Stimmung gemäss Buch — Wer liest eigentlich das Abstimmungsbüchlein?

September 3rd, 2006
  • Kein Kreuz machen sondern „Ja“ schreiben
  • Die Schweizer lieben ihre einzigarte Direktdemokratie. Vier Mal pro Jahr werden Sie dazu aufgefordert, ihre persönliche Meinung zu einem wichtigen Thema abzugeben. Sie machen dabei keine simplen Kreuze in die richtigen Felder, wie es die Deutschen alle vier Jahre in einer Bundestagswahl tun dürfen, sondern schreiben deutlich ihr „Ja“, „Oui“, „Si“ in das Feld neben der zur Abstimmung stehenden Frage.

    Damit diese Frage auch richtig verstanden wird, muss sie erklärt werden. Bereits Monate vor einer Abstimmung bemühen sich die Medien, allen voran natürlich die Tageszeitungen, die unterschiedlichen Positionen mit allen Pro- und Kontra-Argumenten zu erklären. Nicht immer ganz neutral und unparteiisch. Der Tags-Anzeiger gibt vor jeder Abstimmung dezidiert seine Meinung preis, welches Abstimmungs- verhalten er als neutrale und überkonfessionelle Zeitung für die ganze Schweiz für richtig hält.

    Die anderen schauen ins Buch, das Stimmung macht: Das Abstimmungsbüchlein. Es wird mitunter auch korrekt Schweizerdeutsch als „Abstimmungsbüchli“ bezeichnet, womit es an das berühmte „Milchbüchli“ erinnert, in welches die Schweizer ihre tägliche Milchbestellung und Abrechnung hineinschreiben und nachkontrollieren konnten, die ihnen in der guten alten Zeit der Milchmann in den Milchkasten, einem speziellen Fach unterhalb des Briefkastens, hineinstellte. Diese Kästen sind immer noch vorhanden, zeitgemäss hätten sie eigentlich schon lange eine eingebaute Kühlung verdient, aber sie werden heute nur noch für die Zeitungen und Päckchen verwendet:
    Kasten für die Milchflasche

  • Stimmung machen mit dem Buch
  • Das besagte Abstimmungsbuch oder –büchli, das normal sterbliche Nichtschweizer natürlich nicht zu Gesicht bekommen, es sei denn, sie haben einen Schweizer Ehepartner oder wohnen in einer WG mit Schweizern, ist nun ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Einfach Unglaubliches ist geschehen: Die Argumente und Sachverhalte sind in diesem, auch „Bundesbüchlein“ genannten Traktat nicht korrekt wiedergegeben worden! Womöglich wurde damit Stimmung für die Abstimmung gemacht? Sollte es möglich sein, dass durch die Formulierung einer Frage, die zur Abstimmung kommt, das Ergebnis dieser Abstimmung entscheidend mit beeinflusst werden kann?

    So schriebe die Sonntagszeitung vom 27.08.06

    BERN – Das bürgerliche Komitee gegen das Asylgesetz übt Kritik am Abstimmungsbüchlein. Die Erläuterungen des Bundesrates seien «in zentralen Punkten irreführend», schreiben vier bürgerliche Nationalräte in einem Brief an den Bundesrat. Das Abstimmungsbüchlein sei nicht sachgerecht und verfälsche die Willenskundgabe der Bürger. Die unterzeichnenden Nationalräte Dick Marty (FDP), Claude Ruey (Liberale), Chiara Simoneschi (CVP) und Rosmarie Zapfl (CVP) verlangen eine öffentliche Stellungnahme und Präzisierung der Landesregierung. Gegen die Erläuterungen im Bundesbüchlein kann keine Beschwerde geführt werden.
    (Quelle: Sonntagszeitung)

    Wer die Frage formuliert, wer die Argumente liefert und die Gegenargumente, der ist natürlich in seiner Haltung völlig neutral. Einflussnahme? Wir halten dies für unbestätigte Gerüchte. Jeder der gefragt wird, hat doch die freie persönliche Entscheidung, ob er mit NEIN oder NICHT MIT JA antworten möchte.

    Diese Abstimmungen werden, das muss man für die ausserhalb der Schweiz lebenden Leser dazu erklären, sowieso in dem meisten Fällen mit „nein“ gebodigt, d. h. auf den Boden geworfen und zu Fall gebracht, wie die im Schwinger-Jargon geübten Eidgenossen dies bezeichnen. Vor allem, wenn es um Geld geht, das ausgegeben werden soll.

    In der französischsprachigen Schweiz hat dieses Abstimmungsverhalten sogar eine eigene Bezeichnung bekommen: „les Naillenesaguerres“, was phonetisch aufgeschrieben einfach nur „die Neinsager“ bedeutet.

    Dieses „Neinsagen“ war besonders um 1992 Mode, als die Deutschschweizer Kantone gegen die kleinere Anzahl welsche Kantone stimmten und den Beitritt zum EWR ablehnten. Das Volksmehr erteilte somit dem Bundesrat eine Abfuhr; dem Bundesrat, der damals für den Beitritt lobbyiert hatte.

    Nicht-Schweizer können sich diese Unterlagen übrigens ganz legal aus dem Internet besorgen: Hier die Themen der nächsten Abstimmung vom 24.09.06, welche jeder Schweizer unaufgefordert per Post zugeschickt bekommt.
    Um das richtige Schweiz-Demokratiefeeling zu erlangen, empfehlen wir aber dringend die Lektüre des 104 Seiten dicken „Abstimmungsbüchleins“, dass hier als PDF zu beziehen ist.

  • Ab wieviel Seiten wird eigentlich in der Schweiz ein Büchlein zum Buch?
  • Wie heisst es nicht umsonst auf der admin.ch Seite:

    In kaum einem souveränen Staat gibt es derart ausgebaute Mitbestimmungsrechte des Volkes wie in der Schweiz. Die lange demokratische Tradition, aber auch die vergleichsweise geringe Grösse und Bevölkerungszahl sowie schliesslich eine hohe Alphabetisierungsrate und ein vielfältiges Medienangebot sind ausschlaggebend für das Funktionieren dieser besonderen Staatsform.
    (Quelle: admin.ch)

    Hohe Alphabetisierungsrate! Das ist das Stichwort. Das 104 Seiten starke Büchlein lesen wir doch in der Strassenbahn, äxküse, „im Tram“ natürlich, auf dem Weg zur Arbeit. Warum wird es eigentlich nicht als Beilage zur Pendlerzeitung 20Minuten verteilt? Dauert es etwa länger als 20 Minuten, sich durch die Argumente zu arbeiten?

    Wir hätten da noch eine geniale Idee zur Erhöhung der Aufmerksamkeit. Irgendwo in den Text des Abstimmungsbüchleins sollte eine Glücksnummer versteckt werden. Der erste, der die findet und anruft kriegt einen Preis. Zum Beispiel mit Doris Leuthard im Auto zur nächsten 1. Augustfeier fahren, oder von Blocher eine persönliche Führung durch die EMS-Werke. Ideen gibt es da sicherlich noch ein paar.

    Wenn das Essen lange hält — Pommeskultur in Bülach

    September 2nd, 2006
  • Eine Pommesbude auf 7.500 Einwohner
  • Bülach, die Lifestyle Metropole des Zürcher Unterlandes, entwickelt sich. Die Einwohnerzahlen explodieren. Im letzten Jahr hatte die Gemeinde den höchsten Prozentsatz an Neubürgern in der gesamten Schweiz zu verzeichnen. Unter den Neubürgern sind auch zahlreiche Deutsche, denn irgendwo müssen die 40.000 ja unterkommen. Es tut sich was in dieser Stadt. Ausser einem Kebab-Lokal unweit des Bahnhofs gibt es mittlerweile auch ein Eiscafé, was sich hier freilich als Café mit „Glace-Verkauf“ anpreist, und einen weiteren Imbiss mit „Absitzmöglichkeit“ unweit der Altstadt.

  • Erst die Matura, dann die Mayonnaise
  • Jetzt sind zwei ehemaliger Kantonsschüler von Bülach das Wagnis eingegangen, dieses überaus dichte Angebot an Pommes und Kebab (2 Lokale für 15.000 Einwohner) weiter zu steigern und haben eine Pommesbude neben Landi aufgemacht. Das liegt in strategisch günstiger Nähe zur grossen Kantonsschule, zur (Kotz)-Brockenstube und zu den Berufsschulen Bülachs. Die Versorung in der Mittagspause der ehemaligen Schulkollegen ist also gesichert. Wir sehen, dass das Bildungssystem der Schweiz auch Unternehmergeist wecken kann. Mit der Matura kam die Mayonnaise auf die Pommes für 4 Franken, obwohl die hierzulande eher nur mit Ketchup genossen werden.
    Ässheld in Bülach

  • Essen, das lange hält?
  • Etwas rätseln mussten wir über den Namen des neuen Etablissements: „ÄSSHELD“ nennen es die Jungunternehmer. Das ist doch keine Schweizer Variante von amerikanisch „asshole“? Oder ist es möglicherweise wörtlich zu nehmen: „es hält“? Wahrscheinlich „hält es“ lange vor, wenn man dort isst. Einmal Pommes Frites und Du bist 3 Tage satt und so.

    Nein, die Erklärung findet sich auf dem Werbezettel: „Held des Essens“ steck in dem Wort, ein „Essheld“ also. So wie in der Ostdeutschen Vergangenheit der „Held der Arbeit„. Braucht es heldenhaften Mut, um sich an die Portionen zu wagen? Wir werden es ausprobieren und berichten.

    P.S.:
    Oder ist es viel leicht doch Ruhrpottdeutsch, was wir da lesen? „Eh Mann, ess halt.. auch wenn dat fettisch is.., tu oardentlisch Butter bei die Fische“

    P.P.S: Das obige Zitat war getürkt. Das kleine Wörtchen „halt“ als Verstärkungselement werden sie im Ruhrpott niemals hören, ausser in der Formulierung: „Halt das Maul“.

    P.P.P.S: Wir warten noch auf auf www.pommes-in-buelach.ch in der Tradition von
    Ein jeder muss ins Internet

    Ein Jahr Blogwiese — Sind Ostdeutsche die netteren Deutschen?

    September 1st, 2006

    Die Blogwiese feiert heute ihren ersten Geburtstag. Am 1.9.2005 wurde der der erste von 378 Postings aufgeschaltet, seither kam jede Nacht um Uhr 00:05 ein weiterer Beitrag dazu. Wir danken allen Lesern und Schreibern für die Treue und für die vielen Beiträge zu den Diskussionen!

    Insbesonders freuen wir uns über die neuen Leser der Süddeutschen Zeitung aus München, die am heutigen 01.09.06 die Blogwiese erwähnt. Die Online-Fassung war schon gestern abend hier zu lesen.

  • Ein Deutscher ist immer ein Schwob
  • Für die Schweizer war die typische Bezeichnung für Deutsche bisher einheitlich und einfach: Egal ob ein Deutscher aus Niedersachsen stammt und Hochdeutsch sprach, aus Bayern oder dem Frankenland stammte, er war und blieb immer ein „Schwob“, geographisch genauer aus „S-tuttgart, A-alen oder U-lm“ als S-A-U-Schwob bezeichnet. Nebenbei bemerkt ein Übernamen, den auch die Elsässern für die Deutschen verwenden. Im wunderbar amüsant zu lesenden Roman „Die Linden von Lautenbach“ (= Les Tilleuls de Lautenbach) des Elsässers Jean Egen wird beschrieben, wie die Grossmutter des Erzählers, im Alter in Paris wohnend, beim Stimmengemurmel deutscher Touristen vor ihrem Fenster im 14ten Arrondissement ausruft: „Mein Gott, die Schwoben kommen!

  • Ostdeutsche sind anders
  • Doch nach der deutschen Wende 1989 und der späteren Wiedervereinigung tauchte plötzlich ein ganz anderer Schlag Deutscher in der Schweiz auf: Die Ostdeutschen. Seit Sommer 2004 können sie dank der Bilateralen Verträge II ohne die bisher geltenden Einschränkungen, dass immer ein Schweizer Bewerber für eine Stelle bevorzugt eingestellt werden muss, in Gebiete vordringen, die vor dem Fall der Mauer ein Ostdeutscher nie von Nahen zu sehen bekam. Fahren Sie einmal an den Vierwaldstätter- oder an den Zugersee und gehen sie dort in eins der beliebten Ausflugsrestaurants. Wer wird sie am Tisch im Restaurant bedienen? Wer steht an der Rezeption des Hotels genauso wie in der Küche an der Röschtipfanne? Richtig geraten: Es sind Ostdeutsche! Alles Fachkräfte, ausgebildetes Hotelpersonal, Servierkräfte und Köche, die dort in den letzten Jahren die Saisonniers aus Ex-Jugoslawien verdrängt haben.

    So schreibt Konrad Mrusek in der FAZ vom 7.8.06:

    „Waren es zunächst vor allem Kliniken, in denen die Schweizer — im wahrsten Sinn des Wortes — immer häufiger in deutsche Hände gerieten, so findet man die Deutschen inzwischen in fast allen Branchen. In der Gastronomie war der Wandel für die Eidgenossen besonders gut sichtbar. Die Deutschen ersetzten sehr schnell die Kellner aus dem ehemaligen Jugoslawien, denn dies waren nicht allein wegen ihrer mageren Sprachkenntnisse höchst unbeliebt. Auffällig oft wird man nun selbst in der Schweizer Provinz von jungen Ostdeutschen bedient, die die gute Bezahlung und die bessere Arbeitszeitregelung loben. Es kommt nicht von ungefähr, dass Schweizer Wirte vor allem Mecklenburger und Brandenburger holen: „Ossis“ sind den Schweizern lieber, weil man sie als nicht so arrogant empfindet wie die „Wessis“. Diese sind, zumal wenn sie vorlaut sind und ihre sprachliche Virtuosität im Hochdeutschen ausspielen, nicht sonderlich beliebt bei den Eidgenossen, was so mancher junger Einwanderer jetzt verwundert feststellt“.

    Nun, wir wissen nicht, welch traumatische Erlebnisse der Autor dieser Zeilen mit Kellnern aus Ex-Jugoslawien und deren Sprachkenntnissen machen musste. Im echten „Schwabenland“ rund um Stuttgart, in den Orten des „mittleren Neckarraums“ von Plochingen bis Sindelfingen stellten Sie schon immer die grösste Gruppe der ausländischen Arbeiter. Vom Stuttgarter Busbahnhof fährt täglich ein Linienbus ins Ex-Jugoslawien, und ohne die vielen tausend Kroaten, Serben und Montenegriner liefe im Musterländle in der Wirtschaft nicht viel, könnten nicht so viele Daimler in Sindelfingen oder Untertürkheim vom Band rollen.

    Verwundert sind wir über die hier attestierten Differenzierungsfähigkeiten Schweizer Gastwirte, die bei der Einstellung ihres Personals offensichtlich unterscheiden, ob sie jemanden aus Bremen oder Brandenburg den Zuschlag geben.

  • Sind Ostdeutsche weniger arrogant als Westdeutsche?
  • Fakt ist, dass tatsächlich das Gastgewerbe der Schweiz fest in Ostdeutscher Hand zu sein scheint. Es sind die Jungen, die aus Mecklenburg und Brandenburg vorziehen müssen, weil dort bei katastrophal hohen Arbeitslosenzahlen kein Überleben mehr für sie möglich ist. Landflucht wird wird zu einem Problem für den Osten Deutschlands:

    Ostdeutschland bald menschenleer?
    In Deutschland ist schon jetzt zu bemerken, dass aufgrund der besonders geringen Geburtenraten und Landflucht in Ostdeutschland ganze Landstriche veröden
    (Quelle: europa-digital)

    Darum kommen sie also auch in die Schweiz, die Ostdeutschen, und geniessen hier einen Bonus gegenüber den Westdeutschen. Sofern das stimmt, was Konrad Mrusek da in der FAZ beschrieben hat. Zumindest können die Ostdeutschen, wenn sie mit Bärndütsch konfrontiert werden, locker vom Hocker zurückfragen: „Verstehen Sie Sächsisch? Oder muss ich Hochdeutsch sprechen?

    Sind Schweizer in Deutschland arrogant, wenn sie Hochdeutsch sprechen?

    August 31st, 2006
  • Zweisprachigkeit ist klasse
  • Als Deutsche in der Schweiz erfuhren wir oft, wie lässig elegant die Schweizer zwischen ihrer heimischen Mundart, die wir auch gern als „Idiom“ oder „Idiolekt“ durchgehen lassen, zur Standardsprache, dem Neuhochdeutschen, zu wechseln vermögen. Die Frage: „Verstehen Sie Schweizerdeutsch“ hörten wir in den letzten Jahren zugleich immer seltener, entweder es wurde bei uns diese Fähigkeit vorausgesetzt, oder unser Schweizer Gesprächspartner wechselte automatisch zur Standardsprache, kaum hatten wir unsererseits einen Satz von uns gegeben.

    Schweizer, die permanent in Deutschland leben, stehen da vor einem ganz anderen Dilemma. Sollen Sie sich sprachlich anpassen und damit ihre eigene sprachliche Identität verleugnen, in dem sie so Hochdeutsch sprechen wie die Deutschen? Oder käme das einem Verrat an der eigenen Herkunft, der eigenen sprachlichen Identität gleich?

    Wir erhielten Mails von Schweizern, denen die „Schweizer Hochdeutschaussprache“ in der Schule regelrecht beigebracht wurde, mit der Betonung auf der ersten Silbe, um sich vom deutschen Hochdeutsch zu unterscheiden. Deutsch zu sprechen wie die Deutschen war nur in den seltensten Fällen offizielles Lernziel.

    Die Schweizerin Sarah schreibt in ihrem Blog „Zueri-Berlin“ über diese Problematik:

    Sage ich Velo oder Fahrrad? Betone ich CD und WM auf der ersten oder der zweiten Silbe? Darf es mich wunder nehmen, oder soll ich mich besser fragen? Benütze ich beim Schreiben das mysteriöse ß? Darf ich meinen Akzent dem in Berlin üblichen Tonfall anpassen oder soll ich „schweizerisch selbstbewusst“ tönen (oder doch eher klingen?)?

    Was die Frage mit dem scharfen „ß“ angeht, da sind wir gottfroh, in der Schweiz zu leben und diesen Buchstaben auf unserer Tastatur nicht mehr zu finden. Das Leben wird dadurch um einiges einfacher.

    Sarah schreibt weiter:

    Das Dilemma zwischen Schweizer Hochdeutsch und deutschem Hochdeutsch ist omnipräsent. Manchmal schäme ich mich für meine für Schweizer Verhältnisse sehr angepasste Aussprache und Redeweise, weil ich weiss, dass sie für viele Schweizer Ohren arrogant klingen würden. Andererseits reden ja die Schwaben und Bayerinnen in Berlin meist auch nicht schwäbisch oder bayrisch, sondern Standardsprache. Sogar Berlinerisch wird in formelleren Situationen und Kreisen tunlichst vermieden.
    (Quelle der Zitate von Sarah hier)

    Da war es wieder, das Zauberwort „arrogant“. Hochdeutsch klingt arrogant, wie oft mussten wir das schon lesen. Wie kann eine Sprache „überheblich“ sein? Französisch klingt „sexy“, will uns die Werbung suggerieren, Schweizerdeutsch kling „niedlich“, und Hochdeutsch eben „arrogant“, zumindest in den Ohren der Schweizer.

    Warum sollte ich dann, wenn schon nicht richtiges Schweizerdeutsch, nicht gerade so sprechen, damit es möglichst wenig zu erklären gibt? Zum Beispiel was Trottoir und Lavabo bedeuten, dass wir in der Schweiz Nadine und Nathalie wie auch Café und Milchkaffee anders betonen.

    Da geht sie los, die Identitätskrise. Nimmt Sarah die Sprache ihres Gastlandes an wie ein Chamäleon die Farbe seiner Umgebung, würde sie nicht mehr als Schweizerin erkannt. Ist das so schlimm? Die meisten Deutschen haben in der Schweiz nicht die Wahl, sich hinter einer perfekten Schweizerdeutschen Aussprache zu verstecken, obwohl es mehr gelungene Beispiele dafür gibt, als die Schweizer vermuten. Der oft von Schweizern geäusserte Wunsch: „Liebe Deutsche, bitte versucht nicht Schweizerdeutsch zu sprechen, es tönt so grusig“ übersieht, dass dies bereits mehr Deutsche in der Schweiz tun, als die Schweizer auch nur ahnen.

    Einige unserer Landsleute haben uns erzählt, wie sie ihre Schweizer Umgebung damit schockierten, wenn sie sich plötzlich auf Hochdeutsch als Deutsche outeten. Keine Sprachvariante ist unlernbar, und selbst ein bekannter Vertreter eines Idioms, wie der „Walliser“ Patrick Rohr, hat seinen Dialekt erst mit 14 gelernt.

    Sarah meint schliesslich:

    Gibt es nicht ohnehin schon genügend interkulturelle Verständigungsprobleme? Zudem möchte man vielleicht auch einfach nicht immer „süüüß“ sein, sobald man die Schweizer Lippen auseinanderbewegt.

    Wir glauben, dass diese ewige Reaktion „ach ist das süss“ die meisten Schweizer dazu veranlasst, ihre schweizerische Aussprache unter Deutschen auf Dauer zu Grabe zu tragen, denn es nervt, immer dieses „Wie süss!“ Attribut angeheftet zu bekommen. Vielleicht entwickeln diese Schweizer in Deutschland dann auch ein Gefühl dafür, wie es nerven kann, ständig das „Ist das arrogant!“ Argument zu hören.

    Ach und der letzte Satz war nicht „weinerlich“ gemeint, dass ist nämlich das zweite Attribut, was wir als Deutsche in der Schweiz langsam leid sind. Egal was wir hier äussert, es ist stets und immer „weinerlich“. Drum greif ich mir nun ein Taschentuch um meine leicht geröteten Augen abzutupfen und ziehe mich still und traurig in mein Kämmerchen zurück, und übe dort weiter fleissig, wie man korrekt Bärndütsch ausspricht. Wäre doch gelacht, wenn das nicht klappt.

    Wir werden uns tarnen, wir werden uns anpassen, wir werden nicht mehr wiederzuerkennen sein, wenn wir es erst mal können. Wie war das noch gleich?:

    „Heit Der scho einisch probiert, e chli Bärndütsch z verstah oder z läse?“
    (Quelle: edimuster.ch )

    Aber immer doch!

    Bchym di!
    Batzechlemmer!
    I ha di unerchannt gärn.
    I wetti di ärfele.
    (Quelle: edimuster.ch)

    Kriegen wir alles noch hin.

    Die Schweizer und ihre Schusswaffen — Widerstand gegen die 3 Millionen Waffen in Schweizer Privathaushalten

    August 30th, 2006
  • 3 Millionen Waffen in Schweizer Privathaushalten
  • Gegen die Aufbewahrung des Sturmgewehrs in privaten Haushalten hat sich in letzter Zeit vermehrt Widerstand in der Schweiz organisiert. Zu oft wurde bei Familiendramen diese Waffe dafür eingesetzt, um Probleme radikal zu lösen. Die Zeitschrift „annabelle.ch“ lancierte dazu eine Petition:

    Die meisten Morde in der Schweiz geschehen innerhalb der Familie. Fast die Hälfte dieser Bluttaten werden mit Schusswaffen verübt. Bis zu drei Millionen Schusswaffen – Armeewaffen inklusive – lagern in privaten Haushalten. annabelle meint: Waffen gehören nicht in die Familie! In der Herbstsession steht das Waffengesetz im Nationalrat zur Debatte. Deshalb lanciert annabelle die Petition «Keine Schusswaffen zu Hause».
    (Quelle: annabelle.ch)

    Das Foto dazu finden wir extrem gelungen:
    Waffen gehören nicht in die Familie
    (Quelle Foto: annabelle.ch)
    Welch friedliches Bild einer Schweizer Familie!

    In dem Artikel aus annabelle heisst es:

    Rekord bei Familienmorden
    Angesichts dieser ersten Ergebnisse der Nationalfonds-Studie zeichnet sich ein trauriger Rekord ab: Zwar kennt die Schweiz wenig Strassen- oder Gangkriminalität, wie sie in vielen Ländern üblich ist.Doch werden bei uns im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Tötungsfälle mehr Familiemorde begangen als etwa in den USA. Die Opfer sind vor allem Frauen sowie Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren, die Täter fast immer Männer.Über die Motive der Täter ist wenig bekannt. Das
    liegt zum einen daran, dass sich viele Männer nach dem Mord an ihrer Familie selbst richten, zum anderen, dass die Akten in diesen Fällen oft zu schnell geschlossen werden.
    (Quelle: annabelle.ch)

    Foto Annabelle
    (Foto annabelle.ch)
    Wir haben dieses Thema auf der Blogwiese bisher ausgespart, wenn in regelmässigen Abständen wieder in den Zeitungen von einem Familiendrama berichtet wurde, bei dem diese Waffen zum Einsatz kamen. Zwar wird dann jeweils betont, dass es sich bei den verwendeten Waffen nicht immer um Sturmgewehre oder Armeepistolen handelte, beruhigen kann diese Feststellung jedoch nicht.

  • Auch bei Selbstmorden werden die Waffen verwendet
  • Auch dies ist eine Zahl, die in der Schweiz gern unter den Teppich gekehrt wird. Es ist ein Tabuthema, vom Selbstmord mit einer Armeewaffe zu sprechen. Wir haben im persönlichen Berufsumfeld erlebt, dass der Sohn eines Kollegen Selbstmord mit seinem Sturmgewehr beging. In den Zeitungen wurde von der Waffe danach nichts geschrieben.

    In annabelle heisst es dazu:

    Auch die hohe Suizidrate in der Schweiz scheint direkt mit der Verfügbarkeit von Schusswaffen zusammenzuhängen.In einer Studie,die im Herbst erscheinen wird,weist Gerichtspsychiater Andreas Frei nach, dass jeder dritte männliche Selbstmörder in der Schweiz eine Schusswaffe benutzt hat, zwei Fünftel davon waren Armeewaffen. Damit hat die Schweiz, zusammen mit Finnland, nach den USAdie zweithöchste Rate an Schusswaffensuiziden in der Welt.
    (Quelle: annabelle.ch)