Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend

Mai 13th, 2008

(reload vom 21.12.05)

  • Machen Sie einen Termin für Freitagnachmittag
  • Vor einigen Jahren schulte ich das Produkt MS Outlook bei einer Firma in der Westschweiz. Als wir den Outlook-Kalender mit der Möglichkeit kennenlernten, Termine festzulegen und Einladungen zu verschicken, forderte ich die Kursteilnehmer auf für Freitag, 16.00 Uhr, einen Termin anzusetzen und alle im Kursraum anwesenden Kollegen dazu einzuladen. Was war das Ergebnis: Es wurde flugs zu 10 „Apéros“ eingeladen. Das hätte mir bei den Deutschschweizern auch passieren können, denn nichts ist hier so beliebt wie der gemeinsam „Apéro„.

    Alles kann dazu Anlass sein: Das Ende der Probezeit eines Mitarbeiters, ein Geburtstag, ein Jahrestag, der letzte Tag vor den Ferien, sogar ein neues Auto habe ich schon auf einem apéro gefeiert. Das ist eine ziemlich mühsehlige Angelegenheit, und die Mühlsal steigt potentiell mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gibt ein eisernes Gesetz auf einem Schweizer apéro-Empfang: Jeder muss mit jedem anstossen.

  • Wenn jeder mit jedem anstossen muss
  • In der Datenbanktechnik nennen wir das einen „outer join„. Das ist jetzt nicht etwas Unanständiges, wie Sie vielleicht denken, und hat auch nicht mit einem draussen vor der Tür gerauchten „Joint“ zu tun, sondern das ist, wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen sinnvollen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden (also alle Menschen mit Glas in der Hand), und das dann schrecklich viele Möglichkeiten ergibt.
    Anstossen beim Apéro ist Pflicht
    Angenommen Sie haben 20 Kollegen in ihrer Firma, dann rechnen sie 20 x 19 = 380 Möglichkeiten, zwei Gläser aneinander zu führen. Nun, zum Glück müssen sie persönlich nur 19 Mal anstossen. Bis Sie dann fertig sind, ist der Champagner oder kühle Weisswein warm, das Glas kaputt oder Sie verdurstet.

    Beim Anstossen müssen Ihrem Gegenüber immer schön tief in die Augen schauen und lächeln, vorbeigrinsen gilt nicht und führt zur Wiederholung. Überkreuz anstossen ist genauso unsittlich, also stehen Sie am besten auf, laufen durch den Raum und verschütten den kostbaren Inhalt Ihres Glases dabei nicht.
    Anstossen ist anstrengend

    Wer meint, mit ein Mal anstossen am Abend sei es getan, der irrt. Bei jeder neuen Runde geht das Spiel von vorn los. Kein Wunder, dass Sie dabei nicht betrunken werden, Sie kommen ja kaum dazu, wirklich etwas zu trinken. Es gibt einen geheimen Trick, wenn man die Schnauze voll hat vom vielen Anstossen und endlich etwas Flüssiges in die Kehle bekommen möchte. Man hebe deutlich sein Glas und sage dabei mit lauter Stimem „Soll gelten“, dann nichst wie runter mit dem Gesöff, sonst kommt wieder jemand auf die Idee, dass er mit Ihnen noch nicht angestossen hat, und die Prozedur beginnt wieder von vorn.

  • Wo gibt es sonst Anstösser?
  • Anstossen tun die Schweizer sonst ja nur in einsamen Wohngegenden, genau da, wo die Deutschen sonst ein „Anliegen“ haben (siehe Blogwiese). Beim Apéro wird aber gern über solche Kleinigkeiten hinweggesehen. Zum Wohl!

    Zürichdeutsch sprechen lernen mit Emil, das geht nicht — Was ist ein „Siech“?

    Mai 6th, 2008
  • «Zürichdeutsch sprechen geht gar nicht»
  • Emil Steinberger ist in Deutschland, ja sogar in Ostdeutschland, durch seine zahlreichen Fernsehauftritte sehr bekannt. Er schuf extra für sein Deutsches Publikum eine Schweizer Hochdeutschvariante, die es bis dahin nicht gab. Kein „Schweizer Hochdeutsch“, aber Standardsprache mit starker Einfärbung, heute oft als „Emil-Deutsch“ bezeichnet. Da es seine Emil-Programme auf Cassette oder CD in fast jeder Schweizer Stadtbibliothek und in Deutschen Stadtbüchereien auszuleihen gibt, kann sich jeder leicht von dem Ergebnis dieser sprachlichen Bemühungen überzeugen. Die katastrophale Nebenwirkung dieser Aufnahmen in „Emil-Deutsch“: Bis heute glauben Millionen von Deutsche, dass sie hier original Schweizerdeutsch hören, wenn Emil in seiner Kunstsprache loslegt.

  • Emil auf CD
  • Emil Steinberger bringt zur Euro 2008 eine eine Schwyzerdütsch- CD heraus, mit der Deutsche die Luzerner Variante der Schweizer Mundart lernen können.
    Schwyzerdütsch mit The Grooves
    (Quelle Foto: edition-e.ch)

    Der Tages-Anzeiger interviewte Steinberger zu dieser CD:

    Herr Steinberger, Sie sprechen auf der CD wie gewohnt Luzerner Dialekt. Aber Zürichdeutsch wäre eigentlich viel angemessener, oder?
    Ha! Das muss ich lachen. Immerhin wurden die Texte von einem Zürcher geschrieben, und ursprünglich sollte ich tatsächlich Zürichdeutsch sprechen, aber das geht gar nicht. Katastrophal! Der Luzerner Dialekt ist eher neutral, also eignet er sich auch für Leute, die ein Durchschnitts-Schweizerdeutsch lernen wollen. Hätte ich versucht, einen anderen Dialekt zu sprechen, wäre das wohl eher peinlich geworden, denn ich bin ein lausiger Sprachenimitator.
    (Quelle: Tages-Anzeiger vom 13.03.08)

    Ist Zürichdeutsch dann nicht die neutrale Durchschnitts-Schweizerdeutsch-Variante, die wir immer lernen sollen? Sprich Emil etwa den bekannten Oltener Bahnhofsbüffet-Dialekt?
    Der Tagi fragt weiter:

    Ihre Kabarett- und Lesereisen führten Sie durch den gesamten deutschsprachigen Raum. Gab es da auch mal Verständigungsprobleme?
    Natürlich. Wenn man ein Programm ins Hochdeutsche übersetzt, stösst man immer wieder auf Wörter, die einem klar erscheinen, im Ausland dann aber nicht verstanden werden. Ausdrücke wie grillieren, parkieren oder zügeln sind unseren deutschsprachigen Nachbarn nicht bekannt, zumindest nicht so, wie wir sie bei uns verwenden.

    Diese Wörter haben wir auch tatsächlich nicht bei Emil gelernt. Er hat sie tunlichst aus seinem Programm gestrichen, als er im Deutschen Fernsehen auftrat.

    Und wie reagierte das Publikum auf Ihr helvetisch eingefärbtes Hochdeutsch?
    Äusserst positiv. Eine Zuschauer aus Deutschland hat mir mal geschrieben: «Das Schweizer Hochdeutsch klingt in unseren Ohren wie Musik.» Dennoch gab es gewisse Nummern, die im Ausland nicht funktionierten, etwa «Klassezämekunft». Hätte ich den Begriff «Klassentreffen» eingesetzt, wäre ich wohl durchgekommen. Aber die Deutschen sind sprachlich nicht so flexibel, sie können nicht so gut kombinieren wie die Schweizer – da haben wir einen deutlichen Vorteil.

    Der klassische „Jöö-Faktor“. Nur die Behauptung, man könne im Deutschen nicht so gut kombinieren und sei sprachlich weniger flexibel, halte ich gelinde gesagt für gequirlten Schwachsinn. Erstens werden auch in Deutschland etliche Varianten gesprochen, die es regelmässig in die Standardsprache schaffen, und zweitens kann man schwer über den Umfang und die Flexibilität einer Sprache urteilen, wenn man sie persönlich nur aus der Entfernung oder als geschriebene Variante kennt. Die grundsätzliche Fähigkeit des Deutschen, Wörter endlos aneinander zu kleben und damit Neues zu schaffen existiert in den Mundarten gleichermassen wie in der Standardsprache. Dein ständiges „Türenaufreissenundwiederzuknallen“ nervt mich gewaltig. Ein gültiges Wort der Deutschen Sprache wurde da soeben erschaffen. Ob es sich im Sprachgebrauch durchsetzen kann, ist ein ganz anderes Thema.

    Emil sagt im Tagi Interview weiter:

    Andererseits spricht der Schweizer an sich ja nicht so gerne Hochdeutsch. Ich weiss beispielsweise von Familien, die jeweils auslosen, wer nach dem Grenzübertritt in Deutschland das Sprechen übernehmen muss.

    Cool. Ist das wirklich so? Wir haben schon jede Menge Schweizer beim Einkauf in Deutschland erlebt, die sich so zu Hause fühlten, dass sie ihr Zürichdeutsch gar nicht erst ablegten. Warum auch, die Süd-Alemannen verstanden sie prima. Es wurde uns auch von Schweizern in einer Berliner S-Bahn berichtet, auf Touristentour durch Deutschlands Hauptstadt, die sich unbekümmert und laut in ihrer Muttersprache unterhielten. Ob es allerdings Zürichtütsch oder Bärndütsch war, konnte uns der Berliner Ohrenzeuge nicht sagen. Wir tippen mal auf Zürich.
    Emil sagt über seine CD:

    Hier könnte die CD eine gewisse Annäherung erleichtern. Von beiden Seiten her, denn es wäre schön, wenn die Deutschen in der Schweiz unseren Dialekt verstehen oder gar sprechen würden. Meine Frau, die ursprünglich aus Köln stammt, hat innert dreier Monate Schweizerdeutsch gelernt.
    Ihre Frau versteht Sie also?
    Möglicherweise ist sie ja eine Ausnahme, aber die kommt manchmal mit Ausdrücken an, bei denen ich mich frage, woher sie die hat. Probleme gab es eigentlich nur bei gewissen Feinheiten wie Vokalkombinationen. Da wurde dann aus «Fleisch» schon mal «Fliisch» und aus dem «Staubsuuger» ein «Stubsuger».

    Und wie spricht man „Döner Kebab“ oder „Hover-Klopfsauger“ auf Schweizerdeutsch aus, fragen wir uns dann ganz spontan.

    Dann wurde Emil vom Tagi nach seinen liebsten Mundartausdrücken befragt:

    Gewisse Wendungen aus meinen Kabarettprogrammen haben sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt und begegnen mir immer wieder. Zum Beispiel das abwehrende «Bi dem Wätter . . .» oder das verblüffte «Das esch jetzt no de Bescht!». Nur mit gewissen Dialekten habe ich Mühe, etwa wenn ich im Radio Extremwalliserdeutsch höre. Aber ich staune immer wieder ob unserem Sprachgebrauch, gerade bei Begriffen wie «Siech». So bezeichnete man ursprünglich ein totes Pferd, aber mittlerweile ist das ins Positive umgedreht worden: Der Luzerner spricht anerkennend von einem «verrockte Siech», der Berner vom «geile Siech». Unser Dialekt ist schon eine verdammt vielseitige Sache.

    Soviel Spass an einem toten Pferd. Aber ob das Wort „Siech“ wirklich von einem dahin siechendem d. h. sterbendem Tier abstammt, darüber dürfen sich nun Phipu und Anfra eine zünftige Erklärungschlacht liefern. Wer hat die Stelle im Grimmschen Wörterbuch schneller gefunden? Und bitte keine Verweise à la „ist bereits da und da erklärt worden“ 😉

    Wie werde ich als Deutscher sympathisch in der Schweiz? Stilgerecht und einzeln in der Coche

    Mai 5th, 2008
  • Gut ankommen in der Schweiz
  • Wir wurden aufmerksam gemacht auf ein sensationelles Angebot für Deutsche in der Schweiz:

    Business Knigge für Deutsche, die in der Schweiz arbeiten und gut ankommen möchten! Manieren, gute Umgangsformen, sprachlicher Ausdruck, Schweizerische Traditionen, geschäftliche Gepflogenheiten der Schweiz: Schulungen für Deutsche, die in der Schweiz arbeiten und sich möglichst reibungslos in der Arbeitswelt integrieren möchten…
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: stilgerecht.ch)

    Stilgerecht Knigge für Deutsche

    Was bringen die einem bei in Sachen „sprachlicher Ausdruck“? Vielleicht „schlussendlich“, „erst noch“ und „für einmal“ richtig zu betonen? Oder warum man in der Schweiz nicht in der Nase popeln darf beim Personalgespräch, wie sonst in Deutschland üblich? Darf ich nicht „dat is aber leckar“ sagen beim Essen? Gilt es nicht als „geschäftliche Gepflogenheit“ in der Schweiz, nach dem ersten Apéro gleich zum „Ich bin übrigens der Hansruedi und im Zivilleben Obersthauptmajor“ überzugehen? Wird zur „reibungslosen“ Integration ein Duschgel gereicht, damit beim „dusche <>tusche“ keine Friktionen entstehen?

    Warum braucht es Schulungen für Deutsche, die in der Schweiz arbeiten? Deutsche und Schweizer sind Nachbarn. Wir sprechen die fast gleiche Sprache (zumindest in der Deutschschweiz). Deutsche fahren in die Schweiz um Ferien zu machen. Schweizer und Deutsche pflegen schon seit vielen Jahren sehr intensive Geschäftsbeziehungen miteinander.

    Deutsche fahren nicht in die Ferien, die haben Urlaub. Schweizer hingegen kennen die Deutschen und brauchen dort auch nicht in den Urlaub hin zu fahren. Die paar Tausend Berlin-Süchtige pro Jahr mal ausgenommen, und die Rentner im Schwarzwald ebenso.

    Und doch gibt es viele kleine, aber feine Unterschiede. Die Mentalität, die Kommunikation, die Geschäftskultur unterscheiden sich. Und es geht dabei um Emotionen, um Identitätsaspekte, die nicht wegzudiskutieren sind. Deutsche werden, laut Stimmen aus der Presse und dem schweizerischen Fernsehen, als „arrogant“ wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hat, zumindest im geschäftlichen Alltag, sicher etwas mit dem unterschiedlichen Verhalten und der unterschiedlichen Art zu kommunizieren zu tun.

    Nur als „arrogant wahrgenommen“? Nein, sie sind es! Haben wir doch oft genug gehört. Wenn das alle sagen, kann es nicht falsch sein. Und was das unterschiedliche Verhalten und die Art der Kommunikation angeht: „Tach, ich bin der Schorsch, und wo geht dat nun hier nach Aldi?

    Deutsche sind beispielsweise oft direkter. Sie haben eine „harte“, sprachliche Ausdrucksform. Schweizer sind hingegen oft weniger direkt. Ihre sprachliche Ausdrucksform ist „weicher“.

    Ach so ist das gemeint. Je weniger Krachlaute, je weniger Diphthonge, desto weicher wird eine Sprache.

    Damit die Integration in das Schweizer Arbeitsumfeld reibungsloser gelingt und unnötige Missverständnisse vermieden werden, bietet die Imageagentur Stilgerecht Schulungen und Einzelcochings für Deutsche an, die in der Schweiz, ohne Ellenbogenmentalität, beruflich tätig sein wollen und bei Ihren Kollegen, geschäftlichen Partnern und Kunden sympathischer ankommen wollen.

    Ach deswegen bekommen wir keine Gegeneinladung von Schweizern, wenn wir sie einmal zum zünftigen typisch deutschen „Kleine-Kinder-Fressen“ eingeladen haben. Die Ellenbogen am Esstisch waren denen zu spitz. Ob man so ein Coching in einer spanischen „coche“ oder in einer deutschen Kutsche bekommt, quasi während der Fahrt, darüber verrät die Webseite mit ihrem sensationellen Angebot leider nichts. Wir wollen sympathisch ankommen! Das können in Deutschland sonst nur die Badener aus Baden-Württemberg, die sich als „badisch und nicht unsymbadisch“ bezeichnen, denn ihr Motto lautet: „über Baden lacht die Sonne, über Stuttgart die ganze Welt“.

    Sprechen Sie mit uns. Wir bieten Ihnen massgeschneiderte Business Knigge Schulungen an.

    Massgeschneidert also. Die zwickt nicht im Schritt. Toll, endlich mal ein Schritt in die richtige Richtung. Eine Knigge Schulung für Deutsche in der Schweiz. Die bringen den Deutschen Benehmen in der Schweiz bei und verdienen auch noch Geld damit. Ob man da auch die acht Fragen lernt, die man einen Schweizer niemals fragen darf?
    1. „Bist Du auch ein Züricher?“
    2. „Wieviel Patronen hast Du beim letzten WK mitgehen lassen?“
    3. „Wieviel Franken hast Du in letzter Zeit auf Sparkonten nach Deutschland transferiert?“
    4. „Guckst Du auch am Samstag heimlich die Deutsche Bundesliga?“
    5. „Darf man beim Baden im Züricher See eigentlich ins Wasser pinkeln?
    6. „Funktioniert ein Schweizer Sturmgewehr eigentlich auch bei schönem Wetter und Windstille?“
    7. „Warum schreibt man Hansruedi eigentlich nicht mit Ypsilon?“
    8. „Warum wird beim Obligatorischen nicht auch Elfmeterschiessen geübt?“

    Grüezi Gummihälse — Rowohlt übt den Dialog der Kulturen

    April 30th, 2008
  • „German bashing“ als Auftragswerk
  • Bei Rowohlt erscheint in den nächsten Wochen, rechtzeitig zur Fussball Europameisterschaft in der Schweiz, der Titel „Grüezi Gummihälse

    Grüezi gummihälse von Bruno Ziauddin
    (Quelle: rowohlt.de)

    Im Klappentext heisst es dazu

    Hilfe, die Deutschen kommen!
    Sie kommen in Scharen, sprechen laut und wissen alles besser. Immer mehr Deutsche leben und arbeiten in der Schweiz und machen sich dabei unbeliebt. Den Spitznamen Gummihälse haben sie sich eingebrockt, weil sie unentwegt nicken, wenn der Chef etwas sagt. Mit viel Humor wirft Bruno Ziauddin einen Blick auf die teutonischen Gastarbeiter und erzählt vom Kampf der Kulturen in den Alpen.
    (Quelle: Amazon.de)

    Das nenne ich doch einmal einen vielversprechenden Ansatz zum Dialog. Nur stimmt da so einiges nicht. Es geht schon los bei den „Gummihälsen“, ursprünglich als „Rubberneck“ den amerikanischen Touristen nachgerufen, die sich durch die europäischen Kulturmetropolen bewegen und dabei angeregt alle Einzelheiten vom Fremdenführer erklären lassen, dessen Ausführungen sie mit sehr beweglichen Köpfen, wie auf Gummihälsen gesetzt, folgen. Hat sich irgendwann auf Touristen aus Deutschland übertragen. Aber gibt es überhaupt so viele Touristen aus Deutschland in der Schweiz? 2´800 Ärzte, und 202´000 Deutsche insgesamt, die sind nicht hier um Kulturgüter zu bewundern, die sind hier um zu arbeiten und die AHV-Kassen zu füllen. Von Quellensteuern und Krankenkassenbeiträgen wollen wir gar nicht erst anfangen.

  • Motzkultur oder Chef-Abnicker?
  • Weil sie unentwegt nicken, wenn der Chef was sagt… wie passt denn dies Beobachung zum Klischee der ewigen Nörgler und Motzer, die immer gleich das Maul aufreissen und direkt ihre Meinung sagen, während der Schweizer lieber zurückhaltend schweigt und auf harmonischen Konsens bedacht ist? Ich bin gespannt, welche Weisheiten dieses Buch sonst noch so liefern wird. Es ist laut einem Bericht des Autoren Bruno Ziauddin in der Weltwoche 17/08 ein Auftragswerk des Rowohlt-Verlags. „German Bashing“ mit offiziellen Weihen und Euro-Zahlung aus Hamburg. Da mag die Deutsche Volksseele, sich mal so richtig verkloppen lassen.

  • Auf die Rübe oder auf die Nuss?
  • Anderswo wird das Buch mit dem Untertitel beworben: „Warum wir den Deutschen gern ab und zu eins auf die Rübe geben„.
    Auf die Rübe geben
    (Quelle: books.ch)

    Unser Freund Neuromat wandte sich deswegen per E-Mail direkt an den Verlag. Wir wollen ihn hier ungekürzt zu Wort kommen lassen:

    Das Ruebli, das ist eine Karotte. Nuss, wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber die ist ja nun schon auf dem Cover abgebildet. Jedoch völlig falsch, nämlich ohne Schnäuzer, dafür, passend zum Untertitel 2, ein Alphorn schwingend. Wissen Sie eigentlich was passiert, wenn man einem ein Alphorn auf dem Kopf zertrümmert? Das Alphorn geht kaputt. Wie auch immer ihr seid da möglicherweise nid ganz suber über ds Nierstück.

    Dann blättert man weiter durch den pdf.file des Katalogs und stösst da auf: Muhabet: Nenn mich nicht Kanake, du Kartoffel ( Das ist übrigens wirklichkeitsfremd. Richtig wäre: „Nenn mich nich Kanake, Kartoffel„. Das Du können Sie in diesem sprachlichen Zusammenhang nur an den Satzanfang stellen, eingeleitet oder auch umrahmt von einem eh. Ist aber auch egal.)

    Da steht zur Begleitung gewalttätig, bildungsfern, nicht integrierbar und es geht um Türken in Deutschland und dann blättern wir wieder zurück; denn da war uns noch was in Erinnerung geblieben. Und richtig! Der Begleittext zum Gummihals Grützi: Die Türken der Schweiz. Du meine Güte, wie kann man mit so wenig Worten, so viel Menschen auf einmal beleidigen. Das ist doch ganz enorm, denkt man noch, und schon geht es wieder zurück zu Muhabet, besser direkt neben Muhabet: Nicht lange reden – bestellen! Miteinander reden. Der Klassiker sozusagen, der erscheint jedoch erst im September, aber könnten sich den nicht mal alle im Rowohlt Verlag vornehmen. Die Weltwoche hat nämlich keine Zeit, die lesen gerade: Nicht lange denken – schreiben!

    Aber zurück zur brennenden Frage: Mit welchem Untertitel erscheint es denn nun tatsächlich? Mit der Ruebe wäre noch ganz lustig. Vor ein paar Monaten wurde in Luzern ein deutscher Arzt am Busbahnhof grundlos zusammengeprügelt. Am 29.04.08 kommt ja Frau Merkel; aber die reist mit Bodyguards. Obwohl wenn ich mir vorstelle, dass der Couchepin, wissen Sie, der kann ganz böse gucken, wenn der plötzlich so ein Sackalphorn aus dem Hosensack zieht und dann der Merkel bis zur Besinnungslosigkeit eins auf die Karotte gibt…

    Frage wäre aber auch: Welcher Untertitel denn Ihrem Autor besser gefallen würde. Miteinander reden, wuerde mir ja am besten gefallen. Aber das erscheint ja wie gesagt erst im September – hoffentlich nicht am 11.
    (Quelle: E-Mail von Neuromat an den Rowohlt-Verlag)

  • Erst ein Schweizer, dann ein Türke
  • Rowohlt leitet mit „Grüezi Gummihälse“ den konstruktiven kulturellen Dialog ein. In der aktuellen Katalog-Vorschau
    auf Seite 25 finden wir, wie von Neuromat richtig erwähnt, diese zwei weitere passenden Titel zum Thema „Dialog“:
    Nenn mich nicht Kanake, du Kartoffel
    (Quelle: Rowohlt Katalog S. 25)

    Und gleich daneben angepriesen:
    Miteinander Reden

    Wie hübsch: Erst schimpft ein Schweizer über die Deutschen, dann ein Türke, und dann werden Dank Rowohlts Verlagsprogramm alle Streithähne mit dem Titel „Miteinander Reden“ wieder an einen Tisch gerufen. Friede, Freude, Eierkuchen. Und mit all dem lässt sich auch noch gut Geld verdienen.

    Am Auffahrtstag, in Deutschland als „Himmelfahrt“ bekannt, der in diesem Jahr praktischer Weise mit dem 1. Mai zusammenfällt, macht die Blogwiese Pause. Wir müssen uns die ritualisierte Kloppe in Zürcher Kreis 4 und 5 entweder vor Ort oder „live on Tele-Züri“ anschauen morgen. Obwohl in diesem Jahr in Zürich der 1. Mai erst am 2. Mai gefeiert wird:

    Im Jahr 2008 wird das 1.-Mai-Fest nach 2003 zum zweiten Mal nicht am 1. Mai stattfinden.
    Das internationale Volksfest startet am 2. Mai auf dem Kasernenareal und findet bis am 4. Mai statt. Im letzten Jahr kam es um das Fest erneut zu Ausschreitungen. Für die betroffenen BesucherInnen und die OrganisatorInnen war die Lage derart prekär, dass das 1.-Mai-Komitee nicht zur Tagesordnung übergehen wollte. Die Verschiebung ist ein Aufruf an alle, den Raum für einen offenen 1. Mai zu erhalten – und ein Versprechen:
    (Quelle: www.1Mai.ch)

    Solche kleinen zeitlichen Verschiebungen sind die Zürcher gewohnt, die bekanntlich ihren Silvesterlauf Mitte Dezember abhalten, und das neue Jahr um 20 Minuten nach Mitternacht mit Feuerwerk begrüssen, und auch schon Weihnachten im November feiern.

    Sind die Deutschen ein Gewinn für die Schweiz? — 50.8 % sagen Nein

    März 18th, 2008
  • Was bringen die Deutschen der Schweiz?
  • Die Schweizer Zeitung Sonntags hat am Sonntag, den 16.03.08 eine „Sonntagsfrage“ bei ihren Lesern durchgeführt. Sie lautete:
    Sind die Deutschen ein Gewinn für die Schweiz?. Natürlich nicht repräsentativ. Es werden auch keine absoluten Zahlen genannt, wieviel Leser überhaupt abgestimmt haben. Das Ergebnis fiel knapp aus. 50.8 % der Leser, die online geantwortet haben, meinten nein (Stand vom 17.03.08):

    Sonntagsfrage vom 16.03.08
    (Quelle: Sonntagsfrage)

  • Der Schweiz gehts gut – dank den Deutschen
  • Dabei hatte die Zeitung zuvor in einem Artikel ein paar nüchterne Fakten zum Thema gebracht, doch die scheinen alles nichts genutzt zu haben. Von einem „Gewinn für die Schweiz“ mag die Hälfte der Abstimmenden nicht reden.

    Nur dank den Deutschen kann die Wirtschaft überhaupt so stark wachsen, wie sie es derzeit tut. 29 309 Deutsche verlegten ihren Wohnsitz im letzten Jahr in die Schweiz, damit sind sie 2007 mit grossem Abstand die grösste Zuwanderernation. (…) Der Fiskus freut sich über die gutverdienenden Einwanderer aus dem Norden, die ihm Milliarden in die Kasse spülen. In den Kantonen explodieren die Einnahmen bei der Quellensteuer. In Zürich, wo sich besonders viele Deutsche niederlassen, stiegen die Bruttosteuereinnahmen durch ausländische Arbeitnehmer zwischen 2005 und 2007 von 480 Millionen auf 730 Millionen Franken – eine Steigerung um 65 Prozent! Auch der Kanton St. Gallen hat 2007 rund 150 Millionen eingenommen. Das sind rund 50 Prozent mehr als 2005. Im Kanton Zug stiegen die Einnahmen bei der Quellensteuer im selben Zeitraum um 88 Prozent. Für die Steuerämter ist klar: Vor allem die Deutschen füllen den Kantonen die Kasse.
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: Sonntagssz.ch)

    Auf auf dem Wohnungsmarkt mischen die Deutschen Zuzügler kräftig mit und beleben die Nachfrage:

    Der Immobilienmarkt profitiert ebenfalls von der Deutschenschwemme. Jährlich werden rund 40 000 Wohnungen aus dem Boden gestampft. Ohne Deutsche blieben viele Wohnungen leer. Martin Neff, Leiter Schweizer Wirtschaft bei der Credit Suisse, sagt: «Die Zuwanderung, vor allem die der Deutschen, ist der wichtigste Grund, warum der Schweizer Immobilienmarkt stabil ist.»

    Die Zahlen aus den Gesundheitswesen sind grösstenteils bekannt, aber hier nochmals aktuell zusammengestellt:

    Im Kantonsspital Aarau sind 30 Prozent der Assistenzärzte Deutsche, 20 Prozent sind es bei den Oberärzten und Pflegenden. 8,8 Prozent aller Ärzte in der Schweiz kommen aus dem grossen Kanton. Die Fachorganisation FMH sagt: «Ohne ausländische Ärzte würde es in den Spitälern gar nicht funktionieren.»

    Fazit: Einfach kein Gewinn für die Schweiz, es fehlt die liebenswerte südländische Lebensart, da kann man machen was man will, jedenfalls bei der Hälfte der Sonntagleser die abgestimmt haben.