Über die sprachliche Kreativität militärischer Kreise

Februar 2nd, 2010

(27.11.06)

  • Kreativität in der Blütezeit
  • Wenn in der Schweiz oder in Deutschland junge Menschen dazu abkommandiert werden, sich in der Landesverteidigung ausbilden zu lassen, dann geschieht das in der Regel im zarten Alter von 18-20, in Deutschland meist ein wenig später als in der Schweiz, denn die Schullaufbahn dauerte länger bzw. ist die Berufsausbildung ein willkommener Anlass, die Pflichtdienstzeit von neun Monaten etwas später anzutreten. Ein Alter, in dem nicht nur die Testosteron Produktion auf Hochtouren läuft, sondern in dem auch die sprachliche Kreativität der jungen Menschen eine Blütezeit erlebt.

  • Bundeswehrsprache spezial
  • So fanden wir bei Wikipedia eine äusserst lehrreiche und unterhaltsame seitenlange Auflistung von Spezialausdrücken der Bundeswehr, von denen einige echte poetische Meisterwerke sind. Hier ein paar Auszüge:

    Ackerschnacker: Feldtelefon (Reichweite reicht knapp über den „Acker“, ca. 1,8 km)

    Biwak: Bezeichnung für Übung mit Aufenthalt und Übernachtung auf einem Truppenübungsplatz, meist im Zelt, scherzhaft deshalb auch Bundeswehr im Wald außer Kontrolle oder auch Besonders im Winter arschkalt

    Bilder stellen: Das Vortäuschen von Aktivität, wenn eine Führungsperson eintrifft, um das Fehlen einer Aufgabe zu vertuschen

    Boden-Luft-Verbindungsoffizier: Militärpfarrer

    Bumsknochen: Gewehr

    Büchsenöffner: Panzerfaust

    EPA: Abgeleitet von „Einmann-Packung“; Bezeichnung für Verpflegungspaket aus stark konservierten Lebensmitteln, die angeblich bis zu 100 Jahre haltbar sein sollen. Scherzhaft genannt Erbrochenes Pikant Aufbereitet, da der Inhalt eines EPA aufgrund des oft als sehr schlecht empfundenen Geschmacks mit Erbrochenem verglichen wird.

    Kampferdbeere: Soldat, der im Feld zur sonst perfekten Tarnung das rote Barett trägt.

    Legogewehr: Scherzhafte Bezeichnung für das Sturmgewehr G36, da es bis auf Lauf, Verschluss, Federn und einige Kleinteile völlig aus Kunststoffen gefertigt ist (siehe auch Tupperteil, Plastepengpeng).

    Stetten am kalten Arsch: Albkaserne bei Stetten am kalten Markt auf der schwäbischen Alb. Gerüchteweise ist dort im Sommer mal eine Ziege erfroren. Ironischerweise auch „Stetten am karibischen Meer“ genannt.

    ZMAS: Befehl, Kurzform für „Zu mir, aber schnell!“

    ZMZZ: Befehl, Kurzform für „Zu mir, Ziemlich zügig!“

    ZMZZSPMDA: Befehl, Kurzform für „Zu mir, ziemlich zügig, sonst platzt mir der Arsch!“
    (Quelle: Auszüge aus Wikipedia)

  • Und in der Schweiz?
  • Auch das Schweizer Militär ist in dieser Liste vertreten. Hier eine kleine Auswahl unserer Lieblingsausdrücke:

    Arschlochbarriere: schwarze Armeeschokolade

    Bundesferien: (auch Pfadilager) alljährlicher, dreiwöchiger Wiederholungskurs WK

    Bundesrocker: Motorradfahrer

    Bundesziegel: Armeekekse

    Bürogummi: Ursprünglich abschätzige Bezeichnung für Verwaltungssoldaten wie Fouriergehilfen

    BWS: „Beid Wäg Seckle“ – im Laufschritt hin und zurück

    Chettefigg: (Kettenfick) 24 stündiges Mittragen der Schneeketten im Rucksack als Strafe für einen fehlbaren Motorfahrer

    Chettele: (Ketteln) drillmässiges montieren resp. demontieren der Schneeketten (besonders beliebt im Sommer)

    Chinesebeton: Reisgericht

    Chuchitiger: (Küchentiger) Truppenkoch

    Fisch fassen: auch fischen, Zusammenschiss erhalten (von „Fiche“?). Die Heftigkeit des Zusammenschisses wurde in der Grösse des Fisches angegeben, wobei man die Arme zur Hilfe nahm. Reichte des nicht mehr aus, so wurde nur noch der Augenabstand des vermeintlichen Fisches gezeigt.

    Hä-si-be: Hält sich bereit (klingt besser als: „hat nichts zu tun“); auch Hä-si-ra-be (Hält sich rauchend bereit)

    Inschter: Instruktionsunteroffizier oder -offizier; aufgrund der starken Miliztradition oft mit Vorurteilen behaftet (ist Dein Leben dunkel und finster, komm zu uns und werde Inster)

    Ist so, weil ist so. Allgemeine Antwort auf Fragen nach dem Sinn von Übungen etc.

    Ist so, weil ist so. Bleibt so, weil war so. Entsprechende Steigerungsform (auch: Ist so, weil war so. Bleibt so, weil gut so.)

    Liegestuhl Soldat: Scherzhafte Bezeichnung eines Soldaten der mittleren Fliegerabwehrtruppen (genauer: Operateur des Feuerleitgeräts Skyguard). Das Truppengattungsabzeichen ähnelt einem von der Sonne bestrahlten Liegestuhl; richtigerweise wird eine Radarschüssel mit Abstrahlung dargestellt.

    lisme: (CH für stricken) Stacheldraht verlegen

    NATO-Hindernis: Erstes Hindernis auf der Hiba (=Hindernisbahn), welches aus unerfindlichen Gründen stets ausgelassen wird (nicht aber bei der Infanterie)

    Naturbremse: Fahrrad Ordonnanz 05, welches aufgrund des Alters oder schlechter Wartung sogar bei der Abwärtsfahrt langsamer wird.
    (Quelle: Auszüge aus Wikipedia)

    Was lernen wir daraus? Kreativität entsteht offensichtlich besonders unter einem gewissen Leidensdruck, mit Wut im Bauch, in Kombination mit Frust und/oder Langeweile. Sprachliche Kreativität hat hier die Funktion, auf elegante Weise Dampf ablassen zu können, ohne dafür bestraft zu werden. Einfach genial.

    Auffallend ist auch, dass unter ähnlichen Bedingungen dennoch sehr anderslautende Abkürzungen entstehen, anderseits aber auch Ausdrücke grenzübergreifend existieren. Aus Platzgründen mussten wir auf die wundervollen Sprachschöpfungen aus Österreich und aus der ehemaligen DDR verzichten. Sie finden sich ebenfalls am angegebenen Ort.

    Kleine Typologie der deutschfreundlichen Schweizer

    Januar 29th, 2010

    (reload vom 21.11.06)

  • Die aus dem „grossen Kanton“
  • Wir haben auf der Blogwiese viel über die versteckten und von den Deutschen zum Grossteil nicht wahrgenommenen Aversionen mancher Schweizer gegenüber den zugezogenen Einwohnern aus dem nördlichen Nachbarland berichtet. Schon die Umschreibung „die aus dem grossen Kanton“ zeigt uns eine Dichotomie auf, welche die uns bekannten Schweizer in zwei Gruppen teilt. Wir nennen sie die „Integrierer“ und die „Abgrenzer“. Wer von Deutschland als vom „grossen Kanton“ spricht, ist ganz offensichtlich ein Integrierer, denn hier wurde ganz Deutschland bereits zum Teil der Schweiz erklärt, natürlich nur im Spass, oder sollten wir ein Referendum „Beitritt Deutschland als 27. Kanton der Eidgenossenschaft“ ins Leben rufen? Warum nicht gleich alle Länder der EU? „Confoederatio Europae“ oder CE, mit Sitz in Bern, wo sonst, wäre doch kein schlechtes Staatenmodell für die Zukunft, oder?
    Aber es gibt noch mehr als nur diese beiden Grundtypen. Darum heute eine kleine Typologie der deutschfreundlichen Schweizer und wie Sie sie erkennen können.

  • Fragen Sie: „Soll ich Schweizerdeutsch lernen?“
  • Diese einfache Frage müssen Sie Ihren Schweizer Nachbarn, Kollegen, Freunden oder Bekannten stellen, um sie schnell und einfach in unsere kleine „Typologie der deutschfreundlichen Schweizer“ einordnen zu können:

  • Der Abgrenzer
  • „Ach nee, lass das lieber. Das tönt sowieso ganz furchtbar, wenn ein Deutscher versucht Schweizerdeutsch zu lernen. Bleib Du bei Deinem Heimatdialekt.“ Und im stillen denkt er sich noch: „… und lass uns den unsrigen, denn den geben wir nicht her, den wollen wir nicht teilen. Wenn wir den nicht hätten, wie sollten wir uns dann noch von Euch unterscheiden?“
    Abgrenzen, unterschieden, eine klare Trennlinie ziehen, dass ist die Vorgehensweise des „Abgrenzers“. Die Angst vor der Ähnlichkeit mit dem anderen, vor dem Verlust der eigenen Identität, die vielleicht nur auf die Sprache begründet ist, das mag hier die tiefenpsychologische Grundlage für die Denkweise des Ausgrenzers sein.

  • Der Integrierer
  • Na klar, lerne so schnell wie möglich Schweizerdeutsch! Aber geh erst in die Öffentlichkeit damit, wenn Du es perfekt kannst..“ Dann wirst Du so wie wir, einer von uns, kaum mehr zu unterscheiden.
    Der Integrierer hat erkannt, dass die Schweiz sowieso eine permanente Durchmischung und Vermischung von Dialekten erlebt, wie es im Begriff „Bahnhofbüffet-Olten-Dialekt“ zum Ausdruck kommt. Vielleicht hat er selbst schon mehrfach den Kanton gewechselt in jungen Jahren und stets wieder von vorn begonnen mit dem Dialektlernen. Das prägt fürs Leben.

  • Der Ungeduldige
  • Wie, Sie sind schon zwei Jahre hier und haben immer noch nicht den Schweizerpass beantragt? Wann lernen Sie endlich Dütsch sprechen so wie alle hier?“ . Auch solchen Menschen kann man in der Schweiz begegnen. In der Regel sind diese Menschen entweder nie aus der Schweiz herausgekommen, oder sie kamen selbst als Secondos hierher, und sind nun glühende Verteidiger der neuen Heimat. Alle Nachzügler müssen es ihnen gleich tun.

  • Der Ungläubige
  • Die Deutschen sind sowieso nicht in der Lage, überhaupt irgendeine Fremdsprache zu lernen. Manche der jüngeren können Englisch, aber auf Mallorca bestellen Sie ihren Kaffee Haag mit Eisbein und Sauerkraut immer noch ausschliesslich auf Deutsch.“
    Der Ungläubige kennt die Deutschen gut, denn er gucke ja immer deutsches Fernsehen, da weiss man bald alles über das Land und die Menschen. Vor allem über das Schulsystem und die erste und zweite Fremdsprache dort. Die Filme sind seiner Meinung nach in Deutschland immer in der Originalfassung zu sehen, weil niemand dort Englisch oder Französisch kann.

  • Der Tolerante
  • Ach, du kannst reden wie Du willst. Soll ich auch Hochdeutsch reden oder kommst Du klar, wenn ich Schweizerdeutsch spreche?“. Der Tolerante hat unter Garantie selbst Jahre im Ausland verlebt, vielleicht seine Ehefrau von dort mitgebracht, und spricht 3-4 Sprachen fliessend.

  • Der Germanophile (aus der Westschweiz)
  • Oh, sprich doch bitte weiterhin Hochdeutsch mit mir! Es klingt so schön. Endlich kann ich reden, wie ich es jahrelang in der Schule gelernt habe. Hier in Zürich sprechen alle sofort Französisch mit mir, wenn ich nur den hochdeutschen Mund aufmache, dabei will ich doch mein Deutsch nicht verlernen. Ich werde wohl doch so einen Kurs bei der Migros-Klubschule besuchen müssen, wenn ich noch länger hier leben und arbeiten möchte.“

  • Und was meint der Wissenschaftler dazu?
  • Werner Koller ist Zürcher, Sprachwissenschaftler und hat die sprachsoziologische Untersuchung «Deutsche in der Deutschschweiz» veröffentlicht.
    Werner Koller auf seiner Homepage
    (Quelle Foto: hf.uib.no)
    In einem Interview mit dem Bund wurde er zu der Situation der Deutschen in der Schweiz befragt:

    «bund»: Manche Deutschen, die schon lange in der Schweiz leben, fühlen sich immer noch nicht heimisch – wie kommt das?
    Werner Koller: Deutsche haben beste Voraussetzungen für das «Heimisch-Werden» in der Schweiz: Sie unterscheiden sich weder vom Aussehen noch vom kulturellen Hintergrund stark von den Schweizern. Paradox ist: Gerade wegen der Ähnlichkeiten werden die Unterschiede umso stärkerer wahrgenommen. Es gibt viele Deutsche, die die ersten Jahre als problematisch, ja belastend empfinden. Sie erleben die Situation in der Schweiz verschiedener, als sie es erwartet haben. Das betrifft Mentalität und Charakter, die Art und Weise, wie Schweizer miteinander umgehen, und vor allem die Stärke der Vorurteile, die sie gegenüber Deutschen haben. Die Unterschiede müssen nicht gross sein, damit man in der Schweiz als Ausländer behandelt wird.
    (Quelle: Der Bund vom 17.06.06, auch alle weiteren Zitate dort)

    Streng nach der alten Devise: Jeder ist fast überall auf der Welt ein Ausländer. Wir erinnern noch einmal an die Bekannten aus Ostdeutschland, die hier in der Schweiz alles sehr schön fanden, „bis auf die schrecklich vielen Ausländer“. Kein Witz, bittere Realität ohne Selbsterkenntnis.

    Auf die Frage, ob die Deutschen Schweizerdeutsch lernen sollen, meint Werner Koller:

    Natürlich kann man Schweizerdeutsch, wie jede andere Sprache, lernen. Es gibt viele in der Schweiz wohnhafte Deutsche, die Schweizerdeutsch sehr gut sprechen. Bei einigen denken Schweizer höchstens, dass sie «aus einem anderen Kanton» stammen. Das Problem liegt nicht beim Können, sondern bei der Motivation: Man kann sich in der Deutschschweiz mit Hochdeutsch verständigen.

    Richtig. Ein Deutscher muss hierfür einsehen, was es bedeutet, in der Schweiz den nicht einfachen Lokaldialekt tatsächlich lernen zu wollen. Die wochenlangen Reportagen einer Deutschen bei Blick haben die Leser nicht nur amüsiert, sondern auch aufgezeigt, wie schwierig es ist, nicht verschriftete Sprachen systematisch zu lehren und zu lernen.
    Katia Murmann bei Mundart-Kurs
    (Quelle Foto: Blick.ch 02.10.06)

    Sprache ist mehr als ein Kommunikationsmittel. Werner Koller meint:

    Sprache markiert Identität, meine Sprache und ich – wir gehören zusammen. Zur sozialen Identität gehört auch die Zugehörigkeit zu einer Region, einem Dorf – und die Sprache verrät, «woher man kommt». Wenn Deutsche, die hauptsächlich Hochdeutsch sprechen, die Grussformeln Grüezi, Uf Widerluege verwenden, signalisieren sie die Bereitschaft, an den sprachlichen Ritualen teilzunehmen, sich den Gewohnheiten der Schweizer anzupassen.

    Warum kann beim Versuch, Deutsch zu lernen, auch das Gegenteil bei den Schweizern auslösen?

    (bund): Deutsche, die Schweizerdeutsch sprechen, kommen nicht gut an . . .
    (W. Koller) Das kann man so allgemein nicht sagen. Tatsächlich werden Deutsche mit zwei Haltungen konfrontiert. Einerseits geben Schweizer zu erkennen, dass sie durchaus sprachliche Anpassung erwarten. Andererseits hören Deutsche auch, sie sollten «bei ihrer Sprache bleiben». Die Abwehrreflexe kommen in Aussagen zum Ausdruck wie: Deutsche sollen ihre Identität bewahren und sich nicht «ins Schweizerische drängen». Deutsche sollen nicht Dialekt reden, weil der Dialekt der Abgrenzung gegenüber «dem grossen Bruder im Norden» dient.

    Da wären wir bei unserem Lieblingstypen, dem Abgrenzer. Es ist nicht leicht zu wissen, wie man mit all diesen verschieden Typen umgehen sollte, es gibt auch kein Patentrezept, denn nicht jedem fällt das Sprachenlernen leicht. Ich persönlich habe beschlossen, als nächstes mindestens zwei rätoromanische Sprachen zu lernen, um so mitzuhelfen, diese Varianten vor dem Aussterben zu bewahren. Mal sehen wie weit ich dann in Zürich komme, wenn ich auf Rumantsch nach dem Weg frage.

    Deutsche Korrektheit vs. Schweizer „Laisser-faire“? — Was ist dran am Klischee von der deutschen Obrigkeitshörigkeit

    Januar 18th, 2010

    (reload vom 9.11.06)

  • Sind Deutsche sehr obrigkeitshörig?
  • Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie pflegen eine besondere Form von „Obrigkeitshörigkeit“ und haben es lieber, genauen Weisungen zu folgen als selbst das Hirn anzuschalten. Wir tun uns schwer mit solchen Klischees, zumal sich bei jedem Volk Beispiele für und wider finden lassen, mit denen sich „Obrigkeitshörigkeit“ beweisen oder wiederlegen lässt. Diese Vorliebe der Deutschen wurde vom Fernsehmoderator Friedrich Küppersbusch in einem Interview mit der TAZ sogar als Vorteil gegenüber den Franzosen gelobt:

    Frage taz:
    In Frankreich demonstrieren seit Tagen die Studenten gegen den eingeschränkten Kündigungsschutz für Berufsanfänger. Geht es den Studis um die eigene Karriere oder erleben wir den Anfang einer neuen sozialen Bewegung?

    Antwort Küppersbusch:
    Weder noch: Gegen die kontinuierliche politische Kultur unserer Nachbarn kann man die deutsche obrigkeitshörig nennen – oder Standortvorteil.
    (Quelle: taz-de)

  • Sind die Franzosen weniger obrigkeitshörig?
  • Als vor Jahren die französische Satirezeitschrift „Le Canard Enchainé“ per fingierten Briefen unbescholtene Bürger aufrief, sich umgehend wegen eines angeblichen Vergehens auf der nächsten Präfektur zu melden, folgten ängstlich viele Franzosen diesem Juxbrief.

    Ähnliche Scherze in Deutschland oder England führten zum gleichen Ergebnis

  • Verweigerung gegen die Volkszählung
  • In den 80ern sollte in Deutschland eine Volkszählung durchgeführt werden, doch es kam zu massiven Verweigerungen und zivilem Ungehorsam, trotz angedrohter Bussgelder. Das Vorhaben drohte zu scheitern:

    Im Hintergrund stand die Befürchtung des so genannten „Gläsernen Bürgers“. Teilweise wurde die Volkszählung gar als Schritt in Richtung Überwachungsstaat gesehen. Die Zählung musste schließlich in Folge entsprechender Urteile – auch des Bundesverfassungsgerichts (siehe Volkszählungs-Urteil von 1983) – modifiziert werden, etwa, indem die Fragebögen überarbeitet wurden, um die Anonymität der Befragten besser zu gewährleisten. Aber die zahlreichen Kritiker behielten ihre Skepsis und blieben beim Boykottaufruf.
    Dazu wurde von einem breiten Bündnis verschiedener sozialer und politischer Gruppen als einem Akt des zivilen Ungehorsams aufgerufen. (…) Obwohl viele den Boykottaufruf trotz drohender Bußgeldverfahren befolgten und die Bögen nicht ausfüllten (manche füllten sie auch bewusst falsch aus), war der Rücklauf der in einem Ankreuz-Verfahren ausgefüllten Bögen, die an jeden Haushalt verteilt worden waren, groß genug, so dass die erhobenen Daten ausgewertet werden konnten.
    (Quelle: Wikipedia)

    Besonders fies war der Trick, feines Graphitpulver in die falsch ausgefüllten Bögen zu streuen, um die Optik der automatischen Auswertungsscanner zu schädigen.

    Von „Kadavergehorsam“ und „Obrigkeitstreue“ war da nicht viel zu spüren. Es ging bei der Volkszählung nicht um so konkrete Anliegen wie Fluglärm morgens um 6.00 Uhr, es ging um die diffuse Angst vor einem „Big Brother“ Staat der alles über seine Bürger weiss. Im Osten Deutschland wusste zur gleichen Zeit die Stasi alles über ihre Bürger, und erstickte an den Informationen ohne sie je richtig auswerten zu können. Informativer Overkill.

  • Beispiel Leseausweis Stadtbücherei
  • In Bülach bekamen wir kurz nach unserem Umzug bei der Stadtbibliothek einen Leseausweis, ohne je ein amtliches Dokument vorzulegen. Man vertraute einfach dem freundlichen Gesicht. Um in einer Deutschen Stadtbücherei einen Leseausweis zu bekommen, muss ein Personalausweis oder ein Reisepass plus Meldebestätigung vorgelegt werden. In Frankreich behilft man sich in solchen Fällen mit einer Stromrechnung, auf der die korrekte Anschrift steht, denn eine Meldepflicht, bei der aktuelle Wohnort in der ID-Karte nachgeführt wird, gibt es nicht.

    Wir haben in verschiedenen Städten Deutschlands gelebt und können uns nicht erinnern, jemals in einer Bibliothek ohne gültigen Leseausweis ein Buch bei der Ausleihe verbucht zu bekommen. Vielleicht war damals die EDV auch noch nicht so weit gediehen, dass dies ohne Barcode einfach möglich gewesen wäre. In Bülach habe ich noch nie einen Ausweis vorlegen müssen. Alle Daten stehen doch im Computer. Namen nennen genügt.

  • Beispiel Garderobefrau Deutschland vs. Schweiz
  • Neulich waren wir in einer süddeutschen Kleinstadt auf einem Konzert. Mäntel und Jacken mussten bei einer kostenpflichten Garderobe abgegeben werden. „Aus feuerpolizeilichen Gründen ist es uns nicht möglich, zwei Jacken auf einen Haken zu hängen“ hörten wir doch tatsächlich dort eine Garderobefrau sagen, bevor sie zweimal kassierte und uns die Mäntel abnahm. Wenn wir da an die armen Studentinnen der Theaterwissenschaften im Schauspielhaus Zürich denken, die sich ständig über alle feuerpolizeilichen Gründe hinwegsetzen bei ihrer Arbeit, wird uns ganz flau in der Magengegend.

  • Doch zu wenig „pedantisches Beamtendenken“ in der Schweiz?
  • Dann war da noch die Geschichte von dem betrügerischen Schweizer Firmenvertreter, welcher die Rechnungen für die in der Schweiz ausgelieferte Maschinen seiner Firma selbst vor Ort kassierte, das Geld unterschlug und dann die echten Rechnungen am lokalen Postamt abfing, in dem er dort anrief und sich nach Einschreiben seiner Firma erkundigte, die er gleich darauf selbst nur unter Vorlage einer Firmen-Visitenkarte abholte.

    Es ist da was durcheinandergeraten, das Einschreiben für XY sollte nicht zugestellt werden…“ war sein Begründung , bis es dem Besitzer der Firma irgendwann aufging, dass seine per Einschreiben verschickten Rechnungen an die Endkunden nie ankamen. Die Schuld lag bei den Postbeamten, die sich auf unterschiedlichen Schweizer Postämtern nur durch einen Anruf und eine Visitenkarte dazu breitschlagen liessen, einen eingeschriebenen Brief auszuhändigen, der angeblich fehlgelaufen sei.

    Die Schweiz hat ihre Beamten abgeschafft (vgl. Blogwiese), die Deutsche Post ist auch schon privatisiert. Ob dieser Betrug bei einem Deutschen Pöstler auch funktioniert hätte?

    Hier der bekannte Touché Postbeamte von TOM alias Thomas Körner
    Touches Postbeamte
    (Quelle (und weitere Touché Comix Online): hu-berlin.de)

    Umfrage zur Sprachwahl in Alltagsgesprächen

    Januar 14th, 2010
  • Umfrage zur Sprachwahl
  • Gestern erreichte uns diese Mail mit einer Bitte:

    Ich brauche Ihre Hilfe!
    Vor gut 25 Jahren bin ich mit meinen Eltern (meine Mutter ist Deutsche, mein Vater Schweizer) aus Deutschland in die Schweiz gekommen. Hier angekommen habe ich im zarten Alter von zwei Jahren schnell festgestellt, dass ich und meine Familie so ganz anders sprechen als die Menschen hier in der Deutschschweiz. Also habe ich mich bemüht und eiligst Schweizerdeutsch gelernt. Mittlerweile beherrsche ich es fehlerfrei, doch das Verhältnis der Deutschschweizer zum Hochdeutschen, aber auch die Erwartungen der in die Schweiz kommenden Deutschen bezüglich der Sprachwahl, interessieren mich nach wie vor.

    Daher schreibe ich nun bei Frau Professor Dürscheid an der Uni Zürich meine Lizentiatsarbeit zur „Wahl der Varietät in Gesprächen zwischen Mundart- und Hochdeutschsprechern in der Schweiz“ . Ich möchte also untersuchen, von welchen Faktoren es abhängt, ob ein Deutschschweizer im Alltag mit einem Deutschen Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch spricht und ob sich Auslöser für allfällige Wechsel während des Gesprächs erkennen lassen. Das Thema ist natürlich kein neues, doch wissenschaftliche Untersuchungen gibt es bislang keine dazu.

    Für meine Arbeit habe ich einige Gespräche aufgezeichnet, die ich nun transkribiere und näher untersuche. Da das Aufnehmen privater Gespräche jedoch nicht ganz einfach ist und einiges beachtet werden muss, um zu verhindern, dass später rechtliche Probleme auftreten, ist mein Korpus noch eher bescheiden. Meine Arbeit wird sich daher vor allem auf eine Befragung von Deutschschweizern und (in der Schweiz lebenden) Deutschen stützen.

  • Bitte Fragebogen online ausfüllen!
  • Anna schreibt weiter:

    Und hier kommt nun meine Bitte: Ich habe zwei Fragebogen erstellt, die online ausgefüllt werden können. Könnten Sie vielleicht in einem Ihrer nächsten Blogeinträge meine Arbeit kurz erwähnen und auch auf die Umfrage hinweisen? Links zu den Fragebogen siehe unten. Ich brauche natürlich so viele Antworten wie möglich und möchte diese nicht ausschliesslich im universitären Umfeld sammeln. Ich hoffe dann, anhand der Ergebnisse meiner Umfragen Aussagen über das die Sprachwahl und das Sprachbewusstsein der Deutschschweizer sowie die Wahrnehmung der Deutschen machen zu können.

    Die Fragebogen wurden übrigens nicht für Linguisten sondern für Laien (was die Sprachwissenschaft betrifft) konzipiert. Entsprechend werden auch die Begriffe Hochdeutsch und Schweizerdeutsch verwendet ohne z.B. zwischen dem Schweizer und dem bundesdeutschen Standarddeutsch zu differenzieren. Sollten sich Ihre Leser und Leserinnen daran stossen, kann ich dann natürlich gerne auch in einem Kommentar darauf hinweisen. Und man darf mich selbstverständlich für Kritik und Anregungen auch direkt kontaktieren. Meine Mailadresse steht auch auf dem Fragebogen.

    Ich danke Ihnen schon mal – ganz schweizerisch – im Voraus herzlich für Ihre Hilfe.

    Freundliche Grüsse
    Anna L.

    Fragebogen Deutsche hier:
    Fragebogen Schweizer hier:

    Das Ergebnis dieser Arbeit wird uns Anna selbstverständlich wieder hier auf der Blogwiese präsentieren.

    Kennen Sie auch einen Gummihals? — Neue hübsche Wörter für die Deutschen

    Januar 12th, 2010

    (reload vom 7.11.06)

  • Wer kennt heute noch Les Boches?
  • Die wenigsten Deutschen wissen, wie man so über sie spricht im Ausland. Und wenn sie es wüssten, müssten sie es erst noch verstehen. Von den Franzosen werden sie liebevoll als „Les Boches“ tituliert, was irgendetwas aus der Rinderzucht sein mag, zumindest hört es sich an wie in Salz eingelegtes Rindfleisch, zusammen mit dem Adjektiv „sales“. In Wirklichkeit ist das eine seit 1889 bekannte Verkürzung von „Alboche, Allemoche“, einem französischen Argo-Ausdruck für „Allemand“, gebildet nach „tête de boche“ = tête de bois (Holzkopf). Aber es gab auch „les Frisés“, „les Fridolins“ oder „le Fritz“ als hübsches Schimpfwort für die Deutschen, wenn wir unserem 3 kg schwerer „Petit Robert“ Glauben schenken wollen. Zumindest Fridolin ist schon längst wieder ein beliebter Vorname.

  • Deutsche nur in Ansammlungen vorkommend
  • Die Amerikaner und Briten pflegen das Klischee der Kräuterfrau, die mit ihren vielen Kräutern bei jedem Wehwehchen ein Kraut zur Hand hat. Drum nennen sie die Deutschen „Krauts“, oder sind es doch „Crowds“, weil sich die Deutschen so gern in den Ferien an der Hotelbar oder auf dem Campingplatz zusammenfinden, als „crowd of people“?

  • Woher stammt der Gummihals?
  • Kürzlich wurde uns ein weiterer Begriff zugetragen, der offensichtlich in der Schweiz gelegentlich über die Deutschen gesagt wird: „Gummihals“. Und nun suchen wir den Grund oder die Herkunft für diese aparte Bezeichnung.

  • Vom geschützten Vogel zum Karnevalsschlager
  • Sicherlich, wir kennen den „Wendehals“. Einst war er Vogel des Jahres, dann wurde er wegen seiner extrem guten Fähigkeit, den Hals zu verdrehen, eine Spottbezeichnung für alle Politiker, die bei einer „Wende“ unrühmlich den Hals jeweils in die richtige Richtung gedreht haben. Der Ex-Aussenminister und Meister aller Segelohren Hans-Dietrich „Genschman“ Genscher wurde genauso tituliert wie gewisse Staatsratsvorsitzenden, die noch schnell in „the wind of change“, im Wendewind ihren Hals drehten und langmachten wie aus Gummi.

    Als Wendekanzler wurde Helmut Kohl bezeichnet – vorwiegend ironisch von seinen politischen Gegnern, als die versprochene „geistig-moralische Wende“ ausblieb, respektive Formen wie die der Parteispendenaffären u.ä. annahm.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Berühmter Gummihals im Christ Church College
  • Eine Vorlage für langgezogene Gummihälse gibt es z. B. in den beiden Kaminfeuer Figuren der Dining Hall des Christ Church Colleges in Oxford. In diesem Speisesaal dinieren immer noch dreimal täglich die Stundenten mit ihren Lehrern, unter Aufsicht des Deans. Ein Anblick, der dann für den ersten Harry Potter Film fotografiert und computertechnisch vergrössert wurde. Der Speisesaal von Hogwarths ist mit Aufnahmen der Dining Hall des Colleges entstanden, genau wie auch das Rippengewölbe des Treppenaufgangs als Treppe zu den Schlafgemächern in Hogwarths diente.

    Diese Kaminfiguren
    Kamin von Christ Church College
    mit den extrem langen, wie aus Gummi gezogenen Hälsen dienten schon Lewis Caroll, einst Lehrer an diesem Colleges, als Vorlagen für Figuren in seinem Meisterwerk „Alice im Wunderland“.
    Langer Hals von Alice im Wunderland
    (Quelle Foto: migraine-aura.org)

  • Ist ein Gummihals ein Wendehals?
  • Werden damit also Deutsche bezeichnet, die ihren Hals wie aus Gummi immer wieder in den richtigen Wind drehen, ihn damit verlängern und unschön missgestalten? Der einzige „Wendehals“, der darauf stolz war und zumindest eine kurze Zeit lang auch ganz gut verdient hat, war „Gottlieb Wendehals“ alias Werner Böhm, dem Sänger der Karnevalsklamotte „Polonäse von Blankenese“ (ja, das reimt sich sogar!) mit dem klasse Vers: „jetzt geht es los, mit ganz grossen Schritten, und Paul fasst der Erna von hinten an die Schultern… ja das gibt Stimmung“.

    Haben Sie Mitleid mit diesem Künstler, er musste das Lied noch Jahre lang singen, auf jeder Autohauseröffnung, bei jeder Altenfeier, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bis er als Ex-Promi 2004 in das Dschungelcamp einfuhr und auf den noch begnadeteren Star Daniel Kübelböck traf, bevor der mit dem Auto einen Gurkenlaster traf. Der fehlbare Lenker ohne Führerausweis beim Selbstunfall.

    Als Ehrenrettung dieses alternden Stars noch ein paar Fakts aus Wikipedia:

    Von 1970 bis 1971 war er Jazz-Pianist in Hamburg u.a. im „Jazz House“ (Knuds), „Riverkasematten“, „Logo“, „Dennis Swing Club“, „Cotton-Club“, „Remter“ und im legendären „Onkel Pö“, der Hamburger Szene. Er begleitete am Flügel Musikergrößen wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Erroll Garner. Ende 1974 startete er als selbständiger Musiker, Texter und Komponist und gründete das „Werner Böhm Quintett“ mit dem „Teufelsgeiger“ Lonzo Westphal, Udo Lindenberg am Schlagzeug (…)

    Der Mann hat 1. ) die Rentnerband mitgegründet und war 2.) von 1981-89 mit Mary Roos verheiratet (nein, nicht Marianne Rosenberg, das war die andere).

    Nach soviel Nostalgie zurück zum „Gummihals“, den Werner Böhm in Form eines Gummiadlers immer bei sich trug. Wir finden den Ausdruck belegt um umgarnt mit vielen anderen netten Bezeichnungen im Züri-Slängikon-Eintrag zum Stichwort „Deutscher“:

    E Bockwurscht, eine vom grosse Kanton, en Ballermann, en Bolle-Chopf, en Gummihals, en Günther, en Horscht, en Knutlinger, en Neckermann, en Prüüss (Preusse), en Schnäll-Schwätzer, en Schwab, en Storch (wegen der grossen Klappe und den ewigen Drang nach Süden), es Deutschländer Würstchen
    (Quelle: Züri-Slängikon

    Ja gibt es denn in der Schweiz keine Bockwurst? Den „Horscht“ und den „Storchen mit dem ewigen Drang nach Süden“ müssen wir uns merken. Schweizer Urlauber fahren bekanntlich lieber an die Nordsee.

  • Gibt es denn keine Schimpfwörter für Schweizer?
  • Momentan versuchen wir uns krampfhaft daran zu erinnern, ob uns in Deutschland jemals ein Schimpfwort für Schweizer genannt wurde. „Kuhschweizer“ jedenfalls nicht, das mag in historischen Texten vorkommen, aber nicht in der Gegenwart.
    Wir finden ein paar in einem Bericht über den Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft 1501:

    Schimpfwort «Schweizer»
    Schimpfworte wie «Milchsüfer, Milchstinker, Chuefigger oder Chueschnäggler» haben sich nicht nur von ungefähr bis in die heutige Zeit erhalten. Sie dürften um 1500 allgemein gebräuchliche Schimpfwörter gewesen sein, nicht nur innerhalb von Basel, sondern auch in der nichtschweizerischen Nachbarschaft, insbesondere im österreichischen Rheinfelden. «Nach 1501 hat sich die Bevölkerung von Basel auseinanderdividiert. Wer sich mit der Zugehörigkeit Basels zur Eidgenossenschaft nicht anfreunden konnte, ist in den Sundgau oder nach Rheinfelden ausgewandert», erzählt der Historiker Claudius Sieber-Lehmann. Die Schweizer hätten damals als geldgierige Emporkömmlinge mit rauem Charakter gegolten, und der Beitritt Basels zur Eidgenossenschaft sei um 1500 stark umstritten gewesen.
    (Quelle: Basler Zeitung vom 8.1.2001)

    Geldgierige Emporkömmlinge mit rauhem Charakter? Kinders, wie die Zeit vergeht und sich die Menschen doch ändern können…