch im Tages-Anzeiger vom 30. September 2004

    Lämpen mit Laax
    Südschneiser und Laaxer Skitourismusleute sind wegen eines ironischen Plakatplagiats aneinander geraten.
    (Quelle: )

    Oder im Kleinreport.ch

    Wieder Lämpen zwischen Teleclub und Cablecom
    Neue Runde im mehrjährigen Seilziehen zwischen dem Kabelnetzbetreiber Cablecom und der Pay-TV-Firma Teleclub
    (Quelle: kleinreport.ch)

    Sogar die NZZ, sonst immer betont bemüht, ohne Helvetismen auszukommen, verwendet in einem NZZ-Folio Interview diese Formulierung

    Ich will friedlich leben und mit niemandem Lämpen haben. Ich bin nicht unglücklich, wenn es mit meinem Leben so weitergeht.»
    (Quelle: nzz.ch)

    Kompliziert wird es bei Grimm

    schweiz. lampen hängen, welken, sich schlaff bewegen STALDER 2, 154;
    in Appenzell lampa schlaff herabhängen TOBLER 290b;
    auch hess. lampen nachlassen, nachlässig sein VILMAR 235; (…)
    schweiz. lämpi liederlicher, nachlässiger mensch, der lämpen der lappen, abgerissenes stück von einem ganzen, wampe beim rindvieh;
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

  • Lämpe nicht mit Meister Lampe
  • In der Tierwelt ist „Meister Lampe“ ein anderes Wort für einen Hasen, denn dessen Stummelschwanz leuchtet so schön im Dunkel, wenn er davon hoppelt, ganz ohne „Lämpe“ zu machen. Falsch, die „Lampe“ ist eine Kurzform von „Lamprecht“, denn so wurde der Hase in Fabeln und Märchen genannt: Meister Lampe[recht]

  • Lehrer Lempel kann auch Stress machen.
  • Der Lehrer Lempel, von Wilhelm Busch, war nicht so fürs Streiten bekannt, sondern mehr für seine einfühlsamen pädagogischen Umgangsformen.
    Lehrer Lempel von Busch

  • Kommen wir giessen einen auf die Lampe
  • Im Norden kann sich dann noch „einen auf die Lampe giessen“, sprich: etwas Alkoholisches trinken, was allerdings nicht wörtlich gemeint ist.

    „Die Wendung geht auf den Gebrauch von Öllampen zurück. „Öl auf die Lampe giessen“ heisst soviel wie „Öl nachfüllen“.
    (Quelle: Duden Redensarten)

    So schlimm geht es uns ja wohl hoffentlich nicht, dass wir jetzt gleich Spiritus oder Duftöl saufen müssen. Jetzt fängt das Thema an, nach „Lampe zu riechen“. Auch eine hübsche Redewendung, wenn etwas „gequält, gewollt wirkt; die Anstrengung erkennen lässt“.
    Die Wendung bezieht sich darauf, dass mühsames Arbeiten sich bis spät in die Nacht hinzieht, dass man also lange die Lampe brennen lassen muss. Darum jetzt nix wie „Lampe löschen“! Und keine Lämpe deswegen!

    Was die Geiss nicht alles so wegschleckt — Als Urs Meier Deutschland sprachlich bereicherte

    Juli 3rd, 2006
  • Eine Geiss ist eine Ziege
  • Sie kennen alle noch unseren Freund „Geissenpeter“ aus Hamburg? In Deutschland müsste er sich „Ziegenpeter“ nennen, denn das Wort „Geiss“ bedeutet in der Schweiz „Ziege“, während es im Standarddeutschen nur als „weibliches Tier bei Gams-, Stein- und Rehwild“ vorkommt. (Quelle: DeGruyter Variantenwörterbuch, S. 384). Doch „Ziegenpeter“ ist eine ziemlich blöde Kinderkrankheit, auch als „Mumps“ bekannt und wer will schon heissen wie eine Krankheit, drum nennt er sich halt „Geissenpeter. In der japanischen Trickfilmversion von Johanna Spyris Heidi wurde tatsächlich der Name übersetzt zu „Ziegenpeter“.
    Die Geiss ist eine Ziege
    (Quelle Foto: sgk.org)

  • Das schleckt keine Geiss weg
  • Google-Schweiz weisst 442 Funde auf. Ohne diese hübsche Redewendung sind Sie absolut aufgeschmissen in der Schweiz, denn sie findet sich sehr häufig, auch in der ehrwürdigen Neuen Zürcher Zeitung:

    Obwohl die Finanzhilfen für die Substanzerhaltung im Infrastrukturbereich (200 Mio. Fr.) angeblich einen hohen Technologiegehalt zulassen, schleckt keine Geiss weg, dass das Bauhauptgewerbe im Visier der Massnahmen steht.
    (Quelle: Kantonsrat.zh)

    In Deutschland hingegen gab es nur 35 Stellen mit dieser Formulierung. Das war vor Urs Meier, jetzt sind es 10 Stellen mehr, wegen Urs Meier.

  • Als Urs Meier den Deutschen etwas beibrachte
  • Aber dann war da dieser denkwürdige Abend im ZDF-Studio, als der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier gefragt wurde, ob es sich bei einer umstrittenen Szene in der ersten Spielhälfte Argentinien gegen Mexiko tatsächlich um ein Abseits gehandelt habe: „Dass es kein Offside war, das schleckt keine Geiss weg.“

    Was dann folgte, beschreibt der Tages-Anzeiger vor dem Spiel der Schweizer gegen die Ukraine, wie folgt:

    Konsternation erst und dann, nach der Klärung dieses Steilpasses, lautes Lachen im deutschen WM-Studio und auf allen Grossbildschirmen der Grossnation. Mit solchen unverständlichen Kommentaren macht Urs Meier unmissverständlich klar, dass die Schweiz einen ernst zu nehmenden Gegner für Deutschland darstellt. Auch das schleckt keine Geiss weg.
    (Quelle: Guido Kalberer im Tages-Anzeiger vom 26.06.06, S. 43)

    Urs Meier sagte diese Redewendung, Johannes B. Kerner schaute verdutzt, fragte zurück „Was hast Du da gerade gesagt“? Urs Meier wiederholte seinen Satz, Johannes B. Kerner versucht noch zu übersetzten „Das leckt keine Ziege auf“, aber es war schon zu spät.

    Und wieder erleben wir live im Fernsehen, wie fatal die Unwissenheit der Deutschen in Bezug auf Schweizerdeutsche Gegenwartssprache ist. Wenn doch Schweizer Fernsehen auch nach Deutschland ausgestrahlt würde, wenn der „Geheimcode Schwiitzerdütsch“ täglich von 80 Millionen Zuschauern empfangen werden könnte, dann würde niemand auch nur mit der Wimper zucken bei einem solchen Satz. Es ist doch eine klasse Redewendung, mit einem wunderbaren inhärenten Binnenreim „schleck-weg“. Was hat das Standarddeutsche da schon Vergleichbares zu bieten?
    „Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“
    oder
    „Da kannst Du Gift drauf nehmen“
    oder
    „Da führt kein Weg dran vorbei“
    Langweilig, wir fangen gleich an zu gähnen.

  • Hat Urs Meier sich oder die Schweizer im ZDF blamiert?
  • Aber nein, wir sehen das ganz locker. Er hat auf wunderbare Weise den Deutschen eine neue Redewendung geschenkt, wenn die bei den Süddeutschen nicht sowieso schon lange bekannt und im Gebrauch ist, denn so eine praktische sprachliche Formulierung macht an Landesgrenzen nicht halt.

  • Schleckstängel und Schleckwaren
  • In der Schweiz ist der Schleckstängel das übliche Wort für den deutschen „Lutscher“, „Dauerlutscher“ oder „Lolli“. Schleckwaren sind daher „Süssigkeiten zum Schlecken“. In Deutschland ist „Schlecker“ eine erfolgreiche Drogeriekette, sozusagen der Aldi der Drogeriebranche, in fast jedem Land Europas vertreten, nur (noch) nicht in der Schweiz.

  • Was alles kein Schleck ist
  • Nur in der Schweiz können sie sagen. „Das ist kein Schleck“ um auszudrücken, dass etwas kein Vergnügen, sondern eine schwierige Angelegenheit ist. Die Redewendung kommt wahrscheinlich vom „Honigschlecken“ oder „Zuckerschlecken“. Diese Varianten des Schlecks sind auch in Deutschland bekannt. Den „Schleck“ ohne alles haben die Schweizer für sich reserviert.

    Ein Volk von Fallenstellern — Fallenmacher unter sich

    Juli 2nd, 2006
  • Nicht in die Falle gehen, sondern eine Falle machen
  • Das Wort „Falle“ hat es den Schweizern „im Fall“ wirklich angetan. Wir berichteten schon ausführlich, was „im Fall“ alles geschehen kann: (vgl. Blogwiese )

    Da entdeckten wir auf dem Blog des Moderators Aeschbacher diesen hübsche Redewendung:

    ps: ich hätt euch gerne ein paar bilder gezeigt von diesem einsatz. aber mir wurde die kamera geklaut und drum müsst ihr euch jetzt einfach vorstellen, welche falle ich als kehrichtlader mache.
    (Quelle aeschbacher.blog)

    Aeschbacher hat einen Tag lang als Müllmann gearbeitet. Der Job heisst in der Schweiz offensichtlich „Kehrrichtlader“. In meiner Kindheit nannte ich diesen Job „Mülltonnenwagenhintendraufsteher“, und selbstverständlich war das ein Traumjob. Hinten am Müllwagen auf dem Trittbrett stehen und cool aus der Wäsche gucken. Ich wurde dann tatsächlich mal Leerer, nicht mit ohne „h“ als Leerer der Mülltonnen, sondern mit mit „h“ als Lehrer für Schüler. Der Job ist aber an sich sehr ähnlich.

    Aeschbacher macht in diesem Zusammenhang eine „Falle“. Und er ist nicht der einzige:

    Als PC-Bildschirm dürfte er höchstwahrscheinlich ebenfalls eine gute Falle machen, ausprobiert hab ich’s nicht.
    (Quelle: digitalsushi)

    Oder hier in einer Filmkritik:

    Lourdes‘ Familie würde in einem Film der Coen-Brüder eine gute Falle machen und ein Prise Sex darf auch nicht fehlen
    (Quelle: outnow.ch)

    Zum Glück kann auch diesmal unser Variantenwörterbuch das Geheimnis lüften, ob die Schweizer ein Volk von Fallenstellern sind:

    [k]eine schlechte Falle machen
    [nicht] schlecht dastehen oder aussehen, [k]einen schlechten Eindruck machen: Für die Zukunft empfiehlt D. der CVP einen Mitte-Rechts-Kurs. In der Europafrage habe man eine schlechte Falle gemacht (Metropol3.5.2001, 2
    (Quelle Variantenwörterbuch S. 230)

    Aber eigentlich sind wir doch enttäuscht. Die Redwendung wird zwar erklärt, dennoch erfahren wir nicht, woher sie kommt.

  • Ich geh in die Falle
  • In meiner Heimat heisst „in die Falle gehen“ auch, dass man sich zu Bett begibt, und nicht, dass man hineingefallen ist. Dafür gibt es nebenbei bemerkt noch ein paar weitere nette Wendungen:
    knacken gehen
    pofen gehen
    auf die zwei Meter gehen (Funker-Jargon, die sprechen über das 2-Meter-Band)
    Matrazenhorchen gehen

  • Geht es hier um Grammatik?
  • Vielleicht hat es ja mit dem Latein oder Schriftdeutsch Unterricht zu tun, wenn es darum geht, Nominativ, Genitiv, Dativ und Akkusativ gut auseinander zu halten und so gute „Fälle“ zu machen. Aber es heisst „Falle machen“ und nicht „Fälle machen“. Oder sind es eigentlich „Felle“, wie Tierfelle, die da gemacht werden? Und es ist ein Überbleibsel aus dem Kürschner-Handwerk.

    „Für einmal“ wissen wir nicht was wir „in dem Fall“ schreiben sollen und schliessen mit Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ Zitat:

    Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

    Sie lieben uns, Sie lieben uns nicht — Über das (kaum) verbesserte Deutschlandbild der Schweizer

    Juli 2nd, 2006
  • Die nette Presse über Deutschland
  • Sagt doch meine Frau zu mir neulich: “Du, im Tagi steht ein ausgesprochen netter Artikel über Deutschland, musst Du mal lesen“.
    Es schrieb Peter Hartmeier unter dem Titel „Neues Deutschland“ im Tages-Anzeiger vom 29.06.06 S. 11

    (…) Niemand konnte aber damals ahnen, was die Deutschen aus dieser Weltmeisterschaft wirklich machen würden: Sie widerlegen sämtliche Vorurteile. Sie zeigen sich als einfühlsame, vorbildliche Gastgeber, weit über den Fussball hinaus. Sie beweisen ihre Fähigkeit, Gästen Raum zu lassen und dennoch Aufmerksamkeit zu geben.

    Ich bin den Tränen nahe vor Rührung. Sie wissen ja schon, wir Deutsche sind im Kern immer sehr gefühlsbetont-romantisch veranlagt und nicht so rational-kartesisch drauf, wie unsere westlichen Nachbarn, die Franzosen.

  • Kondukteure bei der Bundesbahn?
  • Ist das jetzt schon so was wie eine Liebeserklärung eines Schweizers an die Deutschen? Wir lesen weiter:

    Liebenswürdige und hilfsbereite Polizisten, unzähliges jungendliches Hilfspersonal rund um die Stadien, fröhliche Kondukteure in der Deutschen Bundesbahn und lachende Taxichauffeure empfangen die Gäste. Mit wem man spricht, überall begegnet man kultivierten, bescheidenen Gastgebern, die neugierig sind auf ihre Besucher und sich freuen, Menschen aus aller Welt bei sich aufnehmen zu können.

    Dass die „Kondukteure“ sich dort „Schaffner“ nennen, ohne „anschaffen“ zu gehen und sonst was zu schaffen, und dass die „Bundesbahn“ im Jahr 2006 nur noch als „Deutsche Bahn AG“ auftritt und auf das „Bundes“-Attribut keinen gesteigerten Wert mehr legt, darüber sehen wir locker-entspannt hinweg.

  • „Wir lieben Deutschland“, wer sagt das?
  • Dann springt mir plötzlich der Satz „Wir lieben Deutschland“ ins Auge und mein Herz schlägt schneller. Doch halt, so was darf man nicht aus dem Kontext reissen, also erst mal den ganzen Absatz zitieren:

    Die Welt entdeckt ein neues Deutschland. Selbst die englische Boulevardpresse, die sich bisher darin gefiel, mit uralten Klischees aus dem Zweiten Weltkrieg die Deutschen zu verunglimpfen, schreibt vom WM-Land unter dem Titel: ‚Wir lieben Deutschland.’

    Aha, die Engländer schreiben das, nicht die Schweizer. Also wieder nix mit der Schweiz und Deutschland. Noch keine grosse Liebe, aber immerhin schon ein „Vorbild“ sind wir:

    Die Deutschen wachsen uns Schweizern zu Vorbildern heran. Die von Kleinlichkeit, Provinzialität und Geiz geprägte Diskussion über die Organisation der Fussball-Europameisterschaft 2008 in unserem eigenem Land bildet zu den fröhlichen Tagen auf deutschem Boden einen auffälligen Kontrast. Deutschland, seine Menschen und ihre Rolle als Gastgeber für die Welt zeigen uns, wie es sein könnte. Wir Schweizer müssen nur richtig hinschauen – nach Norden. Und das deutsche Vorbild akzeptieren.

    Ach wir wären ja so gern nicht nur „Vorbild“, sondern Geliebte. Aber man kann schliesslich nicht alles haben.

    Auch die Pendlerzeitung 20minuten schrieb am 29.06.06:

    Die Schweiz kann von den Deutschen lernen
    «Wir sind von der Leistung der Deutschen an der WM 2006 tief beeindruckt», sagt Daniela Bär von Schweiz Tourismus.
    Das Image von Deutschland habe sich deutlich verbessert. Taxifahrer, Hotelangestellte, Passanten – einfach alle hätten das Motto «Zuhause bei Freunden» verinnerlicht und bei den Besuchern aller Welt das Bild von einem gastfreundlichen Land hinterlassen.
    (Quelle: 20min.ch)

    Wir beeindrucken, wir zeigen Gastfreundschaft. Das ist doch schon mal ein Anfang. Und ganz schnell bringt uns dann die Online Umfrage von 20minuten wieder auf den Boden der Deutsch-Schweizerischen Realität zurück:
    Umfrage 2o Minuten

  • Gestern für Argentinien, morgen für Italien

  • Wo kämen wir denn da hin, wenn so ein läppisches FIFA-Turnier das Deutschlandbild der Schweizer verbessern würde? Nein, wir pflegen weiter unsere Antipathien, und wenn noch so viele Hannoveraner für die Schweiz gebrüllt haben. Bleibt uns nur vom Leibe mit Eurer Liebe. Am Freitag brüllten wir für Argentinien, und am Dienstag werden wir uns in ein Volk von „Tifosi“ verwandeln.

    Interessant übrigens die Herkunft dieses Begriffes:

    Der italienische Begriff Tifosi (Plural) bedeutet ebenfalls Fans oder Anhänger und wird häufig als Synonym für die italienischen Fans bei einer Sportveranstaltung verwendet. Das Wort tifosi geht auf die Infektionskrankheit Typhus zurück, die unbehandelt zu hohem Fieber führt, so wie der Tifoso (Singular) als Fußballfan am Fußballfieber leidet. Dieser Ausdruck entstand Anfang des 20. Jahrhunderts im faschistischen Italien Mussolinis. Der Duce hatte eine Vorliebe für Massenveranstaltungen. Die Fußballbegeisterung der Massen hoffte er auf seine Bewegung zu übertragen, indem er Kampfsportarten förderte und in den Stadien Präsenz zeigte. Der französische Sportwissenschafter Lanfranchi beschreibt die Fußballkrankheit wie folgt: „Die Pathologie des tifoso hat die Symptome eines vorübergehenden Verlustes der Selbstkontrolle, einer ansteckenden Leidenschaft, gegen die der Kranke nicht anzukämpfen vermag.“
    (Quelle Wikipedia)

    Na dann viel Spass beim Verlust der Selbstkontrolle. Muss ja nicht gleich wie beim Typhus enden.

  • Der Ein-Auto-Autokorso
  • Wir freuen uns auf das Spiel am Dienstag, wenn die bessere Mannschaft gewinnt. Wir werden auf jeden Fall wieder tapfer unseren einsamen „Ein-Auto-Autokorso“ durch Bülach zelebrieren, falls die Deutschen gewinnen, und unterwegs wie immer die zahlreichen nach unten gerichteten Daumen zählen.

    Wollen Sie wissen, wo unser Schweizer Deutschland-Fanmobil richtig gut ankommt?
    Schweizer-Deutsches Fanmobil
    In Deutschland, da kriegen wir bei jedem Besuch zu hören. „Das gibt es doch gar nicht, ein Schweizer Auto mit Deutschlandflagge!“ Ach ja, nur damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Wir haben jede Menge Spass und sind nicht weinerlich gestimmt, denn „Mir sin die wo gwinne wellet“ 🙂

    Und bevor die WM für das Deutsche Team ganz vorbei ist (mit Blick auf Dienstag werden wir da vorsichtig, ja ja, das haben Sie richtig beobachtet), für alle die ihn noch nicht kennen, den offiziellen WM Song von Herbert „Gröhlemeyer“, leider nicht zum Mitgröhlen gedacht, aber wunderhübsch zum Anschauen: