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Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 12) — Motion ohne E-motion und Motzern

(reload vom 22.12.05)
Wir lasen in unserem Standardwerk für die korrekte Schweizerdeutsche Schriftsprache, dem Tages-Anzeiger:

Motion fordert weitere Liberalisierung. (…)
Traktandiert ist eine Motion des Ständerates, zu der sich der Bundesrat positiv gestellt hat (Quelle🙂

Wir verstehen als ungebildete Deutsche mal wieder gar nichts, und müssen tief in unseren Lateinkenntnissen kramen: „Motion“ = Lateinisch für „Bewegung“. Wer oder was bewegt sich denn hier in der Schweiz? Geht das Volk auf die Strasse, als Volks-Bewegung? Hat sich der Ständerat gemeinschaftlich bewegt? So eine Art „Group Fitness Aerobic Aktion“ in Bern? Und der Bundesrat machte gleich voller Eifer mit? Es passieren rätselhafte Dinge im Bern dieser Tage.

  • Die Motion hat was mit Bewegung zu tun
  • Das englische Wort „Motion“ gebrauchen wir gewöhnlich nur in zusammengesetzten Formen, als „E-motion“ wenn wir von lauter Gefühlen stark bewegt sind, oder als „motion pictures“, wenn wir uns „bewegte Bilder“ im Kino anschauen. Motion hat was mit Bewegung zu tun.

    In der Sprachwissenschaft bedeutet es eine Veränderung in der Sexusmarkierung (Quelle Wiki:), auch der Duden äussert sich in dieser Richtung:

    Motion: ,-en (franz.). (Sprachw.) Abwandlung des Adjektivs nach dem jeweiligen Geschlecht;

    Doch leben wir zwar in der Heimat von Ferdinand de Saussures, der einst in Genf die allgemeinen Sprachwissenschaft begründet hat, aber eigentlich geht es hier um eine besondere Spezialität der Schweizer, nämlich der „Bewegung in der Politik“.

    Eine Motion ist in der Schweiz eine bestimmte Art von Parlamentarischer Vorstoss auf eidgenössischer, kantonaler oder kommunaler Ebene. Mit einer Motion verlangt ein Parlamentsmitglied von der Regierung, dass diese ein Gesetz oder einen Bundesbeschluss ausarbeitet oder eine bestimmte Massnahme ergreift. Dieser Auftrag ist zwingend, wenn ihm das Parlament zustimmt. Eine Motion kann vom Parlament in die abgeschwächte Form eines Postulats umgewandelt werden; allerdings nur mit dem Einverständnis des Motionärs respektive der Motionärin (Quelle:).

    Wohlgemerkt: Das mir niemand den „Motionär“ als „Motzer“ falsch ausspricht! Sowohl die Schweizer Motion als auch der Motionär werden im Duden würdig erwähnt:

    schweiz . fr. gewichtigste Form des Antrags in einem Parlament; der Motionär, -s, -e (schweiz. für jmd., der eine Motion einreicht)

    Da erspare ich mir doch lieber die übrigen Übersetzungen, die mir LEO für dieses hübsche Wort offeriert (Quelle Leo):

    Unmittelbare Treffer
    motion der Antrag
    motion Antrag bei einer Sitzung
    motion die Bewegung
    motion das Gesuch
    motion der Stuhlgang
    motion [tech.] das Treibwerk [Uhren]

    Mit Uhren hat es also auch etwas zu tun, nicht nur mit Stuhlgang. Obwohl Stuhlgang, war das nicht ein höfliches Wort für „Scheisse“? Sind Motionen auch dies? Müssen die Engländer und Amis denn alles so negativ sehen? Denken wir lieber wieder an ein Schweizer Uhrwerk, denn so sollte es in der Politik in Bern zugehen, bei diesen vielen Motionen. Da sind wir ja beruhigt.

    Bleibt die Frage: Warum sagen die eigentlich nicht einfach „Antrag“ in der Schweiz? Wegen der Kollegen aus der Westschweiz? Oder ist auch diesmal wieder Napoleon schuld, der mit Sicherheit dieses Wort in den Schweizer Politik-Wortschatz eingeführt hat? Immer diese Ausländer…

    

    7 Responses to “Schweizerdeutsch für Fortgeschrittene (Teil 12) — Motion ohne E-motion und Motzern”

    1. Adrian Says:

      Es waren Auslaender aber nicht der Napi. Was viele nicht gerne hoeren aber die Schweiz ist politisch der USA abgeschaut (Ignaz Troxler: http://www.geschichte-schweiz.ch/bundesstaat.html). Im amerikanischen System werden Begehren als „motion“ eingebracht http://en.wikipedia.org/wiki/Motion_%28democracy%29. In die Schweiz hat man das mitsamt dem Wort uebernommen; wie von dir schon richtig bemerkt stammt das Wort ja schliesslich aus dem Lateinischen.

    2. Thomas Says:

      @Adrian: eigentlich hören wir das sogar sehr gerne. Ein föderalistischer Bundesstaat mit 2-Kammersystem. Geniales Konstrukt. Da können die Amis stolz drauf sein. Und wir auch.

    3. Brun(o)egg Says:

      @ adrian

      Es war schon der Näpi. Was meinst Du woher der „Kanton“ kommt? „Le Canton“ gibts auch in Frankreich. Es ging nur um die Gewaltenaufteilung, zwischen „Centralstaat“ und den Kantonen.
      Und das ist hier heute noch besser gelöst als in den Staaten mit einer allmächtigen Dumpfeiffe an der Spitze.

    4. AnFra Says:

      Bei der Motion möchte ich eine kurze Ableitung darstellen.
      Wenn man „motion“ in der etymologischen Uraussage für Bewegung ansehen kann, so ist eigentlich diese „Bewegung“ (lat. motio = bewegen, ital. mozione = Bewegung, in der Politik: Antrag) sehr oft im Zusammenhang von wiegen von Gegenständen an einer Waage im Zusammenhang gebracht.

      Bei der Betrachtung der röm. Göttin Justitia fällt des von ihr gehaltene „Gerechtigkeitssymbol = Waage mit zwei Waageschalen“ auf.

      Und hier ist meiner Hypothese nach der Ansatz zum hermeneutischem Verständnis von der von uns so empfundenen „motion / Motion“ zu sehen. Wenn man z. B. einen „stabilen d. h. ausbalancierten Zustand“ in einem Parlament oder einer entspr. Versammlung verändern möchte, so muss man beim Antrag sein „politisches Gewicht in die Waagschale“ legen und dadurch wird das momentane vorherrschende Gleichgewicht demzufolge geändert.
      Der „Motionär“ (Der Antragsteller = Bewegungsauslöser!!!) bewirkt durch seine Initiative einen „Anstoßung durch auflegen von Argumenten oder Anschub durch hinzulegen von gewichtigen Sachen“ eine Bewegung, also „ motion / Motion“ der Waageschale.
      Da man nicht von allen Standorten in die Waagschale sehen kann, um zu erkennen was nun tatsächlich hineingelegt wurde, kann man jedoch durch die Bewegung der Waagschale diesen Vorgang überprüfen und sich vorab zufrieden geben. Da in der polit. Diskussion die Tätigkeiten um die Waage (über Gewichtigkeit, Waage, Austarierung, Gleichgewicht uam.) ein wichtiger Bestandteil der Redewendungen und Sinnsprüche sind, so scheint die o. g. Ableitung dadurch plausibel zu sein.
      Ob Napo auch hier die Verantwortung trägt müsste noch untersucht werden. Von der Urquelle ausgesehen, sollte wohl die Entwicklung dieser Bezeichnung aus dem Lateinischen, über Italienisch in das Französische und Englische gewesen sein.
      Ein eigens Plätzchen hat es wohl in der deutschsprachigen Helvetischen Republik und der CH gefunden.

    5. Adrian Says:

      @Thomas: Die Reaktion von Brun(o)egg bestaetigt meinen Verdacht weshalb das viele nicht gerne hoeren. Sie sehen die Dumpfeiffe an der Spitze als Allmacht an und verkennen die effektiven Verhaeltnis. Da zieht man Franzosen den Amis vor.

      @Brun(o)egg: Im Betrag von Jens geht es um den Begriff Motion und weder um Kanton noch um Zentralstaat. Aber OK, schweifen wir etwas vom Thema ab.

      Die Kantone als solches in der Schweiz haben verblueffend viel gemeinsam im amerikanischen System mit den einzelnen Bundesstaaten und die Bezirke mit den counties. Frankreich hat „les régions et les départements“ und die franzoesischen „cantons“ sind eine Einheit unterhalb den départements und sogar arrondisement und entsprechen fuer mein Verstaendnis eher den Bezirken in der Schweiz. Aber was soll’s, das sind nur Worte.

      Aber was hat das Wort „centralstaat“ hier verloren. Die Schweiz ist kein Zentralstaat — ganz im Gegensatz zu Frankreich! Da hat Napi zwar richtig erkannt, dass die damaligen neu erstellten zentralistischen Strukturen um 1800 in der Schweiz nicht ziehen und sie per Diktat aufgehoben. Das ist aber so ziemlich alles was man in der Schweiz dem Napoleon zu verdanken hat, dass er diesen Unsinn abgeschafft und Raum fuer neues geschaffen hat. Napoleon starb 1821, das sind ein paar Jaehrchen vor 1848. Die Schweiz hat sich selbst erschaffen und einiges (und Gutes) im Ausland abgekupfert.

      Ob es die franzoesische Revolution im uebrigen gegeben haette ohne den amerikanischen Unabhaengigkeitskrieg lassen wir mal unbeantwortet. Ich empfehle dazu etwas Lekture: Jay Winik – The Great Upheaval.

    6. Danido Says:

      Nanana, Antrag wäre zu banal und zu undifferenziert. Ich bin überzeugt, auch beim deutschen Bundestag gibt es für verschiedene Anträge, Eingaben etc. verschiedene Wörter. Die verschiedenen parlamentarischen Vorstösse wären bei uns nämlich
      – die parlamentarische Initiative
      – die Motion
      – das Postulat
      – die Anfrage

      Den Antrag gibt es selbstverständlich auch! Der wird jeweils gestellt, wenn es um eine Änderung eines Gesetzestextest geht, über den beraten wird. Dazu natürlich den Ordnungsantrag, der das formelle einer Sitzung (z.B. den Abbruch der Diskussion) betrifft.

      Pfff…warum sagt ihr nicht einfach Antrag! Warum sagt Ihr anstatt Tagesordnungspunkt nicht einfach Traktandum?

    7. bobsmile Says:

      @Adrian
      […]Das ist aber so ziemlich alles was man in der Schweiz dem Napoleon zu verdanken hat, […]

      Ich meine irgendwo mal gelesen zu haben, das schweizerische Schulsystem sei ebenfalls von „dem-dessen-name-nicht-genannt-werden-darf“, oder so. 🙂

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