Wie man ein Seeli im Kartoffelstock richtig isst — Martin Suters Business Class
Juli 17th, 2008Wir sind grosse Fans von Martin Suter, dem Schweizer Erfolgsschriftsteller, der in Spanien und Guatemala lebt. „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Small World“ und „Lila Lila“ sind lesenwerte Titel, die wir oft verschenkt haben.
Ausserdem schreibt Suter seine „Business Class“ Geschichten, die regelmässig im Magazin des Tages-Anzeigers erscheinen. Der folgende Text ist ein Klassiker, den ich immer wieder lesen könnte, weil er sehr viel aussagt über Schweizer Kommunikationsgewohnheiten, Gesprächskultur und Kartoffelstock. Er erschien am 01.2007 unter dem Titel „Carstens Integration“.
Ob „Rüdisüli“ wirklich ein Schweizer Vorname ist? Und ob man des Landes verwiesen wird, wenn man das „Seeli“ im „Kartoffelstock“ auslaufen lässt? Die Schlusspointe ist gewaltig und sagt alles aus, was man überhaupt über das Verhältnis der Schweizer zu ihren deutschen Chefs wissen sollte.
Mahlzeit!»
«En Guete. Bei uns sagt man: en Guete.»
«En Gute, dann.»
«Guete. Wir haben da noch ein E nach dem U. Guete. En Guete.»
«En Guete.»
«Na ja, macht nichts, das kommt dann schon noch.»
«Schmeckt prima, das Kartoffelpüree.»
«Stock. Bei uns sagt man Stock. Kartoffelstock.»
Carstens und Rüdisüli essen schweigend ihren gespickten Braten. Der Ochsen ist wie jeden Abend um diese Jahreszeit gut besetzt. Als Anni die zweite Portion bringt, zeigt Rüdisüli auf den Kartoffelstock und sagt: «Seeli.»
Carsten schaut ihn fragend an.
«Das in der Mitte, die Bratensauce. Bei uns sagt man Seeli. Ein kleiner See. Das macht man bei uns immer in den Stock.»
«Ach so, ein kleiner See, verstehe. Ein kleiner Saucensee, sozusagen, nett.»
«Die einen machen ihn gleich kaputt, und die andern essen den Stock von den Ufern weg. Beides ist erlaubt.»
«Ich weiss das wirklich zu schätzen, dass Sie mich in die Gepflogenheiten einweihen, Herr Rüdisüli.»
«Nicht ülli – üüli, mit einem langen ü. Es gibt solche mit einem H nach dem ü und solche ohne. Ich bin einer ohne, aber beide spricht man gleich aus. Mit einem langen zweiten ü.»
«Ach so, Verzeihung.»
«Schon recht.»
«Lief schon ganz gut, für eine erste Sitzung, fand ich, nicht?»
«Na ja.»
«Sind Sie anderer Meinung?»
«Vielleicht ein bisschen forsch. Bei uns geht man es gemächlicher an. Nicht ineffizienter, einfach gemächlicher. Ein paar allgemeine Bemerkungen zuerst. Zum Wetter oder zum Befinden. Einfach für das Atmosphärische, Sie verstehen.»
«Ach so, danke, werde ich mir merken.»
«Und auch nicht Kauer das Wort geben, bevor Stauber etwas gesagt hat. Damit die Kirche im Dorf bleibt.»
«Aber Stauber hat sich doch gar nicht zu Wort gemeldet.»
«Der braucht das nicht. Der wird gefragt.»
«Ich werde versuchen, mich daran zu erinnern.»
«Und Fehr nicht unterbrechen. Der spricht zwar ein bisschen langsam, aber es ist nicht schlecht, was er sagt. Und er feiert in vier Jahren das Zwanzigste.»
«Ach, so lange ist der schon dabei.»
«Vier Wochen Extraferien und ein Upgrade in die First Class für zwei Personen. Langstrecke. Das ist bei uns der Tarif für zwanzig Jahre in Fehrs Hierarchiestufe.»
«Werde ich mir merken.»
«Brauchen Sie nicht. Nur Frau Schober fragen, Ihre Sekretärin. Die weiss das alles auswendig.»
«Die scheint überhaupt gut zu sein. Eine halbe Stunde nach der Sitzung hatte ich schon das Beschlussprotokoll auf dem Tisch.»
«Bei uns macht man Sitzungsprotokolle. Ist nicht so abrupt wie ein Beschlussprotokoll. Und man kann nachlesen, was die Teilnehmer gesagt haben.»
«Nehmen Sie noch eine Nachspeise?»
«Ein Dessert. Bei uns sagt man Dessert.»
«Alles klar. Nehmen Sie also noch ein Dessert?»
«Dessert. Bei uns betont man die erste Silbe.»
«Dessert. Nehmen Sie eines?»
Zu Hause fragt Rüdisülis Frau: «Und? Wie ist er, dein neuer Chef?»
«Wenn der so weitermacht, könnte der schon ein bisschen frischen Wind in den Laden bringen.»
Wie gesagt, die Schweizer sind offen und tolerant und lernfähig. Das erwarten sie von ihren Gastarbeitern auch, so einfach ist das. Wir wollen uns Mühe geben und nie wieder „Kartoffelpüree“ sagen.



