Bis zum Gymnasium nur Alemannisch gesprochen — Jugend im Dreiländereck

April 9th, 2010

(reload vom 9.1.2007)

  • Sylvie aus Fischingen
  • Fischingen ist ein kleiner südbadischer Ort, unweit von Basel am Oberrhein gelegen. In Fischingen wird Alemannisch gesprochen. Sylvie stammt aus Fischingen, sie wuchs dort auf und besuchte dort die Grundschule. Sie erzählte uns, dass in der Grundschule in den Siebzigerjahren ausschliesslich Mundart, also Oberalemannisch gesprochen wurde. Auch von den Lehrern. Geschrieben wurde nicht in dieser Sprache, nur gesprochen. Geschrieben wurde auf Hochdeutsch, aber schon beim Vorlesen der geschriebenen Texte kam die alemannische Aussprach der stimmlosen Konsonanten zum Zuge: „Wir gehen in den Tssooo“ statt „in den Zoo“ mit einem brummenden stimmhaften „Z“ am Anfang.

  • Der Deutschlehrer aus Norddeutschland
  • Der Wechsel auf das nächste humanistische Gymnasium war ein sprachlicher Schock für Sylvie. Plötzlich verlangte der aus Norddeutschland zugezogene Deutschlehrer von ihr, dass sie nur noch Hochdeutsch sprechen sollte. Sie wehrte sich dagegen. Schliesslich war der doch in ihre Heimat gekommen, also sollte er auch ihre Spreche verstehen lernen. Es kam zum Konflikt, Sylvie wollte nicht mehr diese Schule besuchen. Die Eltern wurden angeschrieben und zu einem Gespräch gebeten. Ihre Eltern hatte Sylvie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Satz auf Hochdeutsch sprechen hören. Sie bezweifelt bis heute, ob die überhaupt dazu in der Lage wären, etwas nicht auf Alemannisch zu äussern. Aussage des Vaters zum Sprachkonflikt der Tochter mit dem Norddeutschen Lehrer: „Der will dass du nur noch Hochdeutsch redest? Da brauchst Du nicht mehr hin“.

  • Standhaft bleiben an der Uni
  • Sie hat es dann doch gelernt in der Schule, wie eine Fremdsprache, aber stets in der Freizeit und in der Familie weiter Alemannisch gesprochen. Bis zum ersten Tag an der Uni, sie kam zu spät zu ihrer ersten Vorlesung in Freiburg (Breisgau) und fragte ihren Banknachbar leise „Han i scho viel verpasst, i bin zu spoot“, worauf der sich zu ihr rüberbeugt und zurückfragt: „Excuse me, could you repeat your last sentence?“ Es war ein Kommilitone aus Kiel, der kein Wort verstanden hatte.

    Sylvie blieb eisern bei ihrer Sprache. Schliesslich war sie hier zu Hause und die anderen waren ein „Zugezogener“, warum sollte sie sich also anpassen. Konsequent blieb sie beim Oberalemannischen im Gespräch mit allen Kommilitonen des Deutschen Seminars. Die lernten mit ihr aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhocheutsche zu übersetzen, und plötzlich war Sylvie im Vorteil, denn sie wusste sofort was „hôchgezît“ und „büechelîn“ bedeutet, ganz ohne in Lexers Mittelhochdeutsches Wörterbuch nachschlagen zu müssen.

  • Sprechen Sie auch Dialekt?
  • Später lernte sie Gottfried aus Oberfranken kennen. Das liegt im Freistaat Bayern. Auch er hatte sich dafür entschieden, konsequent in allen Gesprächssituationen beim Fränkischen zu bleiben. Es war äusserst interessant, die beiden bei angeregten Fachdiskussionen zu belauschen.

    Den ersten längeren Satz auf Hochdeutsch hörte ich Sylvie in einem Auswahlgespräch für eine Stelle als „assistante de langue“ in Frankreich sagen. Die Interviewer (Studienräte des örtlichen Gymnasiums) überprüften bei uns Germanisten, wie fest wir die „freiheitlich demokratischen Grundordnung“ der Bundesrepublik verinnerlicht hatten und ob wir auch ein korrektes Deutschlandbild im Nachbarland Frankreich verbreiten würden, selbstverständlich auf Hochdeutsch. Sylvie schlug sich tapfer, ausschliesslich in akzentfreiem Hochdeutsch. Erst bei der Frage: „Ach, Sie sind ja hier aus der Gegend. Könnten Sie denn auch für die französischen Schüler einmal ein Gedicht auf Mundart rezitieren“ konnten wir uns das Lachen fast nicht mehr verkneifen („verheben“ hätte Sylvie jetzt gesagt). Die arme Sylvie hatte sehr konzentriert zwei Stunden Hochdeutsch geredet und wird nun gefragt, ob sie auch was auf Mundart sagen kann! Am liebsten hätte sie ja das ganze Gespräch so geführt, aber soviel Sprachverständnis war von den süddeutschen Studienräten nicht zu erwarten. Dialekt ist Privatsache und gehört nicht in einen offiziellen Rahmen, schon gar nicht an eine Schule. Nur in der Unterrichtseinheit „Mittelhochdeutsch“ ist das laut Lehrplan in der 11. Klasse erlaubt. Ausser man lebt in der Landeshauptstadt Stuttgart und gehört zu den „Honorationsschwaben“.

  • Muettersproch in der Familie, Hochdeutsch im Alltag
  • Heute sprich Sylvie im Alltag bei der Arbeit fast nur noch Hochdeutsch. Sie lebt in München (nein, nicht mit Gottfried) und erzieht ihre Kinder selbstverständlich in ihrer alemannischen „Muettersproch“. Von Sylvie erfuhren wir, dass eine ganze Reihe der typisch Schweizerischen Redewendungen auch im Südalemannischen gebraucht werden. „Das Heu auf der gleichen Bühne haben“ kannte sie genauso wie „eine gute Falle machen“.

    Ist Waldmeisterlimonade typisch Deutsch? — Götterspeise in Deutschland und in der Schweiz

    April 3rd, 2010
  • Eine Limonade für 40 Pfennige
  • In meiner Kindheit kauften wir uns am Kiosk, was im Ruhrgebiet „an der Bude“ genannt wird, an heissen Tagen gern ein Glas Waldmeister-Limonade. Kostete 40 Pfenning, schmeckte herrlich künstlich und war grün. Auch als Pudding oder Götterspeise konnte uns der Geschmack begeistern. Ein echter Kindheitstraum war, einmal in einer Badewanne voller Waldmeister-Götterspeise zu sitzen und zu warten, dass es fest wird, um sich anschliessend rauszufressen. Leider wurde da nie was draus. Das Produkt „Götterspeise Waldmeister-Geschmack“ wird von Dr. Oetker produziert.
    Wackelpudding Waldmeister
    (Quelle Foto: essen-und-trinken.de)

    Der Klassiker unter den Dr. Oetker Götterspeisen ist die Götterspeise Waldmeister-Geschmack. Ganz besonders reizvoll sieht die Götterspeise aus, wenn man sie vor dem Servieren in Würfel schneidet. Seit 1920 ist Dr. Oetker Götterspeise bekannt als erfrischende Speise für die Sommermonate. Wegen ihres erfrischenden Geschmacks, ihrer wackeligen Konsistenz und ihrer faszinierenden Farbe ist Dr. Oetker Götterspeise Waldmeister-Geschmack immer wieder ein großes Vergnügen! (Quelle: Oetker.de)

  • Ist Waldmeister ein typisch deutscher Geschmack?
  • So oft ich Schweizer, Franzosen, Engländer oder Skandinavier frage, ob sie wissen, wie Waldmeister schmeckt, bleibt die Antwort aus. Ist das wirklich nur in Deutschland bekannt? Wer mal als Tourist in Berlin war, kennt die Berliner Weisse „mit Schuss“, also eine Schale Weissbier mit einem Schuss Rot (=Himbeersirup) oder Grün (Waldmeistersirup), an heissen Tagen mit dem Strohhalm geschlürft, damit es auch gleich schön zu Kopfe steigt. Ein billiges Besäufnis also, nicht nur in Berlin beliebt.
    Berliner Weisse it Waldmeister
    (Quelle Foto: wikipedia)

  • Kenne Sie Woodruff?
  • Aber Waldmeister als Limonade pur trinken? Auf Englisch heisst sie „Woodruff“, auf Französisch „Gaillet odorant“, doch trinkt das irgendjemand in England oder Frankreich? Die Amerikaner lieben ihr „Root Beer“ , das in Europa niemand über die Lippen kriegt. Sollten wir Deutschen allein Fans von Waldmeister sein?

  • Jägermeister trinkt man überall
  • Jägermeister für die ganz harten Kräuterschnaps-Fans, das verkauft sich in jeder Diskothek vom Nordkap bis nach Sizilien gut, doch Waldmeister gibt es nur manchmal in einer Maibowle. Es heisst auch „Maikraut“, und blüht von Mitte April bis in den Juni hinein.

  • Das Kraut mit den dämonischen Kräften
  • Bei essen-und-trinken.de lesen wir:

    Dem Kraut wurden früher dämonische Kräfte nachgesagt. Kühe, die nicht fressen wollten, wurden mit Waldmeister und Salz geheilt und Hexen mit einem Gemisch aus Waldmeister und Johanniskraut vertrieben. Kein Aberglauben ist, dass Waldmeister sich in vielerlei Hinsicht positiv auf die Gesundheit auswirkt. So gilt das Kraut als entzündungshemmend, entkrampfend und gefäßstützend. Den Kühen wird daher auch mehr die u.a. verdauungsfördernde Eigenschaft der Pflanze geholfen haben, als die ihr zugeschriebenen übersinnlichen Kräfte.

    Man kann richtig high davon werden:

    Die Inhaltsstoffe der Pflanze sind Asperulosid, Bitterstoffe, Gerbstoffe, ein Antraglykosid und ein Cumaringlykosid, das beim Vorgang des Trocknens Cumarin abspaltet. Das Cumarin wirkt beschwingend und kann bei leichter Dosierung hilfreich bei Kopfschmerzen und Migräne sein. Höhere Dosen dagegen können genau das Gegenteil bewirken und beides auslösen. Es gilt: nicht mehr als drei Gramm frisches Kraut auf einen Liter Flüssigkeit.
    (Quelle: essen-und-trinken.de)

    Nun, heutzutage passiert das garantiert nicht mehr, weil der Geschmack nur noch künstlich erzeugt wird.

  • Was ist Götterspeise in der Schweiz?
  • Bei Wikipedia lernten wir auch, das „Götterspeise“ in der Schweiz nichts mit Wackelpudding zu tun hat:

    In der Schweiz bedeutet Götterspeise eine ganz andere, mit dem englischen Trifle verwandte Süßspeise. Sie besteht aus Zwieback, Vanillecrème, Fruchtkompott (meist Apfelmus, Rhabarber oder Beeren) und Schlagrahm. Zwieback und Kompott werden in Schichten in eine Schüssel gefüllt, mit der kalten Crème und/oder dem Rahm übergossen und anschließend einige Stunden kaltgestellt. Oft wird Götterspeise als süßes Abendessen gegessen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Vielleicht doch einmal den alten Kinderplan realisieren und mir eine Wanne voll mit Wackelpudding anrühren?

    Zündstoff oder heisse Luft? — Was ist dran an der „Deutschenfeindlichkeit der Schweizer“?

    März 31st, 2010
  • Was ist dran an der angeblichen Deutschfeindlichkeit der Schweizer?
  • Es gab ja schon eine ganze Reihe von Schülerarbeiten und Umfragen zum Thema „Deutsche in der Schweiz“ auf der Blogwiese. Diesmal geht es um des „Pudels Kern“: Wie stet es wirklich mit der angeblichen Deutschfeindlichkeit der Schweizer. So heisst es in einer Pressemitteilung von Jörn Lacour, die wir hier veröffentlichen:

    Auf www.schweizbuch.de läuft ab sofort bis zum 10. April 2010 eine Umfrage zum Thema Deutsche in der Schweiz. Schweizer und Deutsche sind aufgerufen, 12 Multiple-Choice-Fragen zum Thema zu beantworten.

    Ist das Gefühl, als Deutsche bei den Schweizern auf Ablehnung zu stoßen, begründet? Sollte die Zuwanderung begrenzt werden? Sind es wirklich die Schweizer, die die Deutschen nicht mögen? Oder sind es Medien und SVP, die das nur behaupten? Sind Deutsche wichtig für die Schweizer Wirtschaft? Ist die ganze Diskussion gefährlich? Mögen nur Zürcher die Deutschen nicht? Ist am Ende alles nur halb so schlimm? Oder müssen Integrationskurse her?

    Diese Fragen werden sowohl Schweizern als auch den 250.000 in der Schweiz lebenden Deutschen gestellt. Ab sofort kann jeder bis zum 10.04.10 sein Voting dazu auf www.schweizbuch.de abgeben. Anonym und mit der Möglichkeit, etwas zu gewinnen.

    Der Journalist und Buchautor Jörn Lacour („Deutsche in der Schweiz – vom Leben und Arbeiten im Nachbarland“) möchte mit dieser Umfrage feststellen, wie gut oder wie schlecht es wirklich steht um das Miteinander von Schweizern und Deutschen. „Ich freue mich auf ein vielschichtiges und aufschlussreiches Ergebnis. Je mehr Teilnehmer, desto besser für das Resultat. Man sollte dieses Thema nicht den Meinungsmachern und Populisten überlassen“, so der Journalist.

    Das Ergebnis wird im Anschluss veröffentlicht. Teilnahme und mehr Informationen auf www.schweizbuch.de.

    (und nein, dies ist kein bezahlter Blogbeitrag 😉 ) Ich frage mich nur ernsthaft, ob sie auf der Seite einen Mechanismus eingebaut haben, durch den Mehrfach-Voting verhindert wird.

    Deutsche stürmen unsere Tankstelle — und kaufen einfach unser Benzin

    März 30th, 2010

    (reload vom 8.1.2007)

  • Benzin in Zukunft nur für Schweizer?
  • Wir lasen in der Pendlerzeitung 20Minuten vom 05.01.07 die Überschrift:

    Deutsche stürmen unsere Tankstellen

    Deutsche stürmen unsere Tankstellen
    (Quelle Foto: 20Min vom 5.1.07)

    Jetzt ist es also soweit. Sie nehmen den Schweizern auch noch das Benzin weg! Sie zahlen dreist und ungeniert die Schweizer Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer, weil die ihnen seit dem 1. Januar 2007 im eigenen Land zu teuer geworden ist! Wie soll das weitergehen, wohin soll das führen, wenn die Schweizer sich nicht gegen diesen Ansturm zur Wehr setzt?
    Das Manager-Magazin schrieb:

    Im August 2006 waren insgesamt 166.146 Deutsche in der Schweiz registriert – damit liegen sie an vierter Stelle hinter Portugiesen, Serben und Italienern. Einerseits füllen Deutsche einfach Lücken auf dem Schweizer Arbeitsmarkt, sei es in der Gastronomie, auf der Baustelle oder in der Pflege. Andererseits sind viele von ihnen überdurchschnittlich ausgebildet und arbeiten in der Schweiz als Ärzte, bei Banken, Versicherungen, als Uni-Professoren oder in der Beraterbranche.
    (Quelle: Manager-Magazin 5.1.07)

    Jetzt im Jahr 2010 sind es über 262.000 Deutsche. Wie die Zeit vergeht …

  • Mehrarbeit für die eidgenössischen Finanzbehörden
  • Verschwiegen wird hingegen, dass diese 166’146 Deutsche, die jetzt in der Schweiz registriert sind, auch einfach hier ihre Steuern bezahlen, und nicht dort wo sie herkommen, in ihrem Heimatland! Was für ein Aufwand, den die Schweizer Steuerbehörden da betreiben müssen! Das sind dann auch noch in den meisten Fällen Quellsteuern, die monatlich berechnet und eingezogen werden müssen. Nicht so wie bei den Schweizer Steuerzahlern, die ihre Steuern in der Regel nur einmal jährlich oder in 2-4 Teilzahlungen berappen.

  • Migros und Coop leergekauft
  • Doch damit nicht genug. Da nicht alle Deutschen in der Schweiz in Grenznähe wohnen, gibt es immer noch einen beachtlichen Anteil, der bei den Schweizer Detaillisten Migros oder Coop einkauft und der so die Grundversorgung der Schweizer Bevölkerung noch schwieriger macht, womöglich sogar die Preise nach oben treibt. Denn wo mehr Nachfrage ist, da steigt der Preis, das weiss jeder Erstsemester-Student der Volkswirtschaft. An den „Nudeltagen“ in Kreuzlingen, wenn die Migros doppelte Cumuluspunkte für den Einkauf gutschreibt, soll es bereits zu Engpässen in der Pasta-Versorgung gekommen sein. Hier wird bald ein „Nudel-Vorkaufsrecht“ für Kunden mit dem roten Pass notwendig.

  • Wenn die Vignetten nicht mehr nur für Schweizer sind
  • Um sich rasch in und durch die Schweiz auf den Autobahnen bewegen zu dürfen, bedarf es bekanntlich einer Vignette. Bei dem Ansturm aus Deutschland ist auch hier zu befürchten, dass die Druckereien mit der Erstellung von Vignetten für die Schweizer nicht mehr nachkommen.

    Die Autobahnvignette wurde 1985 eingeführt. Der Preis belief sich von 1985–1994 auf 30 Fr. pro Jahr. Seit 1995 kostet die Autobahnvignette in der Schweiz 40 Franken. Der Preis in Deutschland beläuft sich seit dem 01.Dez.2006 auf 26,50 €. Der Gültigkeitszeitraum beträgt 14 Monate, jeweils vom 1. Dezember des Vorjahres bis zum 31. Januar des Folgejahres. (…)
    Wer abgabenpflichtige Autobahnen und Autostraßen in der Schweiz ohne gültige Vignette benutzt, muss mit einer Buße von 100 Franken und dem Preis einer Vignette rechnen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Die Quelle enthält einen Fehler im letzten Satz. Nicht mit „Buße“ muss gerechnet werden, wenn man in der Schweiz ohne Vignette auf der Autobahn erwischt wird, sondern mit „Busse“. Denn in der Schweiz gilt der Merksatz: „Tut Busse und seid unfehlbar“ , sonst werden Sie „verzeigt“ und womöglich noch „einvernommen“. Als „fehlbarer Lenker“ kann das ohne kompetenten „Fürsprecher“ vor Gericht teuer werde.

  • Die Vignette bezahlt den Strassenbau
  • Während man in Deutschland Jahre brauchte, um ein viel zu teures und störanfälliges Hightech-Mautsystem zu etablieren, das nun kein weiteres Land der Welt zu brauchen scheint (denn als „Export-Schlager“ wurde es ursprünglich konzipiert), druckten die Schweizer seit 1985 einfach diese Vignetten. Und das rechnet sich:

    So werden zum Beispiel die jährlichen Kosten im Bereich Straßenbau und -Unterhalt (4,2 Milliarden Euro) mehr als vollständig durch die Einnahmen aus Steuern und Autobahnvignetten (4,9 Milliarden Euro) gedeckt.
    (Quelle: Spiegel-Online vom 5.1.07)

    In Deutschland müssen beim PKW-Verkehr nach wie vor die Kraftfahrzeug- und die Mineralölsteuer ausreichen, um den Strassenbau und -Unterhalt zu finanzieren. Nur leider tankt niemand freiwillig in Deutschland. Der Fernverkehr, der auf dem Weg von Skandinavien nach Sizilien durch Deutschland rollt, tankt dort, wo es am günstigsten ist. Diesel in Deutschland, Benzin in der Schweiz.

  • Der Verkehr kostet mehr als er bringt, und niemanden kümmert das in der Schweiz
  • Trotzdem ist der Verkehr, der durch die Schweiz fliesst, für das Land ein Verlustgeschäft:

    Eine jährliche gesamtvolkswirtschaftliche Wertschöpfung von 46 Milliarden Schweizer Franken (28,5 Milliarden Euro) (knapp 11 Prozent des Bruttoinlandprodukts) steht einem Kostenblock von 65 Milliarden (40,3 Milliarden Euro) gegenüber. Mit anderen Worten: Der so oft als „Motor der Wirtschaft“ gepriesene Straßenverkehr ist in Wahrheit ein Verlustgeschäft – zumindest in der Schweiz.
    (Quelle: Spiegel-Online vom 5.1.07)

    Die Schweizer geben sich in ihr Schicksal und zahlen:

    Interessanterweise hat die Bekanntgabe des Defizits unter den Schweizer Bürgern keine Beunruhigung ausgelöst – eher im Gegenteil. Viele Experten von Umweltverbänden und wissenschaftlichen Instituten waren von deutlich höheren wirtschaftlichen Verlusten ausgegangen.
    (Quelle: Spiegel-Online vom 5.1.07)

    Vielleicht wird ja in Zukunft sogar Werbung in den Nachbarländern gemacht für eine Butterfahrt Tankfahrt in die Schweiz, um diese Defizite zu mindern? Käse, Schoggi, Gewürze, Uhren und Benzin. Jetzt lohnt sich der Ausflug zu den Eidgenossen! Reservekanister nicht vergessen einzupacken. Siehe auch: Was ist billig in der Schweiz?

    Der Schweizer Dieter Moor über deutsche Direktheit

    März 22nd, 2010
  • Bio-Bauer in Brandenburg
  • Im Magazin vom 20.03.10 lasen wir ein spannendes Interview mit dem gebürtigen Zürcher Dieter Moor, der heute mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof bei Berlin betreibt. Er ist in Deutschland als TV-Moderator bekannt und schrieb zuletzt ein Buch über sich als Schweizer in Brandenburg.
    Dieter Moor
    (Quelle Foto: Barbarella.de)
    Im Interview wurde er gefragt:

    Sind Ihnen die Deutschen jetzt nicht zu direkt?
    Mir nicht, aber mit dieser Direktheit hat es vielleicht zu tun, dass Deutsche und Schweizer in der Schweiz manchmal aneinander scheitern. Andererseits: Wenn der Schweizer Chefarzt sagt, Frau Ursula, ich wär dann schon noch froh, Sie würden es in Zukunft so machen — dann kommt das zwar sehr nett rüber, aber es ist im Inhalt nicht anders, als wenn der deutsche Chef sagt, ich will diesen Mist hier nicht mehr erleben, noch einmal, und ich verwarne Sie. Da musst du als Ausländer auch erst mal durchblicken.
    (Quelle: Das Magazin)

    Das „noch“ bereitet nicht nur Dieter Moor Schwierigkeiten. Er sagt im gleichen Interview:

    Sie haben, bevor Sie nach Deutschland gingen, in der Schweiz gewohnt, davor aber lange in Österreich. Wie erlebten Sie damals, als Sie zurückkamen, die Schweiz?

    Ich hatte das Grundgefühl, dass ich die Codes nicht mehr kenne. Nach dreizehn Jahren Wien hatte ich Mühe, die Sätze zu dechiffrieren. Ich wusste nicht mehr, was einer meint, wenn er einen Vorschlag von mir beurteilt, mit den Worten, ja, ist noch interessant. Was hiess das? Fand er meine Idee gut oder schlecht?
    (Quelle: Das Magazin)

    Nun, sie war ganz einfach „noch interessant“. Später dann nicht mehr, so wie das Wetter „erst noch“ gut ist, und es später dann regnet. Noch heisst hier „und ausserdem, im Übrigen“.

  • Dat war richtig Scheisse von dir
  • Über die deutsche Streitkultur sagt Moor:

    Streitet man sich in Deutschland anders?
    Das Konfliktpotenzial, das ich hier seit sechs Jahren erlebe, ist ein völlig anderes. Es kracht relativ schnell, aber wenns rum ist, ist es wirklich rum. Wenn mir ein Schweizer sagt, okay, Schwamm drüber, dann traue ich der Sache nicht. Wenn mir hier in Brandenburg ein Nachbar sagt, dat war richtig Scheisse von dir, Dieter — dann wird das besprochen, und letztlich sagt er, jut, jetzt sind wa wieder Kumpel. Und das hält dann auch!
    (Quelle: Das Magazin)

    Da sagt ein Schweizer, dass er einem Schweizer nicht traut, wenn dieser „Schwamm drüber“ sagt? Haben wir das richtig gelesen? Nach so vielen Jahren in Deutschland wird er verlernt haben, das Ungesagte zu hören und bleibt stets auf der Hut vor „Hinterrüggsli“. Muss man das in der Schweiz einfach verinnerlicht haben, diese Verhaltensweise?