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Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend

(reload vom 21.12.05)

  • Machen Sie einen Termin für Freitagnachmittag
  • Vor einigen Jahren schulte ich das Produkt MS Outlook bei einer Firma in der Westschweiz. Als wir den Outlook-Kalender mit der Möglichkeit kennenlernten, Termine festzulegen und Einladungen zu verschicken, forderte ich die Kursteilnehmer auf für Freitag, 16.00 Uhr, einen Termin anzusetzen und alle im Kursraum anwesenden Kollegen dazu einzuladen. Was war das Ergebnis: Es wurde flugs zu 10 „Apéros“ eingeladen. Das hätte mir bei den Deutschschweizern auch passieren können, denn nichts ist hier so beliebt wie der gemeinsam „Apéro„.

    Alles kann dazu Anlass sein: Das Ende der Probezeit eines Mitarbeiters, ein Geburtstag, ein Jahrestag, der letzte Tag vor den Ferien, sogar ein neues Auto habe ich schon auf einem apéro gefeiert. Das ist eine ziemlich mühsehlige Angelegenheit, und die Mühlsal steigt potentiell mit der Anzahl der Anwesenden. Denn es gibt ein eisernes Gesetz auf einem Schweizer apéro-Empfang: Jeder muss mit jedem anstossen.

  • Wenn jeder mit jedem anstossen muss
  • In der Datenbanktechnik nennen wir das einen „outer join„. Das ist jetzt nicht etwas Unanständiges, wie Sie vielleicht denken, und hat auch nicht mit einem draussen vor der Tür gerauchten „Joint“ zu tun, sondern das ist, wenn alle Elemente einer Tabelle mit allen sinnvollen Elementen einer anderen Tabelle verknüpft werden (also alle Menschen mit Glas in der Hand), und das dann schrecklich viele Möglichkeiten ergibt.
    Anstossen beim Apéro ist Pflicht
    Angenommen Sie haben 20 Kollegen in ihrer Firma, dann rechnen sie 20 x 19 = 380 Möglichkeiten, zwei Gläser aneinander zu führen. Nun, zum Glück müssen sie persönlich nur 19 Mal anstossen. Bis Sie dann fertig sind, ist der Champagner oder kühle Weisswein warm, das Glas kaputt oder Sie verdurstet.

    Beim Anstossen müssen Ihrem Gegenüber immer schön tief in die Augen schauen und lächeln, vorbeigrinsen gilt nicht und führt zur Wiederholung. Überkreuz anstossen ist genauso unsittlich, also stehen Sie am besten auf, laufen durch den Raum und verschütten den kostbaren Inhalt Ihres Glases dabei nicht.
    Anstossen ist anstrengend

    Wer meint, mit ein Mal anstossen am Abend sei es getan, der irrt. Bei jeder neuen Runde geht das Spiel von vorn los. Kein Wunder, dass Sie dabei nicht betrunken werden, Sie kommen ja kaum dazu, wirklich etwas zu trinken. Es gibt einen geheimen Trick, wenn man die Schnauze voll hat vom vielen Anstossen und endlich etwas Flüssiges in die Kehle bekommen möchte. Man hebe deutlich sein Glas und sage dabei mit lauter Stimem „Soll gelten“, dann nichst wie runter mit dem Gesöff, sonst kommt wieder jemand auf die Idee, dass er mit Ihnen noch nicht angestossen hat, und die Prozedur beginnt wieder von vorn.

  • Wo gibt es sonst Anstösser?
  • Anstossen tun die Schweizer sonst ja nur in einsamen Wohngegenden, genau da, wo die Deutschen sonst ein „Anliegen“ haben (siehe Blogwiese). Beim Apéro wird aber gern über solche Kleinigkeiten hinweggesehen. Zum Wohl!

    

    12 Responses to “Wie die Schweizer feiern — Apéros sind anstrengend”

    1. Georges Says:

      Du rechnest 19 x 20. Darin ist enthalten, dass Fritz mit Maria anstösst und Maria mit Fritz anstösst. Jedes Anstossen ist also doppelt gezählt. Richtig wäre also das Resultat 190 (nicht 380).

      n x (n-1) / 2

    2. Nadjag Says:

      380 Möglichkeiten anzustossen sind viel… zuviel…

      Richtig wäre (n-1)+(n-2) +… (n-(n-1)) oder auch n(n-1)/2=n^2/2 als Lösung bei 20 Personen bedeutet dies 19+18+…+1= 190
      (Mathegenies dürfen mich gerne korrigieren, falls ich mich irre)

      Jens hat wohl vergessen, dass wenn der erste 19 mal angestossen hat, schon alle andern mit ihm angestossen haben, d.h. der zweite muss dann nur noch mit den restlichen 18 Personen anstossen… etc.

      Somit klingen die Gläser „nur“ 190 Mal (aber auch dies ergibt bereits ein schönes Klangkonzert)

    3. simu Says:

      n*(n-1):2, also nur 190 mal anstossen
      mfg aus dem lehrerzimmer

    4. philipp Says:

      Hi,

      die Anzahl des Anstossens wächst quadratisch mit der Anzahl der Teilnehmer, genauer gesagt
      n * (n-1)/2 , also nicht 380 Möglichkeiten bei 20 Personen, sondern nur 190, aber das ist immer noch eine Menge

    5. Neuromat Says:

      Hallo

      Jens hat das im Selbstversuch ermittelt. Nachdem der Weisswein zur Neige ging, wurde auf Wodka gewechselt …

      nur: Wie lässt sich eigentlich das Produkt MS Outlook schulen? Andere Frage: Gibt es etwas, für das es hierzulande keinen Kurs gibt – mal abgesehen von Standarddeutsch?

      Tatsächlich musste ich auch einmal zur „Outlook-Schulung“. Allen Beteuerungen zum Trotz, dass sich in dieser Zeit möglicherweise auch etwas Vernünftiges arbeiten liesse. Eine Woche später konnte ich folgende Kommunikation verfolgen, die jemand am Telfon führte:

      … näi han ichchhch net übbercho, die Yladig … weischt is Wartig gsie … ja, ja ichch luegs aah…. auf meine Frage, warum man das denn dann nicht gleich am Telefon geklärt hätte: Eben, dafür hätte man ja schliesslich die Schulung nicht gemacht.

    6. Danido Says:

      So, genug an des Informatikers Mathe rumgekrittelt jetzt, der hat schliesslich normalerweise einen Computer, der das rechnet!

      Aber eine ernsthafte Frage: Wie läuft denn bitte ein Apéro in Deutschland ab?

      [Anmerkung Admin: Glas in die Luft heben, „Prost“ rufen, und trinken.]

    7. Neuromat Says:

      @ Danido

      Apero, das kennen die Deutschen nicht. Ich glaube, Apero in Deutschland liesse sich mit „Umtrunk“ uebersetzen. Damit wäre klar, wie der abläuft: Es wird so lange getrunken, bis keiner mehr steht.

      Aber noch mal zur Mathematik … das ist doch eigentlich ein reload; die trinken hier zwei Mal: (n* (n-1):2)*2

    8. cocomere Says:

      Merci d’avoir repris pour une fois quelque chose qui réunit Suisses allemands et Romands. Mais je suis sûr que les pauvres Romands ont adapté cette mauvaise habitude sous pression suisse alémanique…

    9. Simone Says:

      @Danido & Admin:
      Kommt darauf an. Einen Apéro gibt es in dieser Form in Deutschland nicht. Folgende Möglichkeiten stattdessen:
      1. Aperitif: Prosecco, alternativ Tomatensaft o.ä. als Einstand auf die Vorspeise eines Dinners
      2. Einstand oder Ausstand am Arbeitsplatz: Sofern Alkohol erlaubt ist, gibt es ein Glas Sekt o.ä. und man stößt, ebenso wie in der Schweiz, mit jedem an.
      3. Afterwork: Man trifft sich nach der Arbeit in irgendeiner Location, wo es Getränke gibt und feiert notfalls bis zum nächsten Morgen. Hier gibt es keine festen Regeln…

    10. Brun(o)egg Says:

      Ums noch ein bisschen komplizierter zu machen: Der „Apéro“ nach dem Essen ist der Digestif. Auch von Napoleon vermutlich. Da werden dann die letzten Deutschen die noch sitzen oder stehen def. um- oder unter den Tisch getrunken.

    11. bobsmile Says:

      Vielleicht sei auch noch erwähnt, dass sich ein Apéro vom normalen Feierabendbier durch die noch schnell VOR Feierabend besorgten und auf den mit weissen Papierbahnen zugedeckten Bürotischen aufgestellten Chips (je nach Budget von Zweifel oder eben M-Budget), Salzstängeli und -Nüssli; oft auch Züpfe und Käseplatten abhebt.
      Kurz: Apéro = Trinken UND Knabbern.

    12. dvdb Says:

      Na, nun weisst du, warum die Schweizer eher in kleinen Gruppen feiern *grins*.

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