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Schweizer Höflichkeitsrituale — Vom Ihrzen und Euchzen

(reload vom 28.12.05)

  • Wenn Sie plötzlich viele sind
  • Kennen Sie das? Sie sind mitten im Gespräch mit einem Schweizer, weit und breit ist niemand Ihrer Familie oder Ihrer Freunde zu sehen, und plötzlich sagt der Schweizer:
    „Ihr müsst das verstehen, das könnt Ihr so nicht machen..“

    Ich drehe mich dann um und suche die anderen Menschen, die hier mit „Ihr“ gemeint sein könnten, denn „Ihr“ ist für mich die 2. Person Plural, die Mehrzahl von „DU“ also.

    Ausserdem frage ich mich, warum ich plötzlich so plump geduzt werde von meinem Gegenüber. „Euch macht das wahrscheinlich nichts aus, aber uns ist es doch arg“ geht die Rede weiter. Das Wörtchen „arg“ kennen wir zum Glück von „Argwohn“, es bedeutet etwas Schlimmes. In der isolierten Form als Variante von „sehr“ ist es im Norden eher ungebräuchlich, aber im Süden „arg“ praktisch, also haben wir es ruckzuck in unser Vokabular aufgenommen.

    In einer Gesprächssituation im nördlichen Teil Deutschlands kann man sich durch Verwendung von „arg“, „gell“ und „hat’s noch Kaffee“ jederzeit als hoffnungslos Süddeutsch eingefärbt zu erkennen geben, und damit auch als Deutscher vom „Jöö-Effekt“ profitieren.

  • Ihrzen und Euchzen
  • Die Schweizer haben diese geschickte Form der Anrede, die grammatikalisch gesehen ein Mittelding zwischen „Du“ und „Sie“ darstellt: Das „Ihrzen“. Ein kleiner Trost für die Schweizer: Sie sind mit dieser Angewohnheit nicht allein im Deutschen Sprachraum, auch im Badischen und Schwäbischen haben wir die „Ihr“ Anrede häufig gehört. So sagte mein Fahrlehrer (ein Schwabe), wenn ich etwas falsch machte:
    „Ihr müsst einfach besser aufpassen, ihr schaut da beim Überholen nicht rechtzeitig in den toten Winkel“, und ich lehnte mich entspannt zurück, denn mich konnte er ja nicht gemeint haben, weil auf Du waren wir nicht.

  • „Ihr“ kommt von „Vous“?
  • Es ist vielleicht ein Überbleibsel aus der Zeit Napoleons? Als die Schweiz und Süddeutschland besetzt waren von Französischen Truppen? Die französische Höflichkeitsform „Vous“ = „Sie“ entspricht der 2. Person Plural, dem deutschen „Ihr“. Ob es daher kommt? Ob man zu Zeiten, als es zum guten Ton gehörte, unter Bildungsbürgern auf Französisch zu parlieren, die „Vous“ Form verwendete und dann beim Rückfall ins eigene Idiom beim „Ihr“ blieb? Bei den Russen im 19. Jahrhundert war es garantiert so, die Romane von Tolstoi hat er nicht allein auf Russisch geschrieben, sondern grosse Passagen auf Französisch, nämlich immer dann, wenn sich die russischen Herrschaften unterhielten und dabei nicht von ihren Diener verstanden werden wollten.

  • Nördlich des Weisswurstäquators
  • „Wer von Euch ist dafür zuständig? Könnt Ihr mir das sagen?“ Geschickt wird hier mit der französischen Höflichkeitsform der Mittelweg zwischen „Du“ und „Sie“ gewählt. Das ist alles gut und schön, wir empfinden das als eine wundervolle Bereicherung. Nur hütet Euch davor, dies irgendwo nördlich des „Weisswurstäquators“ zu verwenden. Das ist die Grenze, die Bayern und den Süden vom Rest Deutschlands abtrennt, das einzige Pendant, was wir in Deutschland zum „Röstigraben“ kennen.

    

    17 Responses to “Schweizer Höflichkeitsrituale — Vom Ihrzen und Euchzen”

    1. Marroni Says:

      Kommt im Bernbiet sehrhäufig vor, die DU /SIE Form “ Diir „

    2. Simone Says:

      Ich kenne dieses „Ihr“ durchaus aus Regionen nördlich des Weisswurstäquators, kann es aber ausserhalb eines privaten Rahmens absolut nicht leiden. Im Fitness-Studio oder im Xangverein (Hallo Hessen!) gehört es dazu. Im Berufsleben bringe ich es eher mit dem „lockeren Gewerkschafts-Du“ in eine Richtung und auch damit habe ich ein Problem, Genossen und Genossinnen!

    3. Georges Says:

      Ich bin in der Ostschweiz aufgewachsen und kenne „Ihr“ und „Euch“ nur aus der Region Bern. Östlich von Zürich habe ich bisher nur „Sie“ gehört.

      „arg“ in der Bedeutung von „schlimm“ kenne ich nur aus dem Schwäbischen. Im CH-Deutsch kenne ich „arg“ nur in der Bedeutung von „sehr“. „arg“ wird also immer im Zusammenhang mit einem weiteren Adjektiv verwendet, also z.B. „das ist schon arg schlimm“.

    4. Danido Says:

      Diese Ihrerei ist im Bernischen noch viel verbreiteter. „Losit, das chöit ihr nit so mache“ 🙂

      Würde mal vermuten, auf der Westseite der Brünig-Napf-Reuss-Linie ist die Anrede Ihr als Höflichkeitsform sehr geläufig (ist übrigens nicht unbedingt ein Mittelweg zwischen Du und Sie, es gehört klar in die Kategorie „Nicht-Du“)

      Hast Du eigentlich über diese Trennlinie innerhalb der Schweiz mal geschrieben? Das ist nämlich auch sehr spannend…

    5. cocomere Says:

      „Ihr“ und „Euch“ wird eigentlich nur in den Dialekten westlich von Olten (Bern, Solothurn, Luzerner Hinterland, Entlebuch, Senseland, evtl. Wallis) verwendet und ist einfach die Höflichkeitsform. (Auch das Standartdeutsche „Sie“ und „Ihnen“ ist eine Pluralform… man müsste sich da ja auch nicht immer angesprochen fühlen…).
      Von den Zürchern wird, wie ich gemerkt habe, diese „Ihr“- und „Euch“-Form häufig als unfreundlich und von den Deutschen häufig gar nicht verstanden. Aber ich bleibe dabei.

    6. Oliver Says:

      Schöner Text, gute Beobachtungen! Weitere Beobachtungen im Artikel „Vom Siezen, Duzen und Euchzen“ (über http://www.mediensprache.net/de/essays/5/).

    7. Mare Says:

      Eigentlich ist das „Sie“ bloss eine von verschiedenen – älteren – Höflichkeitsformen. In alten Schriftstücken liest man sehr wohl „Euer Gnaden“, auch in Texten aus dem Norden Deutschlands und aus Österreich.

    8. wolfi Says:

      Die Ihr-Form ist weit verbreitet. Bern klar, Olten Solothurn auch. Aber auch im Raum Aarau wird viel in Ihr-und Euch Form gequatscht, im „Rest“ vom Aargau eher nicht. Am Anfang war das sicher irritierend, aber man gewöhnt sich in der Schweiz an vieles….
      In Bayern spricht in der Ihr-Form niemand, glaubts mir, ich lebte dort schliesslich 30 Jahre….

      Gutn8.

      Wolfi

    9. dampfnudle Says:

      Hiess es früher wirklich „Euer Gnaden“, nicht „Ihro Gnaden“?

    10. Mare Says:

      @dampfnudle: In Abkürzungen auch oft „Ew. Gnaden“. Auch „Ihro“ ist zweite Person Plural. Wenn ich jemanden anrede, ist das in der regel die zweite Person Singular, um ihm etwas mehr Ehre anzutun, wählte man eben die Mehrzahlform. Das ist im Französischen ja immer noch so – um jemanden höflich anzureden, sage ich „vous“ = 2. Person Plural.

    11. Michael Says:

      Im Plattdeutschen ist die Höflichkeitsform der Anrede übrigens auch die 2. Person Plural („Ihr“, „Euch“ etc. bzw. „I“, „Ju“ etc.). Daher dürfte das vielen Norddeutschen auch heute noch durchaus geläufig sein.

    12. unkultur Says:

      cocomere hat Recht: Das berndeutsche „Ihr“ ist keineswegs ein „Zwischending zwischen Du und Sie“, sondern schlicht und einfach die Höflichtkeitsform (also das Äquivalent zum deutschen „Sie“).

    13. SimonG Says:

      Von den Zürchern wird, wie ich gemerkt habe, diese “Ihr”- und “Euch”-Form häufig als unfreundlich und von den Deutschen häufig gar nicht verstanden. Aber ich bleibe dabei.
      Und deshalb kriegte ich von meinen ZH Verwandten eine Ohrfeige geknallt, als ich jemand mit d’Ihr ansprach was ähnlich wie Dir klingt.

    14. Heidi K. Says:

      Stimmt nicht ganz, im Berndeutsch sagt niemand „Ihr“, das heisst „Dir“ oder „Dr“ . „Was heit Dr gseit?“ – Was haben Sie gesagt? Und es ist die einzige bekannte Höflichkeitsform. Du, Dr oder „De“ ist die Duzform. „Was hesch de gseit?“ Was hesch de da?“ Was hast du da? „Ihr sagt man östlich der Reuss.

    15. Phipu Says:

      In Anlehnung an an Heidi K.:

      Das Berndeutsche Lied von (und der Film über) Mani Matter „Warum syt dir so truurig?“ kann beim Übersetzungsversuch zur Knacknuss im Verständnis werden.

      http://www.lyrix.at/de/text_show/46d77c8fa2a576eb9f069c4ce4bd71e8-Mani+Matter_-_Warum+syt+dir+so+truurig

      Wird hier das angesprochene Publikum geduzt oder gesiezt? Eben „geihrzt“.

      Was es garantiert nicht ist:
      a) Einzahl geduzt: „Weshalb ist Dir so traurig zumute?“
      auch wenn das auf Hochdeutsch das „Dir“ zu dieser Annahme verleitet. Es bleiben also noch

      b) Mehrzahl geduzt: „Weshalb seid ihr so traurig?“
      c) Mehrzahl gesiezt: „Weshalb sind Sie so traurig?“

      Quizzfrage: warum ist es nicht:
      d) Einzahl gesiezt: „Weshalb sind Sie so traurig?“

      Für die Antwort muss man den eingelinkten Text lesen.

    16. Schweizer Says:

      Das Euch als höflichkeitsform gibts wirklich fast nur in Bern. Schon im Aargau benutzen das fast nur noch ältere leute

    17. Ben-Kai Says:

      Ich bin Luzerner, und wie oben geschrieben wurde, existiert „Ihr“ und „Euch“ auch dort. Jetzt lebe ich jedoch in Bern, und ich habe mich bemüht, die Berner Sprache zu erlernen. Dabei wird jedes „Sie“ und „Ihnen“ durch „Ihr“ und „Euch“ ersetzt. Aus Grüezi (Grüsse Sie!) wird Grüessech (Grüsse Euch!). Dies wird von mir als „Grüezi“- und Sie-Sager eher als nobel oder edel wahrgenommen und erinnert irgendwie an mittelalterlichen Adel. Als Zwischending zwischen Sie und Du würde ich das nicht sehen. Also eher noch höflicher als „Sie“, und nicht weniger höflich.

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