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Mir gönnt go esse — Essen gehen in der Schweiz

(reload vom 20.10.05)

  • Man gönnt sich was
  • Der Schweizer sagt nicht „Wir gehen essen„, sondern „mir gönnt go esse„, womit er ausdrücken will: Er „gönnt“ sich was, er lässt richtig was springen. Was er allerdings unter „Go“ versteht, war uns lange Zeit unklar. Ist es eine chinesische Spezialität, die man da zu sich nimmt, so wie „Nasi GO Reng“ oder „GO Bang“ (nicht sehr lecker, weil ein Brettspiel)? Wird hier „im Gehen“ gegessen, weil die Schweizer stets rastlos sind und in der 42-Stunden-Woche keine Zeit fürs Absitzen beim Essen haben? „Absitzen“ tut man in Deutschland übrigens nur auf Befehl des Rittmeisters nach einem langen Ausritt zu Pferde, die Schweizer tun das bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wenn nur ein Stuhl in Sicht ist.

  • Sie gehen nur einmal essen
  • In der Schweiz geht man nicht „nur einmal“ essen, sondern die Schweizer lieben eine andere Formulierung: „Für einmal sind wir essen gegangen“. Sie machen alles „für einmal„, jeder dritte Zeitungsartikel beginnt mit dieser Floskel. Wir fragen uns dann stets, wie es all die anderen Male abgeht. „Für einmal ist es so „. Wir finden sie hübsch, und für einmal verwenden wir sie auch.

    Die Deutschen hingegen bestellen oder kaufen alles „einmal“, so im Bus die Fahrkarte: „Einmal nach Blankenese bitte„, auch wenn nur ein Fahrgast zugestiegen ist, oder an der Pommes Bude „Einmal Pommes rot-weiss bitte!„, auch wenn der Deutsche da ganz allein steht. Aber könnte ja sein, der Verkäufer denkt, Vati wurde von der Familie zum Pommeskaufen abkommandiert und könnte sein, er möchte „vier mal Pommes rot-weiss“. Will er aber nicht, drum sagt er auch „einmal“.

  • Teure Pizza, sauteurer Chinese
  • Wenn Sie es in Deutschland gewohnt waren, beim Italiener um die Ecke mit max. 18 Fr = 12 EUR satt zu werden, incl. Getränk, legen Sie bitte in der Schweiz für die gleiche Pizza einfach mal das Doppelte auf den Tisch. Die Schweiz ist ein Hochpreisland, und besonders gut haben diese „hohen Preise“ die chinesischen Restaurants verstanden.

  • Schale Reis, Schale Tee und „Flühlingslolle“ kosten extra
  • Die Chinarestaurants in der Zürcher Agglomeration sind auch an Sonntagen geöffnet, anders als die meisten Schweizer Lokalitäten, die haben am Sonntag nämlich geschlossen. Also genau dann, wenn normale Deutsche überhaupt erst auf die Idee kommen, dass sie keine Lust zum Kochen haben und die ganze Familie zum Essen ausführen möchten.

    China-Restaurants sind teuer, extrem teuer. In Deutschland ist „zum Chinesen gehen“ eine billige Ausgehalternative. Für nicht mal 25 Franken gibt es lecker Menü mit „Flühlingslolle“ und „schüss-saulen“ Schweinefleisch, sowie Jasmin-Tee und Litschies aus der Dose zum Nachtisch. Ich persönlich bestell mir immer am liebsten den grossen gemischten Salat und die Käseplatte beim Chinesen. Einfach sensationell, wie die dann gucken. Dann kommt die Rechnung, und dann gucke ich: Die Schale Reis wird mit 7 Fr. extra berechnet, der Jasmintee ebenfalls. Am Ende sind für ein simples Menü für zwei Personen leicht 100 Fr. zu bezahlen. Ob die das Geflügel für diese Suppe vorher selbst im Garten gezüchtet haben? Ähnlich wie diese sauteuren Karpfen in Japan? Wir finden keine Erklärung für diese Preise.

  • Am Sonntag ins Nachbarland flüchten
  • Und was tun die Schweizer, wenn sie in der Agglomeration von Zürich wohnen und am Sonntag Hunger haben? Wenn die Schweizer Lokalitäten geschlossen sind, weil keine Handelsreisenden und Handwerker zu erwarten sind, und die Küche frei hat? Sie fahren über die Grenze nach Deutschland oder ins Elsass, um sich richtig tüchtig satt zu essen.
    Die Ausflugslokalitäten im Südschwarzwald sind Sonntags immer geöffnet, oft gibt es gar keine Speisekarte sondern nur ein Menü, denn am Sonntag wird die deutsche Mutti vom deutschen Vati verwöhnt: Bei jeder sich bietenden Gelegenheit (Geburtstag, Taufe, Konfirmation, Hochzeitstag, Beerdigung… habe ich was vergessen? Ja, den Muttertag!) gehen die Deutschen aus und essen Menü. Ohne Reservierung läuft da meistens gar nix. Bezahlbar ist es auch.

  • Wenn die Saaltochter „einziehen“ will
  • Wir wohnten schon 3 Jahre in Bülach, und wir hatten immer noch nicht die örtliche Kneipenlandschaft näher untersucht, also in Sachen Wirtschaftswissenschaft einen Zug durch die Gemeinde gemacht. Bülach ist eine Schlafstadt, die relative geringe Anzahl von Kneipen bei Tausenden von Einwohnern lässt uns Schlimmes ahnen (Zum Vergleich: Es gibt in Norddeutschland Dörfer, die bringen es auf zwei Wohnhäuser und drei Kneipen, kein Witz!). Die Bewohner Bülachs haben wohl kein Verlangen nach einem frisch gezapften Pils am Abend . Verständlich, denn Schweizer Bier ist schon nach 30 Sekunden „parat“, wo bleiben da die vergnüglichen 6 Minuten Wartezeit auf ein frisches Pils?

    Wir starten eine Testtour, und landen in einer umgebauten Schickimicki Bahnhofskneipe mit dem passenden Namen „Quo Vadis“.
    Wohin gehst Du = Quo vadis

    Das ist Latein und bedeutet: „Wohin gehst Du“ (in meinem Heimatdialekt kurz „Wo gehse?„). Klasse Namen für eine Bahnhofskneipe. Die „Saaltochter“ bringt uns die Biere und möchten dann „einziehen“. Wir rätseln, ob sie
    a.) bei uns nun ins Arbeitszimmer einziehen möchte, oder ob sie
    b.) den Kopf einziehen muss zur Vermeidung eines Zusammenstosses, oder ob wir
    c.) vielleicht eine Einzugsermächtigung unterschreiben sollen,
    denn offensichtlich geht es um Geld.

    Nein, sie will schlichtweg kassieren. Na, warum sagt sie das dann nicht? So direkt darf das hier nicht ausgedrückt werden. Die Schweizer sind da etwas diskreter, lernen wir daraus.

    

    23 Responses to “Mir gönnt go esse — Essen gehen in der Schweiz”

    1. Tellerrand Says:

      Ist dich klar, warum es in Restaurants, gleich welcher Provinienz, preislich so gehoben zugeht: die Qualität der Restaurants in der Schweiz ist einfach die beste. Egal, ob Pizzeria, Dönerbude oder Asiate. Ich kenne jedenfalls eine Menge Leute, die das wirklich glauben 😉

    2. Videoman Says:

      Die niedrige Beizdichte rührt vermutlich daher, dassdu in einem reformierten Kanton lebst. Gehst du in einem katholischen Kanton, dann steigt die Anzahl Beizen massiv. Die höchste Beizdichte ist in Einsiedeln. Dort gibt es ca. 100 Restaurants., soweit ich gehört habe. Die höchste Dichte ist am Bahnhof.

      http://map.search.ch/einsiedeln?poi=gastro

    3. spökenkieker Says:

      Moin,

      datt wir so veele Gaststuven haben kann mit der Religion nix zu tun haben, weil mittlerweile im Norden alle evangelisch sind.

      Nu lebt der Fischer meistens auf See. Wat soll er da noch grossartig in die eigene Stube, wenn er auch in der Gaststuuve sein zuhause haben kann. Und wegen der Qualität kann er sich seinen Fisch gleich fangfrisch zubereiten lassen und die Krabben kriegt er auch noch gepult.

    4. andi Says:

      „Mir gönnt go esse“ hat meiner Ansicht nach nichts mit „sich etwas gönnen“ zu tun. (Im Berndeutschen sieht man es besser: Mir gö ga ässe)
      Ich würde auch nicht „gönnt“, sondern „gönd“ schreiben. Das weniger gut erklärbare Wort ist „go“.
      Wenn man „Wir gehen essen“ wörtlich auf CH-Deutsch übersetzen würde hiesse es logischerweise „Mir gönd esse“. Das tönt 😉 aber in meinen (Schweizer-) Ohren falsch, es muss noch das „go“ eingefügt werden. Ich habe aber noch nicht herausgefunden wie man dieses „go“ ins Hochdeutsche übersetzen könnte…

      Ein dickes Lob für diese Seite!

    5. sylv Says:

      ja und dann noch eine weitere berndeutsche Perle

      ‚Wei mer hinech uswärts go habere?‘ = Wollen wir heute abend auswärts Essen gehen? 🙂

      e Guete!

    6. AnFra Says:

      @andi

      Zu dem „go“ im “Mir gönnt go esse” möchte ich folgende Überlegung in den Raum stellen. Dieses „go“ hat sicherlich mit dem dt. „gehen“, uam und dem engl. „to go“ keinerlei Verbindung. Persönlich glaube ich, dass sich hier im schweizerdt. „go“ noch ein Restliches aus dem altger./altdt. Vorwort „ge“ erhalten hat. Möglicherweise ist das „go“ ein besonderer endemischer Aussprache / Betonung in Teilen der Schweiz im selben Sinne wie das süddt. „ge“!
      Im süddeudt. Alemannischen ist das Vorwort „ge“ auch noch original erhalten. Z.B.: Er ist …..ge esse, …..ge schaffe, …..ge fische, ….. ge pflüge.
      Es klingt / tönt in den Ohren von Andi somit richtig FALSCH, wenn das hier im Sprachumfeld immer verwendete Vorwort „go“ oder (ge, ga, gi) fehlt. Die Sprache wirkt amputiert, weil die oberdeutsche Sprache dieses isolierte Vorwort noch viel verwendet (und benötigt). In der Standartsprache haben sich die meisten Vorworte an das Hauptwort angeschlossen. Z.B. geglaubt, gehört, genossen, gearbeitet.
      Eine gute Information hierzu ist im Grimm WB unter „Ge“ zu finden.

    7. Flaneur Says:

      Absitzen tut man in Deutschland nicht nur Befehl des Rittmeisters, sondern auch auf Befehl des Richters (ich muss wohl nicht hinzufügen, wo).

      Ist das in der Schweiz auch ein bekannter Kolloquialismus..?

    8. mare Says:

      Ich meine auch, im Schweizerdeutschen heisse es „mir gö go ässe“ = „wir gehen essen gehen“.
      Vielleicht ist Bülach so nahe an Zürich, dass alle Leute nach Zürich in die Beiz gehen. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es auf 700 Einwohner 5 Wirtshäuser. Heute sind es allerdings auch nur noch 3.

    9. ch.atzefrey Says:

      Ach was, die schweizer sind sehr direkt, wenn es in der Beiz ans Begleichen der Zeche geht: „Frölein, zaale!“

    10. AnFra Says:

      @mare

      Bei dem Satz „mir gönnt go esse” von @andi bzw. “mir gö go ässe” von @mare ist scheinbar eine zweifache Aussage laut Deiner Meinung zu „gehen“ anzunehmen.
      Die hochdt. Aussage: „wir gehen essen gehen“ ist jedoch so nicht möglich.
      Zum Vorwort „go“ oder (ge, ga, gi) kann man eine schöne, einfache Darstellung beim L. Mackensen, – Ursprung der Wörter – finden:
      „„ GE- Vorsilbe, mhd. ge-, ahd, ga-, gi-, got. ga-; urspr. Zeitwortpräfix, das Eintritt oder Abschluss einer Handlung bezeichnet (sich getrauen: sich zu trauen beginnen…..); bei Substantiven drückt ge- eine Vereinigung (ein Kollektiv) aus (Gebäck: alles Gebackene), oder es bezeichnet das Ergebnis einer Handlung (Gemälde: Produkt des Malens)““.
      Der Satz „mir….“ mein somit: „mir gönnt („go“ entsprichte in etwa: jetzt, nun, gleich, sofort, bald, dann, dort hin sein wollend, dort hin gehend …..) esse“.
      Also kann der Satz NICHT lauten: „wir gehen essen gehen“! Es kann in hochdt. Sprache logisch nur so lauten: „wir gehen zu essen“. So ist es wohl richtig und so macht es auch einen sprachlichen Sinn. In täglichen Umgang lautet er: „wir gehen essen“! Im Alemanischen: CH-Variante „ mir gö go essen / mir gönnt go esse“, Süddt.-Variante „mir gee ge esse“.
      Meine Variante: „Last die Pizza zu mir kommen.“

    11. Troy Says:

      Vielleicht kann man in der Schweiz ja sowas machen: 100 lustige Arten, wie man seine Pizza bestellen kann

      http://www.doktus.de/dok/14268/lustige-texte—pizza-bestellen.html

    12. andi Says:

      @ AnFra

      Ich habe gestern noch mit Kollegen diskutiert was „go“ bedeutet.
      Wir sind auch auf „Wir gehen zu essen“ gekommen.

    13. Psalmist Says:

      @andi, AnFra, mare:
      Bisher war ich auch der Ansicht, das „go“ sei mit „gehen“ verwandt, war aber nie so recht zufrieden mit der Erklärung. Anfras Parallelisierung zu „ge“ und „ga“ scheint mir nun so plausibel, daß ich sie gleich ganz über den Haufen rüere, äh werfe. Allerdings wurde mir bei der Lektüre des Artikels „ge-“ bei Grimm immer deutlicher, daß dieses „ge ga gi“ mit seiner Kollektivbedeutung, das dann in die Perfektgrammatik infiziert hat, nicht das richtige ist. Vielmehr handelt es sich bei unserem „go“ um ein anderes „ge“ bzw. „ga“, das wir kürzlich besprochen haben: Es ist eine verstümmelte Form von „gegen“, die mit dieser Bedeutung nicht nur in einem alten Verslein aus meiner Kindheit vorkommt, sondern sogar noch in mares aktivem Wortschatz (s. http://www.blogwiese.ch/archives/627#comment-122030). Man sagt ja tatsächlich synonym für „go“ auch häufig „gogä“, und da ist die Verwandtschaft mit der richtungsweisenden Partikel „gegen“ noch erkennbarer. Letztlich habe ich auch bei Grimm diese Form gefunden, und zwar im Artikel , gut versteckt unter I 3.b).

    14. Phipu Says:

      An AnFra

      Deine Theorie klingt in gewisser Weise möglich (mathematisch, analytisch, geschichtlich), aber mein Herz und Gefühl will sie nicht akzeptieren. Ich kann mir in diesem Zusammenhang nicht erklären, wieso man in richtigem Zürichdeutsch sogar „goge“ bzw. „gage“ sagt. Also noch ein „gehen“ mehr: „„Mer gönd goge-n-ässe“ (wir gehen [konjugiert] gehen [Grundform] essen gehen [Grundform]).
      http://www.blogwiese.ch/archives/471#comment-17928
      http://www.blogwiese.ch/archives/121#comment-10567

      Und jetzt kommt eine Komponente, die mir in diesem Sinne noch rätselhafter erscheint. Wieso brauche ich und meine sprachliche Umgebung bei „kommen“ ein doppeltes „cho“? „Chinder, chömed cho tische“ (Kinder, kommt Tisch decken kommen.)
      http://www.blogwiese.ch/archives/159#comment-1923
      und eben, meiner Meinung nach müsste es auf Zürichdeutsch sogar „choge“ heissen, also „Chinder, chömed choge* tische“ (Kinder, kommt den Tisch decken kommen gehen)
      Dieses gleiche Beispiel mit „gehen“ enthielte übrigens für mich wieder das in diesem Eintrag erwähnte Ursprungs -„go“: „Chinder, gönd em Mami go hälfe tische“ (Kinder, geht der Mutter den Tisch decken helfen gehen). Es ist also nicht einfach immer die gleiche Vorsilbe, es ist eine Verdoppelung des Verbs.

      * Dieses „choge“ hat übrigens nichts mit diesem „Choge Züg“ gemein. http://www.blogwiese.ch/archives/5#comment-9025

      Siehe dafür eher hier:
      http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&mode=hierarchy&textsize=600&onlist=&word=Kog&lemid=GK09887&query_start=1&totalhits=0&textword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GK09887L0
      Synonym ist eben auch das „Cheibe Züg“
      http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&mode=hierarchy&textsize=600&onlist=&word=keib&lemid=GK03168&query_start=1&totalhits=0&textword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GK03168L0

      sollte es dir immer noch langweilig sein, lies noch die Erstausstrahlung des gleichen Blogartikels. Da hat mich ein Kommentator auch noch auf das doppelte „lassen“, „lo“ oder „la“ aufmerksam gemacht. „Lahn das la lige!“ (Lass das liegen lassen!).
      http://www.blogwiese.ch/archives/56#comment-249

      Das müssten sie eigentlich sein, die Doppel-Verben (gehen, kommen, lassen) Nach reiflichem Überlegen kam mir nur noch ein falscher solcher Fall in den Sinn, das täuschende „anfangen“. „Fang afäng aa, ich mache dänn wiiter“ (Fang +schon mal+ an, ich mach dann weiter) oder „Jetz, e Stund vor de Prüffig, häsch afäng afa lehre!“ (Jetzt, eine Stunde vor der Prüfung, hast du +erst+ zu lernen begonnen!). Auch dazu haben wir ein Beispiel in einem Blogwiesen-Kommentar:
      http://www.blogwiese.ch/archives/401#comment-9645

      Wenn du auch keine abschliessende Antwort auf meine Theorie findest, ist das nicht weiter tragisch. „Mach dann nicht den Doktor“ deswegen.

    15. AnFra Says:

      @Psalmist und @Phipu

      Psalmist, zu der anderen Form von „go“ und „ge“ möchte man zustimmen, jedoch stelle ich dieses in den Raum: Dein Gedicht „Z Galänzburg bini gange“ könnte man auch in dieser (freien!) Variante hören: „S GA Lenzburg bin i gange“. In Standartdt. lese ich es so: „Gegen´s Lenzburg bin ich gegangen“. Gemeint ist wohl dies: „In die Richtung nach Lenzburg bin ich gegangen“, besser „Nach Lenzburg bin ich gegangen“. Es ist eigentlich nur die räumliche Orientierung von „gegen“ im Sinne „nach, zu, in Richtung…..“ gemeint. Wenn man den Satz untersucht, so stellt man fest, das hier auch das „ga“ in Deinem Vers vorkommt, aber es ja hier nur die örtliche Orientierung sein kann. Hier mein Bespiel: „„Napoleon kämpfte gegen (( oppositionell )) den rus. Zaren und marschierte mit seinen Soldaten gegen (gen) (( in Richtung )) Moskau.““
      Langsam bildet sich bei mir folgender Verdacht: Im alltäglichem Sprachumgang wird bei dem „go“ und „ga, ge, gi“ nicht eindeutig unterschieden. Die Sinninhalte und die Aussprache wurden und werden immer enger zusammengefasst. Dies kann man wunderbar bei Grimm WG „Gegen“ nachvollziehen. Die Sprachverdichtung und Verkürzung wirkt noch. Siehe besonders bei I.3.d.

      Phipu, zu Deiner Habilitationsschrift möchte ich gratulieren. Bei der von uns diskutierten schweizerisch-deutschen Sprachverwirrung muss Helvatia einen passenden rot-weissen/schwar-rot-goldenen Bindfaden im Labyrinth auslegen. In Deiner Aussage zu „goge“ bzw. „gage“ erblicke ich kein weiteres „gehen“ mehr: Deine Variante „Mer gönd goge-n-ässe“ (wir gehen [konjugiert] gehen [Grundform] essen gehen [Grundform]) lese ich: „Mer gönd go GE esse“ (wir gehen ZU essen gehen)! Denn das „ ge“ ist ja eigentlich nur das zuvor beschriebene Vorwort zu -essen-. Es ist, wenn überhaupt, nur so eine doppelte -gehen-Aussage. Vergleichbar auch in der bay. doppelten Verneinung.
      Die von Dir dargestellte ominöse Komponente ist im ersten Moment wirklich rätselhafter. Aber Du hast durch dieses Beispiel bei mir einen Gedanken ausgelöst. Vor langer Zeit ist mir aufgefallen, dass bei der Sprachphonetik und Melodie im Schweizerdeutschem das Wort „go“ sich im Satzaufbau jeweilig anzupassen scheint.
      Sprachlich hatte ich damals den Eindruck, hierbei eine Art von sprachlichen Chamäleon zu hören. Das „go“ (hier als Vorwort) hörte sich mal als „cho“ und mal als „go“ (ge) an. Vermutlich läuft hier eine eigene Sprachmelodie, ungeachtet einer tatsächlich nicht vorhandenen einheitlichen gesamt-schweizerischen Rechtschreibung! D.h. die Begriffe haben entsprechend dieser Aussage den gleichen inhaltlichen Wortsinn, können je nach Sprachmelodie, Region, Gegend, fam. Umfeld und der persönlichen Einstellung unterschiedliche Aussprachen haben. Der Ausländer sagt dann nur noch: „Äh, was“???
      Das Beispiel „Chinder, chömed cho tische“ (Kinder, kommt Tisch decken kommen.) sehe ich so: „Chinder, chömed CHO (eigentlich wie „go“) tische“ (Kinder, kommt zu Tisch decken). Bemerkung: In dem Satz ist das „ch“ (reibiges, kehliges h, hartes k) dominant, deshalb folgt das Sprachgefühl dem „ch“. chömed=kommt= k= harte Phonetik. Das „cho“ (go) ist wieder das zuvor beschriebene Vorwort.
      Das Beispiel „Chinder, gönd em Mami go hälfe tische“ (kinder, geht der Mutter den Tisch zu decken“ zeigt hier die Anpassung des Vorwortes „go“ (identisch mit dem „cho“ zuvor) als weiches g. gönd= geht= g= weiche Phonetik. Das „go“ ist ebenfalls identisch mit dem zuvor beschriebenen Vorwort.
      So gesehen gibt es eigentlich kein doppeltes „gehen“. Da kann man wohl nicht von Doppel-Verben sprechen. Oder? Jetzt sind wieder die Blutsalemannen gefragt.

      Merke:
      Die Zeit verrinnt, der Pizzabote heftig klingelt,
      der Kühlschrank leer, der Magen mächtig krumpelt,
      die Hände ermattet, kein Buchstabe erscheint am Monitor,
      das Hirn blockiert, wird wohl wieder nichts mit dem Doktor.

    16. Psalmist Says:

      Ups, da hat sich ein Linkfehler eingeschlichen, und aus Versehen hab ich das „d“ gespiegelt. Also nochmals richtig: Zu „ge ga go“ im Artikel „gegen“ bei Grimm under I 3 d):

      @AnFra
      Zu deiner Lesart des Gedichts: Abgesehen vom „s“ (das hatte ich falsch in Erinnerung; es kommt im Gedicht nicht vor) ist Deine Interpretation völlig richtig. Es heißt einfach: „Ga Länzburg bini gange“/ „Gegen Lenzburg bin ich gegangen“. Die Verkürzung gegen > ge hat nur im örtlichen Sinn stattgefunden und nicht im kriegerischen (vgl. auch etwas nördlicher die Entwicklung gegen > geen > gen). Deine Idee der Assimilation von go zu cho im ch-Umfeld war ich auch grad am Ausbrüten, und zwar, um Phipu zu widersprechen (s. folgende Theorie):

      @Phipu: Deine Theorie der Verbverdoppelung finde ich unplausibel und beharre auf dem gegen > gege/ goge/ gage > ge/ go/ ga. Ich stütze mich dabei auf Grimm (s.o.), meine Urgroßmutter und mares Aussage zum „Ga Länzburg“. Meine Urgroßmutter sagte noch viel häufiger (ausschließlich?) „gang goge“ und „chum choge“, während ich heute fast nur noch „gang go“ und „chum cho“ höre (und auch selbst brauche). „Goge“ scheint mir die ältere Form zu sein, dessen ursprüngliche Bedeutung „gegen“ meinen Urgroßeltern noch viel bewußter war. Dieses Bewußtsein nahm im letzten halben Jahrhundert kontinuierlich ab, weil oder so daß (wahrscheinlich beides) das „go“ populärer wurde und das „goge“ verdrängt hat. Auch braucht mare ja offenbar noch „ga“ im Sinne von „gen“ – ich kann mir nicht vorstellen, daß diese Bedeutung sekundär angenommen wurde.

      Nun meine Theorie zum „choge“: Man sagte ursprünglich „gang goge“, bis dies zu einem festen Ausdruck wurde, in dem das „goge“ eine wunderschön zwischen „hin“ und „um zu“ oszillierende Bedeutung hatte. Vielleicht hat man ursprünglich auch „chum goge“ gesagt. Jedenfalls hatte man das Bedürfnis, diese etwas vage „hin“/“um zu“-Bedeutung auch auf das „chum“ anzuwenden und baute dann in Analogie das „chum choge“ (komm her/um zu). Dabei hat sicher der Stabreim eine Rolle gespielt, aber wohl auch der Wille, die Richtungsänderung vom „hin“ zum „her“ lautlich auszudrücken, in dem man das „g“ an das Verb assimilierte. Ich kann mir auch vorstellen, daß das nach Grimm mittelalterliche (aber was heißt das schon für die sprachkonservative Schweiz :-)) „kegen“ für „gegen“ mitgespielt hat: Siehe hier

      (dort wird auch ein „kein“ für „gein“ (im Sinn von „gen“) genannt). Kann zwar schon sein, daß man das „chum cho“ in Analogie zu einem falsch verstandenen „gang go“ (geh gehen (Allerdings ist „go“ keine Verbform von „gaa“(gehen). Auch in anderen Dialekten lautet der Infinitiv höchstens „goo“, aber nie mit kurzem „o“. Und im Ch-Deutschen ändert ja bekanntlich zwar sehr schnell die Vokalfarbe, aber die Vokallänge ist sakrosankt.) gebildet worden ist; nach dem Gesagten scheint mir das aber eher unwahrscheinlich.

      Hingegen ist wohl genau das beim „la das la lige“ passiert – in Analogie zu „chum cho“, wo das zweite Wort tatsächlich als Verbform interpretiert werden kann (nämlich Infinitiv).

      @Jens: Am teuren Chinesen merkt man, daß der Artikel schon etwas älter ist. Mittlerweile gibt es auch viele billige (um nicht zu sagen spott-billige) chinesische Restaurants oder Take-Aways. Es ist wie bei den japanischen oder indischen Restaurants: Solange es wenige gibt, kann man für die exotische Exklusivität des Essens viel heuschen – bis es irgendwann zu gewöhnlich wird und man von Landsleuten mit Dumping-Preisen konkurriert wird…

    17. Phipu Says:

      An AnFra
      „Lasch `s „la“ äxtra linggs lilige?“ (Lässt du das „la“ absichtlich links liegen lassen? Oder nach deiner Theorie: Lässt du das „la“ absichtlich gen/zu links liegen). „La“ wäre demnach auch durch regionalen, familiären und überlieferungsbedingten Gebrauch aus dem „gegen“ entstanden, und aufgrund des begleitenden Verbs „lassen“ abschleifend mit l geformt worden.

      Und an Psalmist
      Auch du, Brutus, musst mir jetzt in den Rücken fallen. Tatsächlich muss ich aber nach eurer beiden neuen Betrachtungsweise eine gewisse Logik eingestehen. Nebst deiner Schilderung des dennoch doppelten „la“ habe ich gleich darunter meine eigene Sichtweise, die den anderen zwei Verben analoger entspricht, als ihr euch das je aus meinem Munde (d.h. Finger) vorstellen könntet.

      An beide, und alle, die noch nicht vor dem Bildschirm eingeschlafen sind:
      Es gibt da Punkte, die tatsächlich für eure Idee sprechen und sie auch mir immer plausibler erscheinen lassen. Sind doch die Verben „gehen, kommen“ und „lassen“ alles Bewegungs-Verben, d.h. bei „lassen“ halt eher eine nicht ausgeführte Bewegung. Da würde ein richtungsweisendes Wort in die Satzlogik passen.
      „Chömed em Mami cho(ge) hälfe“ meint also „zum helfen hin“, oder „Mir gönd ga(ge-n) ässe“ bedeutet „zum essen hin“ und „Lahn s’Auto la stah“ deutet auf „auf die Stelle hin, wo es schon steht“.

      Was mir aber diese Idee bei noch so grosser Akzeptanz eurer Sichtweise über den Haufen wirft, ist die mir eben erst aufgefallene Tatsache , dass man diese drei Verben nicht in jedem Fall „doppelt“ braucht. Meine provisorische Analyse ist, dass dieses Doppelverb-Phänomen (oder eben meinetwegen „Richtungsbezeichnungs-Phänomen“) nur auftritt, wenn eines dieser drei Verben das konjugierte Hilfsverb darstellt. Wenn ich also Beispiele nehme, in denen, wie in der Vergangenheit „sein“ oder andere Fälle nehme, in denen „wollen, müssen, können, dürfen“ etc. das konjugierte Hilfsverb ist, verschwindet das „Doppelverb“: „Mer sind alli ga(ge) ’s Füürwärch luege“ (Wir waren alle das Feuerwerk anschauen gegangen), „Ihr müend em Mami cho(ge) hälfe“. (Ihr müsst der Mutter helfen kommen). „Wänd Si s’Auto da la schtah?“ (Wollen Sie das Auto hier stehen lassen?). Zwischenbemerkung: „goge“ und „choge“ gibt’s. „Loge“ – von „lassen“ – habe ich (als Nicht-Zürcher) jedoch noch nie gehört. Psalmist, frag dazu aber nochmal deine Urgrossmutter.

      Diesen neuen Aspekt mit dem anderen Hilfsverb tiefer zu analysieren übersteigt mein Verständnis in diesem Sinne. Hier wären ja Bezeichnungen der Richtung genau gleich erwünscht wie mit den drei bekannten Beispielen.

      Da zieht nun wieder ein Theorie-Analytiker wie AnFra sein Superkostüm an um die subversiven Kräfte im Reich der Praxis durch sein Wissen umzustimmen. Für die Folge 352 Ich finde ich in der Rolle des bösen Widersachers sicher wieder weitere praktische Beispiele, die offenbar das Gegenteil belegen, bis das AnFra auch dies erneut aus dem Weg räumt.

    18. AnFra Says:

      @Phipu

      Oh je. Lieber Phipu, möchte daran erinnern, dass ich bei diesen tollen Themen NUR die Theorie habe. Du hast die Theorie UND die Praxis!
      (Laut Grimm WB: THEORIE, f. aus griech.-lat. Theoria, wissenschaftliche Erkenntnis,…. die Darstellung einer Wissenschaft in ihren inneren Zusammensetzungen, Gegensatz zu Praxis. Theorie oder Spekulation von einem oder über ein Ding, die Gedanken und Betrachtungen, so man darüber hat).

      Als Nichtschweizer habe ich folgendes Gefühl: solange dieses hier beschriebene sprachliche Problem nicht gelöst ist, wird es nimmer mehr eine eigenständige schweizer Schriftsprache geben!!!

      Es fällt mir gerade ein, Du hast mich da auf eine Idee gebrachte………..

    19. Dirk Says:

      Die Erklärungen, das „go“ wäre eine Art Vorsilbe oder das „go(ge)“ sei eine Abwandlung von „gegen“, überzeugen mich überhaupt nicht. Sie machen eigentlich nicht einmal Sinn, je länger ich darüber nachdenke.

      Ich hätte folgende Erklärung anzubieten. Das „go“ wird für die Bildung einer grammatikalischen Zeit benutzt, nämlich der Verlaufsform Präsens oder Zukunft. Meiner Beobachtung nach wird das „go“ immer dann eingesetzt, wenn eine unmittelbare oder zeitnahe Handlung bevorsteht. Damit erinnert es sehr stark an das englische „Going-To-Future“.

      Ich habe noch nie bewusst „Mir sind go poschte gange“ gehört.

      Ich bin mir nicht sicher, ob das „go“ aber nur bei Verben benutzt wird, die mit „gehen“ in Verbindung steht wie schwimmen gehen, einkaufen gehen, schlafen gehen usw.

      „Chömmet ihr bitte go tische?“ Geht das nicht auch?

    20. Phipu Says:

      an Dirk
      siehe zu deiner Frage die Kommentare unter:
      http://www.blogwiese.ch/archives/159

    21. Psalmist Says:

      @Phipu

      Gerne würde ich meine Urgroßmutter fragen, aber leider ist sie vorletztes Jahr gestorben. :,) Jänu – das ist der Lauf der Zeit. Und ich kann mich ja glücklich schätzen, als über Zwanzigjähriger noch mit meiner Urgroßmutter geplaudert haben zu können. Irgendwie paradox: Je älter ich werde, desto mehr Fragen hätte ich an sie (und nicht nur sprachlicher Natur). Jetzt, da ich sie nicht mehr stellen kann… Aber ich habe meine Urgroßmutter vorläufig noch in so lebendiger Erinnerung, daß ich doch noch einiges (und ich staune, wieviel) von ihrer charakteristischen Sprache rekonstruieren kann.

      Nun aber zu deinen Bemerkungen! Tatsächlich sind „gehen“, „kommen“ und „lassen“ nicht nur alle Bewegungsverben, sondern bezeichnen auch sehr grundlegende Tätigkeiten. Daher haben diese Verben die Tendenz, zu Modal- oder Hilfsverben zu werden. Das wäe allerdings eher ein Argument für deine Verbverdoppelungstheorie…

      Hingegen finde ich dein Argument des „mer sind goge luege“ nicht so zwingend. Es gibt auch andere Beispiele, wo Bedeutungen auf „schmückende Beiwörter“ übergeganden sind, so daß das eigentlich bedeutungstragende Wort weggelassen werden kann. Ich denke dabei an die folgende Entwicklung im Französischen:
      urspr. „Je ne vais“ = „ich gehe nicht“
      Zur Verdeutlichung wird dann ergänzt: „Je ne vais pas“ („ich gehe keinen Schritt“ – analog auch „je n’écris point“ („ich schreibe keinen Punkt“), „je ne dis mot“ („ich sag kein Wort“))
      Heute in der gesprochenen Sprache: „Je vais pas“ für „ich gehe nicht“. Das „pas“ hat die Bedeutung „nicht“ vollständig übernommen; das gilt auch im Zusammenhang mit anderen Verben, etwa „j’écris pas“ „ich schreibe nicht“.

      @Dirk:
      Deine „going to“-Theorie hat was; allerdings hat das „to“ ziemlich genau die Bedeutung des richtungsweisenden „zum/ um zu“. Deine Analogie würde also für „gegen“ sprechen. Und ja: „go“ wird nur bei Bewegungen gebraucht, hauptsächlich für Wegbewegungen. Und nochmals ja: „Chömed go tische“ geht (jedenfalls für mein Sprachempfinden) – was dafür spricht, daß das „cho“ sich aus dem „go“ entwickelt hat.

    22. Munggl Says:

      go ist vergleichbar mit zum.
      der thurgauer dialekt ist eine der ältesten althochdeutschen dialekte/sprachen (was schäm ich mich als thurgauerin) und auch hier verwenden wir natürlich das go ässe, go holä….
      und bitte, es heisst nicht „gönnt“, hat nichts mit gönnen zu tun. ein n reicht, wir schweizer sind bei den preisen sparsam 😉

    23. kai ( Deutschland ) Says:

      hallo,

      danke für die lustigen Infos zu unseren direkten Nachbarn,
      aber vermutlich sind wir Deutschen für die CH genau so komisch.
      aber auf jeden fall interessant.

      cu
      kai

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