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Wer verlässt schon freiwillig die Schweiz? — Die Auslandsschweizer

(reload vom 28.10.05)

  • Der Weg der Schweiz endet bei den Auslandsschweizern
  • Rund um den Urner See, bei der Rütli-Wiese beginnend, führt der Wanderweg „Der Weg der Schweiz„.
    Blick auf das Rütli und auf Brunnen
    Ausdauernde Wanderer schaffen die 36 Km an einem Tag. Der Weg wurde 1991 zum 700. Jubiläum der Schweiz durchgängig markiert. Gemäss seiner Einwohnerzahl ist jedem der 26 Kantone ein entsprechend langes Stück Weg zugeteilt worden, und die einzelnen Abschnitte reihen sich chronologisch aneinander, je nach Beitritt des jeweiligen Kantons in den Bund. „Zürich“ zieht sich kilometerlang hin, während beispielsweise „Appenzell-Innerrhoden“ (warum muss ich bei diesem Kanton nur immer an die Heilkunst der Urologie denken?) in wenigen Schritten durcheilt wird.

    Am Ende des Weges, am Rande der Gemeinde Brunnen, finden wir den „Platz der Auslandschweizern„. Ist das eine Gedenkstätte für die Ausländer in der Schweiz? Nein, weit gefehlt! Hier wird der armen Schweizer gedacht, die permanent nicht in ihrer schönen Heimat leben können! Irgendwie machen die sich ja schon verdächtig, warum sie dies freiwillig und für eine längere Zeit tun. Es sind gar nicht so wenige. Die Schweiz war viele Jahrhunderte lang eine Nation von Auswanderern.

    Eine starke Emigrationsbewegung ereignete sich nach dem Dreißigjährigen Krieg, als Arbeitsemigranten aus der übervölkerten Schweiz (vor allem aus den Kantonen Thurgau, Zürich und St. Gallen) und aus Vorarlberg in den zerstörten, teilweise menschenleeren Gegenden Südwestdeutschlands ansässig wurden und halfen, das verwüstete Land wieder empor zu bringen. (Wiki)

    Ist es nicht interessant, wie sich geschichtliche Vorgänge wiederholen, mit umgekehrtem Vorzeichen? Heute ziehen Deutsche in die Schweiz und helfen, das Bruttosozialprodukt zu steigern.

    Wenn ein Schweizer in Deutschland Karriere macht, kommt über kurz oder lang ein Schweizer Fernsehnteam zu ihm und fragt ihn aus. Nein, das „Chochichästli“ müssen sie dann nicht laut vorsprechen, diesen Test haben die Schweizer Reporter nur für die Rolling Stones und andere Ausländer bereit, aber eine andere Frage wird dann ziemlich regelmässig gestellt: „Sehen die Deutschen Sie denn hier als Kuhschweizer?„.

    Wir können Euch versichern, liebe Schweizer, die meisten Deutschen kennen die Bezeichnung „Kuhschweizer“ überhaupt nicht und würden nie auf die Idee kommen, einen Eidgenossen so zu bezeichnen. Wir lieben doch die Schweizer, warum sollten wir sie so grob beleidigen wollen? Wir kennen die „Kuhglocken“ als Symbol für die Schweiz, aber mit Schweizern würden wir so etwas Freundliches und Gutmütiges wie eine Kuh nicht verbinden. Es muss Teil des Schweizer Traumas in Deutschland sein, diese Frage nach dem „Kuhschweizer“ Vorwurf jeden Schweizer in Deutschland zu stellen.

  • Bruno Ganz
  • Bekannt geworden ist dieser Schweizer Schauspieler für ein internationales Filmpublikum durch seine Mitwirkung in Wim Wenders Filmen wie „Der amerikanische Freund“ und „Der Himmel über Berlin“ (1987) der auf Französisch mit „Les ailes du désirs“ (frei: „Die Schwingen der Sehnsucht/des Verlangens“) übersetzt wurde. Dass der Himmel über Berlin damals nicht durch die Mauer geteilt war, wie der Rest der Stadt, soviel politische Ortskenntnis hatte man den Franzosen nicht zugetraut. Mir war lange nicht bewusst, dass Bruno Ganz ein Schweizer ist. Auf Schweizerdeutsch sprechen hören habe ich ihn zum ersten Mal im Schweizer Fernsehen.

    Zuletzt spielte er in „Der Untergang“ niemand anderen als Adolf Hitler. Diese glänzende Vorstellung kommentierte der Comedian Michael Mittermaier:

    Stellt euch vor, da spielt ein Schweizer einen österreichischen Diktator in Deutschland


    Wenn das nicht eine länderübergreifende Leistung war!

  • Lilo Pulver
  • Diese „ulkige Nudel“ des deutschen Films, in Klassikern wie „123“ von Billy Wilder auf dem Tisch tanzend, und in späteren Jahren in der Deutschen Fassung der Sesamstrasse neben Henning Venske immer noch brillant, kommt aus der Schweiz. Zu ihrem 75. Geburtstag wurde sie im Schweizer Fernsehen interviewt, und siehe da, die sonst nur Hochdeutsch sprechende Ikone des Erziehungsfernsehens spricht perfekt Schweizerdeutsch!

  • Ex „heute Sprecher“ Alexander Niemitz
  • Ein eher unbekannter Schweizer im Deutschen Fernsehen. Machte vor kurzem von sich reden, weil er sich in einem Interview mit der Sonntagszeitung darüber äusserte, warum Roger Schawinsky (noch ein berühmter Auslandsschweizer!) die Leitung des Sender SAT1 angetragen bekommen habe. Der kaum verhohlene und bei Nachfragen bestätigte anti-semitische Beigeschmack der Äusserung sorgte für ziemliches Aufsehen. Er arbeitet jetzt freiberuflich als Sprech- und Präsentationstrainer und hat zuletzt Angela Merkel für ihre TV-Duellen mit Gerhard Schröder im „Mundwinkel-Obenlassen“ trainiert. (Quelle)

  • Marco Rima
  • Hat es geschafft, in Deutschland zumindest den Bekanntheitsgrad von Emil Steinberger zu erreichen. Durch seine Auftritte in der Wochenshow am späten Samstagabend wurde er einem grossen Publikum bekannt. Dass er Schweizer ist, merkte man nicht gleich, aber zum Glück gab es da auch einige wunderbare Szenen mit Anke Engelke, in der er „gemässigtes Schwyzerdütsch“ von sich gab.

  • Josef Ackermann
  • Chef der Deutschen Bank, ein Schweizer aus Mels. Zitat dazu aus Wikipedia:

    Sein öffentliches Ansehen wurde durch die Mannesmann-Affäre und sein, von manchen Seiten als arrogant angesehenes, Auftreten im Zuge einer Mitarbeiterentlassung schwer beschädigt

    Wir haben hier also den äusserst seltenen Fall vorliegen, dass einmal ein Schweizer als „arrogant“ angesehen wird, ein Privileg, dass doch sonst immer nur Deutschen vorbehalten ist, oder habe ich da was falsch verstanden? Wir können die Schweizer beruhigen: Die wenigsten Deutschen haben im Bewusstsein, dass Ackermann aus der Schweiz ist. Also keine Gefahr der „Übertragung“ angesagt.

  • Die Auslandsschweizer in der Statistik
  • Die restlichen Auslandschweizer in Deutschland wollen wir uns für heute schenken. Es geht ihnen gut und sie sind wohl organisiert. Allein in Hamburg leben über tausend Schweizer. In ganz Deutschland sind es ca. 70.455, weltweit kommen sie auf 623.057 (Stand Dezember 2004). Ich stelle fest: es leben nur 3 Mal soviele Deutsche in der Schweiz wie Schweizer in Deutschland, obwohl Deutschland mehr als 10 Mal soviele Einwohner hat als die Schweiz.
    Die Auslandsschweizer gelten als die „fünfte Schweiz“ und haben ihre eigene Organisation ASO.

    

    22 Responses to “Wer verlässt schon freiwillig die Schweiz? — Die Auslandsschweizer”

    1. Flaneur Says:

      Ich muss sagen, der Marco Rima gibt sich im Intro-Video auf seiner Webseite wirklich alle Mühe, Hochdeutsch zu sprechen.

      Für einen Schweizer klingt (sic) das schon recht gut.
      Jetzt müsste er nur noch an der Geschwindigkeit schrauben, um nicht mehr als Kuhschweizer durchzugehen.

      Aber gut… so verbreitet ist dieses Vorurteil vielleicht gar nicht.
      Es gibt ja auch noch einige andere, die ich immer wieder höre.

      Die Nummernköntlischweizer beispielsweise.
      Nichts sagen, nichts wissen, vorne einen auf seriös und neutral machen – aber hinten rum anderen die wohlzustehenden Steuereinnahmen rauben, oder die Gelder in saubere Fränkli waschen? Hachja, sie sind schon ein Volk von Profiteuren, nicht wahr?

      Nun könnte ich auch noch was positiveres über die Präzisionsschweizer sagen. Aber beim Blick auf meine Rolex ist das eine Geschichte für ein ander Mal. Und überhaupt muss ich gerade an Fussball denken…

      In diesem Sinne:
      Grüssli vom Züricher See,

      Flaneur.

    2. Simone Says:

      Kein Wunder, dass so viele Schweizer aus der Eidgenossenschaft fliehen. Wenn ich mir die SVP-Plakate mit dem schwarzen Schaf, die Unterschiede im Preis für das Reinigen von Damen- und Herrenbekleidung sowie das Machtgehabe einiger Zöllner trotz Personenfreizügigkeit so ansehe, merke ich, dass die Grenze zu Europa mit dem zugehörigen Demokratieverständnis sehr hoch ist. Das ist zum Teil auch für Schweizer schwer zu ertragen.

    3. Flaneur Says:

      Was ist denn so machtgehäbig an den Zöllnern?
      Mich winken die immer gutmütig durch.
      Aber gut… ich bin auch kein Schweizer.

    4. Tellerrand Says:

      Kann mir jemand der hier mitkommentierenden Schweizer erklären, warum die Auslandsschweizer von den Inlandsschweizern so derartig umhätschelt und umtätschelt werden? Sie haben die Schweiz meist aus wirtschaftlichen Gründen verlassen, um unter bessereren/anderen Bedingungen ihr Glück zu machen. Es steht doch fest, dass sie zumindest zum (wirtschaftlichen) Gelingen der Eidgenossenschaft keinen Beitrag mehr leisten. Trotzdem rennt man (z.b. die politischen Parteien) ihnen gewissermassen hinterher und sie dürfen hier wählen bis das der Tod sie dahinrafft – obwohl sie mittlerweile Teil ganz anderer Gesellschaften mit ganz anderen Problemen sind.

      OK, ich dürfte in Deutschland auch immer noch wählen, aber:
      1. rennt mit dafür niemand hinterher und
      2. tue ich das nicht mehr, weil ich jetzt in einem anderen Land mit anderen Problemen lebe und es schätzen würde, wenn man neben meinen Steuern auch mein politisches Urteil annimmt.

    5. Phipu Says:

      Die Auslandschweizer werden nicht nur als 5. Schweiz bezeichnet, sondern es gibt neuerdings eine Strömung, diese zu einem 27. Kanton zu machen. sieh hier und hier .

      Bei Googeln stosse ich übrigens auf einen Blogwiesen-Eintrag, in dem von ganz Deutschland als 27. Kanton die Rede ist:

      http://www.blogwiese.ch/archives/460 , und zeitweise war das

      Oder vielleicht doch nur der Ort Bad Bertrich.

      Möglicherweise ist aber auch der Kosovo der 27. Kanton, wie dies l’Hebdo mal tituliert hatte:

      Das wird noch viel zu reden geben, bis endlich klar ist, wer rechtmässig auf diese Bezeichnung Anspruch hat.

      Zum Abschnitt über Bruno Ganz

      Was muss MANN DEN da für Fehler lesen, die auch das Korrekturprogramm nicht erkennt? An zwei Stellen wurden S unterschlagen:
      „DASS der Himmel über Berlin damals nicht durch die Mauer geteilt war, wie der Rest der Stadt, soviel politische Ortskenntnis hatte man den Franzosen nicht zugetraut. Mir war lange nicht bewusst, DASS Bruno Ganz ein Schweizer ist. Auf Schweizerdeutsch sprechen hören habe ich ihn zum ersten Mal im Schweizer Fernsehen.“

      Zum Abschnitt über Josef Ackermann

      Hier handelt es sich nicht um einen Fehler, sondern ich habe eine interessante Formulierung entdeckt:
      „Wir haben hier also den äusserst seltenen Fall vorliegen, dass EINMAL ein Schweizer als “arrogant” angesehen wird“.

      Es ist also „einmal“ der Fall, nicht „für einmal“. Kann man das im Sinne von „ausnahmsweise“ zu Deutsch so sagen, oder ist dies ein Halb-Helvetismus? Zumindest die Aussage „pour une fois“ ist im ganzen französischen Sprachraum verbreitet. „Für einmal“ wird auch in der Blogwiese behandelt: Siehe http://www.blogwiese.ch/archives/56 und http://www.blogwiese.ch/archives/64 und deren Reloads http://www.blogwiese.ch/archives/658 und http://www.blogwiese.ch/archives/678

      [Anmerkung: DAS sind ja wirklich sensationelle Funde, verstehe nicht, DASS DAS übersehen werden konnte. Merci! ]

    6. neuromat Says:

      warum Du an Urologen denkst und nicht an Proktologen hat mit bestimmten Präferenzen zu tun. Falls Du doch an Proktologen denken solltest findest Du weitere Informationen hier

      http://www.haemorrhoiden-info.ch

      Hier gibt es im Fall auch „äussere“ und „innere“. Eine Gedenktafel auf dem Weg der Schweiz haben sie jedoch noch nicht erhalten.

    7. Inda Says:

      @ Tellerrand

      Es war mir nicht bewusst, dass die Auslandschweizer derart umgarnt werden. In meinem Umkreis ärgert man sich eher über gewisse Exponenten dieser Gattung. Besonders beliebt sind die fleissigen Leserbrief-Schreiber, die uns aus dem fernen Phuket oder Kanada mit ihrer Meinung zur aktuellen Ausländerpolitik oder zum Sittenverfall in der Schweiz beglücken.

      Dass man allerdings ihren Stimmzetteln nachrennt, erstaunt mich nicht. Der grosse Doubleyuu hat ja schon bewiesen, was mit diesen ‚Expat‘-Stimmen alles angestellt werden kann… 😉

    8. Flaneur Says:

      Niemetz heisst der Herr Journalist, wenn ich recht erinnere.
      Wie Steinmetz, und nicht Kiebitz.

      @Phipu:

      Nach meinem Sprachempfinden könnte man statt „einmal“ hier auch „im Gegensatz zum Regelfalle“ sagen. Das ist sinngemäss fast dasselbe, tönt aber nicht ganz so scharf wie „ausnahmsweise“.

      Da schon einmal im ersten Halbsatz die Rede vom „äusserst seltenen Falle“ ist, können wir das hier für einmal auch als sprachliche Redundanz abtun. Wer weiss, welchen Dienst uns der Jens-Rainer damit leisten will?

      http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,453569,00.html

      Nebenbei: Als norddeutscher Sprachästhet ist der Autor vermutlich der einzige Deutsche, der statt Eintrittskarten seine Billets (sic) an der Kinokasse rübergeschoben bekommt. Da nimmt es mich jetzt Wunder, warum die Deutschschweizer Kinos scheinbar allesamt nur noch Tickets verkaufen..?

    9. Phipu Says:

      An Flaneur

      Ach so, ja, dieses besonders deutsche «Einmal», das nicht vom „für einisch“ abgeleitet ist. Das kannte ich eigentlich schon (Siehe Schluss dieses Eintrags): http://www.blogwiese.ch/archives/219

      Für die meisten „Events“ kauft man übrigens sowieso nur noch „Tix“. Damit kann sich die SMS-Generation alle sprachlichen Komplikationen wie ck, ll und tt sparen. Leider gilt das Wort „Tix“ noch nicht überall (z.B. beim öV) und so muss man doch noch wissen, dass man ennet des Röstigrabens „billets“ [Bi-e] erhält und es hier „Schriftdeutsch“ aber „Billette“ [Bileete] sind.

      Um die Sprachästhetik noch zu verfeinern sei hier den Neuzuzügern noch der Trick verraten, dass man dann zu Dialekt [Bileet] oder auch [Biliee] (EZ und MZ!) sagt. Letzteres erinnert übrigens – trotz der an französisch anlehnenden Schreibweise – an die italienische Aussprache „biglietti“ [bilietti].

    10. SUDOKU Says:

      Bin den Weg auch schon gewandert – auswandern werde ich aber nicht !

    11. Raphael Says:

      @ Flaneur, was kann die Schweiz dafür wenn Deutschland keine konkurrenzfähiges Steuersystem aufbauen kann? Oder bist du mit der deutschen Steuerpolitik zufrieden? haha Steuereinnahmen rauben…… ein ganz lustiger bist du!!! Vor 42% persönlicher Steuersatz in die Schweiz flüchten und dann noch unterstellen wir rauben was! Übrigens ab 1.1.09 wird’s steuertechnisch in Deutschland noch besser, dann kommt die neue Abgeltungssteuer.

      Liebe Grüsse

    12. Simone Says:

      @Flaneur:
      Unter Machtgehabe der Zöllner verstehe ich, wenn Sie mein Auto von oben bis unten kontrollieren. Keine Ahnung, nach was. Offensichtlich finden sie bei mir nicht das, was sie suchen. Dafür, dass Personenfreizügigkeit herrscht, ist das Theater ab und zu richtig gross.

    13. Flaneur Says:

      @Raphael:

      1. Was das den „Raub“ anbetrifft:
      Einige schweizerische Besonderheiten und Möglichkeiten (Pauschalbesteuerung, Holdingbesteuerung wie in Zug, etc…) zielen schon völlig offensichtlich auf das Abschöpfen ausländischer und im Ausland erzielter, also „fremder“ Einkommen. „Rauben“ anbetrifft ist sicherlich überspitzt ausgedrückt, aber nicht völlig ohne realen Hintergrund. „Die Schweizer“ nennen das halt eher „Wettbewerb“, die Deutschen „Foulspiel“, „Diebstahl“ und ähnliches.

      2. Was mich persönlich anbetrifft:
      Ich bin gewiss nicht vor 42% persönlichem Steuersatz in die Schweiz geflüchtet.
      Würde jubeln, wenn ich den Satz zahlen dürfte/müsste.
      Aber dafür reicht’s bei mir noch nicht ganz. 😉
      Von knapp einer Million Franken Einkommen pro Jahr lässt es sich schon gut leben.
      Mit der Abgeltungssteuer wird es nicht nur besser, sondern für viele (mich eingeschlossen) eher schlechter in Deutschland. Aber das ist ein anderes Thema.

      Ich persönlich habe übrigens überhaupt nichts gegen Steuerwettbewerb, sondern bin im Gegenteil froh darüber, dass es in Europa (und anderswo auf der Welt) auch noch Länder gibt, die letztlich als Korrektiv gegen manchen Wahnsinn wirken.

      Selbst wenn es offensichtliche „Abschöpfungszwecke“ wie oben betrifft:
      Wenn die EU oder Deutschland damit ein Problem hat, dann ist das erstmal ein Problem deutscher oder EU-Gesetzgebung. Warum sollen fremde Staaten oder Kantone auch nicht ihre eigene Gesetzgebung oder Besteuerung haben? Man muss im Gegenzug ja auch nicht (bspw. bilateral) mit der Schweiz kooperieren oder Vereinbarungen treffen, oder hat da Gestaltungsspielraum.

      Last but not least: Ich habe hier gar nichts von „Raub“ unterstellt, sondern nur gehörte Vorurteile wiedergegeben. 😉

    14. Psalmist Says:

      @Phipu: Kleine Präzisiserung: [Biliee] für Billett tönt in Zürich komisch. Meines Wissens ist es nur im Bern- und ev. im Baselbiet verbreitet.

      @Simone: Das Problem ist, daß zwar Freizügigkeit für Personen gilt, aber nicht für Güter. D.h. die Grenzer müssen Fahrzeuge (auch Velos) zwar nicht nach Personen, wohl aber nach Gütern absuchen…

    15. Tellerrand Says:

      @ Psalmist

      Wurde hier vielleicht irgendwann schon mal erörtert, habe es dann aber wohl nicht mitbekommen. Wo ist eigentlich im Bern- und Baselbiet das „ge“ -blieben?

    16. Phipu Says:

      an Tellerrand

      In diese Diskussion möchte ich mich gern als Sprachfetischist und Linksammler ebenfalls einklinken. Kannst du Beispiele nennen? Meinst du gewisse Partizipien ohne „ge“, wie „geblieben“ = „blibe“ oder denkst du an „mer gönd go ässe“ und seiner Theorie, dass „go“ ein „ge“ sein könnte mit der Bedeutung von „gen = gegen“? da ging es auch um die Verdoppelung „goge“, was im Grossraum Basel und Bern nicht verwendet wird.

      In Erwartung deiner Antwort kann ich schon vorsorglich ein paar mögliche Links in den Köcher legen.

    17. Tellerrand Says:

      @ Phipu

      Ich frage ich ganz schlicht, warum man Bernbiet und Baselbiet sagt, wenn man das die Städte umgebende Gebiet meint.

    18. Phipu Says:

      An Tellerrand

      Ach so, da habe ich ja vor lauter Bäumen den Wald nicht gesehen.
      Nein, diese Diskussion über „Bernbiet“ statt „Gebiet“ war hier meines Wissens noch nicht in der Blogwiese. Dein Pech, denn jetzt kommt wieder so eine Litanei:

      Ich mag mich noch erinnern, dass das „Theater für das Bernbiet“ sich in den 1980er-Jahren umgetauft hatte in „Thater für den Kanton Bern“ http://www.theaterkantonbern.ch/ , weil es mit dem alten Namen für ausländische Schauspieler oder Veranstalter nach „volkstümlicher Feld- Wald- und Wiesenbühne“ klang und daher kaum jemand ein ernsthaftes Engagement wagte. Für Dialektsprecher ist mit dem alten oder neuen Namen aber genau die gleiche Flächenausdehnung gemeint. (Kantonsgebiet). Zu beachten, dass es hier nicht „Berner Biet“ heisst, sondern wie Zürichsee oder Baselstrasse zusammen geschrieben, „erst noch“ mit wegfallendem „-er“. http://www.blogwiese.ch/archives/421

      Was also den Sinn angeht, ist „Biet“ eine Abgrenzung zur Stadt, womit man „Landschaft“ oder „Umland“ bezeichnen kann. So ist also mit „Baselbiet“ niemals die Stadt Basel (oder der Kanton Basel Stadt) gemeint, sondern immer der Kanton Baselland. Das erlaubt gerade hier leichtfüssigere Wortschöpfungen wie „Baselbieter Landrat“ http://www.nachrichten.ch/detail/277808.htm , was mit „Baselländer Landrat“ nicht so elegant wäre.

      Wie korrekt bemerkt, hört man diesen Ausdruck vorwiegend in Zusammenhang mit kurzen und einprägsamen Kantonsnamen. Es wird also längst nicht von jedem Kanton als von –Biet gesprochen. Im „Züribiet“ kann man aber sagen. Auch hier ist es sicher nicht in der Stadt Zürich, denn sonst würde man gleich von „z’Züri“ sprechen. Würde ich hier eine grammatikalisch bindende Liste aufstellen, müssten die Kantone als auswendig zu lernende Liste dargestellt werden, wo man –ische, (z.B. Luzärnische) –biet, und –land (z.B. Bündnerland, Waadtland) sagt, und wo es mehrere Varianten oder gar keine all dieser drei gebräuchlichsten gibt (z.B. Appezöllische/Appezöllerland, Tessin).

      Ich kenne ein paar Ausnahmen, wo „-Biet“ nicht einen ganzen Kanton meint, sondern eher das Umland um eine Regionalmetropole, wie z.B. die Zeitung „der Murtenbieter“: http://www.murtenbieter.ch/ . Politisch würde ich das auf den Freiburger Seebezirk beschränken, wovon Murten der Hauptort ist. Dies geht wohl auf die Sprachwurzeln zurück, die viel älter als das heutige politische Gefüge der Schweiz sind.

      Das „Gebiet“ hingegen ist jedoch ein territorialer Anspruch, der durchaus auch einer Stadt gehören kann (z.B. auf Stadtgebiet) und hier kann ich auch im Dialekt „Biet“ nicht brauchen. Da sage ich hochdeutsch angehaucht: „uf Stadtgebiet“. Wieso also je nach Ausdruck einmal „Biet“ oder eben „Gebiet“ gebraucht wird, kann ich jedoch nicht erklären. Weshalb ich „GE-biet“ als von hochdeutsch übernommen ansehe, siehe gegen Schluss dieser Abhandlung.

      Nicht mal in Grimms Wörterbuch ist aufschlussreich dargestellt, woher dieser Unterschied kommen könnte. Da steht nur fast Duden-mager, dass es in der Schweiz so gebraucht werde, unter der Bedeutung 3:

      „Biet“

      viel mehr zu lesen gibt es unter: „Gebiet“

      Die eigentliche Erklärung bleibt aber auch da aus. Deshalb probiere ich es mit meinen aus Vergleichen und Sprachgefühl abgeleiteten Theorien.

      In alemannischen Dialekten, hier auch bairisch (einige bekannte Beispiele dazu in Klammern), wird bei den Partizipien in gewissen Fällen die Ge-Vorsilbe weggelassen. Dies hat m.E. vor allem mit der Aussprachefaulheit zu tun. In den genannten Mundarten wird das ge- nämlich nur noch zu g‘ und wird daher im Gegensatz zu Hochdeutsch bei einigen unpassenden Folgekonsonanten zur Vereinfachung entfernt (b, g, p, t, z). Beispiele:
      gebraucht = brucht (na, hat’s brennt? [gebrannt])
      gegangen = gange, gumped = gehüpft
      geputzt = putzt
      getanzt = tanzet
      gezeichnet = zeichnet (oozapft is! [angezapft])

      Bei allen anderen Folgekonsonanten nach g‘ bleibt das g bestehen, wie in gchochet = gekocht, gfahre = gefahren, gschprunge = gerannt. Hier auch ein paar Substantivbeispiele: Gsundheit, (Glump)

      Bei Substantiven, wozu ich mir nun einige Beispiele vorzustellen versuche, erkennt man das nicht mehr so häufig. Ich denke hier an „es Druck“ („Gedrücke“, Gedränge) oder wirklich althergebrachte Wörter wie „Bräschte“ (was man mit „Gebresten“ verhochdeutschen könnte, wobei auch dieses Wort Deutschen erst noch erklärt werden muss: http://www.blogwiese.ch/archives/153 ). Und genau da sehe ich auch den Ursprung beim „Biet“. Das war mal ein „G’biet“, was dann nach oben erklärter Dialekt-Aussprachelogik zu „Biet“ wurde.

    19. Tellerrand Says:

      @Phipu

      Danke, jetzt ist alles klärt 😉

    20. Daniel Says:

      Wenn das mit den Steuern hier so weiter geht, wird die Schweiz bald noch mehr Bundesbürger aufnehmen dürfen, die mit Sack, Pack und ihrem Vermögen das weite suchen.

    21. Reto Says:

      Wer auswandern kann, der wandere, was hält uns noch hier … Informationen dazu scheint es überall zu geben. http://www.escape-switzerland.com Die schweiz scheint mir viellmehr nur noch für Nichtschweizer interessant zu sein, also macht ihnen platz! http://www.aso.ch/

    22. Schultze Says:

      Ganz toller Blog mit tollen Links! Da bekomme ich doch gleich mal wieder Lust in die Schweiz ru reisen. Ich war 2009 in der französischen Schweiz und das waso toll: Wir haben in einem Bergdorf auf 1400 m geschlafen und sind von dort aus viel gewandert – das war fast schon ein Höhentrainingslager 😉

      Allerdings kann ich den ganzen Auswanderungs-Hype in die Schweiz auch nicht verstehen!?

      Weiter so mit dem tollen Blog,

      Euer Fan Schultze

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