Ein Batzen ist gut, ein halber Batzen schlecht — Neue Schweizer Lieblingswörter

November 13th, 2007
  • Machen Sie auch manchmal etwas halbbatzig?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger Online:

    Die Journalisten sind sauer, weil sie nur halbbatzig informiert werden. Und dem Gemeinderat stinkt es gar so gewaltig, dass er zweimal einen Projektierungskredit fürs Kongresshaus ablehnte.
    (Quelle: tagesanzeiger.ch)

    Auch die NZZ verwendet dieses Wort:

    «lieber etwas richtig machen als alles halbbatzig»
    (Quelle: nzzfolio.ch)

    Oder hier:

    «Dies ist unser Haus» – ein paar halbbatzig aufgeschichtete Steinklötze.
    (Quelle: nzz.ch)

  • Was ist ein „halber Batzen“?
  • Halber Batzen
    (Quelle Foto: worldcoincatalog.com)

    Wir entdecken 434 Belegstellen für „halbbatzig“ bei Google-CH, verglichen mit 224 Stellen bei Google-DE, dort fast nur in Wörterbüchern oder Diskussionsforen zum Thema „Schweizerdeutsch“ erwähnt. So wurde dieses Wort wird z. B. im Forum von Brigitte.de erfragt und als Helvetismus diskutiert.

    Wir finden es schön und werden es ab sofort in unseren aktiven Wortschatz aufnehmen. Auch der Duden erwähnt es ehrenvoll, nicht als „landschaftlich“, sondern eindeutig „schweizerisch“:

    halbbatzig (schweiz. für ungenügend, unzulänglich)
    (Quelle: duden.de)

    Die Steigerung von „halbbatzig“ ist übrigens nicht „ganzbatzig“, sondern „doppelbatzig“. Auch dafür fand sich ein Beleg. Doch woher kommt der Begriff „Batzen“, der uns klanglich so stark an den „Tatzen“ eines Bären erinnert? Tatsächlich hat das Wort etwas mit „Bär“ zu tun, denn ein solcher ist in Bärn Bern ein „Bätz“, in Deutschland auch als „Meister Petz“ bekannt:

    Der Batzen ist eine Münze, die zwischen 1492 und 1850 in Bern geprägt wurde. Namensgeber war das Wappentier des Kantons, der Bär bzw. « Bätz », der auf der Rückseite der Münze aufgeprägt war. Der Wert eines Berner Batzens entsprach vier Kreuzern. Da der Gulden 60 Kreuzer beinhaltete, war ein Batzen auch ein Fünzehntel des Guldens. Später gab es auch « Grossi » (Dicke, d.h. Groschen) zu 5 Batzen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Schweizer Batzen

  • Einen schönen Batzen Geld
  • Was für die Schweizern ein halber Bären bzw. Batzen ist, drücken die Deutschen mit dem „halben Herzen“ aus. Halbe Herzen rollen zwar schlechter als ein „Halbbatzen“, aber „halbherzig“ mag als adäquate Übertragung für „halbbatzig“ noch am ehesten durchgehen. Während „halbbatzig“ in Deutschland unbekannt ist, gibt es für die Redewendung ein „Batzen Geld“ bei Google-DE 44’500 Fundstellen. Muss an den Märchen liegen, oder an den Münzsammlern mit Sammelgebiet „Schweiz“.

    Heute taucht das Wort noch in einigen Redewendungen und Begriffen wie «ein schöner Batzen Geld» oder «Göttibatzen» (in der Schweiz: vom Taufpaten erhaltenes Geld) auf, bezeichnet jedoch einen nicht näher bestimmten Betrag. In Teilen der Schweiz wird im Dialekt jede Rappen-Münze als «Batzen» oder «Bätzeli» bezeichnet.
    (Quelle: Wikipedia)

    Einladung zur Vernissage „Portraits and Cityscapes“ von Julie Galante am 02.11.07

    Oktober 29th, 2007
  • Was heisst „ass antler“ auf English?
  • Regelmässige Blogwiese-Besucher kennen Julie Galante wahrscheinlich über ihren Blog „This is non-American Life“, in dem sie regelmässige sehr amüsant über ihre Reisen und Erlebnisse als „expatriate“ in der Schweiz berichtet.
    Julie Galante

    Demnächst zieht sie nach München und freut sich bereits auf das „High German“ in German-Land. Ein paar ihrer Hochdeutschen Lieblingswörter wie „ass antler“, „ear worm“ oder „Schadenfreude“ (das kann nur ein Deutsches Wort sein!) präsentiert sie zur Zeit auf ihrem Blog. Gibt es echt kein Konzept für „Schadenfreude“ auf Englisch? Mischievousness klingt doch auch nicht schlecht für den Anfang. Julie verlinkte sogar einen Song zur Illustration.

  • Der American Women’s Club of Zurich
  • Doch bevor Julie Zürich verlässt, lädt sie noch ein zur Vernissage ihrer aktuellen Werke als Künstlerin, wo anders als im „American Women’s Club of Zurich“. Einen solchen Club haben Deutsche Frauen in Zürich meines Wissens noch nicht auf die Beine gestellt. Wir werden auf jeden Fall zur Vernissage gehen und freuen uns auf zahlreiche Gesichter, nicht nur auf die „faces“ in Acryl.

  • Einladung zur Vernissage am 02.11.07 18:00 Uhr
  • Visual artist Julie Galante will be exhibiting her recent paintings at The American Women’s Club of Zurich during the month of November 2007. [PDF Flyer]
    Where: The American Women’s Club of Zurich, Schöntalstrasse 8, 8004 Zurich
    Opening hours: Mon, Tue, Wed, & Fri: 9:00 to 16:00
    Sat (Nov 10th & 17th only): 14:00 to 17:00
    Vernissage: Friday November 2nd: 18:00 to 21:00
    Milan Navigli von Julie Galante

    Since moving to Zurich, Switzerland, in 2005, Julie has been working on two new bodies of work. The first is a series of acrylic portraits of individuals who have played important roles, large or small, in her recent life. Her subjects hail from a variety of countries and cultures. The vibrant colors she uses in her paintings reflect the passionate souls of those depicted.

    Her most recent body of work, entitled Cityscapes, depicts glimpses of various cities Julie has visited or inhabited in recent years. In this series of acrylic and oil paintings, she continues her exploration of bold colors while attempting to invoke the moods of the locations being depicted.

    A portion of the proceeds from this show will be donated to Hands On Switzerland, a local non-profit group of which Julie has been a board member since 2006.
    (Quelle: juliegalante.com)

    Yoshiko by Julie Galante

    Schweizer Politik — Wer wählt den Ständerat und was ist der Major mit Z?

    Oktober 16th, 2007
  • Wann sind die Wahlen?
  • In der Schweiz wird gewählt. Durch die vielen Plakate mit den freundlich grinsenden Gesichtern ist das auch für die im Land lebenden Ausländer nicht zu übersehen. Schwieriger ist es, wie immer, den genauen Wahltermin zu erfahren, denn den bekommen nur echte Schweizer mit den zugeschickten Wahlunterlagen verraten. Oder haben Sie jemals ein Plakat in der Öffentlichkeit mit dem Termin „21.10.2007“ gesehen? Vielleicht steckt dahinter eine geheime Taktik und ein wohlberechnetes Kalkül, denn so können die Plakate in einigen Jahren erneut verwendet werden.

  • Wie wird der Ständerat gewählt
  • In unserem Bemühen, in Schweizer Staatskunde rechtzeitig vor den anstehenden Wahlen auf den neusten Stand zu kommen, beschäftigen wir uns heute mit dem Ständerat, dieser interessanten zweiten Kammer des Schweizer Parlaments. Gestern erfuhren wir, dass das Wort „Stand“ in der Schweiz ein Synonym für „Kanton“ ist, stand sogar im Duden, der Stand. Doch es gibt Weiteres zu lernen, denn schon Wikipedia kann die Angelegenheit „für einmal“ nicht kurz und präzise erklären:

    Die Mitglieder des Ständerates werden nach einem vom jeweiligen Kanton bestimmten Wahlmodus und für eine vom Kanton bestimmte Wahlperiode gewählt.

    Der alte Wahlspruch aller Schweizer, wenn man man sie um eine genaue Erklärung bittet: „Das ist von Kanton zu Kanton unterschiedlich“:

    So war im Kanton Bern bis 1979 das Kantonsparlament, der Grosse Rat, für die Wahl zuständig. Mit der Zeit hat sich allerdings eine Vereinheitlichung des Wahlverfahrens ergeben. Alle Kantone haben als Wahlmodus die unmittelbare Wahl durch das Kantonsvolk bestimmt und die Amtsdauer auf vier Jahre festgelegt. Mit Ausnahme des Kantons Jura, der seine Ständeräte mit Proporzwahl bestimmen lässt, werden die Ständeräte heute in allen Kantonen mit Majorzwahl durch das Volk gewählt. Der Ständerat des Kantons Appenzell Innerrhoden wird an der Landsgemeinde gewählt; im Kanton Neuenburg können sich auch Ausländer an den Ständeratswahlen beteiligen. (…)

    Weiterhin unterschiedlich ist der Zeitpunkt der Wahl. In den meisten Kantonen findet diese am selben Tag statt wie die Nationalratswahl. Ausnahmen sind die Kantone Zug und Appenzell Innerrhoden. Die Zuger wählen ihre Ständeräte bereits ein Jahr vor der Nationalratswahl; in Appenzell Innerrhoden findet diese Wahl an der traditionellen Landsgemeinde im April vor den Nationalratswahlen statt. Auch im Kanton Graubünden fand die Wahl der Ständeräte zunächst schon ein Jahr vor der Nationalratswahl statt. Per Verfassungsänderung im Jahre 2007 haben nun auch die Bündner die Praxis der Mehrheit aller Kantone übernommen und wählen ihre Ständeräte parallel zur Nationalratswahl.
    (Quelle: Wikipedia)

    Darum werden Wahltermine nicht auf Plakate gedruckt! Weil die Plakate dann für die verschiedenen Kantone jeweils neu erstellt werden müssten?

    Allein diesen kleinen Abschnitt vollständig zu behalten sehen wir als kleine Denksportaufgabe und Vorbereitung für die WBK Prüfung an (vgl. Blogwiese)

  • Der Major mit dem Z am Ende
  • Besonders angetan hat uns der Begriff „Majorzwahl“. Es gibt zwar den Namen „Zwahlen“ mit einem deutlichen „Z“ vor der „Wahl“ recht häufig in der Schweiz, bei Google-CH ist es zehn Mal häufiger als bei Google-DE zu finden, aber das muss sich dann nicht unbedingt immer um eine Major handeln. Warum hat die Wahl nach „Major“ ein „Z“ und kein Fugen-S? Höchst wahrscheinlich als Anlehnung an die „Proporzwahl“, die laut Duden in Österreich und in der Schweiz als „Verhältniswahl“ gilt. Doch die „Majorzwahl“ suchen wir im Duden vergeblich. Hingegen finden wir das Wort „Majorz“ als echt schweizerisch ausgewiesen, und unsere Vermutung mit „Proporz“ war richtig:

    Majorz der; -es, gebildet nach Proporz: (schweiz.) →Majoritätswahl
    (Quelle: duden.de)

    Weil Proporz also ein Z am Ende hat, bekommt Majorz auch eins verpasst. Wortbildung à la Suisse. Analog zu „Kommerz“, „Scherz“ oder „Konkurz“. Das schreibt man aber mit „s“ am Ende? Ist doch „schnurz“.

    Gottfried Keller war ein Auslandsschweizer — Der Dichter des Grünen Heinrichs

    September 21st, 2007

    (reload vom 30.10.05)

  • Gottfried Keller ging nach München
  • Auch Gottfried Keller war eine Zeit lang Auslandsschweizer. Den berühmten Schweizer Schriftsteller zog es aus seiner Heimat fort nach München. Später lebte er zeitweise in Heidelberg und in Berlin. Seine Romanfigur, genannt „Der Grüne Heinrich„, liess er über den Rhein ebenfalls bis nach München wandern.
    Gottfried Keller(Quelle Wikipedia)
    Es gibt nicht viele Dichter der Deutschen Literatur aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die heute noch aufgelegt und verkauft werden. Gottfried Keller ist einer von ihnen. Seine Novellen und Romane lesen sich nach wie vor spannend und flüssig. Die Novellensammlung „Leute von Seldwyla“ gehört sicherlich dazu:

    Die Novellensammlung Die Leute von Seldwyla des schweizerischen Autors Gottfried Keller entstand 1855-56 und ist dem poetischen Realismus zuzuordnen. Sie beinhaltet Novellen, deren Handlung in und um die fiktive Kleinstadt Seldwyla situiert ist (Wiki)

  • Aus „Spiegel das Kätzchen“ macht Moers „Echo das Krätzchen“
  • Eine Geschichte aus dieser Sammlung heisst „Spiegel das Kätzchen„. Der Deutsche Romanautor und bekannte Zeichner Walter Moers hat diese Geschichte erst kürzlich als Vorlage verwendet zu einem neuen Roman seiner „Zamonien„-Reihe. In seinem Buch „Der Schrecksenmeister“ heisst die Hauptfigur „Echo das Krätzchen“ und aus dem Hexenmeister „Pineiss“ bei Keller macht Moers den Schrecksenmeister „Eisspin„. Die Geschichte spielt bei Moers in Sledwaya, ein deutliches Anagramm auf Seldwyla.

    Falls es tatsächlich noch Menschen gibt, die die fantastischen Zamonien-Romane von Walter Moers nicht kennen, hier ein dringende Empfehlung: Es handelt sich um witzig-spannende Fantasy-Literatur vom Feinsten. So dramatisch und fesselnd wie „Herr der Ringe“ und gleichzeitig so phantasiereich wie „Die unendliche Geschichte“von Michael Ende, aber niemals so moralisch. Es gibt kein Gut oder Böse in diesen Romane, auch wenn jede Menge Monster, Unholde, Laubwölfe und Zyklopen ihr Unwesen treiben. Merke: Auch die Bösen haben Hunger und müssen ab und zu was essen. Die Zamonien-Romane werden übrigens fleissig ins Englische übersetzt, ein Ehre, die nur wenigen Autoren aus Deutschland widerfährt.

  • Bülach ist Seldwyla
  • Seldwyla sei nur eine „fiktive Kleinstadt“? Die Leute von Bülach im Unterland sind da ganz anderer Meinung. Schliesslich verbrachte Keller einige Zeit in Glattfelden und konnte nur diesen kleinen „glücklichen Ort“ hinter dem Wald gemeint haben, als er seine Novellen schrieb. („Saelde“ = mittelhochdeutsch „Glück und Segen“, „Wyla“ = Weiler, kleiner Ort). Jedenfalls nennt sich eine Theatergruppe in Bülach „Die Spielleute von Seldwyla„.

  • Der grüne Heinrich — Wenn ein Schweizer in Deutschland zu arbeiten anfängt
  • In seinem „Grünen Heinrich“ erzählt uns Keller, wie sein Held Heinrich in München eines Tages so vor die Hunde zu kommen droht, dass er zum äussersten Mittel greift, um zu überleben: Er nimmt eine Arbeit an! Einen Tag lang streicht er gewissenhaft Fahnenstangen an und bekommt am Abend direkt seinen Lohn ausgezahlt. Beinahe hätte er ihn gleich wieder im nächsten Wirtshaus versoffen, doch Heinrich besinnt sich und kauft sich lieber erst Mal etwas zu essen.

    Diese Szene ist eine Schlüsselstelle in der Deutschen Literaturgeschichte. Es endet die Romantik, die Tagträumerei, das sorglose Dahinleben auf Kosten der armen Mutter, und es beginnt der Realismus, die knallharte Realität des Alltags. Zum ersten Mal in der Geschichte der Literatur spielt „Geld“ eine wichtige Rolle in einem Roman, und es war nicht zufällig ein Schweizer, der diesen Roman schrieb.

  • Fehler im Glückwunschtelegramm
  • Ein Ex-Anhänger revolutionärer Vormärz-Literatur beschreibt also, wie ein Taugenichts endlich zu arbeiten anfängt.
    Die Zürcher machten Gottfried Keller zu ihrem Staatsschreiber:

    Am Vorabend seines siebzigsten Geburtstags saß hoch über dem Vierwaldstättersee auf einer Hotelterrasse Gottfried Keller und entdeckte in einem Glückwunschtelegramm, das ihm der Bundesrat geschickt hatte, einen grammatikalischen Fehler. Korrigiert ließ er das Blatt zurückgehen. Dann loderten auf allen Höhen die Feuer auf. Sie feierten ihn, den Staatsdichter, und erinnerten Keller an seine ursprüngliche Absicht, den »Martin Salander« mit einer Brandkatastrophe enden zu lassen. »Sodom und Gomorrha über dieses Goldgrüblein«, hatte er notiert, »Pech und Schwefel über eine Republik, die nur noch ein Basar ist, ein Kapitalistenkontor.«
    Quelle Thomas Hürrlimann

    Im gesamten Werk von Keller finden Sie keinen Helvetismus, und er benennt sogar eine Novellensammlung die „Züricher Novellen„, daher bitte wir um Nachsicht, wenn mal wieder ein Deutscher auf die Idee kommen sollte, „Züricher Geschnetzeltes“ zu bestellen, oder nach dem „Züricher See“ zu fragen, mit „i“. Der Stadtschreiber Keller war dann sein historisches Vorbild.

    Ein anderer Schriftsteller aus der Schweiz, der das Thema „Heimkehr aus Deutschland in die Schweiz“ behandelt hat:

  • Roman „Adalina“ von Silvio Huoander
  • Der Autor erzählt von einem jungen Mann, der lange in Deutschland lebte und nun eines Abends mit dem Zug nach Chur zurückkehrt.

    Adalina – so hieß die Cousine Johannes Maculins, in die er sich mit sechzehn verliebte und die wenig später tragisch verunglückte. Als Johannes nun nach zwanzig Jahren in seine Heimatstadt Chur zurückkehrt, überwältigt ihn die Erinnerung an seine erste Liebe und die dramatische Geschichte einer uneingelösten Schuld wird offenbar. (Quelle)

    Adalina von Silvio Huoander

    Wer verlässt schon freiwillig die Schweiz? — Die Auslandsschweizer

    September 19th, 2007

    (reload vom 28.10.05)

  • Der Weg der Schweiz endet bei den Auslandsschweizern
  • Rund um den Urner See, bei der Rütli-Wiese beginnend, führt der Wanderweg „Der Weg der Schweiz„.
    Blick auf das Rütli und auf Brunnen
    Ausdauernde Wanderer schaffen die 36 Km an einem Tag. Der Weg wurde 1991 zum 700. Jubiläum der Schweiz durchgängig markiert. Gemäss seiner Einwohnerzahl ist jedem der 26 Kantone ein entsprechend langes Stück Weg zugeteilt worden, und die einzelnen Abschnitte reihen sich chronologisch aneinander, je nach Beitritt des jeweiligen Kantons in den Bund. „Zürich“ zieht sich kilometerlang hin, während beispielsweise „Appenzell-Innerrhoden“ (warum muss ich bei diesem Kanton nur immer an die Heilkunst der Urologie denken?) in wenigen Schritten durcheilt wird.

    Am Ende des Weges, am Rande der Gemeinde Brunnen, finden wir den „Platz der Auslandschweizern„. Ist das eine Gedenkstätte für die Ausländer in der Schweiz? Nein, weit gefehlt! Hier wird der armen Schweizer gedacht, die permanent nicht in ihrer schönen Heimat leben können! Irgendwie machen die sich ja schon verdächtig, warum sie dies freiwillig und für eine längere Zeit tun. Es sind gar nicht so wenige. Die Schweiz war viele Jahrhunderte lang eine Nation von Auswanderern.

    Eine starke Emigrationsbewegung ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg, als Arbeitsemigranten aus der übervölkerten Schweiz (vor allem aus den Kantonen Thurgau, Zürich und St. Gallen) und aus Vorarlberg in den zerstörten, teilweise menschenleeren Gegenden Südwestdeutschlands ansässig wurden und halfen, das verwüstete Land wieder empor zu bringen. (Wiki)

    Ist es nicht interessant, wie sich geschichtliche Vorgänge wiederholen, mit umgekehrtem Vorzeichen? Heute ziehen Deutsche in die Schweiz und helfen, das Bruttosozialprodukt zu steigern.

    Wenn ein Schweizer in Deutschland Karriere macht, kommt über kurz oder lang ein Schweizer Fernsehnteam zu ihm und fragt ihn aus. Nein, das „Chochichästli“ müssen sie dann nicht laut vorsprechen, diesen Test haben die Schweizer Reporter nur für die Rolling Stones und andere Ausländer bereit, aber eine andere Frage wird dann ziemlich regelmässig gestellt: „Sehen die Deutschen Sie denn hier als Kuhschweizer?„.

    Wir können Euch versichern, liebe Schweizer, die meisten Deutschen kennen die Bezeichnung „Kuhschweizer“ überhaupt nicht und würden nie auf die Idee kommen, einen Eidgenossen so zu bezeichnen. Wir lieben doch die Schweizer, warum sollten wir sie so grob beleidigen wollen? Wir kennen die „Kuhglocken“ als Symbol für die Schweiz, aber mit Schweizern würden wir so etwas Freundliches und Gutmütiges wie eine Kuh nicht verbinden. Es muss Teil des Schweizer Traumas in Deutschland sein, diese Frage nach dem „Kuhschweizer“ Vorwurf jeden Schweizer in Deutschland zu stellen.

  • Bruno Ganz
  • Bekannt geworden ist dieser Schweizer Schauspieler für ein internationales Filmpublikum durch seine Mitwirkung in Wim Wenders Filmen wie „Der amerikanische Freund“ und „Der Himmel über Berlin“ (1987) der auf Französisch mit „Les ailes du désirs“ (frei: „Die Schwingen der Sehnsucht/des Verlangens“) übersetzt wurde. Dass der Himmel über Berlin damals nicht durch die Mauer geteilt war, wie der Rest der Stadt, soviel politische Ortskenntnis hatte man den Franzosen nicht zugetraut. Mir war lange nicht bewusst, dass Bruno Ganz ein Schweizer ist. Auf Schweizerdeutsch sprechen hören habe ich ihn zum ersten Mal im Schweizer Fernsehen.

    Zuletzt spielte er in „Der Untergang“ niemand anderen als Adolf Hitler. Diese glänzende Vorstellung kommentierte der Comedian Michael Mittermaier:

    Stellt euch vor, da spielt ein Schweizer einen österreichischen Diktator in Deutschland


    Wenn das nicht eine länderübergreifende Leistung war!

  • Lilo Pulver
  • Diese „ulkige Nudel“ des deutschen Films, in Klassikern wie „123“ von Billy Wilder auf dem Tisch tanzend, und in späteren Jahren in der Deutschen Fassung der Sesamstrasse neben Henning Venske immer noch brillant, kommt aus der Schweiz. Zu ihrem 75. Geburtstag wurde sie im Schweizer Fernsehen interviewt, und siehe da, die sonst nur Hochdeutsch sprechende Ikone des Erziehungsfernsehens spricht perfekt Schweizerdeutsch!

  • Ex „heute Sprecher“ Alexander Niemitz
  • Ein eher unbekannter Schweizer im Deutschen Fernsehen. Machte vor kurzem von sich reden, weil er sich in einem Interview mit der Sonntagszeitung darüber äusserte, warum Roger Schawinsky (noch ein berühmter Auslandsschweizer!) die Leitung des Sender SAT1 angetragen bekommen habe. Der kaum verhohlene und bei Nachfragen bestätigte anti-semitische Beigeschmack der Äusserung sorgte für ziemliches Aufsehen. Er arbeitet jetzt freiberuflich als Sprech- und Präsentationstrainer und hat zuletzt Angela Merkel für ihre TV-Duellen mit Gerhard Schröder im „Mundwinkel-Obenlassen“ trainiert. (Quelle)

  • Marco Rima
  • Hat es geschafft, in Deutschland zumindest den Bekanntheitsgrad von Emil Steinberger zu erreichen. Durch seine Auftritte in der Wochenshow am späten Samstagabend wurde er einem grossen Publikum bekannt. Dass er Schweizer ist, merkte man nicht gleich, aber zum Glück gab es da auch einige wunderbare Szenen mit Anke Engelke, in der er „gemässigtes Schwyzerdütsch“ von sich gab.

  • Josef Ackermann
  • Chef der Deutschen Bank, ein Schweizer aus Mels. Zitat dazu aus Wikipedia:

    Sein öffentliches Ansehen wurde durch die Mannesmann-Affäre und sein, von manchen Seiten als arrogant angesehenes, Auftreten im Zuge einer Mitarbeiterentlassung schwer beschädigt

    Wir haben hier also den äusserst seltenen Fall vorliegen, dass einmal ein Schweizer als „arrogant“ angesehen wird, ein Privileg, dass doch sonst immer nur Deutschen vorbehalten ist, oder habe ich da was falsch verstanden? Wir können die Schweizer beruhigen: Die wenigsten Deutschen haben im Bewusstsein, dass Ackermann aus der Schweiz ist. Also keine Gefahr der „Übertragung“ angesagt.

  • Die Auslandsschweizer in der Statistik
  • Die restlichen Auslandschweizer in Deutschland wollen wir uns für heute schenken. Es geht ihnen gut und sie sind wohl organisiert. Allein in Hamburg leben über tausend Schweizer. In ganz Deutschland sind es ca. 70.455, weltweit kommen sie auf 623.057 (Stand Dezember 2004). Ich stelle fest: es leben nur 3 Mal soviele Deutsche in der Schweiz wie Schweizer in Deutschland, obwohl Deutschland mehr als 10 Mal soviele Einwohner hat als die Schweiz.
    Die Auslandsschweizer gelten als die „fünfte Schweiz“ und haben ihre eigene Organisation ASO.