Haben Sie auch schon Sukkurs erhalten? — Wenn Fruchtbonbons nicht aus dem Lateinischen sind
Februar 24th, 2009(reload vom 28.03.08)
Vor ca. 30 Jahren machte die Schweizer Firma Suchard im Deutschen Fernsehen Werbung für ihre Bonbons mit einem flotten Song, dessen Bekanntheit heutzutage bei „BiVies“ (= bis vierzig Jahre alten Menschen) nicht mehr vorausgesetzt werden kann, da muss man schon die „UHus“ (= unter Hundert Jährigen) fragen:
Es gibt ein neues Fruchtbonbon
Sugus von Suchard
Brave Kinder kennen’s schon
es schmeckt wunderbar
Sugus Sugus, Sugus von Suchard
Der Song wurde auch auf Spanisch als „Caramelos Sugus de Suchard“ in Spanien bekannt.

An diese Werbung mussten wir denken, als wir zum ersten Mal in der Zeitung vom „Sukkurs“ lasen:

(Quelle: Tages-Anzeiger vom 11.03.06 S. 15)
Wir glaubten, hier werden Bonbons verteilt durch Luzi Stamm, denn wie man „Sugus“ schreibt, das war uns nicht mehr gewärtig.
Dieser Ausschnitt aus dem Tages-Anzeiger bringt zum einen schöne Beispiele für Schweizer Schriftdeutsch wie „Sukkurs“ und „orten“, zum anderen wird tatsächlich in wörtlicher Rede eine Schweizerdeutsche Aussage wiedergegeben.:
„Das Züüg isch materiell falsch“
Wir wissen nicht, welche geheime Strategie dahinter steht. Vielleicht gehört es sich so, dass ein Nationalrat nur auf Höchstalemannisch zitiert werden darf, weil er sonst nicht deutlich genug seine Volksverbundenheit zum Ausdruck bringen kann?
Doch nehmen wir jetzt „für einmal“ Rekurs zum Sukkurs. Er findet sich bei Google-Schweiz 2’200 Belege dafür, gern auch in der Kombination mit „hoffen auf Sukkurs“ oder „Sukkurs erhalten“.
Auf Webseiten aus Deutschland finden wir hingegen nur 526 Belege, die entweder aus Schweizer Quellen (z. B. NZZ.de) stammen, in Mundart geschrieben sind (schwäbisches Dialektstück beim Projekt Gutenberg) , oder sich betont wissenschaftlich auch sonst mit zahlreichen Fremdwörter schmücken. Beispiel:
Einerseits rief das Plenum die Parteimitglieder dazu auf, «veraltete Denkformen und marxistische Dogmen» fallenzulassen und sich von den Fesseln des «Subjektivismus und der Metaphysik» zu befreien, was mit etwas gutem Willen als impliziter Sukkurs für Jiangs Bestreben verstanden werden kann, (…)
(Quelle: akidojournal.de)
Laut Duden heisst Sukkurs:
Suk|ku.rs, der; -es, -e
[a: mlat. succursus, zu lat. succursum,
2. Part. von: succurrere = helfen] (bes. Milit. veraltet):
a) Hilfe, Unterstützung, Verstärkung;
b) Gruppe von Personen, Einheit, die als Verstärkung, zur Unterstützung eingesetzt ist:
„Bin hinauf bis nach Temeswar gekommen mit den Bagagewagen, … zog mit dem Sukkurs vor Mantua“ (Schiller, Wallensteins Lager 5).
Ein lateinisches Fremdwort, noch dazu aus der Militärsprache, in der Schweiz absolut normal und gebräuchlich im Alltag. Das sollten Sie kennen und verstehen, wenn Sie hier leben und Zeitung lesen wollen. Es ist die Mischung dieser Sprachebenen, die uns beim Tages-Anzeiger am meisten fasziniert: Fremdwörter lateinischen Ursprungs neben Fachwörter der Soziologie (orten, verorten) neben geschriebenem Höchstalemannisch: Das gibt ordentlich was her und hält die kleinen grauen Zellen fit!



