Wirrwarrli, Durchiandli oder Chrüsimüsi — Spiegel-Online mit dem knallharten Schweizertest

Juni 5th, 2008
  • Testen Sie Ihr Schweizerwissen
  • Rechtzeitig zur EURO 08, dem Schweizerturnier, können Sie bei Spiegel-Online jetzt Ihr Schweizerwissen testen. Es sind nicht nur einzelne Wörter, die gefragt werden, sondern brutal schwere Redewendungen, wie z. B. „Und morn am morge gömmer denn uf Bärn„, was bekanntlich nichts anderes heisst als „Und morgen früh erlegen wir einen Bären.“

    Die Schweiz im Euro Fieber
    (Quelle Foto: Spiegel-Online)

    Sie sind im EM-Fieber, wissen aber nicht, was ein Tschuutimätsch ist? Und warum auf Schweizer Speisekarten Mistkratzerli zu finden sind, selten aber Stinkrüebli? Dann gschwind ins Schweizer Trainingslager – mit dem Quiz auf SPIEGEL ONLINE.

    Zum Quiz bei Spiegel-Online bitte hier klicken.
    Besonders hübsch fanden wir die Frage 4:
    Was ist in der Schweiz ein Chaos
    (Quelle: Spiegel-Online.de)

  • Was ist in der Schweiz ein Chaos?
  • Aufmerksame Schweizerleser der Blogwiese werden das mit Leichtigkeit beanworten können, denn das Schweizerwort „Durchinandli“ für Chaos lernt man ja gleich am ersten Tag nach der Ankunft hier im Land. Die seltenere Bernvariante „Wirrwarrli“ war mir allerdings auch fremd, wie ich eingestehen muss. Alles weitere zum Thema Chaos dann doch hier. Bringen Sie die 15 Antworten locker zustande? Ohne Schummeli?

    Wenn alte Leuchter dem Lenker im Weg stehen beim Selbstunfall

    Juni 4th, 2008

    (reload vom 5.1.2006)
    Die Deutsche schauten an Silvester ihre Lieblingswiederholung „Dinner for one“. Auf dem Tisch sehen wir deutlich zwei wunderbare alte Kerzenleuchter, so genannte „Kandelaber“:
    Kandelaber sind Armleuchter

    Wiki erklärt uns, was dieses Wort eigentlich bedeutet:

    Armleuchter oder Kandelaber (von lateinisch candelabrum für ‚Leuchter‘ über französisch candélabre) sind Ständer für Kerzen oder Leuchten, die sich über einem Sockel und einer zentralen Säule in mehrere Arme (von meist ungerader Zahl) verzweigen und so die Aufnahme mehrerer Kerzen ermöglichen. Solche mehrarmigen Leuchter sind seit der Antike bekannt, wurden damals aber noch mit Öl- oder Talglampen bestückt. (Quelle: )

    Nun, in der Schweiz haben solche Armleuchter auch heute noch weite Verbreitung, denn offensichtlich hat die Elektrifizierung (die in der Schweiz auch „Elektrifikation“ genannt wird), nicht in allen Teilen des Landes Einzug gefunden:

    In Kandelaber geprallt
    Bei einem Selbstunfall beim Escher-Wyss-Platz ist am frühen Samstagmorgen ein 31-jähriger Autolenker schwer verletzt worden. Laut Stadtpolizei wollte der Mann von der Limmatstrasse nach rechts in Richtung Rosengartenstrasse abbiegen, als er aus unbekannten Gründen frontal gegen einen Kandelaber fuhr (Quelle Tages-Anzeiger vom 27.12.05 S. 12)

    Das hier ein Selbst einen Unfall hat, oder wie die Schweizer sagen, „verunfallt“ ist, wobei nicht der Autofahrer, sondern der Lenker schwer verletzt wurde, ist tragisch und bedauernswert genug. Wieso aber ausgerechnet an dieser Stelle ein Armleuchter stehen musste, der mit seinen Kerzen oder Öllampen gar nicht genügend Leuchtkraft haben konnte, bleibt uns ein Rätsel. Doch Wiki hilft:

    Als Kandelaber werden auch Straßenlaternen in Form von Armleuchtern bezeichnet. In der Schweiz werden auch normale Straßenlaternen als Kandelaber bezeichnet. (Quelle:)

    Klassischer Fall von „Bedeutungsübertragung“. Der Begriff „Kandelaber“ für eine Strassenlaterne blieb erhalten, als sich die zu Grunde liegende Technik und Form veränderte. Typisch für konservativen Sprachgebrauch. Viele Deutsche sprechen auch heute noch über ihre „Karre“, wenn sie von ihrem von 150 Pferdestärken angetriebenem Auto reden, auch wenn da längst kein Pferde- oder Ochsengespann für die Zugkraft verantwortlich ist.

    Alphornblasen nicht in kurzen Hosen — Keine Schweizermusik zur Euro 08

    Mai 31st, 2008
  • Erst keine Turner, nun keine Musik
  • Nachdem für die Eröffnungsveranstaltung der EURO 08 am 7. Juni nicht genügend Turnerinnen und Turner aus der Schweiz angeworben werden konnten, und man sich mit in zahlreichen Reisebussen ange-„car“-ten Deutschen Turnern aus Baden-Württemberg behilft (vgl. Blogwiese), haben nun für den musikalischen Teil der Feier die echten Schweizer Alphornbläser der UEFA einen Korb gegeben:

    Die Alphornbläser der Nordwestschweiz wurden von der UEFA für einen Auftritt an der Eröffnungsfeier der EURO 2008 angefragt. Nach mehrmaligem Hin- und Her haben sie der UEFA nun entnervt abgesagt, berichtet «Schweiz aktuell».
    «Die UEFA wollte uns als Marionetten benutzen.» sagt Thomas von Arx, Aktuar der Alphornvereinigung Nordwestschweiz gegenüber «Schweiz aktuell». Gemeinsam hatten sie mit der UEFA einen Auftritt für die Eröffnungsfeier im St.-Jakobs-Park am 7. Juni geplant. Mit 30 Bläsern wollte die Alphornvereinigung die Zuschauer erfreuen. Doch die Vorschriften der UEFA waren für die Bläser zu absurd.
    (Quelle: www.sf.tv)

    Dabei sind gerade diese Alphornbläser neben den Kuhglocken- und Fahnenschwingern im Ausland mit hohem Wiedererkennungswert für die Schweiz versehen. Vielleicht schafft es ja die UEFA noch in der letzten Gruppe, nun eine Gruppe von Schalmeienspielern in Deutschland anzuwerben. Oder Baschi singt ein Duett mit Pocher in der Untertitel-Version seinen „Bring den Hai“ Megaerfolg. Die UEFA hatte eine genaue Vorstellung davon, was die Alphornbläser blasen sollten:

    Die von der UEFA vorgeschriebene Melodie sei auf einem Alphorn unmöglich zu spielen, so Peter Baumann, Musikalischer Leiter der Alphornvereinigung. «Es erstaunt mich, dass die UEFA nicht weiss, was man auf Alphörnern spielen kann.» Die UEFA habe als Alternative einen Playback-Auftritt vorgeschlagen. Auch die Kleidung der Bläser wäre nicht traditionsgemäss gewesen, betont Thomas von Arx: «Wir wollten mitmachen so wie es unserem Brauchtum entspricht und nicht wie es die UEFA will». (…)
    (Quelle: www.sf.tv)

  • In Stulpen und Minirock
  • Das gewünschte Stück war nicht machbar auf dem Alphorn, und die Kleidung war auch nicht richtig. Ob man verlangt hat, dass die Herren kniefrei und in Lederhose auftreten? Nein, aber in Stulpen, kurzen Hosen und im Minirock (bei den Frauen).

    Jetzt wird nicht mehr geblasen auf der Euro 08, nur noch in die Schuhe (Jetzt blas mir doch in die Schuhe — Air Condition auf Schweizerdeutsch).

    Tritt ein bring Glück herein — Die Eintretensdebatte

    Mai 22nd, 2008

    (reload vom 29.12.05)
    Wir lasen am in unserem Standardlehrwerk für den Schweizerdeutschen Politikjargon, dem Tages-Anzeiger:

    Darüber waren im Rat die Meinungen geteilt: Zu reden gab in der Eintretensdebatte die unklare Verfassungsgrundlage. Auch Blocher räumte ein, dass unter Juristen die Bundeskompetenz zur gesetzlichen Regelung von Rayonverbot, Meldepflicht und Polizeihaft umstritten sei. (Quelle:)

    Und wir beginnen zu grübeln… wer tritt da was ein? Die Polizei darf eine Tür eintreten, wenn sie eine „vorläufige Erschiessung Festnahme“ durchführen muss. Müssen die Jungs von der SoKo (=SonderEinsatzKommando) darüber noch debattieren?

    Rein wörtlich handelt es sich um die „Debatte des Eintretens„, wie das Genitiv-S am Ende vermuten lässt. Wir suchen noch ein bisschen weiter und finden Rat beim Grossen Rat des Kantons Basel Stadt:

    Eintretensdebatte
    Liegt dem Parlament eine Gesetzesvorlage der Regierung oder einer Kommission vor, so diskutiert es zuerst, ob es überhaupt auf diese eintreten, d.h. sie behandeln will. Beschliesst es Nichteintreten, was relativ selten vorkommt, so signalisiert es, dass es eine Vorlage für überflüssig hält. Das Geschäft ist dann erledigt. Wird Eintreten beschlossen, so folgt die Detailberatung und die Schlussabstimmung. (Quelle: )

    Auf diese eintreten„? Das liest sich wie der Bericht von einem Überfall einer Horde Skinheads. Und so geht das Parlament mit einer Gesetzvorlage um? Sie kannten das Wort zuvor auch nicht so genau? Das erstaunt uns sehr, denn allein bei Google-Schweiz finden sich 8’310 Beispiele für die Verwendung.

    Uns erinnert das sehr an Kneipentouren mit Freunden. Wir spazieren durch die Stadt, kommen an einer Kneipe vorbei, und schon verspüren einige schrecklichen Durst und es beginnt eine „Eintretensdebatte„. Sollen wir nun eintreten oder nicht? Immer streng nach der Lehre des alten Journalisten-Kalauers (der auch als kürzester und schlechtester Witz bei Spiegel-Online zitiert wurde):

    Gehen zwei Journalisten an ’ner Kneipe vorbei.

    Foto aus dem Spiegel-Online Artikel:
    Oh mein Gott, ist dieser Witz schlecht (Foto von Spiegel Online)

    Schweizer Kultur: Mit Wassermusik von Händel in den Welthandel

    Mai 15th, 2008

    (reload vom 23.12.05)
    Die Schweiz ist eine Kulturnation, nichts wird hier so hoch geschätzt und verehrt wie die klassische Musik. Ganz besonders gilt dies für den barocken Komponisten Georg Friedrich Händel. Für König Georg I. von England schrieb er 1717 die Wassermusik, später für den Thronfolger König Georg II. die Feuerwerksmusik.
    Georg Friedrich Händel

    Georg Friedrich ist daher in der Schweiz besonders in stürmischen Zeiten, auf dem Wasser und wenn es brenzlig wird immer präsent. Er schafft es sogar in den Wirtschaftsteil des Tages-Anzeiger am 14.12.05:
    „Viele Händel um den Welthandel“
    Händel in der Mehrzahl im Tages-Anzeiger

    Nur so ganz verstehen wir nicht, warum die Schweizer den armen Georg Friedrich immer im Plural ansprechen. Ist er denn eine multiple Persönlichkeit? Gibt es mehrere von ihm? Oder hatte er viele fleissige und komponierende Kinder, so wie einst Johann Sebastian Bach?

  • Will Georg-Friedrich fremde Söhne adoptieren?
  • Schon im März 2001 lasen wir auf unzähligen Plakaten, Aufklebern, unübersehbar überall angebracht, diesen Satz:

    Keine Schweizer Söhne für fremde Händel

    Sogar geopfert sollten die Söhne für ihn werden:

    Schweizer Söhne für fremde Händel opfern? (Quelle:)

    Zum Glück hatten wir es hier nicht wirklich mit einem musikalischen Opfer zu tun, sondern es ging um die Frage, ob Schweizer Soldaten beim Kosovo-Hilfseinsatz bewaffnet sein dürfen um sich selbst zu verteidigen, oder ob das die heiligen Prinzipien der Neutralität zerstört?

    Das Thema bewegte sowohl die Pazifisten ganz links, die die umstrittene Schweizer Armee sowieso am liebsten ganz abgeschafft haben mochten, als auch die Rechten um Blocher auf der anderen Seite des politischen Spektrums.

    Beide bekamen sie eine Abfuhr: Die Schweizer stimmten am „Abstimmigs-Sunntag“ 10.06.2001 mit knapper Mehrheit für die Selbstverteidigung. Zugleich wurde damals ein Entscheid bestätigt, wonach der Staat der Katholischen Kirche beim Gründen von Bistümern nicht mehr reinreden darf. Jetzt kann die Katholische Kirche so viele Bistümer in der Schweiz gründen, wie sie mag, und braucht keine Genehmigung mehr von der Regierung. Es gab Zeiten, da war so ein Gesetz notwendig.

    Manchmal bereuten wir es in solchen Momenten politischer Willensbildung in der Vergangenheit aufrichtig und von Herzen, dass wir da nicht mit abstimmen konnten. Wir hätten alle Macht beim Staate gelassen, soll doch die Katholische Kirche woanders ihre Bistümer gründen, wenn sie mag! Aber es hat nicht sollen sein.

    Zurück zum „Händel“. Dazu vermerkt unser Duden lakonisch:

    Händel (dt. Komponist).

    Aber halt Stopp, direkt darüber, da steht es ja:

    „Der Handel, die Händel meist Plur. (veraltet für Streit), Händel suchen“

    Wieso veraltet? Was massen die sich in der Dudenredaktion eigentlich an? Die sollen doch einfach mal ein paar vernünftige Schweizer Zeitungen vom Dezember 2005 lesen! Nix da mit veraltet, denen werden wir es zeigen! Händel werden wir suchen gehen!

    Jetzt sind wir erleichtert! Doch kein Georg Friedrich. Hier fehlt im Duden nur der Zusatz „Schweiz.“, der sonst alle unsere Wortentdeckungen adelt und sanktioniert. Aber wir wollen jetzt aufhören damit, Händel zu suchen und wieder schön friedlich werden.