Vom Makel, ein Deutscher zu sein — Sie kennen Baschi nicht?

Februar 15th, 2008
  • Der deutsche Makel
  • Der Tages-Anzeiger vom 14.02.08 brachte es auf den Punkt. Wer als Deutscher in der Schweiz arbeitet, hat von Haus aus einen Makel: Er ist Deutscher.

    Zwei «Makel» bringt der neue Kulturchef des Schweizer Fernsehens mit ins Studio Leutschenbach. Den einen bemängeln selbst TV-Insider: Rainer M. Schaper, der fortan die Kulturszene Schweiz abbilden will, ist Deutscher. Dass man ihm das vorwirft, kann er, speziell auch im Rahmen der Debatte um Deutsche auf Schweizer Lehrstühlen, verstehen. Doch so neu und fremd fühlt sich Schaper in Zürich nicht: Hier hat er Verwandte und neuerdings den Wohnsitz. Und in seinen 12 Jahren als Ko-Leiter der Sendung «Kulturzeit» auf 3sat hat er so einiges vom hiesigen Kulturschaffen mitbekommen.
    (Quelle für alle Zitate: Tagesanzeiger vom 14.02.08., S. 37)

    Hier wohnen, exgüse, „den Wohnsitz haben“, hier Verwandte haben, das alles reicht nicht. Da könnte ja jeder kommen. Deutscher sein, das ist ein Makel. Punkt.

  • Der kulturelle Kontext der Schweiz
  • Die Schweiz, das ist ein „ganz anderer Kulturkreis“, wurde uns einst von einem Primarschullehrer erklärt. Das passt zu den nächsten Ausführungen vom anderen „kulturellen Kontext“ der Schweiz.

    Schaper hat nicht vor, «die deutsche Fernseherfahrung eins zu eins in die Kulturformate von SF1 zu übertragen». Er werde sich auf den kulturellen Kontext der Schweiz einlassen. So konnte man ihn bereits an den Solothurner Filmtagen sehen, so wird man ihn an den relevanten Theater- und Kunstevents dieses Landes treffen. Als Vorbereitung auf seinen Job hat sich der 53-Jährige auch einige Lektionen in Schweizer Politik verordnet. Nicht aber in helvetischer Unterhaltung.

    Die reden doch wohl nicht etwa vom gepflegten Gespräch auf Schweizerdeutsch, wenn sie „helvetische Unterhaltung“ erwähnen?

  • Wie, Sie kennen Baschi und Polo Hofer nicht?
  • Damit ist der zweite «Makel» angesprochen: Rainer Schaper gab sich in der «SonntagsZeitung » die Blösse, die Namen Baschi und Polo Hofer nicht zu kennen. Heute weiss er, wer sie sind, schämt sich der Bildungslücke trotzdem nicht. «Ich stehe nicht dem Ressort Unterhaltung, sondern der Kultur vor.» Ein klares Wort von einem Mann, der sich im Neuland SF1 zwar umschaut, im Prinzip aber genau weiss, was er will.

  • Ist es auch ein Makel zu wissen, was man will?
  • Ob das der dritte „typisch deutsche“ Makel ist, genau zu wissen, was man will, und das wohlmöglich auch noch durchzusetzen, ohne Konsensfindung und Abstimmung mit den Kollegen?

    Rainer M. Schapler wird im gleichen Artikel mit der Schweizerin Nathalie Wappler verglichen. Die war in Deutschland und musste ihr Schweizertum dort nicht als „Makel“ bekritteln lassen.

    Nathalie Wappler hatte reichlich Gelegenheit, über das Sprechen und Talken im Fernsehen nachzudenken. Sie war beim ZDF für die Sendungen «Berlin Mitte» und «Aspekte» tätig. Die in Kreuzlingen aufgewachsene St. Gallerin mit abgeschlossenem Studium in Geschichte, Politik und Germanistik hat für fast alle deutschsprachigen Kanäle gearbeitet, seit zwei Jahren für SF1 als «Kulturplatz»-Produzentin. Sie verstehe ihr Handwerk und sei eine Teamplayerin, heisst es anerkennend aus dem Ressort.

  • Die Teamplayerin ist aus der Schweiz
  • Keine einsame Entscheiderin, sondern eine Teamplayerin! Da haben wir es schwarz auf weiss. Ja Konsensdemokratie, die liegt einfach im Blut bei den Schweizern.

    Wer Deutscher ist und Baschi oder Polo Hofer nicht kennt, der hat einen Makel oder gleich zwei. Wenn eine studierte Schweizerin in Deutschland arbeitet, dann wirft das niemals Probleme auf. Ob das daran liegt, dass die „Schweizer Kultur“ und die „Deutsche Kultur“ vielleicht gar nicht so weit von einander entfernt liegt, bzw. eine gemeinsame Basis besitzt, wohlmöglich noch, Gott bewahre, fast identisch ist? Wie könnte es sonst funktionieren, dass Schweizer Kulturschaffende in Deutschland Erfolg haben. Ist es die spezifisch Schweizerische Nase von Bruno Ganz oder die Helvetismen von Martin Suter, die sie erfolgreich in der Deutschen Kulturlandschaft auftreten lassen? Oder der Umgang mit Dialekt bei Frisch, Dürrenmatt und Gottfried Keller?

  • Wer ist Teilmenge von was?
  • Wir haben da so eine Theorie, dass die „Schweizer Kultur“ in der Deutschschweiz, sollte sie denn tatsächlich so ganz eigenständig existieren, eine Teilmenge der „Deutschen Kultur“ bildet, wie auch immer man das jetzt definieren mag. Und dass daher Deutschschweizer Kulturschaffende sich so leicht im Deutschen Kulturraum zurechtfinden. Andersrum jedoch ein Deutscher niemals oder nur mit einem Makel behaftet sich in der Schweizer Kultur zurecht finden kann. Der Tagesanzeiger hat das in diesem Artikel übrigens keinesfalls ironisch gemeint.

    Vielleicht hilft uns die Definition von „Makel“ bei Wikipedia weiter:

    Der Makel oder Schandfleck ist ein deutlicher Hinweis auf eine Unreinheit oder einen Fehler, die einer Sache, einem Gegenstand oder einer Person anhaftet. Häufig verbindet man solche Dinge oder Personen mit unehrbaren und nicht immer legalen Angelegenheiten. Den betreffenden Menschen betrachtet man mit Misstrauen, was unter Umständen einer Ächtung gleichkommt. Dahin zielt auch die Redewendung: Der Sache (oder Person) haftet ein Makel an. Makellos zu sein oder frei von jeglichem Fehler ist von jeher ein Ideal, das nie erreicht wurde.
    (Quelle: Wikipedia)

    Sollten wir jetzt Seife kaufen gehen um den Schandfleck abzuwaschen? Oder uns ein Schild an die Brust heften: „Vorsicht, kulturloser Deutscher ohne Chance in der Schweizer Kulturszene!„? Dann doch lieber als erstes eine CD von Baschi und von Polo Hofer besorgen und eine tüchtige Portion Schweizerkultur in Reinform tanken. Oder die ausgezeichneten und unterhaltsamen Mundartaufführungen im Schauspielhaus Zürich goutieren. Vielleicht verschwindet dann irgendwann der Makel, ein Deutscher in der Schweiz zu sein?

    Das ist Hochdeutsch, das verstehst Du nicht

    Februar 6th, 2008
  • Gesang auf Hochdeutsch
  • Am letzten Samstag in der Bibliothek von Bülach, die unter Deutschen immer noch mit dem geheimen Decknamen „Bücherei“ bezeichnet wird, weil es dort Bücher auszuleihen gibt, wurden wir Zeugen einer bemerkenswerten Szene: Ein kleines Schweizerkind im Alter von ca. 5 Jahren greift in das Regal mit den Kindercassetten und ergattert ein Exemplar mit Deutschen Kinderliedern. Seine Mutter nimmt die Hülle prüfend in die Hand, legt sie dann zurück ins Regal und sagt zu ihm in nicht transkribierbaren Züridütsch: „Das nehmen wir nicht, das ist auf Hochdeutsch gesungen, das verstehst Du nicht. Nimm lieber diese Pingu Cassette“. Das Schweizerkind insistiert nicht länger sondern tut brav wie ihm geheissen. Es wählt eine Pingu Cassette.

    Lerne Schweizerdeutsch mit Pinug

  • Pingu und Robby sind die Lehrmeister
  • Für Leser aus Deutschland müssen wir an dieser Stelle erklärend einfügen, dass Pingu eine Trickfilm Figur ist, die seit 1986 in der Schweiz entscheidend für die frühzeitige und kindgerechte Verbreitung des elaborierten Codes des Schweizerdeutschen verantwortlich ist. Mit ganz erstaunlichem Erfolg! Wir lesen bei Wikipedia:

    Pingu ist eine Schweizer Claymation-Trickfilmserie für Kinder. Im Mittelpunkt stehen die Hauptakteure der Serie: der freche, kleine Pinguin Pingu und sein Freund, der putzige Seehund Robby. Es gab aber auch eine Reihe von Episoden, bei welchen auch der Rest von Pingus Familie eine wichtige Rolle spielt. Pingus Vater ist Postbote und ein begnadeter Spielzeugmacher. Oft an der Seite von Pingu ist auch seine kleine Schwester Pinga.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn Sie also ihren nicht Schweizerdeutsch sprechenden Kindern etwas pädagogisch Wertvolles antun möchten, dann gehen Sie mit ihnen schnurstracks ins nächste grössere Migros-Restaurant und parken oder parkieren ihre Kleinen vor dem Pingu-Monitor, und schon werden sie begreifen, warum die Schweiz Deutschland in der Pisa-Studie (Lesefähigkeit ) immer noch alt aussehen lässt. In der Heimat Pestalozzis werden innovative pädagogische Konzepte wie die Pingu-Filme zur Perfektion gebracht, das müssen wir neidlos eingestehen.

  • Lerne Schweizerdeutsch mit Pingu!
  • Hier einer der erfolgreichen Sprachkurse mit Pingu. Also passen Sie gut auf, spitzen Sie beide Ohren und achten Sie besonders auf die wohlartikulierten Vokale und typisch Schweizerdeutschen Konsonanten. Sie können die Sequenzen jederzeit mit der Pause-Taste unterbrechen und nachsprechen. Schon bald ist eine deutliche Progression ihre Schweizerdeutschen Sprachkompetenz messbar. Viel Erfolg!

    Es gibt kein Schweizer Madel — Die Wahrheit über Heinos Blauer Enzian

    Februar 5th, 2008
  • Das Schweizer Madel ist aus Österreich
  • Bei der Beschäftigung mit der Farbe „Blau“ in der letzten Woche fiel uns unweigerlich ein besonders gruseliges Stück „blauer“ Kultur ein. Die Rede ist vom„Blauen Enzian“, vorgetragen von der einzigen noch lebenden Schaufensterfigur der Deutschen Schlagerszene, die mit Sonnenbrille und blonder Perücke auftritt.

    Das Lied enthält die spannende Textzeile:

    Wenn des Sonntags früh um viere die Sonne aufgeht,
    und das Schweizer Madel auf die Alm ’naufgeht,
    bleib ich ja so gern am Wegrand stehn, ja stehn,
    denn das Schweizer Madel sang so schön.
    Holla hia, hia, holla di holla di ho.
    Holla hia, hia, holla di holla di ho.
    Blaue Blumen dann am Wegrand stehn, ja stehn,
    denn das Schweizer Madel sang so schön.

  • Schweizer Madel gibt es nicht
  • Bei diesem „Schweizer Madel“ handelt es sich eindeutig um ein Importprodukt aus Österreich oder aus Bayern, denn ein Schweizerwort ist das auf keinen Fall. Wir fragen unsere Fachkraft fürs Schweizerdeutsche um Rat. Hier die Antwort:

    Möglicherweise gibt es etwas leicht ähnlich Klingendes im St. Galler Rheintal (nahe Vorarlberg und Liechtenstein). Das würde aber wohl eher nach „Maatli“ tönen. Was ich hingegen mit Sicherheit weiss, ist, dass das „Modi“ auf Berndeutsch diesem bairischen Wort ebenfalls ähnelt.
    Lediglich durch regionale Dialektvariationen ergeben sich schon viele Aussprache-Untergruppen für ein und dasselbe Wort. Bern: „Meitschi“ und „Modi„, im Oberland auch „Meetschi“ (MZ: Meetscheni), im Brüniggebiet dann eher „Meetli“ (MZ: „Meetleni„). Im üblichen Ballungsraum des Mittellands dann: „Meitli“ (in Olten) über „Mäitli“ (Zürich, St. Gallen) bis zu „Maitli“ (Graubünden und Basel).

    Kein „Madel“ weit und breit. Dabei wurden noch nicht einmal alle Slang-Variationen berücksichtigt, die sich im Slangikon finden: „Chick„, „Schneehäsli“ und „zwäibäinigi Chatz“ und viele andere.

  • Einmal das Lied anhören und dann sterben
  • Es erfüllt bereits die Folterdefinition der Genfer Konventionen, wenn man jemanden dieses Stück anzuhören zwingt (den vollständigen Text dazu findet man hier). Also gut anschnallen, Beissholz zwischen die Zähne klemmen, Fäuste machen und los geht es. Obacht, ein „Schweizer Madel“ wird dreimal erwähnt und ist völlig unschuldig:

    In den von 1977 bis 1986 abgehaltenen Rocknächten, live aus der Essener Grugahalle, wurde dieses Stück morgens um 5:00 Uhr nach der letzten Zugabe über die Hallenlautsprecher gespielt, um so unglaublich rasch das Publikum aus der Halle zu treiben, welches dann draussen mit der ersten Strassenbahn zum Schlafen nach Hause fuhr.

    Historisch interessant ist diese frühe Version von 1972. Noch mit Gitarre und völlig ausflippendem Publikum gedreht. Diese Fassung beweisst, dass dreissig Jahre für eine gute Perücke nichts sind:

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    Wir sind Deutschland —Doch was sind Äntuni, Mischuni und Hiischuni?

    Januar 22nd, 2008
  • Wir sind Deutschland
  • Da wir keinen Fernseher mehr haben und die Schweizer Kill-Bill-AG bei uns nur noch Radiogebühren kassieren kann, ist uns ein grossartiges TV-Event bei Stefan Raab entgangen. Die gnadenlos gute Soul- und Funk-Röhre Stefanie Heinzmann, alias „Die Stefanie aus Eyholz“, wie sie von Elton und Konsorten bevorzugt genannt wurde, hat bei SSDSDSSWDMUGABRTLAD abgeräumt. Der Tagi schrieb prompt „Wir sind Deutschland“. Na, da wird es uns doch richtig warm ums Herz.

    Dabei singt Stefanie absolut keinen Mainstream oder leichte Kost, sondern ordentlichen Funk und Soul. Alle Songs hier. Der Siegersong „My Man is a Mean Man“ wird auf Platz 1 der Deutschen Charts sein, wenn dieser Beitrag erscheint.

  • Reimen mit Äntuni, Mischuni und Hiischuni
  • Anders als bei bisherigen Castingshows wie “Deutschland sucht den Superstar” und „MusicStars“ war das musikalische Niveau bei Stefan Raab erstaunlich hoch. Auf Stefanie wartet jetzt eine spannende Zeit. Nur sollte sie doch lieber nicht mit dem Texten anfangen. Im Tages-Anzeiger vom 19.01.08 wird sie so zitiert:

    „Wenn ich etwas schreibe, will ich damit zufrieden sein können und nicht irgendetwas zusammenreimen von Äntuni, Mischuni und Hiischuni

    Letzteres war im Tages-Anzeiger verschriftet mit „Entchen, Mäuschen und Häuschen“. Gott sei Dank, sonst hätten wir das Original Walliserdeutsch garantiert nicht verstanden. Wer sich die vielen Interview-Schnipsel von Ihr bei TV-Total anschaut wird feststellen, dass sie absolut charmantes und perfektes Hochdeutsch spricht und auch mit ihrem Englisch eine sehr gute Figur macht. Aber „Merci viilmol“ lässt sie sich dennoch nicht nehmen.

    Keine deutsche Welle — Wie integriert man sich als Deutscher?

    Januar 21st, 2008
  • Wie integriert man sich als Deutscher in der Schweiz?
  • Auf NZZVotum gibt es heute eine Replik auf einen Kommentar in der NZZ vom Samstag/Sonntag 19/20. Januar 2008, S. 57
    Keine Deutsche Welle

    Es gibt keine „Neue deutsche Welle“. Das war eine Musikrichtung die 1976 aufkam und 1980 zerfiel. Sie schrieb sich mit einem grossen „D“. In der Schweiz wird „Schweizerisch“ grundsätzlich gross geschrieben. Bei „deutschen“ Adjektiven ist hingegen die Kleinschreibung passend. (weiterlesen)