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Wenn ein Schweizer in Berlin immer so „herzig“ ist — Beat Marti bei Aeschbacher

(reload vom 26.03.06)

  • Drei Schweizer in einer Deutschen Serie
  • Der Schweizer Schauspieler Beat Marti spielt in der erfolgreichen Telenovela „Tessa – Ein Leben für die Liebe“ eine Nebenhauptrolle. Mit ihm sind es bereits drei Schauspieler aus der Schweiz, die in dieser Serie mitspielen. Am 23.03.06 war er zu Gast bei Aeschbacher im Schweizer Fernsehen. Das Interview wurde von Aeschbacher natürlich auf Schweizerdeutsch geführt, ich habe mir erlaubt, einen Teil daraus hier auf Schriftdeutsch wiederzugeben.

  • Exotenbonus als Schweizer in Deutschland?
  • Aeschbacher: Hat man als Schweizer den Exotenbonus in Deutschland als Schauspieler?

    Marti: Ja, es ist mühsam, man ist immer so herzig, ja wir sind Schweizer und so, sie schaffen immer mit den Klischees, vom langsam sein, ich kann es manchmal nicht mehr hören, unterdessen bin ich soweit, dass ich zum Schweizersein steh, dann sage ich halt einmal „Ich geb Dir ein Telefon“. Dort lachen sie eben, weil in Deutschland „macht man einen Anruf“, oder so, aber man gibt nicht das Telefon, die denken immer, du würdest mir das Telefon geben,

    Aeschbacher „Danke fürs Geschenk“

    Marti: Also so ja, es ist mühsam manchmal, ich find’s auch so.

    Aeschbacher: Hat man denn manchmal das Gefühl, man hat Nachteile in der Besetzung, weil man sagt, man tut die Sprache so „hudeln“?

    Marti: Nein, das nicht, es gibt einen Nachteil dort, wenn ein Kinofilm gemacht wird, wo richtig Berliner „berlinern“, dann haben sie natürlich vom Produzenten das Risiko, dass sie sagen „Sollen wir jetzt einmal einem Schweizer die Möglichkeit geben?“, aber nachdem der Bruno Ganz den Hitler gespielt hat, glaube ich das so.

  • Lieber herzig als arrogant
  • Nun stellt sich uns die Frage, was angenehmer ist: Immer als „herzig“ beurteilt zu werden, oder mit dem Vorurteil „arroganter Grosskotz“ leben zu müssen. Den „Jööö-Faktor“ in Berlin richtig auszuspielen, dass ist die Kunst um die Gunst der Stunde als Schweizer in der Bundeshauptstadt zu nutzen.

  • „Ein Telefon geben“ ist cool
  • Wir finden diese Formulierung sehr elegant und werden Werbung machen, dass sie auch im Standarddeutschen populär wird. Mit ein bisschen Sprachgefühl und Spitzfindigkeit liesse sich auch die hochdeutsche Formulierung „Einen Anruf machen“ falsch verstehen als Götzenanbetung oder „Anrufen der Götter“. Was uns mehr irritiert, ist die Formulierung „Mach mir doch s’Telefon„, denn das klingt schon sehr nach „Mach mir doch den Hengst“ (vlg. Blogwiese)

  • Nur mit Hochdeutsch in Berlin?
  • Als guter Schauspieler muss man in Berlin also auch „Berlinern“ können, um eine Chance zu haben. Ob es dazu bald an der Volkshochschule Kurse gibt für Schweizer Zugezogene? So wie die Migros-Clubschule in Zürich, die „Schwiizerdütsch für Ausländer“ anbietet, wie wir es in der Sendung QUER sehen konnten?
    Wer „Berlinerisch“ lernen will, muss vor allem Vokabeln lernen, denn die Berliner haben für fast alles hübsche Spitznamen erfunden. Hier eine kleine Auswahl.

    * Eierwärmer – Das Reichstagsgebäude mit der neuen Glaskuppel.

    * Erichs Lampenladen – Spottname für den Palast der Republik bis zur Wende.

    * Hohler Zahn – Spitzname der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

    * Horch und Guck – Flüsterbezeichnung für die Stasi im allgemeinen und für das Gebäude des MfS in der Normannenstraße.

    * Langer Lulatsch – Spitzname des Berliner Funkturms am Messegelände, der an einen langen schlaksigen Kerl erinnert.

    * Sing-Sing – scherzhafte Bezeichnung für den Neubau der Deutschen Oper in der Bismarckstraße, doppeldeutig für „singen“ (in der Oper), und da die fensterlose Fassade angeblich an das New Yorker Staatsgefängnis „Sing-Sing“ bei Ossining erinnerte.

    * Schwangere Auster – Spitzname der Kongreßhalle/Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten.

    * Tränenpalast – das Abfertigungsgebäude des ehemaligen Grenzübergangs Friedrichstraße
    (Quelle und weitere Beispiele)

    Das sind wir ja froh, dass wir in Zürich leben und wissen, dass man hier „das Tram“ sagt und niemals der „Züricher See„. Wir vermuten mal, dass das „Hallenstadion“ auch nur ein Spitzname ist, weil es da drin so furchtbar hallt, wenn ein Rockkonzert stattfindet. Oder nicht?

    

    One Response to “Wenn ein Schweizer in Berlin immer so „herzig“ ist — Beat Marti bei Aeschbacher”

    1. Franzl Lang Says:

      Diese „herzigen“ Berliner Gebäudenamen halte ich für ein von der Tourismusindustrie erfundenes Gerücht.

      Ich kenne keinen einzigen Berliner, der die genannten Gebäude so nennt, ausser den Tränenpalast.

      Das ist wohl der Berliner Senat – Referat Berlinismen, der das erfindet!

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