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Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil 2) — Luegen und rühren

  • Rühr doch mal das Fondue um
  • Eine sehr wichtige Schweizer Vokabel ist das Wörtchen „rühren“. Nicht, weil die Schweizer so gern „gerührt“ werden durch Soap-Operas im Fernsehen. Diese rührenden Stücke „gucken“ die Schweizer sowieso nicht, sondern „luegen“ sie. „Luege“ hat wiederum nichts mit „lügen“ zu tun hat, sondern eher mit dem Englischen „to look“.

  • Auf dem Luginsland wird nicht gelogen
  • Im Freiburg im Breisgau gibt es den Hausberg „Schauinsland“, der auch „Luginsland“ genannt wird.
    Schauinsland mit Seilbahn
    Die Freiburger „lügen“ hier nicht, dass sich die Balken biegen, sondern „lugen“ = „look“ = „gucken“ einfach über die Nebelsuppe des Rheintals hinüber zu den Gipfeln der Vogesen, oder zu den noch höheren Gipfeln der Alpen. Webcams von dort oben findet man hier.
    Nebenbeigemerkt ist der Schauinsland kein Berg, sondern mehr ein Schweizer Käse, so sehr wurde er im Mittelalter durchlöchert und durchbohrt auf der Suche nach Edelmetallen. Schweizer Käse ist übrigens immer löchrig, das haben wir bei unserem Freund Geissenpeter aus Hamburg gelernt (siehe hier).
    Der Schauinsland ist ein Bergwerk
    Doch zurück zu den Schweizern.

  • Warum ist rühren wichtig?
  • Nun, gerührt werden muss vieles in der Schweiz, z. B. das leckere Käsefondue, damit es nicht anbrennt. Das tut es zwar sowieso, aber irgendwie muss man den Gast ja beschäftigen, also kriegt er einen Löffel in die Hand gedrückt und den Auftrag, ständig und vorsichtig umzurühren, damit der Käse flüssig und heiss bleibt.
    Ist beim Käsefondue doch etwas schief gegangen, stimmt die Mischung nicht, zuviel Wasser, zuviel Wein, was auch immer, und es gibt hässliche Klumpenbildung, dann hilft am Ende wieder nur „rühren“, wenn nämlich die ganze ungeniessbare Masse „fortgerührt“ wird. Wie sagte einst Otto Walkes in seiner TV-Kochstudio-Parodie: „Dann geben wir das Ganze unter langsamen Rühren in den Ausguss“.

  • Rühren kann noch anderes bedeuten
  • Fortrühren“ heisst also wegwerfen. Und weil das Wort schon mit „werfen“ assoziiert und die Schweizer Meister im „fortrühren“ sind, haben sie das Wörtchen „rühren“ gleich für „werfen“ im Sprachschatz behalten: „Rühr mir mal den Ball rüber“ ist für sie also nicht eine Aufforderung, nun einen Löffel zu ergreifen und mit Rührbewegungen einen Ball zum Zielort zu bewegen. Sie dürfen ihn einfach werfen.
    Kritisch wird’s dann beim Militär. Erteilt hier der Kompaniechef den Befehl: „Soldaten, rührt Euch„, sollten Sie sich keinesfalls fortwerfen, ins Gras oder in den Schlamm wohlmöglich, sondern einfach nur bequem stehen. Auch der Griff zum Taschentuch (das in der Schweiz sowieso nicht in der Tasche sondern in der Nase steckt und darum „Nastüchli“ heisst) um sich damit verstohlen und gerührt eine Träne wegzuwischen, wäre ganz falsch in dieser Situation.

  • Ruhen statt Rühren
  • Damit die Soldaten nicht durcheinander kommen mit den Kommandos in der Schweiz, wird der militärische Befehl, der in Deutschland „Rührt Euch!“ (ganz ohne Kochlöffel) lautet, in der Schweiz zu „Ruhen!“, so wie „sich ausruhen„. Wobei sich jeder ordentliche Schweizer Soldat unterstehen sollte, dies als die Aufforderung zu einem kleinen Nickerchen zu interpretieren.

    

    9 Responses to “Schweizer Lieblingstätigkeiten (Teil 2) — Luegen und rühren”

    1. Martin Says:

      Erinnern wir uns nur einmal an Hape Kerkelings „HURZ!“ zurück –
      darin verhalf er dem Wort „lugen“ mit der folgenden schönen Alliteration wenigstens eine Zeitlang zu etwas mehr Bekanntheit auch in Deutschland:
      „Ein Lurch lugt hervor“ 🙂

    2. Christa Says:

      Wieder „uuuh guet gschriebe!“ 🙂

    3. jmk Says:

      Nicht zum Thema, aber witzig gefunden. Gestern Thema der Diskussionsstehrunde im SF1 „Mais im Bundesrat“.
      Gruss jmk

    4. Jürg Says:

      Wieder ganz witzig geschrieben und passt auch gut. Nur „Ruhen“ die Soldaten nicht (oder nicht immer) sie machen ein „run“

    5. Phipu Says:

      Damit die Geschichte mit „rühren“ für Neulinge des Dialekts nicht zu einfach wird, darf ich euch wieder mit einer (vielleicht sogar nützlichen) Ergänzung belasten.

      CH (ZH): / D:
      „de Schüüss-Stand“ / der Schiessstand/Scheibenstand
      „Schüüss de Bölle!“ / wirf den Ball! – Aber auch:
      „de Bölle rüehre“ / den Ball werfen – ählicher Klang, anderer Sinn:
      „mit ere Bölle im Fondue rüehre“ / mit einer Zwiebel im Fondue rühren
      „de Bölle, d’Bölle“ / der Ball, die Zwiebel
      „de Bölle aarüehre“ / den Ball anwerfen
      „de Bölle nöd aalange“ / den Ball nicht berühren
      alles klar?

      „Aaachtung!“ / Befehl zum Strammstehen
      „Ruhn!“ oder direkte frz. Übersetzung: „Repos !“ / Befehl zum „Rührt-Euch-Stellung“ einnehmen
      Diese Befehle werden hochdeutsch ausgesprochen, damit alle Dialekte, Welsche und Tessiner eine Verständnis-Chance haben. Ebenfalls sollte jeder gute Soldat die französische Version verstehen. („Garde à vous !“ für „Achtung!“)

      Beim Fondue zubereiten wurdet ihr sicher schon aufgefordert, im „Caquelon“ (Fondue-Topf) zu rühren. Nach Westschweizer Manier wird vorwiegend gelehrt, die Rührbewegung in Form einer Acht „8“ auszuführen, viel seltener in Form eines Kreises „0“. Die Acht ist das einfachste Wundermittel, damit der Käse nicht am Pfannenboden „anhockt“ (anbrennt). Diese Erklärung hat einen physikalischen und viel weniger kulinarischen Ursprung. Auf dem „Rechaud“ (Fondue-Tischbrenner) entsteht die meiste Hitze in der Mitte, deshalb muss man beim Rühren besonders den Käse in der Mitte in Bewegung halten, was eben mit der 8er-Bewegung geschieht. Merke: Rühr-Formen wie „4“ oder „7“ sind bei Kennern eher nicht üblich!

    6. Monty Says:

      Man sollte an dieser Stelle noch festhalten, dass „rüehre“ (für „werfen“) nicht in allen Kantonen verwendet wird, insbesondere wir hier in der Nordwestschweiz machen uns gerne über die Leute lustig, die „Stei rüehre“.

      Bei uns ist „rüehre“ = „umrühren“. So verstehen wir „ich tue en Stei aberüehre“ als „ich rühre einen Stein herunter“….man Stelle sich das mal bildlich vor…. 🙂

    7. efan Says:

      und weil einige schweizer durcheinandergeraten sind, haben sie ein andres wort für rühren eingeführt. also diesmal für das umrühren: r(h)ode.. wie genau geschrieben, überlass ich den entsprechenden kennern, mein dialekt isses nicht. kommt von solothurn oder irgendwo in der region, wenn ich nicht irre. und sie haben noch eine einfache möglichkeit entdeckt, auf die verwendung von rühren/rhode zu verzichten.. sie trinken ihren kaffe/tee einfach lötig (pur, ohne ‚zusatz‘ wie milch o. zucker) =)

    8. Phipu Says:

      an Efan
      Ich bin in Solothurn aufgewachsen und kenne tatsächlich das Wort „lötig“. „Rode“ für „umrühren“ hingegen bisher nicht. Dennoch interessieren mich solche Sprachspezialitäten. Im Internet habe ich leider auch keinen Hinweis darauf gefunden. So musste ich halt in die Trickkiste Grimms Wörterbuch greifen, und siehe da:
      http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemid=GR06674
      der Sinn 2) bestätigt deine Aussage.

      Nun, da die Textbeispiele so altmodisch anmuten, haben „die Schweizer“ das Wort wohl ein paar hundert Jahre vor der Gründung der aktuellen politischen Form Schweiz „eingeführt“.

      Könnte es sein, dass du nicht aus der Schweiz stammst? Ich würde behaupten, die helvetische Verwendung von „irren“ ist entweder transitiv oder reflexiv, wenn ich MICH nicht irre. Tatsächlich, im Zusammenhang mit „roden“ irrst du DICH nicht. Aber wir können besonders im Raum Bern natürlich auch „Du trumpiersch di!“ sagen. ( = Frz. tu te trompes. Infinitiv: se tromper, auch reflexiv/transitiv) Google doch mal nach „trumpiere“

      Seufz, ich bin wohl zu jung, um diese Sprachenspezialität mit „roden“ noch mitbekommen zu haben.

      An Monty
      Wohl zu den Jugendkrawallen anfangs 1980er-Jahre in Zürich entstand der Spottspruch (den ich heute auch gerne brauche, wenn sich die Gelegenheit bietet, von einer Demo in Zürich zu sprechen): „Chúm, mer gönd uf Züri gage Stääi rüere!“ betont zürichdeutsch – so das aus meinem Mund auch wirklich zürichdeutsch tönt – ausgesprochen. Ich würde nämlich auch sagen: „Chumm, mer göh uf Züri go Stèine schiesse!“

      Seufz, ich bin wohl doch schon alt genug, um sogar diese Epoche miterlebt zu haben.

    9. Kradi Says:

      Für Efan und Phipu:

      ‚Rode‘ hat überhaupt nichts mit mit ‚rüere‘ oder ‚umrüere‘ zu tun; es manifestiert sich hier ein Durcheiander aus ‚rüere‘ und ‚rühren‘. Das hochdeutsche ’sich rühren‘ bedeutet bekanntlich ’sich bewegen‘. Genau wie ’si rode‘.

      Beispiele:
      Er hät si nüd grott. Er hät si nüd chöne rode.

      Noch etwas: Im Emmental tut man Sachen (oder Leute) ‚arüere‘, d.h man berührt sie. In anderen Gegenden tut man in dem Fall ‚alange‘.

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