Dr. Schacher hat gewonnen
Am Samstag, den 1. Dezember 2007 fand im Schweizer Fernsehen eine Wahl statt, bei der ein promovierter Mediziner namens „Schacher“, zum Sieger gekürt wurde. Wir wussten bis dahin (Schweizer dürfen jetzt„anhin“ lesen) noch nicht einmal, wer dieser ehrenwerte Mann eigentlich ist, und lasen, mangels Fernseher, erst am darauf folgenden Montag in unser Binde-Strich-Lieblings-Zeitung von diesem herausragenden gesellschaftlichen Ereignis:
«Dr Schacher Seppli» ist gestern zum grössten Schweizer Hit auserkoren worden. Er setzte sich klar vor «Ewigi Liäbi» von Mash durch. Ruedi Rymann ging mit seinem «Schacher Seppli» als Favorit ins Rennen um den grössten Schweizer Hit. Mit dem Lied vom Vaganten, der tagsüber gern mal ein «Schnäpsli» trinkt, des Nachts im Heu liegt und von «Peterus» an der Himmelstür persönlich begrüsst wird. Rymann wurde der Favoritenrolle gerecht. Das Schweizervolk wählte den Evergreen mit beinahe 50 Prozent aller Stimmen zum grössten Schweizer Hit. Der sympathische Obwaldner hatte bereits auf dem Weg in den Final der «Heimat»-Sendung den Spitzenwert erreicht.
(Quelle: Tages-Anzeiger vom 3.12.07, S. 10)
Da sind wir bereits so lange in der Schweiz, können mindestens drei der vergangenen Schönheitskönigen in der richtigen Reihenfolge aufzählen (2004 Fiona Hefti, 2005 Lauriane Gilliéron, 2006 Christa Rigozzi) und haben dennoch keine Ahnung, was Millionen von Schweizern im Herzen wirklich bewegt, wenn es um die Heimat geht.
Heimatgefühle auslösen
War lasen weiter:
Nach seinem gestrigen Auftritt gabs für Rymann eine Standing Ovation. Das war ihm sichtlich peinlich («lönt doch das sii»). Er habe sich niemals vorstellen können, dass «äs alts Mandeli» so weit kommen könnte, sagte der 74-Jährige. Und: «Danke dem Fernsehen und allen lieben Freunden.» Dem begnadeten Sänger, Jodler, Musikanten und Komponisten gelang es am besten, das Volk in einen Zustand der Ergriffenheit zu versetzen – und Heimatgefühle in den Wohnstuben auszulösen.
Jeder Versuch, den Song bei YouTube anzuhören, schlug fehl. Dort gibt es nur merkwürdige Parodien davon zu sehen. MIKAs Auftritt bei „Wetten Dass“ am 7.12.07 hingegen, den wir mangels Verblödungslaterne ebenfalls verpassten, fanden wir gleich fünf Mal. Von Ruedi Rymann hingegen keine Spur.

Ruedi Rymann auf diesem Foto ist der zweite von links.
(Quelle Foto: zisch.ch)
Am 4.12.07 berichtet der Tages-Anzeiger:
1 416 000 Personen sassen am Sonntagabend vor dem Bildschirm, als die Wahl des Liedes «Dr Schacher Seppli» von Ruedi Rymann zum grössten Schweizer Hit 2007 feststand. Das entspricht einem Personenmarktanteil von 63,5 Prozent, wie das Schweizer Fernsehen am Montag mitteilte.
Was tun, um dieses Lied doch noch zu hören, welches offensichtlich 63,5 Prozent aller Schweizer Fernsehzuschauer kennen? Ich werde morgen mein Gegenüber in der S-Bahn danach befragen, ob er mir die erste Strophe vorsummen kann. Oder die Ghettoblaster Kids, die uns jeden Morgen mit ihren quakenden Handies im Zug nerven (vgl. Blogwiese) .
Schliesslich fanden wir noch diese Ausgabe, mit Orchester unterlegt, siehe hier als Download.
Der Text lässt interessante sprachwissenschaftliche Studien zu, handelt er nämlich von einem „Vagant“, was sogar in unserem Duden zu finden ist:
Vagạnt, der; -en, -en [zu lat. vagans (Gen.: vagantis), 1. Part. von: vagari, Vagabund]:
1. (im MA.) umherziehender Sänger, Musikant, Spielmann, der bes. als Student unterwegs zu einem Studienort, nach einem Studium auf der Suche nach einer Anstellung od. aus Gefallen am ungebundenen Leben auf Wanderschaft ist.
2. (veraltet) Vagabund.
(Quelle: duden.de)
Mittelalter? Veraltet? Ja, schaut denn niemand bei der Duden-Reaktion am Samstag Abend Schweizer Fernsehen?
Für weitere sprachwissenschaftliche Studien hier noch der vollständige Text:
Schacher Seppeli
I be de Schacher Seppeli. im ganze Land bekannt.
Be früener s’flottischt Bürschtli gsi, jetzt bin i e Vagant,
Bi z’friede wenni z’Nacht im Stroh, am Tag mis Schnäpsli ha.
Und wem der Herrgott Gsundheit schänkt. s’isch alls was bruchsch,
S’gat uf der Wält gar artig zue, i has scho mängisch gse.
Dass d’Lüt wäg däm verfluechte Gäld enand tüend schüli weh.
Wie schön chönt’s doch hie unde si. Der Vogel ufem Baum
er singt chum lueg dies Ländli a, di Schwyz isch doch en Traum.
S’iseh mänge hüt e riche Ma, doch morn isch s leider so,
er stirbt und muess sis liebi Gäld ja all’s hie unde la.
Mer treit en ufe Chilehof grad näbe ärmste Ma.
E jede muess a s’glich Ort hie. s’isch sicher wahr, ja, ja.
Wie gleitig got die Zit vorbi, es Jöhrli und no eis.
Es dünkt eim, sett nid mögli si, bald ben i scho ne Greis.
Und chomm i de vor d’Himmelstür, u wott ich ine go,
so rüefen i: Hei Peterus, der Schacher Sepp isch do.
Und chom i de vor d’Himmelstür. stoht bereits de Petrur da
Er rüeft mer zue „Hei sali Sepp besch du jetzt au scho da
Chum nume ine, chum und leg dis Himmelsgwändli a.
Die arme und verlass’ne Lüt müend’s schön im Hemmel ha.
(Quelle: tajana.ingold.ch)