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Der Schweizer Dieter Moor über deutsche Direktheit

  • Bio-Bauer in Brandenburg
  • Im Magazin vom 20.03.10 lasen wir ein spannendes Interview mit dem gebürtigen Zürcher Dieter Moor, der heute mit seiner Frau einen Bio-Bauernhof bei Berlin betreibt. Er ist in Deutschland als TV-Moderator bekannt und schrieb zuletzt ein Buch über sich als Schweizer in Brandenburg.
    Dieter Moor
    (Quelle Foto: Barbarella.de)
    Im Interview wurde er gefragt:

    Sind Ihnen die Deutschen jetzt nicht zu direkt?
    Mir nicht, aber mit dieser Direktheit hat es vielleicht zu tun, dass Deutsche und Schweizer in der Schweiz manchmal aneinander scheitern. Andererseits: Wenn der Schweizer Chefarzt sagt, Frau Ursula, ich wär dann schon noch froh, Sie würden es in Zukunft so machen — dann kommt das zwar sehr nett rüber, aber es ist im Inhalt nicht anders, als wenn der deutsche Chef sagt, ich will diesen Mist hier nicht mehr erleben, noch einmal, und ich verwarne Sie. Da musst du als Ausländer auch erst mal durchblicken.
    (Quelle: Das Magazin)

    Das „noch“ bereitet nicht nur Dieter Moor Schwierigkeiten. Er sagt im gleichen Interview:

    Sie haben, bevor Sie nach Deutschland gingen, in der Schweiz gewohnt, davor aber lange in Österreich. Wie erlebten Sie damals, als Sie zurückkamen, die Schweiz?

    Ich hatte das Grundgefühl, dass ich die Codes nicht mehr kenne. Nach dreizehn Jahren Wien hatte ich Mühe, die Sätze zu dechiffrieren. Ich wusste nicht mehr, was einer meint, wenn er einen Vorschlag von mir beurteilt, mit den Worten, ja, ist noch interessant. Was hiess das? Fand er meine Idee gut oder schlecht?
    (Quelle: Das Magazin)

    Nun, sie war ganz einfach „noch interessant“. Später dann nicht mehr, so wie das Wetter „erst noch“ gut ist, und es später dann regnet. Noch heisst hier „und ausserdem, im Übrigen“.

  • Dat war richtig Scheisse von dir
  • Über die deutsche Streitkultur sagt Moor:

    Streitet man sich in Deutschland anders?
    Das Konfliktpotenzial, das ich hier seit sechs Jahren erlebe, ist ein völlig anderes. Es kracht relativ schnell, aber wenns rum ist, ist es wirklich rum. Wenn mir ein Schweizer sagt, okay, Schwamm drüber, dann traue ich der Sache nicht. Wenn mir hier in Brandenburg ein Nachbar sagt, dat war richtig Scheisse von dir, Dieter — dann wird das besprochen, und letztlich sagt er, jut, jetzt sind wa wieder Kumpel. Und das hält dann auch!
    (Quelle: Das Magazin)

    Da sagt ein Schweizer, dass er einem Schweizer nicht traut, wenn dieser „Schwamm drüber“ sagt? Haben wir das richtig gelesen? Nach so vielen Jahren in Deutschland wird er verlernt haben, das Ungesagte zu hören und bleibt stets auf der Hut vor „Hinterrüggsli“. Muss man das in der Schweiz einfach verinnerlicht haben, diese Verhaltensweise?

    

    10 Responses to “Der Schweizer Dieter Moor über deutsche Direktheit”

    1. Phipu Says:

      Es stimmt, dass man mit den Wörtern „noch“ und „schon“ das Gesagte abschwächen kann. Und davon wird hierzulande ganz rege Gebrauch gemacht. Wer allerdings aufmerksam liest, sieht, dass auch der deutsche Arzt im Beispiel mit „noch einmal…“ die Assistentin verwarnt.

      Ich behaupte, dass Jens die Bedeutung im „noch interessant“ auch nicht ganz erfasst hat. Wäre „noch ganz interessant“ oder „ganz interessant“ oder „recht interessant“ klarer? Es ist einfach nicht „verdammt interessant“ oder „sehr interessant“. Aber nun kommt der Teil, den auch Herr Moor nicht bemerkt hat. Was erwartet man nach einer solchen Aussage? Richtig, ein „aber …“ Blogwiese-Leser wissen, dass der nicht ausgesprochene Teil der Antwort genau so wichtig ist, wie der gesagte, siehe hier: http://www.blogwiese.ch/archives/1213. Nur auf nachdoppeln (DE: nachhaken) findet man schlussendlich anhand des darauf folgenden Gesprächsverlaufs heraus, wieso die Idee nicht uneingeschränkt „genial/grandios“ o.ä. ist. Jemand, der diesen Kommentar „noch interessant“ entschlüsseln kann, sollte folgendes hören. „Ich finde, du hast hier einpaar wertvolle Überlegungen drin.“ Ein gewiefter Deutschschweizer Kommunikator wird also anschliessend vorauseilend auf den nur gedachten zweiten Teil antworten „ …aber hast du dir die Nachteile schon überlegt?“.

      Beispiel eines solchen Gesprächs:
      Könnte man die Personalinformationen nicht vielleicht am Eingang aufhängen*? – Hm, deine Idee ist noch interessant! – Ich dachte dass das der Hansruedi übernehmen könnte, weil, der ist in seinem Projekt sowieso nicht ausgelastet. – Tja, eigentlich schon. – Man müsste das am Freitag machen, so dass wir am Montag gleich nach dem neuen System anfangen können. – Dann müsste vorher noch das Personal informiert werden – Ja, ich dachte, das könnte ich machen, und zwar am Mittwoch mit einem persönlichen Schreiben an alle. – Na, in dem Fall** … – Danke für deine Unterstützung.

      * Merke: es heisst nicht „Ist doch scheisse, dass die Personalinfos im 3. Stock hängen, ich will, dass die runter kommen!“

      ** Heisst etwa „Wenn dem so ist…“, siehe auch: http://www.blogwiese.ch/archives/144

      Kein Wunder haben wir Mühe mit Ländern, die die Bevölkerung eines anderen Staates unverblümt auffordern, ihre Aussenministerin in den See zu werfen. Mit so direkter Auftragserteilung kann sich ein erzogener Mensch doch nicht ausdrücken, dann ist es „erst noch***“ ein Typ mit Diplomatenstatus, von denen man ein gewisses sprachliches Understatement erwartet.

      *** heisst „noch dazu“, wo auch auf Deutschlanddeutsch ein „noch“ vorkommt, nebst allem, was die Kommentare hier schon erklären: http://www.blogwiese.ch/archives/178

    2. neuromat Says:

      @ Phipu

      „Kein Wunder haben wir Mühe mit Ländern, die die Bevölkerung eines anderen Staates unverblümt auffordern, ihre Aussenministerin in den See zu werfen.“ – … obwohl noch so mancher dies unaufgefordert gerne einmal machen würde 🙂

    3. neuromat Says:

      Gestern lag Ditaaaas Buch in der Post. Das von der arschlochfreien Zone. Kann es nur empfehlen, lange nicht mehr so gelacht.

      [Anmerkung Admin: Es geht um das neue Buch von Dieter Moor, siehe hier. ]

    4. Zelina Says:

      das es nachdem es gekracht hat in deutschland mit dem streiten rum ist finde ich einen schönen wesenszug. ist mir lieber, als das ewige hin und her und dem ständigen nachtragen.

    5. Marroni Says:

      Mein lieber Neuromat. Das mit dem „in den See schmeissen“ hat der Sohn GhadAFFi im Asterix *gelesen* grins. DU schuldest mir ja immer noch die Würste! Jawoll!

    6. neuromat Says:

      @ Marroni

      das sehe ich anders. Da lasse ich mich nicht (er)pressieren. Du hattest einfach keine Zeit mit zu fahren, weil Du lieber Deine Marroni verkaufen möchtest, als ne Wuascht essen gehn. 😉

      Den Weihnachtsmarkt wird es noch lange geben, vielleicht kannst Du ja dieses Jahr einen Wochenendtag opfern. Denn wir müssen dabei unbedingt dieses grosse alte Kettenkarussell fahren!

    7. berner Says:

      Ich finde persönlich diese Blogartikel zur Schweizerischen bzw. Deutschen Kommunikation sehr interessant.

      Allerdings werden die Deutschen von den Schweizern ja nicht für ihre Direktheit an sich kritisiert, sondern, dass die Deutschen auch im Ausland das Gefühl haben (und den dort Ansässigen das Gefühl geben), ihre Kommunikationsart sei die Richtige und sollte auch im Ausland dementsprechend gepflegt werden. Besonders krass habe ich das in Japan erlebt (dessen Kommunikationsformen noch indirekter sind als die Schweizerischen): dort gab es etliche Deutsche, die ihre Kommunikationsart auch dort nicht aufgeben wollten und permanent der Ueberzeugung waren, sich den japanischen Kommunikationsformen so wenig wie möglich anpassen zu müssen.

    8. neuromat Says:

      das finde ich jetzt wirklich doch sehr lustig. Nun komme ich aus einer Region mit der wahrscheinlich grössten japanischen Ausländerkolonie in Europa. Bei den Spitälern sind sogar die Telefonansagen auf Japanisch.

      Es gibt dort einen Japan Tag seit 2002. Das ist alles total zurückhaltend, zum Beispiel der Bon-Tanz, an dem alle teilnehmen dürfen. Es gibt dort ein japanisches Kulturzentrum. Auf ca. 35 ha liegen japanische Geschäftshäuser, Läden, Restaurants, Imbisse und so weiter. Oft wird dort nur japanisch gesprochen.

      Ich erinnere mich noch sehr gut an einen zufälligen Abend mit viel Kushiyaki. Das war laut, freundlich, die waren alle direkter als ich, alles mögliche vom Grill wurde aufgetragen, als ich mich umsah, waren wir die einzigen Europäer in dem Laden (dort gibt es noch nicht einmal eine Speisekarte auf Englisch).

      Seit einigen Jahren entdeckt jetzt die Schweiz offensichtlich „Japan“. Diese Entdeckung erinnert mich sehr an die meisten China-Restaurants in Deutschland: Du musst sehr lange laufen, bis Du eines findest, dass Dir Original Küche aus der Herkunft Region des Koches (wenn der nicht sowieso Thai ist) bietet. Wenn ich an die „Sushi“-Stuben in der Innerschweiz denke, und dies vergleiche mit der oben genannten Region und dann den berner Comment lese, weiss ich nicht, was ich von solcher Kennerschaft zu halten habe.

      Richtig ist aber, dass es in bestimmten Situationen jeweils ein ganz anderes Verhalten erfordert. Richtig ist auch, dass alles Fremde, jeder Fremder in Japan sehr abwertend gesehen wird. Und so weiter, und so weiter – gibt es da vielleicht auch mögliche Uebereinstimmungen zur Schweiz.

      Da empfehle ich doch „Die Axt im Chrysanthemenwald“ von Kerstin und Andreas – die haben natürlich uebrhaupt keine Ahnung von Japan.

      Und ich suche sie immer noch. Die ganzen lauten, direkten Bekehrerdeutschen – es können nicht viele sein. Die sind zuhause geblieben.

    9. berner Says:

      Ich möchte hinzufügen, dass ich gut 5 Jahre in Japan gelebt habe und mich dort auch sehr wohlgefühlt habe. Und ich wollte nicht auf „laute, direkte Bekehererdeutsche“ anspielen, sondern nur auf meine persönliche Erfahrung, dass es viele Deutsche gab, die sich einer bestimmten Situation in Japan nicht anpassen konnten/wollten. Ich mag direkte Kommunikation sehr und erachte sie als sehr effizient- und verteufle auch deshalb viele Schweizerische Gepflogenheiten – aber man muss sich bewusst sein, dass bspw. in japanischen Verhandlungen direkte Kommunikation, auch wenn sie noch so ruhig und sachlich vorgetragen wird, zu nichts führt. Und Fremde werden in Japan nicht grundsätzlich abwertend gesehend; sie werden nur abwertend gesehen, wenn sie die (unzähligen) japanischen Sozialcodes nicht begreifen wollen. Und da gibt’s tatsächlich eine Uebereinstimmung mit der Schweiz: Fremde (wie auch ich einer bin in der Schweiz), werden nur abwertend behandeln, wenn sie sich über schweizerische Eigenheit und Sitten selbstverständlich hinwegsetzen.

      Aber wie erwähnt, dies beruht nur auf persönlichen Erfahrungen und natürlich werde ich mir dein Buch – zumindest teilweise – zu Gemüte führen und mich eines Besseren belehren lassen. Nicht einverstanden bin ich allerdings mit deiner Einschätzung bzgl. Japan-Restaurants: in Bern bspw. sind die bekanntesten japanischen Restaurants (Kabuki, Sushi-Bar, Ambassador, Japigo, Namamen) durchwegs authentisch, und auch dementsprechend teuer. Aber klar, in anderen Schweizer Städten mag dies anders aussehen, da fehlt mir die Erfahrung.

    10. neuromat Says:

      Die Restaurant Hinweise werde ich gerne versuchen. In der Innerschweiz konnte ich leider, leider wenig finden.

      Deine Erfahrungen stimmen mich schon nachdenklich. Gerade für diesen Raum China und Japan gibt es eine Reihe von „Knigges“ wird immer wieder im Hinblick auf die Geschäftsbeziehungen auf die Notwendigkeit der Einhaltung der Gepflogenheiten hingewiesen, dass ich mich frage, ob das dann alles vergessen wird, oder sind die dann zu nervös und fallen in alte Verhaltensmuster. Es gibt Studiengänge zu dem Thema. Angeblich reisen diese „Experten“ dann mit.

      Vielleicht findest Du ja im erwähnten Buch in der Figur des karrikierten Deutschen, beispielhaft denjenigen, der dann in der Mehrzahl immer wieder auftrat. Oder es waren Bayern, denen ja wiederum der Ruf der Direktheit selbst in Berlin nachgesagt werden soll. 😉

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