Muni ist keine Munition — Ein Bulle nur in Deutschland?

März 15th, 2010
  • Wenn ein Bulle auf einen Muni schiesst
  • Wir lasen auf News.ch am 7.01.2010

    Polizei erschiesst wildgewordenen Muni
    Eschenbach SG – Nach einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd ist in Eschenbach SG ein wildgewordener Muni auf der Flucht erschossen worden. Das Tier war von einem Tiertransporter gesprungen, hatte eine Polizeisperre durchbrochen und war in einen Wald geflüchtet. (bert/sda)
    (Quelle: news.ch)

    Muni? Ist das nun ein Maultier oder ein Muli oder Esel? Der freundliche Nachbar in der S-Bahn nach Zürich weiss Bescheid: „Das ist ein Rind“, genauer gesagt ein „Stier“, kein Ochse. Und richtig, im Variantenwörterbuch aus dem De Gruyter Verlag steht auf S. 514

    „Muni CH der; – s, – s Bulle D, Zuchstiere
    (Quelle: Variantenwörterbuch)

  • Warum heisst der Bulle in der Schweiz „Muni“?
  • Warum der so heisst? Wir denken da an eine einfache Eselsbrücke: Das Tier trägt die „Munition“ für viele weitere Bullenkinder grad bei sich, schweizerdeutsch „auf sich“, obwohl „unter sich“ eigentlich korrekter wäre. So voller „Muni“ ist de Bulle, dass er auch „Muni“ heissen darf. Der Muni von Eschenbach wurde leider erschossen, mit Muni(tion).

    Ein Muni ist ein Stier
    (Quelle: Filomenal.ch)
    Auf dem Blog „Filomenal.ch“ finden wir eine genauere Erklärung, was ein Ochse, ein Stier und ein Muni ist:

    Der Ochse ist ein kastrierter Stier. Meist werden sie im Alter von wenigen Wochen kastriert. Dies ist vor allem für die extensive Mast, da das Muskelwachstum im Gegensatz zum Stier langsamer ist und nicht so viel Kraftfutter benötigt.
    Der Stier ist ein Muni und umgekehrt. Meist spricht man im Bernbiet generell vom Muni. Für die KB (künstliche Besamung) eingesetzten männlichen Tiere werden aber meist als Stier bezeichnet, auch im Schweizerdeutschen. Die meisten Stiere gehen in die Munimast. Ein junger Stier ist ein Munikalb.
    (Quelle: Filomenal.ch)

  • Kein Bulle sondern der Schmier
  • Interessant finden wir am Eintrag im Variantenwörterbuch, dass „Bulle“ mit D wie Deutschland versehen ist, es sich bei diesem Wort also nicht um ein Wort der gemeinsamen Standardsprache, sondern um eine nur in Deutschland übliche Variante für „Rind“ handelt. Ob Schweizer wirklich nicht „Bulle“ sagen? Es findet sich diese Buchstabenfolge noch in der Ortsbezeichnung „Bulle“ (bei Freiburg). Den Begriff „Bulle“ kennt jeder Schweizer ansonsten garantiert dank des grenzüberschreitenden Bildungsauftrags von SAT1 und ORF in Form der Krimiserie „Der Bulle aus Tölz“ (wurde im März 2009 nach dem Tod der Hauptdarstellerin Ruth Drexel eingestellt).

  • Varianten für Bulle
  • Ähnlich wie für das Wort „arbeiten„, findet sich im Züri-Slängikon (das kräftig Anleihen bei vielen weiteren Mundarten zu machen pflegt) eine Vielzahl von Möglichkeiten, die Herren Polizisten in der Schweiz anders zu betiteln. Ganz vorn ist auch ein aus Deutschland geliehener „d Bulle“ dabei:

    d Böögge, d Buebe in Blau, d Bulle, d Bullerei, d Luusbuebe, d Polänte, d Polüüpe, d Pozilei, d Rännleitig, d Schmier, d Schmier isch läufig (bei hoher Polizeipräsenz), d Trachtegruppe, d Zolipey, da mues es es Näscht haa (an jeder Ecke eine Kontrolle), eini, wo s Gäld uf de Strass verdient (Politesse), en bewaffnete Briefträger, en bewaffnete Pöschtler, en Blaue, en blaue Briefträger (Busszettel-Verteiler), en Bobby (engl.), en Buse-Scheriff (Politesse), en Chappe-Gloon (engl. Clown), en Chappe-Maa, en Chugelschriiber-Pilot, en Flic (franz.), en Flüügende (Polizist auf Motorrad), en Gorilla-Blauarsch, en Hilfs-Sheriff (Polizist, der nur Bussen verteilt), en Landjeger, en Lang-Fing-Fang (ein Langfinger-Fänger), en Lang-Fing-Fang-Wau (Polizeihund), en Länzgi (Landjäger), en Politschugger, en Polyp, en Schandarm (franz.), en Schlumpf, en Schlumpf (Polizist in Demo-Montur), en Schmierlappe (Streifenwagen), en Schmierlatz, en Schrooter, en Schugger, en Stadtmusikant, en Tschugger, en Zolipischt, es Blauröckli, es isch Bulle-Wätter (an jeder Ecke eine Kontrolle), es Streifehörnli, es Zädel-Lisi (Politesse), Klavier spile (sich Fingerabdrücke abnehmen lassen), Lang-Fing-Fang-Pang (Dienstwaffe), Polizischtli-Lumpechischtli
    (Quelle: Slängikon)

    Gib Gutzi — Wie Werbung für Jung und Alt in der Schweiz funktioniert

    März 12th, 2010

    (reload vom 5.1.2007)

  • Die nervigen Herren mit den Schnurrbärten
  • Mit dem Jahreswechsel 2006-2007 ging in der Schweiz die traditionelle Telefonauskunft 111 in Rente. Eine Reihe von Anbietern wetteifern seither am Schweizer Markt um die Gunst der Kunden. Genauso eifrig wie nervig wurden die Schweizer von einem Anbieter mit Werbung bombardiert, der für Sunrise die Auskunft unter der Nummer 1818 betreibt. Von zahlreichen Plakaten lächelten zwei smarte junge Skifahrer im Look der Siebziger und priesen die neue Nummer an.
    Sind die Bärte echt?
    (Quelle Foto: skisstour.ch)

    Wir fanden dazu Hintergrundinformationen im Schweizer reklame-blog:

    Das amerikanische Unternehmen Infonxx führt darum ihre neue Auskunftsnummer 1818 ein. Infonxx bietet in verschiedenen Ländern solche Dienste an. Die Kampagne wird jeweils auf das Land adaptiert.

    Seit ein paar Wochen lernen uns zwei schräge Skihelden die neue Nummer: 1818, Doppel-18, 18 – 18, 2×18. Die Spots sind umwerfend. Wie im neuen Swiss-Clip ist hier der Soundtrack die halbe Miete. Dass die wilden Kerle in ähnlichen Skianzügen stecken wie die von Swisscom gesponserten offiziellen Swissski-Fahrer ist sicher kein Zufall.
    (Quelle: reklame.moblog.ch)

    Der Soundtrack ist eine Coverversion des Mega-Diskohits „Daddy Cool“ von Frank Farian alias „Boney M“ aus dem Jahr 1976. Nichts ist Zufall in diesem Clip, alles ist geplant. Dahinter steckt eine clevere Idee, die junge wie alte Kunden in der Schweiz gleichermassen ansprechen soll.

  • Keine Kekse sondern Vollgas geben
  • Auf den Plakaten tragen die beiden bärtigen jungen Männer gleichfarbige Skianzüge mit der Nummer 18 und geben „Guzzi“, auch manchmal „Gutzi“ geschrieben. Das sind jetzt keine „Guetslis“ Spender, denn diese beliebten Schweizer Kekse schreiben sich mit dem Diphthong „ue“. Werden wir bestimmt nie wieder falsch machen. Im Schwäbischen wären es „Guetsles“, also besonders feine und selbstgebackene Kekse. Hier in der Schweiz denkt man bei „gib guzzi“ eher an eine „Moto Guzzi“ und an den Gummiabrieb der entsteht, wenn bei angezogener Vorderbremse kräftig Gas für den Hinterradantrieb gegeben wird. „Gib guzzi“ findet sich 365 Mal bei Google-CH.

  • Was wollen diese Typen eigentlich?
  • Wir fragten Passanten und Kollegen, was diese jungen Herren zu bedeuten haben, ob diese smarten Typen vielleicht auf irgend ein historisches Schweizer Ereignis anspielen wollten, das uns entgangen war, weil wir da noch nicht im Lande lebten. Das Ergebnis war niederschmetternd. Die jungen Schweizer finden die Werbung cool und lustig gemacht, vor allem die Filmchen, die es bereits bei YouTube oder hier zu sehen gibt. Mehr aber auch nicht. Keine Information über den Sinn dieser Aufmachung.
    zwei Mal Skianzug mit 18
    (Quelle: sunrise.ch)

  • Wen sprechen diese bärtigen Gesichter an?
  • Diese Werbekampagne richtet sich an eine ganz spezielle Zielgruppe. Wer braucht eine kostenpflichtige und nicht gerade billige Telefonauskunft (1.60 CHF nur schon für den Verbindungsaufbau), wenn es das Gleiche für umsonst im Internet bei tel.search oder auf den Weissen Seiten gibt? Richtig geraten: Die Generation ab 60, die prozentual nicht so häufig online unterwegs ist wie die unter 30jährigen. Und aus welcher Zeit stammen die Frisuren dieser beiden Herren? Aus den 70ern, als die heute Sechzigjährigen selbst um die 30 waren. Sie erinnern sich damit noch sehr gut an die Schweizer Skifahrerlegende Roland Collombin, der als Vorbild für die beiden Männer im Werbespot dient:

    Der Unterwalliser Roland Collombin aus Versegères ist ein ehemaliger Schweizer Skirennläufer, der zu Beginn der 1970er Jahre zur Weltspitze in der Abfahrt zählte. Seine grössten Erfolge sind der zweite Platz bei den Olympischen Winterspielen 1972 in Sapporo sowie der Gewinn des Abfahrtweltcups in den Jahren 1973 und 1974. Ausserdem wurde er 1973 Dritter in der Gesamtwertung. Insgesamt gewann der acht Weltcuprennen; dazu kommen drei zweite Plätze. Im Jahre 1975 stürzte Collombin in Val d’Isère so schwer, dass er einige Tage gelähmt war und danach seine Karriere beenden musste.
    (Quelle: matterhornvalley.ch )

    Roland Collombin 1972 in Sapporo
    (Quelle Foto: matterhornvalley.ch )

  • Von 11 zu 18
  • Fällt ihnen auf dem Foto etwas auf? Der Mann fuhr mit der Nummer 11! Und jetzt ist nicht mehr die 11 aus der 111 gefragt für die Auskunft sondern die 18 aus der 1818.
    Roland Collombin heute
    (Quelle Foto: tsr.ch)

    In einem Interview erzählt über sein erstes Rennen:

    Was war Ihr erstes Rennen in der Nationalmannschaft? Welche Erinnerungen haben Sie daran?
    Die Junioren-Europameisterschaft in Madonna di Campiglio mit 18 Jahren. Ich war Erster vor Gustavo Thöni und Grissmann. Damals wurde ich für das darauffolgende Jahr, für meinen ersten internationalen Lauf in Val d’Isère, ausgewählt. Ich erinnere mich daran, dass ich in Val d’Isère einen Rückstand von sechs oder sieben Sekunden hatte. Da verstand ich, dass ich trainieren musste.
    (Quelle: skisstour.ch)

    Mit 18 Jahren!!! Nein, Zufälle gibt es in der Werbung wirklich nicht. „Rückstand von sechs oder sieben“, das ergibt zusammen wieder 11!!! Das kann kein Zufall sein. Alles ist genau aufeinander abgestimmt. Die alten Schweizer freuen sich, die Skifahrerlegende Collombin wiederzusehen, die mit der 11 fuhr, jetzt im Doppelpack 18 + 18, die jungen haben Freude an dem „schrägen Outfit“ der beiden Sportskanonen.
    Collombin 11
    Die Herren 18
    (Quelle Foto: skinet)

    Die Ähnlichkeit von Collombins Fahrstil und dem Fahrstil der beiden bärtigen Herren wird beim direkten Fotovergleich besonders deutlich.

    Leider konnten wir kein Foto von Collombin mit Bart finden. Nur diese Aufnahme aus der Veranstaltungsreihe „Erlebte Schweiz“ von der „Vereinigung zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz“.
    Russi und Collombin
    (Quelle Foto: MemoriaAV)
    Ja, diese Vereinigung gibt es wirklich. Sogar in vier Sprachen:
    MemoriaAV

    Der Name dieser Vereinigung ist ein Mix aus Latein „Memoria“ und Englisch „AV“=Audio Visual, und nicht „Alters-Versorgung“, für das „AV“ sonst stets gedacht ist in der Schweiz. Latein und Englisch also, wie immer passend zur den vier Landessprache der Schweizer.

  • Die Bärte sind bestimmt falsch
  • Uns kommt da noch so ein Verdacht: Die beiden Herren sind vielleicht gar keine Bartträger, keine echten Zwillinge und die Bärte sind nur angeklebt? Irgendwann werden sie sicher „inkognito“ erwischt und fotografiert. Ob sie dann dem Roland Collombin noch ähnlicher werden ohne Bart? Ach wie wenig wahrhaftig ist Werbung! Nicht einmal wenn es um eine Schweizer Ski-Legende geht. Wir bleiben dran.

    Finnisch für Anfänger mit der NZZ

    März 11th, 2010

    (reload vom 4.7.07)

  • Kein Hubschrauber sondern ein Helikopter
  • Aus der NZZ, dem ehrwürdigen Flaggschiff im Kampf zur Erhaltung der wahren helvetischen Sprache, haben wir viele interessante Schweizer Varianten gelernt in den letzten Jahren. Im Mutterhaus in der Falkenstrasse unweit vom Bellevue in Zürich wird streng darauf geachtet, dass kein „Hubschrauber“ die Redaktion verlässt, sondern nur ein „Helikopter“, dass niemand ins „Krankenhaus“ sondern ausschliesslich ins „Spital“ kommt, und dass die Bücher für den Leseabend nicht aus der „Bücherei“ sondern aus einer „Bibliothek“ ausgeliehen werden.

  • Gring aahii u secklä
  • In der Ausgabe vom 28.12.06 überraschte uns die NZZ nun in einer Glosse über Billigtickets der schweizerischen SWISS unter dem Titel „Ettikettenschwindel“ mit einem waschechten Finnisch-Kurs. Wir lasen:
    Gring aahii u secklä

    Lektion Nummer 1: Nicht immer ist drin, was draufsteht.
    Lektion Nummer 2: „Gring aahii u secklä“, denn der Flug wartet nicht. Immerhin warnt die Homepage von Blue1, dem finnischen Billigflieger, davor, zeitlich knapp am Flughafen zu sein.
    (Quelle NZZ 28.12.06, S. 9)

  • Finnisch hat viel Doppelvokale
  • Das muss Finnisch sein. Ist ja auch ein finnischer Billigflieger, der hat für Übersetzungen keine Zeit und erst recht kein Geld. Typisch und leicht erkennbar im Finnischen sind die gedoppelten Vokale wie in „aahii“ und die Konjunktion „u“.
    Finnisch erfreut sich in der Schweiz grosser Beliebtheit, wie die folgenden Beispiele beweisen. Nur mit der Schreibung scheinen sich die Schweizer Finnisch-Fans nicht immer ganz einig zu sein. Oder sind das etwas finnische Dialekte, die hier unterschiedlich verschriftet werden? Mal heisst es „abä“, mal „aahii“, mal „abe“ oder achä.

    Gring abe
    Gefunden haben wir dies via Internet in der „Jungfrau-Zeitung“, das Blatt für die unverheiratete Schweizer Frau.
    (Quelle:jungfrau-zeitung.ch)

    Oder hier:
    Gring achä
    (Quelle toscatours.ch)

    Schliesslich hier:
    Gring abä
    (Quelle complex-change.com)

    So weit, so gut. Nur leider ist das doch kein Finnisch, sondern ein geflügeltes Wort in der Schweiz, dass es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat:

    Gring ache u seckle
    Nach dem Gewinn der Bronzemedaille an der Weltmeisterschaft 1997 beantwortete Weyermann die Frage, was sie während des Endspurts des Laufs gedacht hatte, mit den berndeutschen Worten Gring ache u seckle, auf deutsch Kopf runter und rennen. Der Ausspruch entwickelte sich in der Schweiz schnell zum geflügeltem Wort, als Synonym für durchbeissen.
    (Quelle: Anita Weyermann auf Wikipedia)

  • Die Menschen in Greng hatten dicke Köpfe
  • Zum Wörtchen „Gring“ oder „Greng“ gibt es ebenfalls ein paar wilde Theorien, die die Herkunft erläutern sollen. Naheliegend scheint uns die Herkunft vom kleinen Namen des Ortes „Greng“, der im Kanton Fribourg, liegt:

    Die Entstehung des Wortes Gring kann nicht genau zurückverfolgt werden. Es lässt sich allerdings vermuten, dass diese Bezeichnung vor etwa 100 Jahren entstanden ist. Ausserdem könnten die Bewohner des freiburgischen Dorfes Greng (Schweiz) Greng genannt worden sein. Daraus könnte sich später im bernischen Dialekt das Wort Gring entwickelt haben.
    (Quelle: Wikipedia)

    Uns erinnert das Wort an „Grind“, zu dem Grimms Wörterbuch meint:

    GRIND, m.
    Sand, Schorf, Kopf; die Bedeutungen 1 u. 2 gehören zweifellos zusammen (…)

    Bei Grimm fanden wir auch ein mögliche Erklärung, wie das Dorf Greng (am Südufer des Murtener Sees gelegen) zu seinem Namen gekommen sein mag:

    GRINDEL, m.
    ein Pfahl, ein Baum von mittler Stärke
    Campe s. v. grendel; grendel paxillus
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Pfahlbauten am Seeufer waren in stürmischen Zeiten äusserst beliebt und halfen gegen nasse Füsse genauso wie gegen unerwünschte Besucher.

    Wikipedia erwähnt zwar die Pfahlbauten in Greng, führt aber den Namen auf „Grangia“ = Scheune zurück:

    An den Ufern des Murtensees wurden Spuren von Pfahlbauten aus dem Neolithikum gefunden. Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes erfolgte 1314 unter dem Namen Gruein; 1349 erschienen die Bezeichnungen Gruent und Grangiis (von lat. grangia (Scheune) abgeleitet).
    (Quelle: Wikipedia)

  • Daheim im Blätzlidechi-Land
  • Die Gegend südlich des Neuenburger Sees heisst zwar „Seeland„, ich würde es aber passender als als „Flickenteppich-Land“ bezeichnen. Die Schweizer würden „Blätzlidechi“ dazu sagen. In keiner anderen Gegend der Schweiz verlaufen die Kantonsgrenzen so chaotisch, gibt es soviele „Kantonsinseln“ wie hier. Die Schweizer sprechen von „Enklaven„:
    Fleckenteppich-Land
    Wenn man dort mit dem Velo, Bike oder Fahrrad unterwegs ist, überquert man praktisch alle paar hundert Meter eine Kantonsgrenze. Der Kanton Vaud, Fribourg, Neuchâtel und Bern hatten in der Vergangenheit sicherlich ziemliche Mühe, sich auf eine einheitliche Grenzziehung zu einigen. Wir stellen uns vor, was das für die Schulkinder dort bedeutet, die von Dorf zu Dorf andere Ferien haben. Wie das mit den Behördengängen abläuft oder Bewilligungen, wenn z. B. ein Hof auf einer Kantonsgrenze liegt. Erschwerend kommt hinzu, dass quer durch dieses Gebiet auch noch der Röstigraben mit der Sprachgrenze verläuft.

    Kein Reinfall am Rii beim Rheinfall

    März 10th, 2010

    (reload vom 3.1.07)

  • Riifall oder Rhfinfali?
  • Im Winter hatten wir Besuch aus dem hohen Norden, und das war uns Anlass genug, die lokalen Drei-Sterne Attraktionen des Guide Michelins vorzuführen. Nein, nicht die Restaurants, sondern die sonstigen „absolut sehenswerten“ Orte, wie z. B. den Rheinfall von Schaffhausen, den Riifall von Neuhuuse und seit kurzem auch den Rhfinfali:
    Rhfinfali

    Dieses Hinweisschild zeigt deutlich, dass auch hier schon die Schaffhausener Flurnamenreform gewütet haben muss. Denn „en fin“ gab es enfin „im Fall“ einen Reinfall mit „Rh“, den RHFINFALI.

    Tatsächlich handelte es sich nur um einen Dummenjungenscherz von Gästen der nahegelegenen Jugendherberge. In der Schweiz würde man von „Nachtbuben“ sprechen, die sich hier einen Schabernack erlaubt haben, denn bei näherer Betrachtung sind die Tippex Spuren beim E zu F und L zu I deutlich erkennbar. Aber clever gemacht, denn wir waren ziemlich irritiert.

    Dass Schaffhausen nicht mehr am Rhein sondern am Rii liegt hatten wir neulich erst gelernt:
    Schaffhausen am Rii
    (Quelle Foto: Offizielle Schulkarte von Schaffhausen gis.sh.ch)

    Im Schaffhuuser Wald waren wir am Hübüel vorbei zum Rii gelaufen. Klasse Gegend, nur den „Riihirt“ (siehe auf der Karte links) konnten wir nicht sehen.

    Später fanden wir dann am Rheinfall noch dieses Schild:
    Rheinfall

    Das war die Version für die Deutschen. Ein paar Schritte weiter dann noch das Hinweisschild in leider für uns absolut unleserlicher Schaffhuuser Extrem-mundartlicher Schreibweise:
    Mundart am Rheinfall

    Die Touristen aus Hokaido, die mit uns dort Fotos machten, waren bereits in einem Schweizerdeutschkurs mit den Verschriftungsregeln von Höchstalemannisch vertraut gemacht worden, sie schienen alles wunderbar zu verstehen.

    Nur 216 Kubikmeter Wasser Abfluss pro Sekunden, statt den üblichen 600 m3 im Sommer. Wir sehen deutlich, der Rheinfall ist bald zu Fuss zu durchqueren.
    Rheinfall im Winter

    Für altertümliche Kinderwagen aus den Sechzigerjahren gilt am Rheinfall übrigens Fahrverbot, wie dieses Schild beweist:
    Fahrverbot für Kinderwagen

    Ob die Verantwortlichen in Schaffhausen den berühmten alten Kinderwagen aus dem Stummfilmklassiker „Panzerkreuzer Potemkin“ vor Augen hatte, der langsam eine Treppe hinabrollt, während rings um die Aufständigen erschossen werden?
    Kinderwagen Panzerkreuzer Potemkin

    Dieses Bild ist einer der am meisten zitierten Momente der Filmgeschichte und taucht sowohl in Woody Allens “Bananas“ als auch in Brian de Palmas “Die Unbestechlichen“ (und wiederum als Parodie auf dies Zitat in “Die nackte Kanone 33 1/3“) auf. Das sagt natürlich schon einiges über den Klassikerstatus von “Panzerkreuzer Potemkin“ aus, der auf allen Listen über “die besten Filme aller Zeiten ganz vorne zu finden ist.
    (Quelle: Highlightzone.de)

    Am Rheinfall hätte der Film nicht gedreht werden konnte, denn das Verbotsschild verhindert erfolgreich, dass je ein Kinderwagen die Treppen hinab zum Wasserfall rollen kann.

    Nach jedem Satz erst eine Sekunde warten — Über die Wahrnehmung von Ironie bei den Schweizern

    März 9th, 2010

    (reload vom 27.12.06)

  • Das Schweizerische Verzögerungsmoment
  • Kennen Sie das auch? Sie erzählen auf Hochdeutsch einem Schweizer eine Geschichte mit einer überraschenden Pointe am Schluss. Der letzte Satz ist verklungen, es vergeht eine Sekunde, dann erfolgt die Reaktion des Schweizer Zuhörers. Es passiert nicht immer, aber regelmässig, je nachdem wie genau ihr Zuhörer Ihnen folgen konnte. Ich nenne dieses Phänomen das „Schweizerische Verzögerungsmoment“, wobei ich damit nicht ausdrücken möchten, dass es mir nicht ganz genauso mit Schweizern ergeht. Neulich beim Einkauf im Coop sagte die Verkäuferin „Frohe Wiihnachte“ und danach dauerte es auch bei mir eine Sekunde, bis der Satz zum Kleinhirn durchgedrungen war und ich den Wunsch passend erwidern konnte. Wie drückten es Ursus&Nadeschkin in der hochdeutschen Fassung ihres Programmes „Hailights“ so schön aus:

    Können Sie uns verstehen? Begreifen Sie es auch?

    Etwas rein akustisch wahrzunehmen und es dann auch noch inhaltlich zu begreifen, können grundverschiedene Dinge sein bei der Kommunikation zwischen Deutschen und Schweizern. Es sind vor allem die feinen Nuancen und ironischen Anspielungen, mit denen beide Sprechergruppen Schwierigkeiten in einer Diskussion mit der anderen Gruppe haben.

  • Wann kommt denn nun das Postauto?
  • Meine erste leibhaftige Schweizerin lernte ich auf einer Trampfahrt durch Frankreich kennen. Wir standen am Strassenrand im Burgund und warteten auf den Überlandbus, denn mit Trampen wollte es nicht recht klappen an jenem heissen Julitag. Da sagte die Schweizerin neben mir mehrfach auf Hochdeutsch in einem quengeligen Ton: „Wann kommt denn nun das Postauto“. (Wahrscheinlich war es eher „Poschtauto“, so genau weiss ich es nicht mehr). Dass es sich beim „Postauto“ nicht um den französischen Briefträger sondern um den Überlandbus handelte, vermutete ich selbst ohne Erklärung. Dennoch konnte ich nicht einordnen, ob sie ironisch mit mir sprach, wirklich ungeduldig auf den Bus wartete oder sich sonst wie einen Spass mit mir erlaubte. Quasi mein erstes Deutsch-Schweizer Missverständnis.

  • Faszination und Wahrheitsvermutung beim Hochdeutschen
  • Bei Vorträgen habe ich später in der Schweiz regelmässig erlebt, welche Wirkung von einer hochdeutschen Rede auf Schweizer ausgeht. Sie ist für die meisten Schweizer zunächst mal grundsätzlich 20% wahrhaftiger und vertrauenswürdiger als eine Rede auf Mundart. Auf Hochdeutsch wird nicht gelogen, Hochdeutsch ist die sachliche Sprache der Nachrichten und Katastrophenmeldungen, darin erlaubt man sich keine ironischen Spässe oder Unwahrheiten! So wie das geschriebene Wort für viele Menschen immer eine höhere Glaubwürdigkeit hat als das gesprochen Wort. „Es stand sogar in der Zeitung“ ist ein Beleg für die Wahrheit einer Begebenheit, auch wenn die Zeitung BILD, BLICK oder Daily Mirror heisst. Was gedruckt wurde, muss einfach wahr sein.

  • Per Laserdrucker immer eine Note besser
  • Zu Beginn meines Studiums wurden Seminararbeiten noch mit der Schreibmaschine verfasst. Dann kamen die ersten PCs und Laserdrucker auf und ein paar Semester lang konnte man bei der Professorenschaft allein dadurch eine bessere Note erzielen, dass man seine Arbeit mit einem Laserdrucker im Blocksatz (nach erfolgter Silbentrennung) und in Times New Roman 12pt abgab. Das sah so hammermässig gut aus, der optische Eindruck der satten Schrift war so überwältigend wahr und positiv, dass manch inhaltliche Schwachstelle damit überbrückt werden konnten.

  • Auf Hochdeutsch wird kein Quatsch erzählt
  • So ähnlich ging es mir bei meinen ersten Schulungen als IT-Trainer auf Hochdeutsch vor Schweizern. Ich hatte oft das Gefühl, den grössten Unsinn erzählen zu können. Nur weil der Unsinn auf Hochdeutsch erzählt wurde, galt er in Schweizer Ohren zunächst als wahr, bevor er hinterfragt wurde. Eine Weile lang baute ich daher einen Test ein, einen kleinen Satz, der absoluten Blödsinn enthielt. Entweder die Zuhörer überhörten ihn, oder sie reagierten mit Verzögerung, dann meistens nicht alle, und schon gar nicht alle gleichzeitig.

  • BCC ist eine Blind Carbon Copy Version in Brailleschrift
  • So erklärte ich in Kursen zum Thema „E-Mail“ immer, dass die Abkürzung „CC:“ von „Carbon Copy“ kommt und eine Kohlepapier-Durchschlagsversion der Mail, also eine Zweitkopie bezeichnet, was auch ganz der Wahrheit entspricht. „BCC:“ hingegen komme von „Blind Carbon Copy“ womit die Version in Brailleschrift gemeint sei. Das klingt zwar logisch, ist aber absoluter Quatsch. Falls keine Reaktion erfolgte bei den Zuhörern wusste ich: Hochdeutsch spricht immer die Wahrheit.

  • Ein englischer Fachvortrag klingt super gescheit
  • Ich beobachte dieses Phänomen an mir selbst, wenn ich einen Fachvortrag auf Englisch höre. Auch hier bin ich so fasziniert von der flüssigen Rede, den vielen „gerund forms“, den geschickt angebrachten Argumenten und perfekt betonten Fremdwörtern, die im Englischen übrigens „hard words“ genannt werden, weil sie niemals „fremd“ sind, dass ich auch über eventuelle Banalitäten und Schwachstellen des Inhalts völlig hinwegsehen bzw. hören kann.

  • Haben Schweizer wirklich Mühe mit hochdeutscher Ironie?
  • Ich wehre mich vehement gegen das häufig angebrachte Vorurteil, die Schweizer hätten Mühe mit Ironie und gebrauchen selbst keine Ironie. Richtig ist, sie haben oft Mühe, die Ironie aus dem hochdeutschen Redefluss eines Deutschen herauszuhören weil sie genug damit beschäftig sind, die Rede an sich zu hören und zu verstehen. Deutsche schliessen aus der Tatsache, dass sie ihrerseits bei den Schweizern keine Ironie hören, fälschlicher Weise darauf, dass diese keine verwenden. Irrtum, denn diesmal wurde die ironische Nuance einfach vom Deutschen nicht verstanden, bzw. nicht begriffen. Anders ausgedrückt: Nur weil Sie als Deutscher bei den Schweizern noch nie Ironie bemerkt haben, heisst das noch lange nicht, dass Schweizer Ironie nicht verwenden, sondern lässt eher darauf schliessen, dass Ihr Schweizerdeutsches Hörverständnis noch nicht bis zu dieser Bedeutungsebene vorgedrungen ist. Denn „Was ich nicht höre, das gibt es nicht“ ist der falsche Ansatz. „Was ich hören kann habe ich deswegen noch lange nicht verstanden“ wäre besser.

  • Geschriebene Ironie muss als solche gekennzeichnet werden
  • Warum Schweizer häufig mit geschriebener Ironie ihre Problem haben hängt mit dem oben beschriebenen „Wahrheitsanspruch“ der Schriftsprache zusammen. Geschrieben wird in den Zeitungen und in Romanen, Schriftsprache hören kann man in einer Nachrichtensendung. All diese Verwendungen sind in der Regel frei von Ironie oder Doppeldeutigkeiten, darum muss bei Glossen oder ironisch gemeinten Texten immer deutlich mit 🙂 Smilies angefügt werden, damit für jeden Leser klar ist, dass es sich hier nicht um Sachtexte handelt. Die Blogwiese ist dafür ein gutes Beispiel.

    Seit ich im September 2005 auf der Blogwiese erklärt habe, dass „es schiesst mich an“ wahrscheinlich vom falsch aufbewahrten Gewehr im Schrank herrührt, welches plötzlich zu ballern beginnt, wurde mir sicherlich schon 20 Mal per Email erklärt, dass ich dieses Wörtchen falsch verstanden habe. Das „invisible Smiley“ im Originalartikel war schlichtweg übersehen worden. Kein Wunder, war ja auch „invisible“.