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Tritt ein bring Glück herein — Die Eintretensdebatte

(reload vom 29.12.05)
Wir lasen am in unserem Standardlehrwerk für den Schweizerdeutschen Politikjargon, dem Tages-Anzeiger:

Darüber waren im Rat die Meinungen geteilt: Zu reden gab in der Eintretensdebatte die unklare Verfassungsgrundlage. Auch Blocher räumte ein, dass unter Juristen die Bundeskompetenz zur gesetzlichen Regelung von Rayonverbot, Meldepflicht und Polizeihaft umstritten sei. (Quelle:)

Und wir beginnen zu grübeln… wer tritt da was ein? Die Polizei darf eine Tür eintreten, wenn sie eine „vorläufige Erschiessung Festnahme“ durchführen muss. Müssen die Jungs von der SoKo (=SonderEinsatzKommando) darüber noch debattieren?

Rein wörtlich handelt es sich um die „Debatte des Eintretens„, wie das Genitiv-S am Ende vermuten lässt. Wir suchen noch ein bisschen weiter und finden Rat beim Grossen Rat des Kantons Basel Stadt:

Eintretensdebatte
Liegt dem Parlament eine Gesetzesvorlage der Regierung oder einer Kommission vor, so diskutiert es zuerst, ob es überhaupt auf diese eintreten, d.h. sie behandeln will. Beschliesst es Nichteintreten, was relativ selten vorkommt, so signalisiert es, dass es eine Vorlage für überflüssig hält. Das Geschäft ist dann erledigt. Wird Eintreten beschlossen, so folgt die Detailberatung und die Schlussabstimmung. (Quelle: )

Auf diese eintreten„? Das liest sich wie der Bericht von einem Überfall einer Horde Skinheads. Und so geht das Parlament mit einer Gesetzvorlage um? Sie kannten das Wort zuvor auch nicht so genau? Das erstaunt uns sehr, denn allein bei Google-Schweiz finden sich 8’310 Beispiele für die Verwendung.

Uns erinnert das sehr an Kneipentouren mit Freunden. Wir spazieren durch die Stadt, kommen an einer Kneipe vorbei, und schon verspüren einige schrecklichen Durst und es beginnt eine „Eintretensdebatte„. Sollen wir nun eintreten oder nicht? Immer streng nach der Lehre des alten Journalisten-Kalauers (der auch als kürzester und schlechtester Witz bei Spiegel-Online zitiert wurde):

Gehen zwei Journalisten an ’ner Kneipe vorbei.

Foto aus dem Spiegel-Online Artikel:
Oh mein Gott, ist dieser Witz schlecht (Foto von Spiegel Online)



9 Responses to “Tritt ein bring Glück herein — Die Eintretensdebatte”

  1. Danido Says:

    Sorry jetzt mal: Das gibts ja wohl in Deutschland auch???

    Oder wie nennt man die Tatsache, dass man auf ein Geschäft eintritt, also dass man sich mit einem Geschäft beschäftigt und dazu einen Entscheid fällt? Gibt es da keinen Nichteintretensantrag etc.?

    [Antwort Admin: Alle diese Dinge werden in Deutschland, soweit ich mich erinnere, mit einem „Antrag an die Geschäftsordnung“ oder „Geschäftsordnungantrag“ abgehandelt. Vor Beginn einer Debatte wird z. B. ein „Antrag an die Geschäftsordnung“ gestellt, die Debatte nicht zu eröffnen oder sofort zu beenden, falls sie schon läuft. ]

  2. Cocomere Says:

    “Eintretensdebatte” ist wahrscheinlich aus dem französichsen “Débat d’entrée en matière” übernommen worden. “entré en matière” ist ein häufig verwendeter Ausdruck in Französisch, eine Deutsche Entsprechung, die das so genau beschreibt, gibt es nicht, weshalb das im Parlament dann wohl auch wörtlich übersetzt wurde.

  3. giacometti Says:

    Off-topic: in der Weltwoche von heute ein Beitrag (Buchausschnitt) zum Thema Deutsche in der Schweiz: http://www.weltwoche.ch/artikel/?AssetID=19042&CategoryID=91

  4. neuromat Says:

    @ giacometti

    wieso „off topic“: wahrscheinlich sollen wir ja auf diese Meldung in die Debatte „eintreten“. Ob dieses atavistische Schubladendenken von Bruno Ziauddin einen Beitrag darstellt, könnte man ja diskutieren. Möglicherweise ist das ja aber doch auch herkunftsbedingt und hat etwas mit „Kasten“denken zu tun 🙂 .

    Könnten sich Cocomere und Danido dann noch einigen ob es nun „das“ oder diese Entsprechungen in Deutschland nun gibt oder nicht. Vielleicht könnte ja auch mal einer in Berlin gerade mal nachfragen 😉

    [Anmerkung vom Admin (immer noch in Berlin): Habe den Auszug in der Weltwoche gelesen. Ganz schön lang und durcheinander, weiss nicht wo anfangen, ist mir auch zu anstrengend, so schnell wie der Mann denkt und schreibt, da komme ich einfach nicht mehr mit… ]

  5. g.feikt Says:

    Ja wer liest denn heute noch die Weltwoche!

  6. Phipu Says:

    An Giacometti

    Dieses Büchlein war kürzlich auch schon mal der Star für einen Tag in der Blogwiese: siehe

    http://www.blogwiese.ch/archives/847

  7. Brun(o)egg Says:

    @ g.feikt

    Das frage ich mich auch. War vor Jahren mal ein gutes, lieberales Blatt.
    Und zudem: wieso soll ich mir jede Woche meine Vorurteile bestätigen lassen?

  8. giacometti Says:

    @neuromat: Wenn die Erzählung von realen Begebenheiten nur dann ein Beitrag genannt werden darf, wenn sie mit dem Weltbild von neuromat übereinstimmen, ja, soll man das diskutieren? Vielleicht. Neuromat-check anstatt reality-check würde man das dann wohl nennen.

    Es handelt sich ganz offensichtlich bei diesem Büchlein wieder mal um eine Publikation mit gar nicht mal so falschem Inhalt, aber einem reisserischen, ja provokativen Titel. Das hatten wir doch schon mal…. Wenn aber wieder mal hier und andernorts der Inhalt mit einem „lang, durcheinander, anstrengend“ bequem ignoriert wird, währenddessen der Titel, die Aufmachung und der Klappentext lang und breit diskutiert wird (inklusive kurzen, strukturierten, und ganz und gar nicht anstrengenden Mails von neuromat an den Verlag), ja dann ist das ja geradezu eine Einladung an alle Chefredaktoren und Verlagsleiter, sich noch mehr auf die provokativen Titel zu konzentrieren. Denn nur diesen wird schliesslich Beachtung geschenkt. Da kann das jeweilige Pro- und Contra-Lager seine Vorurteile durchkauen, ohne sich in die Niederungen des realen Lebens mit all seinen Widersprüchen begeben zu müssen.

  9. neuromat Says:

    na ja giacometti

    lassen Sie sich doch nicht so ärgern … cool down, Sie meint doch niemand persönlich mit der Kritik und zugegeben gegen so Initiativen wie Schwarzenbach oder die jenischen Eskapaden von Pro Juventute ist das harmlos …
    und klar tun uns die auch irgendwie leid, die mit solchen Mitteln Geld verdienen müssen…

    aber sehen Sie, jeder darf seine Meinung haben und auch vertreten, Sie, der Jens und Neuromat, keiner muss die Meinung des anderen haben … gerade jetzt lesen wir auf den Plakaten „freie Meinung“

    Meinungen und Einstellungen wechseln auch immer häufiger: der Bruno schrieb früher von „helvetischen Idioten“ (Originalzitat) vielleicht hätte er auch Sie damit gemeint. Wären Sie dann auch noch der Meinung, dass das, was schliesslich er durch seine Wahrnehmung ueber von ihm vorher geplante Begebenheiten berichtet „real“ ist?

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