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Gottfried Keller war ein Auslandsschweizer — Der Dichter des Grünen Heinrichs

(reload vom 30.10.05)

  • Gottfried Keller ging nach München
  • Auch Gottfried Keller war eine Zeit lang Auslandsschweizer. Den berühmten Schweizer Schriftsteller zog es aus seiner Heimat fort nach München. Später lebte er zeitweise in Heidelberg und in Berlin. Seine Romanfigur, genannt „Der Grüne Heinrich„, liess er über den Rhein ebenfalls bis nach München wandern.
    Gottfried Keller(Quelle Wikipedia)
    Es gibt nicht viele Dichter der Deutschen Literatur aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, die heute noch aufgelegt und verkauft werden. Gottfried Keller ist einer von ihnen. Seine Novellen und Romane lesen sich nach wie vor spannend und flüssig. Die Novellensammlung „Leute von Seldwyla“ gehört sicherlich dazu:

    Die Novellensammlung Die Leute von Seldwyla des schweizerischen Autors Gottfried Keller entstand 1855-56 und ist dem poetischen Realismus zuzuordnen. Sie beinhaltet Novellen, deren Handlung in und um die fiktive Kleinstadt Seldwyla situiert ist (Wiki)

  • Aus „Spiegel das Kätzchen“ macht Moers „Echo das Krätzchen“
  • Eine Geschichte aus dieser Sammlung heisst „Spiegel das Kätzchen„. Der Deutsche Romanautor und bekannte Zeichner Walter Moers hat diese Geschichte erst kürzlich als Vorlage verwendet zu einem neuen Roman seiner „Zamonien„-Reihe. In seinem Buch „Der Schrecksenmeister“ heisst die Hauptfigur „Echo das Krätzchen“ und aus dem Hexenmeister „Pineiss“ bei Keller macht Moers den Schrecksenmeister „Eisspin„. Die Geschichte spielt bei Moers in Sledwaya, ein deutliches Anagramm auf Seldwyla.

    Falls es tatsächlich noch Menschen gibt, die die fantastischen Zamonien-Romane von Walter Moers nicht kennen, hier ein dringende Empfehlung: Es handelt sich um witzig-spannende Fantasy-Literatur vom Feinsten. So dramatisch und fesselnd wie „Herr der Ringe“ und gleichzeitig so phantasiereich wie „Die unendliche Geschichte“von Michael Ende, aber niemals so moralisch. Es gibt kein Gut oder Böse in diesen Romane, auch wenn jede Menge Monster, Unholde, Laubwölfe und Zyklopen ihr Unwesen treiben. Merke: Auch die Bösen haben Hunger und müssen ab und zu was essen. Die Zamonien-Romane werden übrigens fleissig ins Englische übersetzt, ein Ehre, die nur wenigen Autoren aus Deutschland widerfährt.

  • Bülach ist Seldwyla
  • Seldwyla sei nur eine „fiktive Kleinstadt“? Die Leute von Bülach im Unterland sind da ganz anderer Meinung. Schliesslich verbrachte Keller einige Zeit in Glattfelden und konnte nur diesen kleinen „glücklichen Ort“ hinter dem Wald gemeint haben, als er seine Novellen schrieb. („Saelde“ = mittelhochdeutsch „Glück und Segen“, „Wyla“ = Weiler, kleiner Ort). Jedenfalls nennt sich eine Theatergruppe in Bülach „Die Spielleute von Seldwyla„.

  • Der grüne Heinrich — Wenn ein Schweizer in Deutschland zu arbeiten anfängt
  • In seinem „Grünen Heinrich“ erzählt uns Keller, wie sein Held Heinrich in München eines Tages so vor die Hunde zu kommen droht, dass er zum äussersten Mittel greift, um zu überleben: Er nimmt eine Arbeit an! Einen Tag lang streicht er gewissenhaft Fahnenstangen an und bekommt am Abend direkt seinen Lohn ausgezahlt. Beinahe hätte er ihn gleich wieder im nächsten Wirtshaus versoffen, doch Heinrich besinnt sich und kauft sich lieber erst Mal etwas zu essen.

    Diese Szene ist eine Schlüsselstelle in der Deutschen Literaturgeschichte. Es endet die Romantik, die Tagträumerei, das sorglose Dahinleben auf Kosten der armen Mutter, und es beginnt der Realismus, die knallharte Realität des Alltags. Zum ersten Mal in der Geschichte der Literatur spielt „Geld“ eine wichtige Rolle in einem Roman, und es war nicht zufällig ein Schweizer, der diesen Roman schrieb.

  • Fehler im Glückwunschtelegramm
  • Ein Ex-Anhänger revolutionärer Vormärz-Literatur beschreibt also, wie ein Taugenichts endlich zu arbeiten anfängt.
    Die Zürcher machten Gottfried Keller zu ihrem Staatsschreiber:

    Am Vorabend seines siebzigsten Geburtstags saß hoch über dem Vierwaldstättersee auf einer Hotelterrasse Gottfried Keller und entdeckte in einem Glückwunschtelegramm, das ihm der Bundesrat geschickt hatte, einen grammatikalischen Fehler. Korrigiert ließ er das Blatt zurückgehen. Dann loderten auf allen Höhen die Feuer auf. Sie feierten ihn, den Staatsdichter, und erinnerten Keller an seine ursprüngliche Absicht, den »Martin Salander« mit einer Brandkatastrophe enden zu lassen. »Sodom und Gomorrha über dieses Goldgrüblein«, hatte er notiert, »Pech und Schwefel über eine Republik, die nur noch ein Basar ist, ein Kapitalistenkontor.«
    Quelle Thomas Hürrlimann

    Im gesamten Werk von Keller finden Sie keinen Helvetismus, und er benennt sogar eine Novellensammlung die „Züricher Novellen„, daher bitte wir um Nachsicht, wenn mal wieder ein Deutscher auf die Idee kommen sollte, „Züricher Geschnetzeltes“ zu bestellen, oder nach dem „Züricher See“ zu fragen, mit „i“. Der Stadtschreiber Keller war dann sein historisches Vorbild.

    Ein anderer Schriftsteller aus der Schweiz, der das Thema „Heimkehr aus Deutschland in die Schweiz“ behandelt hat:

  • Roman „Adalina“ von Silvio Huoander
  • Der Autor erzählt von einem jungen Mann, der lange in Deutschland lebte und nun eines Abends mit dem Zug nach Chur zurückkehrt.

    Adalina – so hieß die Cousine Johannes Maculins, in die er sich mit sechzehn verliebte und die wenig später tragisch verunglückte. Als Johannes nun nach zwanzig Jahren in seine Heimatstadt Chur zurückkehrt, überwältigt ihn die Erinnerung an seine erste Liebe und die dramatische Geschichte einer uneingelösten Schuld wird offenbar. (Quelle)

    Adalina von Silvio Huoander

    

    23 Responses to “Gottfried Keller war ein Auslandsschweizer — Der Dichter des Grünen Heinrichs”

    1. solanna Says:

      Eieiei, Herr Wiese! Genau umgekehrt ists: Kellers Hexenmeister in Seldwyla heisst Pineiss.

      Walter Moers ist natürlich auch der böse Autor des Comics „Das kleine Arschloch“ und mehrerer Folgebände: http://de.wikipedia.org/wiki/Kleines_Arschloch_%28Comic%29

      Auch die Figur des Käpt’n Blaubär stammt vom vielseitigen Moers.

      [Anmerkung Admin: Bei einer Chance von 1:2 das falsch zu machen war ja klar, dass das auch schiefgeht. Danke für den Hinweis. Auf die unseeligen Geschichten vom „Kleinen Arschloch“ habe ich extra nicht hingewiesen, weil meiner Meinung nach Moers wesentlich mehr drauf hat, also nur so ein paar Comicfiguren. Der Käpt’n Blaubär ist leider nur als Figur aus der Sendung mit der Maus bekannt, der erste Zamonien-Roman „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubeer“ ist eine absolut lesenswertes Buch voller Humor und Abenteuer, als Einstieg in die Zamonien-Literatur ein Muss. ]

    2. Tellerrand Says:

      Hätte ich die Blogwiese mal schon 2005 entdeckt und nicht erst irgendwann 2007… Dann hätte ich früher mitgeschnitten, dass Walter Moers tatsächlich weit mehr drauf hat, als kleine Arschlöcher zu zeichnen. Egal. Habe gerade gestern Abend meinen ersten Zamonien-Roman, «Die Stadt der träumenden Bücher», zuende gelesen und es wird nicht der letzte gewesen sein. Ein Feuerwerk der Phantasie. Toll.

    3. neuromat Says:

      🙂

      Um „einmal“ oder „für’s Mal“ mit diesem Zürcher Züricher ja was eigentlich – zwischendrin einen Espresso gezogen und Text vergessen – auch egal

      also es ist mir ein Rätsel, warum auch die doch nicht so welt- und wortgewandten Restschweizer, dieses in Zürcher Augen so erbärmliche Landvolk bei dieser Landesverteidigung „Zürcher“ statt „Züricher“ mitmachen. Haben doch diese ganz geschickt aus dem ursprünglichen Zuricher die jetzt hartnäckig verfochtene Version gebilde.

      Warum?

      Herr Wiese hat die Sache aufgedeckt – es geht ums Geld:

      zu rich (too rich) zu viel Pinke, Pinke. Na klingelt es, mal aunahmsweise nicht nur im Geldsack (Goldküste und Golfplatz). Eben niemand soll mitkriegen, dass hier alle Zuricher sind. Und der Rest der Eidgenossen ist denen wieder „einmal“ voll auf den Leim gegangen.

    4. Phipu Says:

      An Neuromat

      Zu deiner Gesellschaftsstudie würde noch der „beweisende“ Link passen:
      http://www.blogwiese.ch/archives/454

      Kleine Teil-Gegenthese: Ich kenne keinen Deutschschweizer Dialekt (auch in der vom Bauchnabel der Welt [= Zürich] Stunden Reiseweg entferntesten Pampa nicht), der es ohne Halsweh (-schmerzen) fertig bringen würde, „Züricher“ zu sagen. Das heisst einfach wennundaberlos „Zürcher“. Auf dieses Sprachstörelement muss jeder Dialektsprecher (auch ohne Solidaritätsgedanken) einfach reagieren.
      Um uns künftig das nun gelüftete (Bank-)geheimnis vor Augen zu führen, müsstest du künftig das Ü weglassen: „z’riich“ = zu reich.

      Hier allerdings wieder ein bestätigendes Argument:
      Wenn uns ein Licht aufgeht, oder wir etwas schnallen, dann klingelt es nicht einfach nur, sondern dann „isch s’Zwänzgi abegheit“ (ist der Zwanziger gefallen). Das ist in jedem Fall mehr Wert als das was man in der Neuzeit und im restlichen Sprachraum als „Groschen“ bezeichnet, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Groschen . Gehen wir also davon aus, dass man in der Schweiz gleich oft endlich „druus chunnt“ http://www.blogwiese.ch/archives/100 wie z.B. in Deutschland, dann sind die gefallenen Münzen tatsächlich mehr wert, folglich sind die Schweizer wirklich reicher. Für Analysen über die schnelleren Tatsachenbegreifer, oder wirtschaftliche Betrachtungen mit Fokus auf Zürich und unter Einbezug der Kaufkraft dieses Münzreichtums (Münz = Kleingeld) lass ich das Schlachtfeld gern anderen Verbalkämpfern.

    5. neuromat Says:

      @ Phipu

      ich stimme Deiner Gegenthese voll und ganz zu und verstehe erst jetzt die brillante Taktik die dahinter steckt: haben es die Z’riich(er) nur bis zum Zürcher geschafft, so verstanden die anderen sich vollends und ganz zu tarnen. Wer vermutet unter einem Berner schon ein z’riich und bei Basler assoziiert doch jeder automatisch Fasnacht.

      Sorry, für den Delay bis auch bei mir der Groschen , halt nein ich bin ja ausgewandert „s’Zwänzgi abgeheit“ ist.

    6. AnFra Says:

      @Phipu

      Bezüglich „Züricher / Zürcher“ eine Anmerkung.

      Vor langer Zeit habe ich fast mein Leben durch eine meuchelmordwollende Züricher Hand verloren. Als Teutone sagte ich natürlich „Züricher“ und NICHT „Zürcher“! Dieser Züricher hat schon sein Exekutionskommando vorbereitet. Nachdem ich ihm „Zürcher“ nachgesprochen habe, durfte ich die CH schadlos verlassen. Danach habe ich mich auf die Jagt nach dem verlorenem „i“ gemacht.

      Folgend meine Recherche: 1. Pfad (hermeneutisch orientiert): Durch die rätische Bezeichnung für Zürich = Turitg ist es anzunehmen, dass hier ein alter, erstsprachlicher Name vorliegt.
      Wenn man die rätische Endung „tg“ entfernt entsteht „Turi“. Der lat. Name Zürichs ist „Turicum“. Die namensgebende Quelle ist wohl „Turig“. Im Alemannischem gibt es den Begriff „Türig, Türrig“. Die Ableitung führt zum „Dürrig“, welches identisch ist mit mhd, nl. „Dorrigkeit“. Dies ist die Bezeichnung für nhd. „Trockenheit“. Man kann es mit „Trockener Ort“ bzw. „Trockener Wohnplatz“ gleichsetzen. In der Umgangssprache: Ein „trockenes Plätzle“!!!
      Geographisch ist wohl die erste Züricher Besiedlung auf einen „trockenem Ort“ an der ansonsten nassen, sumpfigen Landschaft am Limmatausfluss des Züricher Sees gewesen. Die Kessellage, die Topographie der Berge und Erhebungen sowie das Schwemmland unter Zürich deuten extrem deutlich darauf hin.

      2. Pfad (etymologisch orientiert): Urname dürfte in rätischer Ableitung vom „Turi“ kommen. Die namensgebende Quelle ist wohl „Turig“. In der Lautverschiebung wird es zum „Tsurig“, danach zum „Tzurig“. Das „g“ verweicht im Alemannischen zum „sch“ und sicherlich bald zum Kehllaut „ch“! Die Vorliebe der Alemannen zu den Umlauten rundet nun den Begriff in die endemische Phonetik vom „u“ zum „ü“. Jetzt gibt es die Ortsbezeichnung „Tzürich“. Wie uns bekannt wird das vorhergestellte „T“ sparsam verschluckt und nun taucht der Name „ Zürich“ aus der Rappelkiste auf.

      Nachtrag: Der ital. Name für „Zürich = Zurigo“ würde auch zu dieser These gut passen. Er orientiert sich etwas mehr an der mittelalterlichen deutschen Namensbenennung.

      Nun ein schmerzliches Ende: Wenn man die o.g. Ableitung als richtig ansieht, MUSS man für den „Züricher“ Begriff immer ein „i“ einsetzen, weil es in der sprachlichen Entwicklung IMMER vorhanden gewesen sein muss! Dieses „i“ ist ein wichtiger Bestandteil des Ortsnamens gewesen. Wer möchte dies den ZÜRICHERN beibringen? Lebensmüde bitte vortreten!

      Jetzt haben auf einmal einige Sinnsprüche bezüglich der Örtlichkeit von Zürich eine Berechtigung: Züricher Banker: „ Schäfchen ins trockene bringen“, „Das Geld in trockene Tücher wickeln“, „Trockenen Grund unter den Füßen haben“, neuartig: „Fluchtgelder ins Trockene bringen“.

    7. mare Says:

      Ich habe irgendwo (bei von Matt?) gelesen, dass Keller seine Novellensammlung wirklich „Zürcher Novellen“ nennen wollte, dass aber sein deutscher Verleger „Züricher Novellen“ durchsetzte.

    8. neuromat Says:

      @ Anfra

      Genial!

    9. lapsus4711 Says:

      Einach analog zu „Bremer“ oder „Hamburger“.
      So schwierig kann das doch nicht sein.

    10. ch.atzefrey Says:

      Sprechen wir doch ab sofort einfach analog auch von den Dresdenern und Münchenern.

    11. neuromat Says:

      @ ch.atzefrey

      ich glaube, dass wär ohne grössere Belastung der D – CH Beziehungen mögliche.

      Hingegen … oh, oh, oh dieser Sprachfrevel, CH Zeigefingerchen ganz weit oben; nie, niemals… Fingerchen noch weiter rauf: Züricher und nie niemals und jetzt reisst es fasst den ganze Arm aus der Brust (wie komme ich jetzt auf Armbrust) niemals Fränkli. Puh geschafft.

    12. Guggeere Says:

      @ ch.atzefrey:

      … und von Baselern, Sanktgallenern, Schaffhausenern etc. Warte gespannt auf weitere Reformvorschläge.

    13. Phipu Says:

      An AnFra
      Dein Beitrag ist hervorragend, und wirklich sehr interessant. Dass es im Dialekt und als Helvetismus dennoch anders heisst, kann ich nur durch die Tatsache erklären, dass Sprache keine mathematisch genaue Wissenschaft ist. Deine sehr schön belegte Theorie hättest du allerdings schon hier und hier und hier schreiben sollen:
      http://www.blogwiese.ch/archives/119
      http://www.blogwiese.ch/archives/67
      http://www.blogwiese.ch/archives/421
      Das hätte mich und viele andere auch damals schon interessiert. Es lohnt sich auch, die Kommentare zu diesen Links zu lesen. Aber dennoch,

      Neuromat,
      es juckt mich nicht nur im Lehrmeisterzeigefinger. Die Zunge sträubt sich; es geht einfach nicht. Ich kann doch etwas nicht wider besseren Wissens falsch sagen und falsch weiterverbreiten und indoktrinieren. Das können auch alle Interlakner, Oltner, Bündner, und viele weitere schon erwähnte nicht. Bedenke, dass diese Buchstaben nicht einfach verloren sind, sondern sie wurden zur Reichtumsbewahrung gespart. Jemand, der durch all die bewusst gesparten Buchstaben sprachlich schon „zu reich“ ist, kannst du nicht aus freien Stücken wieder arm machen wollen. Diese Mechanismen aus dem finanziellen Be-Reich solltest du ja schon kennen. Und gut gesinnte Wissensbörsenmakler, geben eben gern ihre Tipps und Trends weiter, einige auch ohne erhobenen Arm, die Brust nicht stolzgeschwängert.

      Es gibt natürlich verschiedene Weisen, das Wissen weiterzugeben. Hier gegenüber obiger Links und Kommentaren noch eine weitere Variante: http://www.blogwiese.ch/archives/360#comment-7414

      Was man hingegen kann, ist diese Schreib- oder Ausspracheweise von Deutschen akzeptieren, so wie wir in germanodeutschem Sprachfluss auch „Fahrrad“ oder „Strassenbahn“ tolerieren würden. Dazu sollten jedoch immer klare Signale wie z.B. ß gesetzt werden, damit die Ausgrenzung derer, die sich weigern, ihre Sprache dem Zielpublikum anzupassen und mit Helvetismen zu „bereichern“, leichter fällt. Damit können sogar gutgesinnte Beherberger dieses zusätzlichen Wissens ihre wirkungslosen Kommentare sparen.

      Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass obige Lösung das A und O sein soll. Ich habe eben überhaupt viel weniger Mühe mit Leuten, die Unlogiken in der Sprache akzeptieren können, z.B. nachdem sie zum ersten und zum letzten Mal „Hannoverer“ gesagt haben; Sogar wenn diese Lernfähigkeit nur dazu dient, den Jööh-Effekt zu vermindern und die Sprachpädagogen-Zeigfinger unten zu lassen, ist sie mir irgendwie sympathisch. Hier ein Beispiel: http://www.blogwiese.ch/archives/626#comment-121655

      Als Vertreter der Kaste der selbsternannten Lehrmeister gebe ich noch einen Tipp zum angetönten/angedeuteten Thema weiter, an alle, die dazulernen wollen:
      „Fränkli“ darf man unter gewissen Bedingungen sagen. Siehe:
      http://www.blogwiese.ch/archives/363#comment-8385
      http://www.blogwiese.ch/archives/247#comment-3278

    14. AnFra Says:

      @Phipu

      Die Teilnahme an der Blogwiese war mir erst ab dem März 2007 möglich, da ich am 06.Februar 2007 im SFR 1 Club auf diese saftige Weide aufmerksam wurde. Schade, aber es ist jetzt auch sehr toll. Um nicht die Unbefangenheit einzuschränken werde ich mit Vorsatz das Archiv nicht durchlesen, jedoch wenn Du Deine Tipp-Themen-Archiv-Pfade benennst, werde ich dann sehr gerne diesen folgen.

      Du hast es richtig gesagt. Die Sprache lebt, verändert und gestaltet sich immer wieder neu. Vieles innerhalb der deutschen Sprachen-FAMILIE ist anders, variantenreich, „falsch“ und doch im Grundsatz immer „richtig“.

      Noch zählt sie nicht zu den „toten“ Sprachen. Lasst uns dies verhindern!

    15. Schnägge Says:

      @Phipu: Hannoveraner ist ja auch einfach. (Ich kenne kein Pferd, dass sich jemals beschwert hätte.)
      Aber heißt das Adjektiv nun
      a) Hannoversch?
      b) Hannöversch?
      oder
      c) Hannoveranisch?
      😉

    16. neuromat Says:

      also zurück zum „Münchener“ – es wäre sehr einfach gewesen „Münchener Freiheit“ zu googlen und siehe da Münchener geht genauso wie Münchner

    17. Christian (der Andere) Says:

      Siehe da, der komplexbehaftete Neuromat lebt noch :-))

      Für die Völkerverständigung: In „keinster Weise“ ist ein gebräuchliches Idiom jenseits des Röstigrabens, ein künstlicher Superlativ, welcher die Negierung überbetonen soll.

      Ein später Nachtrag, aber immerhin.

    18. Regionaljourni Says:

      Ich arbeite im Regionalressort einer Zeitung. Wir haben eine Liste, wo von jeder Gemeinde unseres Einzugsgebietes genau steht, wie die Einwohner bezeichnet werden wollen. Jemand von Uster will nämlich nicht als Usterer, sondern als Ustermer bezeichnet werden. Wie ist es mit jenen von Reiden LU: Reider oder Reidemer? Oberdorfer oder Oberdörfer (BL, SO, NW)? Messener oder Messemer (SO)?

      Und wehe, wehe! man erwischt die falsche Bezeichnung! Lokal muss alles stimmen, bis auf allfällige Umlaut-Pünktchen.

      Die erwähnten Ortschaften sind alle nicht so bedeutend wie Zürich. Dieses ist eben auch im Ausland bekannt. Wir sprechen/schreiben ja bei uns auch von Mailand oder Florenz. So ist vermutlich in Deutschland Züricher üblich, weil man das dort so kennt. Sobald aber Deutsche im Kontakt mit Schweizern oder gar Zürchern sind, werden sich sich doch hoffentlich anpassen, genau so, wie sie auch in Milano nicht auf Mailänder oder in Firenze nicht auf Florentiner beharren würden.

    19. Phipu Says:

      An Neuromat

      Ich bin froh, dass man mit Münchner und Münchener nicht so leicht ins Fettnäpfchen tritt, wie es den armen Deutschen dauernd mit den Zürchern und Baslern geschieht. Leider ist das beim Adjektiv zu Zürich anders, der Gebrauch innerhalb der Schweiz ist halt einzig auf „Zürcher“ beschränkt. Auch hier ist googeln aufschlussreich. Aber nach einmal in der Schweiz falsch sagen/schreiben hat man es ja in der Regel gelernt. Nach einem mehrseitigen Enstchuldigungsschreiben ist der diplomatische Vorfall dann wieder aus der Welt geräumt. (Du würdest sicher mit Freude so ein Schreiben verfassen.)

      An AnFra

      Zu „Zürcher“ habe ich mich bemüht, die interessantesten Kommentare herauszusuchen. Das kann die Lektüre für dich etwas einfacher gestalten.

      http://www.blogwiese.ch/archives/119#comment-1271

      http://www.blogwiese.ch/archives/119#comment-2450

      http://www.blogwiese.ch/archives/119#comment-125883

      http://www.blogwiese.ch/archives/421#comment-10514

      http://www.blogwiese.ch/archives/421#comment-10519

      http://www.blogwiese.ch/archives/421#comment-10555

      Besonders erstaunlich, und in diesem Zusammenhang deiner These widersprechend, ist die Aussage, dass „Zürich“ hochdeutsch mal „Zürch“ hiess. Leider habe ich nebst vielen offensichtlichen Schreibfehlern, Wortspielen und solchen Nachnamen nicht viele aufschlussreiche Hinweise darauf gefunden. Einzige Ausnahmen: http://de.wikipedia.org/wiki/Z%C3%BCrch , http://www.antiqbook.de/boox/wen/IQ-G10051.shtml , http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/Eckbriefe/N182.html http://ivv7srv15.uni-muenster.de/mnkg/pfnuer/Eckbriefe/N180.html

      Je älter, desto weniger Google-Funde. Artikel die zur Zwingli-Zeit geschrieben wurden, erfreuen sich an aus heutiger Sicht besonders abenteuerlicher Rechtschreibung. Da „Zürch“ aber mehrmals vorkommt, gebe ich dieser Schreibweise dennoch eine gewisse Glaubwürdigkeit.

      In Grimms Wörterbuch habe ich gesehen, was „der Zürch“ ist. Dies publiziere ich hier nicht, da
      1.) die Links immer zu lang sind und
      2.) das Selbstbewusstsein der Zürcher darunter leiden könnte.

    20. neuromat Says:

      @ Phipu

      immerhin leistet sich die Schweiz einen speziellen Berg, der von Fankhaus auf der steileren Route so in 30-40 Minuten zu erreichen ist. Oben gibt es vor allem und sehr viel Pommes, für die, die von Lutheren herkommend den nicht so steilen Anstieg schafften, eben ein rechter FettNapf.

      Man könnte sich fragen, warum auch an allen anderen Orten in CH so viele Näpfe aufgestellt sind und ob nicht das eigene Selbstbewusstsein darunter leidet unter dieser anstrengenden Furcht, ständig in einen zu gelangen. Und wie unlängst zu hören war, nicht nur der Schweizer an sich ist gewissermassen rückläufig, auch der diplomatische Nachwuchs. Dieser angeblich, weil er woanders mehr Geld verdienen kann.

      Das mehrseitige Entschuldigungsschreiben muss wie so manch anderes zunächst ausfallen. Und dann muss ich auch noch

      @ Christian der Andere

      eine Entschuldigung schicken. Das war doch nun wirklich nicht so gedacht, sich wochen – ja monatelang, also in keinster Weise war dies beabsichtigt, sich hier nicht enden wollende Gedanken zu machen. Ich fürchte, ich habe schon wieder nicht verstanden was eine überbetonte Negierung ist.

    21. AnFra Says:

      @Phipu

      Die Sache mit „Zürch“ muss mal gesagt werden: Es ist der alte Name für „Kuhmist“! Grundsätzlich könnte dieser historische Bezug auch für Zürich gelten. Viele Karieren haben im Dorfmist begonnen.

      Jedoch sollte man die Namensbezüglichkeit der Topographie und der rätischen Bezeichnung „Turitg“ sehen. Auch der lat. Name „Turicum“ ist extrem auffällig. Innerhalb der Lautverschiebung ist schon fast mit mathematischer Sicherheit aus dem „T“ ein „Z“ geworden. Das „i“ schleppt sich immer mit.
      Nun ist es jedoch möglich, das innerhalb der Namensentwicklung es auch sprachliche Varianten gegeben hat. Heutzutage: z. B. Zürich mit Züri!

      Habe heute rein zufällig im schweizer Internet interessante historische Karten des Eidgenossenschaft im 16. bis 18. JH gefunden. Natürlich auch einige zeitgleiche zu Deinem „Eckbriefen“. Möchte aber noch vorausschicken, dass man den historischen Namen von „Konstanz“ in meinem Büchern in mindestens ca. 20 (!) Schreibweisen finden kann. So ist es.
      In den Reproduktionen der historischen Karten, welche nach meiner Einschätzung auf dem Gebiet der heutigen Schweiz erstellt wurden, sind die Namensschreibweisen der Stadt Zürich in etwa folgende zufälliger Statistik aufgetaucht: von den ca. 25 Karten haben „Zürich“ 24 mal und „Zürch“ 1 mal. Das ist ca. 4 %. Eigentlich ist es ein sehr geringer Anteil an Schreibvariante.
      Auf diesen Karten gibt es auch mehrmals den „Zürich-See“ und den „Zürich-Gau“. Alles mit „i“. Auf einer Karten von ca. 1550 gibt es stattdessen den Eintrag „Turitg-See“ mit ansonsten deutsch geschriebenen anderen Orten der Eidgenossenschaft und der übrigen Teilstaaten des HRR!

      Mit den „Eckbriefen“ bin ich mir etwas unsicher. Aus der Zeit von ca. 1550 und der Diktion kann man noch nicht von „hochdeutsch“ (vermutlich meinst Du es in unserer Zeit gültig seien!?) sprechen. Vermutlich hat Eck diese Briefe durch einen fürstl.-bay. Kanzleischreiber mit dessen „Amtsdiktion“ erstellen lassen.
      Man sollte jetzt die passenden Schreiben des Bischof von Konstanz haben, um zu sehen, wie sich dessen räumliche Nähe in der Namenschreibung von Zürich ausgedrückt hatte.

    22. Phipu Says:

      Dank deiner Vorschläge habe ich mich einem vertieften Studium unterzogen. Oder etwas ehrlicher: Ein bisschen Googeln hat mir gezeigt, dass meist a)
      http://www.haz.de/newsroom/
      etwas seltener b)
      http://www.soeoek.de/
      gebraucht wird. Sobald es um Pferde geht: nur noch c) .

      Dein Smiley lässt mich vermuten, dass es da noch einen Haken hat, den ich nicht erkannt habe. Aber richtig falsch wird keines davon sein. Wenn ich folgenden Artikel dann mal richtig begriffen habe, sollte ich ein paar Fauxpas vermeiden können: http://www.hannover-oststadt.de/oststadt/geschichte/zeitgeist/hinterm_bahnhof.html . Aber ich habe ja dank meiner Aussprache meist den Jööh-Bonus.

    23. Schnägge Says:

      @Phipu: Der Haken war: Alle drei sind richtig. (Hannöversch ist eine Biersorte.) Aber dich kann man ja nicht aufs Glatteis führen, völlig zwecklos. Hiermit ernenne ich dich zum virtuellen Ehrenbürger. 🙂
      Was den Artikel angeht: Die Gegend um den Raschplatz war früher der zentrale Drogenumschlagplatz hinterm Bahnhof, eine finstere Gegend. Inzwischen ist das alles neu und schick umgebaut.

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