In meiner Kindheit im Ruhrgebiet, also in Nord-Westdeutschland gab es bei uns daheim nur an sehr besonderen Anlässe, z. B. an Silvester, „Fondue“ zu essen. Dazu wurde Öl auf dem Gasherd zum Sieden gebracht und dann mit einer heissen Spiritusflamme am Köcheln gehalten. Weniger gefährliche Brennpaste gab es nicht. In der Ecke stand ein Eimer mit einer nassen Decke, um im Notfall einen Zimmerbrand löschen zu können. In diesen Sud gab man auf Spiesse gesteckte Schweine- oder Rindfleischstückchen, die dann herrlich im Öl zischten und brodelten, bis sie so richtig schön nach Frittenbude schmeckten. Die Technik des Frittierens war uns Kindern wohl bekannt von den zahlreichen Pommesbuden, die es im Ruhrgebiet regelmässig im Abstand von 500 Meter in jeder belebten Strasse gibt. „Fleisch-Fondue“ war lecker, auch wenn uns regelmässig schlecht wurde von diesen Unmengen halb gegartem Fleisches, und der Fettgeruch und – geschmack danach tagelang in den Gardinen hing.
Schoko-Fondue am Kindergeburtstag
Dann gab es da noch die „Schoko-Fondue“ Variante an Kindergeburtstagen. Dazu wurde kein Fett, sondern Vollmilchschokolade kiloweise im Fondue-Topf zum Schmelzen gebracht, und nun mussten aufgespiesste Bananen- oder Ananas-Stückchen durch die Schokolade gerührt und dann verzehrt werden. Allen Gästen wurde unter Garantie auch hier nach maximal 20 Minuten „Schoko-Fondue“ ganz anders vom übermässigem Schokoladenverzehr. Das war recht und billig, denn so konnte das spätere Abendessen der Geburtstagsgesellschaft einfach wegfallen, es war sowieso allen kotzübel.
Asterix bei den Schweizern und Emil kennt jeder Deutsche
Schoko-Fondue war auch ein Abenteuer für uns Kinder, bei dem es galt, bloss nicht das Fruchtstückchen in der dunklen Masse zu verlieren. Denn für diesen Fall waren diverse Strafen vorgesehen. Nicht gerade die berühmten „Fünf Stockschläge“, oder „die Peitsche, sie ist aber noch nicht trocken“ oder „mit einem Stein an den Füssen in den See…“ wie wir sie sehr bald aus „Asterix bei den Schweizern“ lernten. Dieses bedeutende literarische Werk war für uns als Kindern neben den Auftritten von Emil Steinberger im Deutschen Fernsehen sicherlich die zweite wichtige Informationsquelle, aus der wir etwas über die Lebensweise und Eigenarten der Helvetier erfuhren.
Viele Schweizer ahnen nicht, wie stark diese Zitate aus „Asterix bei den Schweizern“ bei den Deutschen präsent sind, wenn diese zum ersten Mal in die Schweiz kommen und hier zu einem Käse-Fondue eingeladen werden. Dass man auch Käse beim Fondue schmelzen und essen kann und die Bezeichnung Fondue von „fondre“ = Schmelzen (und nicht von „fonder“ = begründen, aufbauen eines Käseklotzes im Magen) kommt, das hatten uns unsere Eltern beim Fondue mit Brühe oder Öl und Schweine- oder Rindfleisch nicht erklärt. Die ersten Bilder dieser Käsefondues sind erst per Asterix-Lektüre in unser Bewusstsein gedrungen.
Wir schmelzen uns einen Chinesen
In der Schweiz angekommen wurden wir bald in die Feinheiten des Fondues eingeführt, die da sind: „schwer im Magen liegend“, „sehr schwer mit Magen“, „sauschwer im Magen liegend“. Nein, gemeint ist natürlich der Unterschied zwischen einem „Fondue Bourguignonne“ und einem „Fondue chinoise“. Bei der ersten Variante wird niemand aus dem Burgund und bei der zweiten Variante niemand aus China zum Essen eingeladen oder gar verspeist. Obwohl es ein beliebter Spass beim Fondue-Essen ist, nach der dritten Flasche Fendant zu fragen, wie man eigentlich „Bourguignonne“ buchstabiert, bzw. korrekt ausspricht.
Es gehört neben dem französischen Wort für Blinker (am Auto, Amtsdeutsch „Fahrtrichtungszeiger“)= „Clignotant“ zu unseren Lieblingswörter, die sicher von eingewanderten Festlandchinesen nach Frankreich eingeführt wurden. Richtig betont klingen beide Wörter wie eine Provinz in Südchina. Doch zurück zu den Fondue-Sorten. Wiki belehrt uns:
Spricht man von Fleischfondue, so meint man entweder das Fondue Bourguignonne oder das Fondue chinoise, als japanische Variante Shabu-Shabu genannt. Das „Chinesische Fondue“ ist auf Bouillongrundlage; in der heissen Fleischbrühe kocht jeder Teilnehmer selbst am Tisch seine Fleischstücke, feingeschnittenes Fleisch, Fisch und andere Meeresfrüchte, aber auch Gemüse. Ein typisches Gerät für die Zubereitung des „chinesischen Fondue“ ist der Mongolentopf. In der Variante Bourguignonne gart man die Zutaten im heissen Fett beziehungsweise Öl.
Eine weitere Art ist das Fondue Bacchus. Dabei wird gleiches Fleisch und Würzmischung wie beim Fondue Chinoise, aber anstelle von Bouillon wird Weisswein verwendet. Diese Zubereitung ist vor allem im Wallis bekannt.
Obwohl bei keiner dieser Arten etwas geschmolzen wird, spricht man dennoch von „Fondue“.
(Quelle Wiki Fondue )
Als wir früher Fleischfondue mit Brühe statt heissem Fett assen, hatten wir keine Ahnung, dass es hier ein „Fondue Chinoise“ war, dass uns vorgesetzt wurde. Es wäre dann eher ein „Schiinoise“ geworden, denn im Norden von Deutschland wird bekanntlich das „ch“ wie „sch“ gesprochen, also „Schina“, „Schemie“ und „Schemikalie“. Besucher aus dem Süddeutschen Raum, die in Norddeutschland plötzlich von „Khina“, „Khemie“ oder „Khemiekalie“ sprachen, machten sich unfreiwillig zum Gespött jeder Tischrunde.
Es ist schon ziemlich diskriminierend, was hinsichtlich der Aussprache von „Ch“ bei diesen Wörter in Deutschland abgeht. In der Standardsprache wird es als „SCH“ gesprochen, also im Mitten und Norden von Deutschland, das Schwabenland und Bayern ist sich aber mit den Schweizern darüber einig, dass diese Wissenschaft mit einem gesprochenem „K“ beginnt. Auch „Kinakohl“ (Chinakohl) hat im Süden vorn und hinten ein gesprochenes „K“ und ist im Norden „Schinakohl“.
Schina oder Kina?
Die Diskriminierung und der Spott wird einem gleichfalls als Norddeutscher zugeteilt, wenn man naiv in den Süden reist, und meint, die korrekte Aussprache sowieso gepachtet und allgemeingültig für alle Zeit intus zu haben. Nirgend woran scheiden sich die Geister so leicht wie an der Aussprache dieser Wörter. „Toleranz für Varianten“? Nie gehört, jeder glaubt fest und bestimmt, dass nur seine persönliche Aussprache, ob „Schina“ oder „Kina“ richtig sei und amüsiert sich köstlich, wenn er etwas anderes hört. Ob Sie selbst mitlachen dürfen oder eher ausgelacht werden hängt davon ab, ob Sie in der sprachlichen Minderheit oder in der Überzahl sind, also als Norddeutscher in Zürich oder als Schweizer in Hamburg leben. So kann man auch mit kleinen Sachen den Menschen eine Freude machen.
In früheren Jahren bekam ich als Norddeutscher meinen ersten innerdeutschen Kulturschock, als ich das heimische Pommesbuden- und Trinkhallen-Paradies Ruhrgebiet verliess und zum Zivildienst ins tiefste Schwabenland in die Heimat von Harald Schmidt auswanderte. Der hatte dort von 1978 bis 1981 an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart das Fach Schauspiel studiert.
Nicht weit von Stuttgart besuchte Harald Schmidt das Gymnasium in Nürtingen. Dort in der Nähe lernte ich meine ersten schwäbischen Sätze. „Wo gange mir no?“ zum Beispiel war eine häufige Frage, die mir von den zu betreuenden erwachsenen Geistigbehinderten gestellt wurde. Der Satz heisst auf Hochdeutsch verschriftet: „Wo gehen wir nach“ und hat nichts mit verstellten Uhren zu tun, sondern meinte schlichtweg: „Wohin gehen wir?“. Im Kohlenpott wäre das einfach „Wo gehze?“ gewesen. Auch die immer wieder fällige Satzbetonungsfloskel „Woisch des?“, mit der sich mein Gegenüber darüber versicherte, ob ich eine wichtige Sache bereits weiss, ging mir schnell ins Ohr. Und das typisch schwäbisch „Gell?“, über das manche Norddeutschen schmunzeln und gleichzeitig „Wah?“, „Woll?“ oder „Nö?“ von sich geben um die Kommunikationskanal weiterhin offen zu halten, ging mir schnell in Fleisch und Blut über. In Basel wurde es dann später durch ein kräftiges „Oderrrr?“ ersetzt.
Von der Alb komm ich herab, auf die Alb muss ich rauf
Ich erwanderte mir an den dienstfreien Wochenende den „Albtrauf“ , d. h. die Abbruchkante dieses Mittelgebirges, dass sich von Süden her weit ins Schwäbische Land schiebt und im Durchschnitt 400 Meter hoch ist.
(Die Schwäbsiche Alb bei Bad Urach. Quelle Foto: laufspass.com)
Man fährt drum von Stuttgart „rauf auf die Alb“ oder man gibt seine Herkunft an als „von der Alb raa“. Dieses „raa“ klingt wie „Rabe“ und war mir lange Zeit unerklärlich, bis ich lernte, dass es einfach die Kurzform von „von der Alb ‚herab‘“ bedeutet.
Später, als ich in der Stuttgarter Industrie in den Semesterferien hochbezahlte Ferienjobs bekam (1984 für sage und schreibe 15 DM = damals ca. 12 Franken die Stunde), kam eines Morgens um ca. 6:30 Uhr ein ur-schwäbischer Kollege auf mich zu und sagte diesen Satz: „I bii heut‘ früh schon auf die Alb gehupft“. Ich hatte diesen Satz genau so verstanden, und wunderte mich sehr, warum der gute Mann in aller Herrgottsfrühe zu einer Wanderung auf die schwäbische Alb unterwegs sein sollte, so sportlich kam er mir gar nicht vor. Nun gut, Bergsteiger lieben das Morgenrot, und vielleicht ist dann die Luft am besten und die Aussicht vom Albtrauf rüber ins diesige Stuttgart besonders schön. Also fragte ich nach, welchen Gipfel er denn erklommen habe. „Noi noi, nit uff die Alb, uff die Alt‘ “.
Plötzlich schwante mir, was mir der gute Mann sagen wollte: Er habe an diesem Tag vor dem Aufstehen um 6.00 Uhr bereits den Geschlechtsverkehr mit seiner Gattin vollzogen, er sei auf die „Alte gehüpft“. Wunderbar, auch das hatte ich begriffen. So ein Ereignis ist für ihn wahrscheinlich so selten gewesen, dass er es sogleich seinen Kollegen der Frühschicht mitteilen musste.
Da guckst Du nach der Gugg fürs Veschpa
Weitere überlebenswichtige Wörter, die ich im Zivildienst im Schwabenland erlernte war „Mei Veschpa“, womit der einheimische Sprecher nicht den draussen vor der Tür geparkten Vespa-Motorroller meinte,
(Ist dies „Mei Vespa“? Quelle Foto: wdr.de . Rechte akg-images)
wie ich zunächst glaubte, auch nicht den katholischen „Vesper-Gottesdienst“ (im pietistisch-protestantischen Schwabenland eher selten) sondern sein Pausen- oder eben „Vesperbrot“.
Dies wurde ordnungsgemäss verpackt in einer „Gugg“, der schwäbischen Tüte, die mir später in der Schweiz als „Guggenmusik“ erneut vor die Ohren kam.
Eine Rolle ist keine Wurst
Dann waren da noch die wichtigen Wörter für die Notdurft. Als auf einer Wanderung einer der mir anvertrauten jungen Männer plötzlich das dringende Bedürfnis anmeldete, er müsse sogleich „Rolle machen“, ging ich davon aus, dass es sich um eine sauber abgeseilte runde Wurst handeln müsse, eine „Rolle“ eben. Ich hatte den mir anvertrauten Betreuten ganz umsonst in den tiefsten Wald geführt, in der Annahme, es würde was „Grosses“ folgen. Doch der junge Mann pinkelte schlichtweg einfach an die nächste Tanne. Das war es, was er unter „Rolle machen“ verstand. „Noi, koi Stinker…“
Auch das hatte ich dann verstanden. Stets denke ich an diese Sprachlektion im Schwäbischen, wenn wir zwischen Lausanne und Genf am hübschen Ort „Rolle“ vorbeifahren und frage: „Na, muss irgendjemand Rolle machen in Rolle?“
Der folgende Artikel von Anushka Roshani findet sich hier in der Wochenendbeilage diverser Schweizer Tageszeitung, genannt „DAS MAGAZIN„.
Alles halb so wild mit den Deutschen? Die SVP hetzt mit ihren journalistischen Wahlhelfern gegen Deutsche. Und erschafft je länger, je mehr einen Konflikt, den es so nicht gibt. Wie sieht der Alltag etwa in einem Zürcher Spital wirklich aus?
Sie schnappen uns die tollen Jobs weg, die Wohnungen, die Männer. Sie bitten beim Bäcker nicht höflich um ein Gipfeli, sie bellen quer durch den Raum «Ich krieg ein Brötchen!». Sie nehmen uns nicht ernst, aber unsere Gastfreundschaft in Anspruch. Sie sprechen unsere Sprache nicht, dafür ihre umso lauter. Sie ziehen nicht in die Schweiz, sie annektieren sie; sie können gar nicht anders, historisch bedingt. Und sie holen ihresgleichen nach, denn je mehr Deutsche da sind, desto weniger bleiben übrig, an die sie sich gewöhnen müssen.
Für ein Brötchen würde ich echt nicht durch den Raum bellen, für ein paar Semmeln oder Schrippen oder Wecken auch nicht. In welcher Bäckerei soll denn das gewesen sein? Eine klare Ansage in einer Kölner Kneipe: „Ich krieg noch ne Stange“ an der Theke empfiehlt sich, um vom Wirt überhaupt ernst genommen zu werden. Wer mag kann auch ein „Bitte“ angehängen, ist aber nicht nötig. Ein freundliches Gesicht oder ein Lächeln hat den gleichen Effekt. Bezahlen ist wichtiger, und schnell austrinken.
So sieht es aus, das Zusammenleben von Deutschen und Schweizern in der Deutschschweiz — wenn man SVP-Vertretern wie Christoph Mörgeli und ihren Brüdern im Geiste, Journalisten wie den «Weltwoche»-Chefs Markus Somm und Roger Köppel glaubt. Kein Miteinander, nirgends. Nein, ein einziges Gegeneinander, ein Hauen und Stechen, und als Hauptwaffe — oft genug als Totschlagkeule — die Sprache.
Also müssen die schlimmsten Schlachtfelder dort sein, wo sie sich in enormer Zahl tummeln: in den Spitälern. Rund 16 000 Angestellte im Schweizer Gesundheitswesen stammen: aus Deutschland. Also muss da, wo es Tag für Tag um Frakturen und Prellungen des Alltags geht, auch der Ort grösster Verwundung von Schweizern durch Deutsche sein.
So zogen wir aus, das Fürchten zu lernen. Ins Zürcher Stadtspital Triemli. In einigen Abteilungen ist knapp ein Viertel des Personals deutsch. Im Gepäck hatten wir einen Haufen Bilder: deutsche Oberärzte, welche Krankenschwestern auf gut Deutsch zusammenscheissen; Chefs aus Stuttgart oder Hamburg, die auch bei den engsten Mitarbeitern auf die Gott-in-Weiss-Anrede «Herr Professor» bestehen; verschüchterte ältere Patienten aus dem Thurgau oder Bündnerland, dem zackigen Hochdeutsch auf dem OP-Tisch ausgeliefert wie dem Skalpell und den grellen Scheinwerfern.
Nicht zackiges Hochdeutsch, aber klar formuliertes und langsam ausgesprochenes Hochdeutsch hörte unser Schweizer Nachbar, als er mit akutem Herzrasen auf die Notfallambulanz gebracht worden war. Er verstand es gut, allein er war nicht in der Lage, bei dem körperlichen Stress, unter dem er stand, nun auch auf Hochdeutsch zu antworten. War aber kein Problem für den Arzt aus Deutschland, der ihn behandelte. Am Wochenende, denn für diese Schicht melden sich Inlandskollegen ungern freiwillig.
Und dann: nichts. Wohin wir auch kommen, wird abgewinkt — das sei ein reines Medienthema. Genau wie die Schweinegrippe. Diesen Satz hören wir immer wieder, von Deutschen, vor allem aber von Schweizern. Es gäbe kein Problem, keinen Konflikt, zumindest keinen, der durch die Nationalität bedingt sei, sagt unter anderem Daniel Passweg, stellvertretender Chefarzt der Maternité, gebürtiger Bieler.
Die Herkunft eines Arztes oder einer Pflegerin spiele keine Rolle. Weder würden sich die deutschen Kollegen absondern noch würden sie ausgeschlossen. Es gibt in den Wohnhäusern des Triemli kein Deutschen-Nest, es gibt keinen Deutschen-Stammtisch, keine deutsche Ärzte-Fussballmannschaft, die gegen ein Schweizer Team antritt. Vielleicht weil der Krankenhausalltag zu sehr von existenziellen Notwendigkeiten geprägt ist — geht es um Leben und Tod, ist die Frage danach, wo einer geboren wurde, eine luxuriöse.
Das heisst nicht, dass nicht schon manchem in der Kantine schlagartig aufgegangen ist, dass er am Tisch der einzige Schweizer unter lauter Deutschen ist. Sobald aber die Verblüffung dem Nachdenken weicht, fällt jedem wieder ein, dass es ohne die deutschen Kollegen gar nicht gehen würde — zu gross ist der Personalmangel. Das kann Oswald Oelz nur bestätigen. Oelz war von 1991 bis 2006 Chefarzt am Triemli. «Während meiner Zeit gab es nicht ein Problem zwischen Schweizern und Deutschen», sagt Oelz, «das Thema wird hochgeschaukelt.» Ausserdem seien Krankenhäuser seit jeher sehr international besetzt.
Stimmt. Als ich mit Beinbruch im Unispital lag, wurde ich von einer Holländerin, einem Deutschen, einer Tibeterin und noch ein paar anderen Nationalitäten gepflegt. Die Pflegefachkraft kam glaub aus Nigeria.
René Alpiger, Leiter der Pflege der Triemli-Intensivstationen, kann auf Anhieb nicht mal sagen, wer deutsch ist, wer Spanier, wer Schweizer. «So normal ist das.» Trotzdem hat er kürzlich einen internen Newsletter verfasst, in dem steht: «Im Rahmen der multikulturellen Zusammensetzung unseres IS-Teams sowie der Führungshaltung des Stadtspitals Triemli sind ausländerfeindliche Sprüche oder Handlungen sowie rassistische Bemerkungen nicht tolerierbar.»
Schweiz-Knigge
Warum dann das? «Die Deutschen sind wieder ein Thema. Weil die Medien uns Steinbrück, Fussball, SVP-Parolen auftischen, diskutieren wir das halt auch. Oder es fällt mal ein Spruch», sagt Alpiger. Ein solcher Spruch — mit dem Tenor: Hauptsache, das deutsche Fussballteam verliert den Match, egal, wer gewinnt — war eine flapsige Bemerkung zu viel für eine deutsche Kollegin, sie beschwerte sich.
Auch Barbara Moll, Leiterin der Interdisziplinären Pflege und seit 1987 in der Schweiz, kennt solche Sprüche — von ihrem Schweizer Ehemann, einem Gynäkologen. Wenn sie ein paar Tage zu Hause verbracht hat, in Wiesbaden, sagt er schon mal: «Nimm den deutschen Chef raus!»
Eine Schweizer Journalistin erzählte mir neulich, dass sie sich in Berlin den dortigen Umgangston so dermassen angewöhnt hat, dass sie damit in der Schweiz fast wie eine Deutsche damit aneckt. Kann also anstecken, schnell zur Sache zu kommen und zu sagen was man denkt.
Am Anfang war sie gekränkt, inzwischen denkt sie sich, dass er einfach sehr empfindlich auf Kraftausdrücke reagiert und sich ein paar davon wohl beim Heimatausflug in ihren Wortschatz zurückgeschlichen haben. Und sicher, das sei ja bekannt, ist die Kommunikation von Deutschen oft direkter als die der Schweizer. Aber deswegen Verständigungsschwierigkeiten? Unsinn, ob Mundart oder Hochdeutsch, es bleibe doch die gleiche Sprache, und jeder Deutsche bemühe sich um Rücksicht: Das distanzlose «Tschüss» zum Beispiel würden sich alle sofort abgewöhnen.
Ein Grossteil der hiesigen Deutschen hat ein geschärftes Bewusstsein dafür, wie schnell man unabsichtlich durch Worte und Verhalten anecken kann. Hat eine ausgeprägte Bereitschaft, sich anzupassen. Auch Professor Matthias Becker, seit anderthalb Jahren Chef der Triemli-Augenklinik, hat seinen selbst zusammengestellten Schweiz-Knigge stets im Hinterkopf: «Es gibt viele Momente, wo ich denke, halt, Stopp, sonst bist du der böse Deutsche!»
Diffuse Bedrohung
Dabei hat sich noch nie ein Patient von ihm darüber beklagt, von einem Deutschen behandelt zu werden, fast alle sprechen völlig selbstverständlich Dialekt mit ihm, und den Patienten wie den Kollegen sei das Wichtigste, dass der Arzt seine Sache gut macht. Dennoch schob Becker kürzlich das unwirsche Benehmen eines jungen Patienten auf sein Deutschsein. Später stellte sich heraus, dass sich der Mann bei den Schweizer Kollegen nicht weniger rüde aufgeführt hatte. Da wurde Becker klar, dass seine Sensibilität gegenüber dem Thema auch zu Fehlinterpretationen führen kann.
Dialekt als Deutscher von Schweizern zu hören ist nach wie vor das beste Zeichen dafür, nicht als etwas besonderes angesehen zu werden, für das nun das Hochdeutsch rausgekramt werden muss. Dennoch ist es für viele Schweizer schwierig, bei ihrer Muttersprache zu bleiben, wenn sie Standarddeutsche Antworten bekommen.
In der Tat ist es lächerlich, die Integrationsprobleme von Deutschen mit sorgenvollen Mienen zu erörtern. Mag sein, dass sich der eine oder andere Schweizer wirklich diffus bedroht fühlt — zum ersten Mal könnte ein Mittelständler dem Glauben verfallen, durch den Zuzug von Ausländern gefährdet zu sein. Er könnte fürchten, seine Privilegien durch den Neuen aus Deutschland zu verlieren. Doch liegt solch eine latente Angst nicht viel eher darin begründet, dass die bürgerliche Mitte in der Schweiz insgesamt an Land verliert?
Nichtsdestotrotz wird etwa in Fernsehsendungen wie dem «Zischtigsclub» das vermeintliche Problem in erregter Runde verhandelt. Wo aber sind sie genau, die grossen Eingliederungsschwierigkeiten? Lungern Deutsche arbeitslos auf der Strasse herum, dealen sie, fallen sie durch Gewalt und Verwahrlosung auf?
Natürlich gibt es Mentalitätsunterschiede zwischen Deutschen und Deutschschweizern, aber die gibt es auch zwischen Bernern und Zürchern. Natürlich sind unter den deutschen Chefärzten auch arrogante Säcke, und natürlich hat man dann die Neigung, denjenigen nicht bloss als arroganten Sack, sondern als arroganten deutschen Sack wahrzunehmen.
Alles richtig, aber was war zuerst da, das Huhn oder das Ei? Das Problem oder das Gefühl, ein Problem zu haben oder irgendwann irgendwie eines bekommen zu können?
Die Eierfabrik bzw., weil in der Schweiz sowas nicht existiert, die Gehege mit den freilaufenden Hühnern befinden sich in Schweizer Verlagshäusern.
Es kann doch kein Zufall sein, dass sich jemand wie Christina Springer länger gefragt hat, ob sie sich das wirklich antun muss: sich derartig wenig willkommen zu fühlen. Bei ihrer Ausbildung standen der Fachärztin aus Heidelberg genug andere Stellen offen, und sie überlegte im vergangenen Sommer hin und her, ob sie das Angebot aus Zürich annehmen sollte. In deutschen Zeitungen und Magazinen hatte sie immer wieder gelesen, dass Deutsche in der Schweiz alles andere als gern gesehen seien, sogar verhasst. Letztlich entschied sie sich dafür, weil ihr Freunde in der Schweiz bestätigten, dass «in Wahrheit alles halb so wild» sei.
Sonderbar, dass es Medienberichten heute noch gelingt, die Leute nervös zu machen. In einer Zeit, in der niemand mehr auf die Idee käme, die Wirklichkeit mit einem Flimmerbild zu verwechseln. Niemand mehr den Satz «Es steht in der Zeitung» als Beweismittel anführt. Jeder weiss, Medienbilder sind so naturidentisch wie das Erdbeerjoghurt mit der Erdbeere — ohne Geschmacksverstärker läuft gar nichts. Ohne Spektakel. Leise Töne im Fernsehen sind nun mal wenig unterhaltsam.
Und obwohl wir das alles wissen, haben es Zeitung und Fernsehen geschafft, gewollt oder nicht, mit dem Lamento über Deutsche nicht nur Quote, sondern auch Stimmung zu machen. Ein Feindbild aufzubauen, das im Konfliktfall mit der Wirklichkeit in Deckung gebracht wird.
Ute, eine Pflegerin aus Stuttgart, erzählt, dass sie früher, im Spital in Langenthal, Zeitungsartikel anonym ins Fach gelegt bekam, in denen alle Deutschen über einen Kamm geschoren wurden. An Nachschub war kein Mangel, in jeder dritten Ausgabe von «20 Minuten» findet sich etwas. Das Elend nahm erst mit ihrem Wechsel nach Zürich vor einem Jahr ein Ende.
Auch wir bekamen regelmässig solche Berichte anonym in den Postkasten gelegt. Was man uns damit sagen will? Sicherlich, dass man besorgt ist über diese negative Berichterstattung.
Deutschland-Klischees
Bei keiner anderen Nationalität, keiner anderen Volksgruppe würde man sich so ein Schubladendenken zugestehen — unvorstellbar, dass im französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen stundenlang über den Anpassungswillen etwa der Italiener debattiert wird. Jeder seriöse Journalist würde sich diskreditieren, wenn er Hochrechnungen vom Einzelnen auf einen Nationalcharakter anstellen würde. Das Ressentiment gegen die Deutschen dagegen darf man scheinbar öffentlich pflegen, selbst als sogenannter Intellektueller, denn sie haben ihre Popularität mit dem Dritten Reich auf Generationen hinweg verspielt. Und dann hinterher, wie Mörgeli, die Empörung der Professoren damit zu legitimieren, dass die SVP wohl «einen Nerv getroffen» haben müsse, als sie «deutschen Filz» an Schweizer Universitäten anprangerte — dieser Missbrauch der Historie grenzt an Perfidie.
Dabei haben die Deutschen durchaus aus ihrer Geschichte gelernt: Die allermeisten von ihnen — insbesondere jene, die ins Ausland ziehen, ob auf Dauer oder nur als Tourist — vergegenwärtigen sich die nationalsozialistische Vergangenheit wieder und wieder. Denn sie werden ja auch — zum Glück — ständig daran erinnert. Sie kennen die Schlagzeilen aus britischen Zeitungen, die «Blitzkrieg der Ballermänner» titelten. Sie kennen sämtliche Klischees vom ewig motzenden Kasernenhof-Deutschen. Und versuchen daher im vorauseilenden Gehorsam, hässliche Erwartungen zu unterlaufen.
„And please don’t mention the war..“ heisst der alte Joke von Monty-Python. Warum nicht? Ist doch ein spannendes Thema, für manche vielleicht noch nicht ausdisktutiert.
Über all dem haben sie aber auch die Einsicht gewonnen, dass man — wenn man sich in seiner Argumentation auf die Geschichte beruft — besonders vorsichtig sein muss, keine Lunte zu legen. Wie war das damals, als die Weimarer Republik und damit die deutsche Mitte zusammenbrach? Welchen Deutschen interessierte es vor 1933, welcher seiner Nachbarn «halb- oder vierteljüdisch» war? Welcher normale Bürger hatte sich zuvor jemals über eine Absurdität wie den von den Nazis definierten «jüdischen Charakter» Gedanken gemacht?
Die traurige Wahrheit ist: Sie fingen an, daran zu glauben. Warum — darüber denken Historiker, Soziologen, Psychoanalytiker seit Jahrzehnten nach. Die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass es nicht in einem «deutschen Wesen» begründet ist. Etwas — vielleicht die allgemein menschliche Tendenz, sich zu vergleichen und sein mögliches Unglück vom Glück eines anderen abhängig zu machen — war geschürt worden, so lange, bis es sich in ganzer Schrecklichkeit offenbarte.
Ist es da nicht wohltuend zu sehen, wie unbeeindruckt die Schweizer und Deutschen am Triemli bleiben? Wie unaufgeregt sie miteinander umgehen?
Und an vielen anderen Orten ist es sicherlich genauso. Trotzdem gibt es böse anonyme Briefe im Briefkasten, oder auch als Mail, aber dann kann man wenigstens drauf antworten.
Vor einem Jahr stand das Sommerfest der Intensivstation unter dem Motto «Oktoberfest», man amüsierte sich miteinander bei bayrischem Bier, Brezeln und Weisswürsten.
Dieses Mal soll der Anlass indisch werden.
Eifrige Leserinnen und Leser der Blogwiese werden von Freund „EinZüricher“ gelernt haben, dass die Bayern und Münchner die wahren und guten und nachahmenswerten Menschen in Deutschland sind, die stets von ihm herzlich umarmt werden. Was er wohl von den Indern hält?
(reload vom 19.11.06)
Da es in der Deutschland keine Betreibungsämter gibt, kann man folglich auch keine Betreibungsauskunft bekommen. Diese Lücke füllt eine andere Institution, genannt „Schufa“, die „Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung“.
Bitte noch die Schufa-Klausel unterschreiben
Die Schufa ist eine riesige Datenkrake, die jeden Menschen in Deutschland automatisch erfasst, der ein Girokonto haben möchte, einen Handyvertrag, einen Autokredit usw. Immer heisst es dann: “unterschreiben Sie bitte hier noch die Schufa-Klausel, dass Sie mit der zentralen Erfassung ihrer Daten einverstanden sind“, und schon ist man erfasst. Ab jetzt können andere abfragen, ob Sie denn auch in der Vergangenheit ihre Kredite immer brav bezahlt haben. Wenn Sie sich weigern, diese Klausel zu unterschreiben, werden Sie einfach kein Kredit erhalten, mitunter nicht einmal ein Girokonto, die Banken sind da ziemlich empfindlich in Deutschland.
Vor Weihnachten einen schnellen Kredit
Die zentrale Schufa kann allerdings auch sehr praktisch sein. So habe ich vor Jahren mal am Samstag vor Weihnachten kurz vor Geschäftsschluss noch schnell einen PC gekauft, den ich nicht gleich bar sondern in fünf Monatsraten verteilt bezahlen wollte. Der Mensch an der Kasse nahm meine Daten auf und startete , damals via Modem, eine Schufa-Anfrage. Es lag kein negativer Eintrag gegen mich vor, und schon hatte ich diesen Kleinkredit schnell und unbürokratisch bekommen.
„Tod eines Handlungsreisenden“ kennen alle
Eine Schufa-Auskunft kann in Deutschland gegen Geld fast jeder einholen, der behauptet, etwas über Sie wissen zu müssen. Lebensversicherungen fragen bei Vertragsabschluss grundsätzlich bei der Schufa nach, ob der zukünftige Kunde nicht zufällig überschuldet ist und nun seine Familie via Selbstmord sanieren möchte. Die haben eben alle „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller gelesen oder die Verfilmung „Death of a Salesman“ mit Dustin Hoffmann (1986) gesehen, in der exakt dieses Szenario vorgeführt wird.
Ist der neue Freund der Tochter auch kein Betrüger?
Es haben schon Bank-Mitarbeiter auf diese Art und Weise nachgeforscht, ob der neue Freund der Tochter auch „sauber“ ist und nicht vielleicht jede Menge Schulden am Hals hat. Wenn die Schufa in Deutschland nach Ihren Daten angefragt wird, bekommen Sie übrigens eine Nachricht. Sie erfahren nicht, wer da gefragt hat, aber dass gefragt wurde.
Das Recht auf Selbstauskunft
Selbstverständlich können Sie auch jederzeit ihre Daten bei der Schufa selbst einsehen.
Bei der Schufa bekommen Sie unentgeltliche Selbstauskunft jedoch nur, wenn Sie persönlich in einer der 13 regionalen Geschäftsstellen erscheinen. Vertreten ist die Organisation in Hamburg, Bremen, Berlin, Hannover, Bochum, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/Main, Leipzig, Mannheim, Saarbrücken, Stuttgart und München. Telefonnummern und Öffnungszeiten der einzelnen Niederlassungen finden Sie auf der Verbraucher-Kontaktseite der Schufa. Alternativ dazu können Sie Ihre Selbstauskunft über ein Online-Formular (…) bestellen.
(Quelle: akademie.de)
Und wenn nun einer so heisst wie Sie?
Nach 3 Jahren sollten die Daten gelöscht werden. Aber es soll Leute geben, die heissen zufällig gleich, und sind am gleichen Tag im gleichen Ort geboren. Sie meinen, das kommt selten vor? Allein in der kleinen Universitätsstadt Freiburg im Breisgau finden sich auf Anhieb 12 Menschen mit dem Namen „Peter Müller„. Stimmen nun noch der Geburtsort und der Geburtstag überein, dann fängt es an, lustig zu werden. Denn macht nun der eine “Peter Müller” Schulden, dann kann der zweite “Peter Müller” keinen Kredit bekommen, wahrscheinlich wegen einer Verwechslung bei der Schufa-Auskunft.
Es gibt keinen „Heimatort“ in Deutschland
Einen „Heimatort“ wie die Schweizer kennen die Deutschen nicht. Eindeutig wird man in Deutschland durch die Kombination von Name, Vorname, Geburtsdatum und Geburtsort. Letzteres ist schlichtweg der Ort, in dem Sie zur Welt gekommen sind. Dort liegt auch das Original ihrer Geburtsanzeige im Standesamt, von der Sie bei Bedarf eine Version anfordern können, z. B. um einen Pass zu beantragen.
Die Schufa kann also zum Problem werden für Leute mit Allerweltsnamen. In einem Land mit 82 Millionen Einwohner kommt das häufiger vor, dass Menschen gleich heissen. Als noch die Telefon-CD mit einer Suchfunktion für ganz Deutschland existierte, ergab die Suche nach „Helmut Kohl“ gleich 50 Fundstellen von Menschen, die so heissen wie der Alt-Bundeskanzler, und nur einer wohnte in Oggersheim. Ein paar davon auch mit Doktortitel. Fast niemand ist einzigartig in Deutschland.
Bei insgesamt weit über 350 Millionen Eintragungen bleibt es außerdem nicht aus, dass sich völlig unzutreffende Datensätze in Ihre Unterlagen einschleichen. Unter dem Motto „Computer sind auch nur Menschen“ räumt sogar die Schufa selbst ein, dass sie nicht unfehlbar ist und es „schon mal zu einem Fehler kommen kann“.
(Quelle: akademie.de)
eBay überprüft Identitäten mit der Schufa
Wer bei eBay neu einsteigen möchte, muss selbstverständlich ehrlich und genau seine kompletten Daten wie Anschrift, Geburtsdatum und Adresse angeben. Es wird dann sofort online von eBay bei der Schufa überprüft, ob diese Kombination von Daten plausibel ist, und freilich auch, ob sie nicht schon überschuldet sind, bevor ihre neue Käufer- oder Verkäuferidentität dort freigeschaltet wird.
Identitätenklau bei eBay, trotz oder wegen der Schufa
Wissen Sie alle diese Daten von dem alten Mütterchen, dass bei Ihnen im Haus zwei Etagen höher wohnt und bisher ohne PC und Internet lebt, dann könnten Sie sich damit in Deutschland problemlos bei eBay eine zweite Identität zulegen. Natürlich ist das illegal, aber immer wieder klagen Betroffene, die durch diesen „Identitätenklau“ geschädigt wurden. Sie erhalten Mahnungen und Anrufe, dass die von ihnen bestellte Ware endlich bezahlt werden soll, und merken erst nach und nach, dass jemand anders in ihrem Namen bei eBay Dinge gekauft hat, die er nie bezahlte. Lieferung per Abholung beim Parcel Service, der die Zustelladresse nicht finden konnte. Die Dienste der Schufa können also auch einfach für kriminelle Zwecke genutzt werden.
[Morgen: Identitätenklau leicht gemacht — Vielleicht sind Sie ja ein ganz anderer?]
Auf der am 23.11.06 stattgefundenen SAL-Tagung „Füdliblutt oder splitternackt — Welches Deutsch brauchen wir?“ erzählte ich in einem Forum von den ersten schweizerdeutschen Wörtern, die wir als Deutsche in der Schweiz lernen durften: Die Betreibung, jemanden betreiben, die Betreibungsauskunft, das Betreibungsamt.
Alles absolut Deutsch klingende Wörter, die nur in der Schweiz bekannt sind und verstanden werden. „Wie sagen Sie denn in Deutschland dazu, wenn jemand betrieben wird?“ fragte daraufhin eine Teilnehmerin der Tagung. Gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten. Wenn die aussersprachliche Wirklichkeit eine andere ist, wie in diesem Fall, dann fehlt dazu auch eine passende Bezeichnung und das passende Verb.
Schulden eintreiben in Deutschland
Natürlich gibt es auch in Deutschland Menschen, die ihre Rechnungen nicht bezahlen, und andere Menschen, die gern an ihr Geld kommen möchten. Was tun die denn dann, wenn sie keine „Betreibung“ in die Wege leiten können? Nun, sie müssen sich mit einer Klage an ein Gericht wenden. Sie müssen vor einem Richter beweisen, dass sie rechtmässigen Anspruch auf die Bezahlung einer Schuld haben. Ist alles bewiesen und konnten sie ihr Anliegen erfolgreich vor einem Richter darlegen, dann spricht dieser ein Urteil und der Gläubiger (der fest daran glaubt, bald sein Geld zu erhalten, darum heisst er so) erhält einen „Vollstreckungstitel“ oder kurz „Titel“ gegen den Beklagten.
Mit so einem Titel kann er nun beispielsweise eine Pfändung in Auftrag geben, kann einen „Gerichtsvollzieher“ beauftragen, zum Haus des Schuldigen zu gehen, und dort auf alle Wertgegenstände wie Fernseher, CD-Player etc. einen „Kuckuck“ zu kleben mit dem Hinweis, dass diese Gegenstände gepfändet sind und nicht mehr veräussert werden dürfen, bzw. in einer bestimmten Frist abgeholt und verkauft werden, um so die Schuld zu begleichen. Ausserdem kann der Gerichtsvollzieher jederzeit eine „Taschenpfändung“ beim Schuldner durchführen und eventuell vorhandenes Bargeld sofort beschlagnahmen. Auch in Deutschland gilt es also, ein paar hübsche Wörter zu lernen, wenn man per Gericht sein Geld bekommen möchte:
Das gerichtliche Mahnverfahren Vordruckzwang: Für das gerichtliche Mahnverfahren – notwendig, um eventuell einen Vollstreckungstitel erwirken zu können, der 30 Jahre lang gilt, – besteht Vordruckzwang. Die Vordrucke erhalten Sie in Schreibwarengeschäften (meistens nur in Gerichtsnähe) oder auch im Amtsgericht. Auf diesen Vordruck müssen Sie allerdings Gebührenmarken kleben: Für einem Streitwert von 250 Euro kostet das Mahnverfahren 12,5 Euro, einschließlich Zustellungskosten (die Anwalts-Gebührenordnung verlangt für die gleiche Dienstleistung 75 Euro). Das gerichtliche Mahnverfahren gibt es auch grenzüberschreitend für alle EU-Staaten.
Vollstreckungsbescheid: Wenn der Schuldner dem Mahnbescheid nicht widerspricht – dazu hat er 14 Tage Zeit – kann der Gläubiger den Vollstreckungsbescheid beantragen. Dann macht sich der Gerichtsvollzieher im Auftrag des Gläubigers auf den Weg und pfändet Möbel oder Auto eventuell auch den Taschengeldanspruch der Ehefrau (fünf Prozent vom Einkommen des Mannes). Notfalls kann es für den Schuldner mit Pfändung von Lohn- oder Gehaltsansprüchen beim Arbeitgeber auch unangenehmer werden. Letzter Schritt ist dann die Kontenpfändung
(Quelle: finanzen.fokus.de)
Soweit die Theorie. Leider hapert es bei dieser Regelung in der Praxis an vielen weiteren Regelungen, die zu beachten sind. So kann dem Schuldner sein Hab und Gut nicht gänzlich beschlagnahmt werden, und ein Mindessumme für den Lebensunterhalt muss ihm auch gelassen werden.
Der Schwarze Schatten — der Mann im schwarzen Anzug läuft immer hinterher
In Deutschland haben einmal erboste Besitzer solcher „Vollstreckungsbescheide“ die Menschen, die ihnen viel Geld schuldeten, moralisch unter Druck setzen wollen, in dem sie Studenten beauftragten, ganz in schwarz gekleidet, als Verkörperung eines „Vollstreckers“ stets in der Öffentlichkeit hinter diesem Menschen herzulaufen, als permanente Mahnung und Erinnerung: „Ich bekomme noch Geld von diesem Menschen“. Diese Art der Blossstellung in der Öffentlichkeit wurde gerichtlich untersagt, obwohl die Methode sehr erfolgreich war. Der Schuldner zahlte sehr bald seine Schulden:
Vor wenigen Jahren folgten auffällig schwarz gekleidete Herren (altmodischer Anzug, Melone, Stockschirm), eine schwarze Lady oder auch ein großer rosa Hase Schuldnern auf Schritt und Tritt. Sprach der Verfolgte sie schließlich an, überreichten sie ihm eine Karte mit der Telefonnummer eines Vermittlungsdienstes. Das Landgericht Leipzig hielt das allerdings für einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und Verstoß gegen die guten Sitten des Wettbewerbs (Az.: 6 O 4342/94).
(Quelle: finanzen.focus.de)
Den grossen rosa Hasen finde ich eine fast noch hübschere Idee als die schwarze Lady oder den schwarz gekleideten Herren.
(Quelle Foto: yatego.com)
Die kräftigen Jungs vom Inkasso-Unternehmen
Dann gibt es natürlich in Deutschland Inkasso-Unternehmen, die einem die lästige Arbeit des Schuldeneintreibens abnehmen. Im Fernsehen wird gelegentlich darüber berichtet, welche netten und gut trainierten Kampfsportler, meistens aus östlichen Staaten, von solchen Unternehmen eingesetzt werden, um morgens um 7:00 Uhr an der Türe klopfend, natürlich gleich als Truppe auftretend, beim Schuldner moralische Überzeugungsarbeit zu leisten:
Wenn der Schuldner nach 30 Tagen nicht reagiert und Sie keine Lust haben, sich lange mit der Forderung herumzuärgern, können Sie sich an ein Inkasso-Unternehmen wenden. Davon gibt es mehrere Hundert in Deutschland, die mit mehr oder weniger kreativen Methoden Außenstände eintreiben. Sie haben die Wahl, das Unternehmen zu beauftragen, Ihre Interessen zu verfolgen, Sie können ihm aber auch Ihre Forderung verkaufen: Viel gibt es dafür allerdings nicht, in der Regel 10 bis allenfalls 15 Prozent der ausstehenden Summe; manche zahlen auch noch weniger. Die meisten Unternehmen machen so etwas gar nicht. (…)
(Quelle: finanzen.focus.de)
Wie friedlich klingt da doch der Titel des «Friedensrichters », der nächst höhere Beamte nach dem Betreibungsbeamten in der Schweiz!
(Zweiter Teil morgen: Was ist eine Schufa-Auskunft?)