Keine Fähre am Sonntag — Kein Zug an Weihnachten

Dezember 23rd, 2009
  • Samstag wieder abreisen oder bis Montag bleiben
  • Im letzten Sommer fuhren wir an die Westküste Schottlands und wollten auf die Äusseren Hebriden übersetzen, auf die Isle of Lewis. Es war kurz vor dem Wochenende an einem Freitag und wir hatten geplant, am Sonntag unsere Reise mit der nächsten Fähre nach Skye fortsetzen. Doch es gab keine. Auf der stark protestantisch geprägten Insel Lewis hatten sonntags alle Geschäfte, Restaurants und Pubs geschlossen, es fuhren keine Busse und auch keine Fähren.

    Isle of Lewis
    (Quelle Foto: privat. Unterwegs zur Isle of Lewis)

    Erst im Juli 2009 wurde diese jahrhunderte alte Regelung abgeschafft und gegen den erheblichen Widerstand der Einheimischen eine Sonntagsfähre im Fahrplan aufgenommen; nur die fuhr nicht nach Skye, sondern zurück zum Festland nach Ullapool, weswegen wir bereits am späten Samstagabend weiterreisten.

    Sandstrand auf der Isle of Lewis
    (Quelle Foto: privat. Sandstrand auf der Isle of Skye)

    Die britische Regierung hatte im Jahr zuvor die Subventionen für die 2.5 Stunden lange Fährüberfahrt erhöht, wodurch sich der Tarif für Mensch und Auto halbierte und die Auslastung der Fähren auf 100 % herauf schnellten. Eine perfekte Massnahme zur Ankurbelung des Insel-Tourismus, darum geriet der Fahrplan im ganzen Sommer aus den Fugen, es kam zu Verspätungen, und die zusätzliche Sonntagsfähre brachte endlich Entlastung. Dabei war es vorher ganz im Sinne der Einheimischen, dass am Sonntag nichts los ist.

    Hafen von Uig mit der Fähre nach Lewis
    (Quelle Foto: privat. Hafen von Uig auf der Isle of Skye, die Fähre nach Tarbert auf Harris, pausiert am Sonntag)

  • Alles dicht am Sonntag
  • Was für eine Ruhe, wenn an einem Tag in der Woche der Verkehr ruht und die Geschäfte geschlossen bleiben! In Schottland beginnt man unwillkürlich, bei jeder geöffneten Tankstelle am Strassenrand kurz den Treibstoffstand zu überprüfen, und lieber einmal mehr als einmal zu wenig zu tanken, denn sonst heisst es „You have to wait for Monday!“ Vor einigen Jahren fuhren auch auf dem Festland von Schottland am Sonntag keine Züge.

  • Schon am am Heiligabend mit dem Zug nach Norden gefahren?
  • Uns erinnerte das daran, dass auch in Deutschland an Silvester und Heiligabend eine ähnliche Situation wie in Schottland am Sonntag herrscht, wenn ab 16:00 Uhr der öffentliche Verkehr langsam zum erliegen kommt. Ich fuhr einmal mit dem ICE von Stuttgart nach Köln am 24. Dezember. Der Zug glich einem Geisterzug. In den zehn Wagons waren vielleicht noch fünf Reisende zu finden, die sich dann alle im Speisewagen trafen, weil es einfach unheimlich ist, allein in so einem leeren Zug zu reisen. Richtung Süden, da ist in den Zügen vor Weihnachten die Hölle los, weil alle noch schnell in die Berge zum Skiurlaub kommen möchten, doch Richtung Norden? Wer nicht bis zum 23. Dezember angekommen ist, der fährt erst nach Weihnachten, weswegen die Deutschen Bahn viele reguläre Züge an diesen Tagen aus dem Fahrplan nimmt. Seit einigen Jahren hat ein Umdenken eingesetzt und Busse und Bahnen werden gerade an Silvester rund um die Uhr im Einsatz gehalten, damit die Partygänger bloss nicht auf die fatale Idee kommen, angetrunken mit dem Privatwagen heimzufahren. Prima Plan! Sollten wir mal den Schotten erzählen.

    Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern der Blogwiese ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Jahr 2010!
    Die Blogwiese macht Ferien und meldet sich erst im neuen Jahr zurück.

    Wie hoch liegt die Schweiz? — Von der Nordsee bis zum Mittelmeer geht es nur bergab

    Dezember 7th, 2009

    (reload vom 17.10.06)

  • Eine Hausse ist ein Hoch
  • Im Herbst 2006 boomte die Wirtschaft in der Schweiz. Der SMI = Swiss Market Index stürmte von einem Allzeithoch zum nächsten. Es ging immer nur aufwärts. Immerhin konnte man dieses Hoch, diese „Hausse“ noch messen, denn die Zahlen waren leicht zu verfolgen. Komplizierter ist es mit der sonstigen Höhe der Schweiz, denn die wird hier nicht nur anders gemessen als beim nördlichen Nachbarn, sie heisst auch anders.

  • Meter über Meer ohne Zugang zum Meer
  • Während die Deutsche von der „Höhe über dem Meeresspiegel“ sprechen, sagt man in der Schweiz mit einer hübschen Alliteration und ohne bestimmtem Artikel: „Meter über Meer“:

    Meter über Meer (m ü. M.) ist die offizielle Bezeichnung der Schweizer Höhenangaben.
    In der Schweiz verwendet man als amtliche Höhen, nivellierten Höhen ohne Schwereausgleich aus dem Landesnivellement von 1902 (LN02). Als Ausgangspunkt des Schweizer Höhennetzes dient der Repère Pierre du Niton. Dessen Höhe wurde vom mittleren Meeresspiegel von Marseille abgeleitet und auf 373,6 m gerundet.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Die Nordsee ist kein Meer sondern eine See
  • Mit „Meer“ ist also keine Nordsee und keine Ostsee gemeint, sondern das Mittelmeer. Die östlichen Nachbarn der Schweiz, die Österreicher, fanden auch zu Recht, dass das Mittelmeer ihnen am nächsten liegt, gingen aber zum Vermessen nicht nach Marseille als Bezugspunkt, sondern an die Adria. Das hat Folgen:

    Die schweizerischen Höhenangaben weichen um ca. -0,6 bis -7,5 cm von den österreichischen Höhen über der Adria ab. Da der Repère Pierre du Niton 1845 ungenau auf 376,86 m bestimmt wurde, sind Höhenangaben, die sich auf diesen „Alten Horizont“ beziehen (zum Beispiel in der Siegfriedkarte und Dufourkarte), um 3,26 m höher als die heute offiziellen Werte.

    Wenn Sie also mit der Dufourkarte auf die Dufourspitze steigen, sind sie laut Karte nicht auf 4634 Meter über Meer, sondern 4637 Meter. Hier gibt es einen wunderschönen 360 Grad Quicktime Rundumblick davon. Aber vorher eine Jacke anziehen. Ist ziemlich kalt da oben.

  • Wie wird in Deutschland die Höhe gemessen?
  • Bis 1993 wurde in Deutschland die Höhe in beiden Teilstaaten getrennt gemessen und definiert.

    Die Vermessungsverwaltungen der 16 Bundesländer Deutschlands beschlossen im Jahr 1993 ein einheitliches Höhenbezugssystem, das DHHN92, einzuführen. (…) Anschlusspunkt zur Festlegung des DHHN92 ist der Knotenpunkt Wallenhorst (bei Osnabrück), der an das europäische Referenznetz (ETRS89) angeschlossen ist, das sich weiterhin auf den Pegel von Amsterdam bezieht.

    Amsterdam liegt an der Nordsee, nicht am Mittelmeer. Und was kann es Schöneres geben, als ein knackige Abkürzung wie „DHHN92“, klingt wie ein DJ-Kürzel oder der Name eines Flugzeugs. Doch, es geht noch schöner. Wenn Sie „Meter über Meer“ auch wie reine Poesie empfinden, wie gefallen Ihnen dann diese Wortkonstruktionen:

    Von Normalnull über Höhennull zu den Höhen über Normalhöhennull
    Die bisher geltenden Höhenbezüge auf Normalnull (NN) und Höhennull (HN) werden damit durch das Quasigeoid des DHHN92 ersetzt und als Höhen über Normalhöhennull (Höhen über NHN) bezeichnet
    (Quelle: Wikipedia)

    Zum Glück ist das nicht wirklich die eingebürgerte Bezeichnung. Sie dürfen „meter über Normalhöhennull“ sagen, kurz „m. ü. NHN“. In der Schweiz heisst es m. ü. M. (meter über Meer) und in Österreich m. ü. A. (meter über Adria). Meter ist in der Schweiz laut unserem Duden vorwiegend männlich, aber auch sächlich möglich, in Deutschland nur männlich, warum aber in den Abkürzung das/der Meter klein geschrieben wird, das mag uns niemand erklären.

  • Als in Laufenburg 54 cm fehlten
  • Richtig spannend wurde es, als 2003 in Laufenburg eine neue Brücke zwischen der Schweiz und Deutschland gebaut wurde und die jeweiligen Ingenieure die landestypische Höhenmessung verwendeten.

    Knapp ein Kilometer östlich von Laufenburg befindet sich die Neue Rheinbrücke. Sie wurde gebaut, um die auf beiden Seiten des Rheins gelegene Altstadt vom Durchgangsverkehr zu entlasten. Bei ihrem Bau verwendeten die Schweizer Brückenbauer den Triester Pegel, die deutschen Brückenbauer hingegen den Amsterdamer Pegel. Zwischen beiden Pegeln besteht eine Differenz von 27 Zentimetern. Die Differenz wurde aber falsch korrigiert, so dass sie schliesslich 54 Zentimeter betrug. Dies sorgte 2003 für viel Gespött, da die Brücke ohne die dann vorgenommenen Korrekturen nicht für den Verkehr nutzbar gewesen wäre. Die Eröffnung erfolgte im Dezember 2004
    (Quelle: Wikipedia)

    Rheinbrücke Laufenburg
    (Quelle Foto: karl-gotsch.de)

    Als im Frühjahr 2006 bei Rheinfelden eine neue Autobahnbrücke zwischen der Schweiz und Deutschland eingeweiht wurde, mit der das Nadelöhr Basel umfahren werden soll, erzählt der Schweizer Bundesrat Moritz Leuenberger die Geschichte der Laufenburger Brücke so:

    Auf beiden Seiten des Rheins wurde gebaut. Als die beiden Hälften hätten vereinigt werden sollen, ergab sich ein Höhenunterschied von einem halben Meter.

    Ein Rätsel.

    Die Zahlen stimmten, aber die Differenz blieb.

    Der Oberexperte aus Deutschland reiste verzweifelt in die Ferien zu seiner Fraktion in die Toskana am Mittelmeer, derjenige aus der Schweiz nach Sylt, an die Nordsee. Das brachte die Wahrheit an den Tag:

    Es lag an der Meereshöhe. Wir in der Schweiz berechnen sie ab dem Mittelmeer, Sie in Deutschland berechnen sie ab der Nordsee.

    Nicht einmal mehr auf die Tiefe des Meeresspiegels kann man sich verlassen. Das nächste Mal werden wir im Vertrag genauer sein und festhalten: Wir berechnen die Meereshöhe nach dem Tiefensee.

    Die Brücke von Laufenburg zeigt: Es gibt manchmal auch Grenzen der Verständigung, die wir im Eifer um Objektivität übersehen, zu Unrecht übersehen.

    Wir müssen also mit Rücksicht auf die Fakten und die jeweiligen Interessen aller Betroffenen entscheiden, unabhängig davon, auf welcher Seite der Grenze sie sich gerade befinden.

    (Quelle: uvek.admin.ch)
    UVEK ist übrigens kein „Universeller Verein Evangelischer Knastbrüder“ sondern bezeichnet das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation.

    Die ganze Geschichte auch als wvx-Video hier bei azonline.ch

    P.S.: Wo liegt eigentlich der Tiefensee, nach dem Leuenberger in Zukunft die Höhe berechnen will?

    Wenn drei Kindern nicht genug Arbeit sind für eine Kinderzulage

    November 18th, 2009

    (reload vom 10.10.06)

  • Drei Kinder in Deutschland
  • Unsere Freundin Sophia lebt in Deutschland. Sie hat drei Kinder. Beim ersten Kind hat sie es sogar noch geschafft, ihr Pädagogikstudium weiterzuführen. Sophia möchte Grundschullehrerin werden. Sie ist intelligent und studierte zielstrebig, um rasch mit der Ausbildung fertig zu sein und das Referendariat beginnen zu können. Ein Kind als Alleinerziehende grosszuziehen und nebenbei ein Studium zu bewältigen, das erforderte viel Nachtarbeit bei wenig Schlaf und ein ausgesprochenes Organisationstalent.

    Dann bekam Sophia zwei weitere Kinder mit ihrem neuen Partner, und an Studium ist nicht mehr zu denken. Sophia zieht ihre Kinder gross, der 5-Personen-Haushalt mit zwei Kleinkindern beansprucht sie voll, sie kommt kaum über die Runden. In Deutschland erhält Sophia für die drei Kinder Kindergeld:

    Deutsches Kindergeld ist heute zu bedeutenden Teilen keine Sozialleistung, sondern ein Ausgleich für die (ohne einen solchen Ausgleich verfassungswidrige) Besteuerung des Existenzminimums von Kindern und dementsprechend im Einkommensteuergesetz geregelt. Nur der über den Ausgleich für die Besteuerung des Existenzminimums hinausgehende Teil ist für die Eltern eine Familienförderung.
    (Quelle: Wikipedia)

    Seit 2002 beträgt das Kindergeld für das erste bis dritte Kind 154 EUR, der steuerliche Freibetrag ist 3‘648 EUR pro Jahr. Damit erhält Sophia 462 EUR (= ca. 732 CHF) für ihre drei Kinder als Familienförderung. Sophia hat Glück dass sie in Deutschland lebt. In der Schweiz würde sie kein Kindergeld erhalten, denn sie arbeitet ja nicht.

  • Erziehungsgeld für die ersten 2-3 Jahre
  • Ausserdem bekommt Sophia in Deutschland Erziehungsgeld vom Staat:

    Das für Geburten ab 1. Januar 1986 eingeführte Erziehungsgeld ist eine Zuwendung des deutschen Staates an den Elternteil, der das Kind vorwiegend erzieht. Es ist als Ausgleich dafür gedacht, dass dieser Elternteil nur noch einer Teilzeitarbeit von maximal 30 Stunden pro Woche nachgeht. Schüler und Studenten als Eltern dürfen jedoch ihrer Berufsausbildung in vollem Umfang nachgehen. Auch dürfen bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden. Man kann sich entscheiden, ob man maximal zwölf Monate lang 450 Euro erhält oder ob man für maximal 24 Monate 300 Euro pro Monat bekommt.
    Das Erziehungsgeld muss man nicht zurückzahlen. Einzelheiten sind im Bundeserziehungsgeldgesetz geregelt.
    (Quelle: Wikipedia)

    Sophia lebt in Baden-Württemberg und kann darum noch im dritten Jahr Erziehungsgeld bekommen:

    Einige Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen & Thüringen) zahlen anschließend im 3. Kindsjahr freiwillig noch zusätzlich ein reduziertes Landes-Erziehungsgeld.
    (Quelle: Wikipedia)

  • Drei Kinder in der Schweiz sind nicht genug Arbeit
  • Monika lebt in der Schweiz. Monika hat ebenfalls drei Kinder. Monika kümmert sich um den Haushalt und um die Betreuung der Kleinkinder, denn ein bezahlbares Betreungsangebot in einem Kindergarten oder einer Kinderkrippen für mehr als 2-3 Stunden am Tag gibt es nicht für sie. Monika hat wenig Geld, sie würde gern arbeiten, denn sie hat immer gearbeitet und war nach ihrer Ausbildung nie ohne Job, bis die Kinder kamen. Jetzt ist sie Vollzeit-Mutter und Hausfrau, arbeitet von früh bist spät, erhält jedoch von der Eidgenossenschaft kein Kindergeld für ihre drei Kinder, weil sie offiziell „nicht arbeitet“.

    Eine Weile bekam sie knapp bemessene Sozialhilfe. Da das kaum reichte, hat sie nebenher schwarz gejobbt. Irgendwann flog das auf, weil sie jemand anschwärzte. Sie wurde gebüsst und musste die erhaltene Sozialhilfe zurückzahlen, soweit überhaupt möglich.

    Sie wollte nicht reich werden mit dem dazuverdienten Geld, es reichte einfach vorn und hinten nicht im Hochpreisland Schweiz. Der Vater der ersten beiden Kinder zahlt keine Alimente. Eine Klage ist aussichtslos, der Mann ist permanent in Konkurs und es gibt noch zwei weitere Familien, die Geld von ihm wollen.

    Würde Monika in Deutschland leben, könnte Sie Erziehungsgeld beantragen und hätte die Garantie, während 2-3 Jahre ihren Job nicht zu verlieren. In der Schweiz muss eine Frau vor der Schwangerschaft mindestens 3 Monate beschäftigt gewesen sein, um einen Anspruch auf Lohnfortzahlung zu haben:

    Gemäss Obligationenrecht hat der Arbeitgeber einer Arbeitnehmerin, die wegen Schwangerschaft oder Niederkunft an der Arbeitsleistung verhindert ist, für eine beschränkte Zeit den Lohn zu entrichten, sofern das Arbeitsverhältnis mindestens drei Monate gedauert hat. Die Schwangerschaft als solche gibt keinen Anspruch auf Lohn ohne Arbeitsleistung; nur wenn die schwangere Arbeitnehmerin aus gesundheitlichen Gründen an der Arbeit verhindert ist, kann sie Lohnfortzahlung verlangen. Der Arbeitgeber kann die Lohnfortzahlung deshalb von einem Arztzeugnis abhängig machen. Die Lohnfortzahlungspflicht besteht nur solange wie das Arbeitsverhältnis besteht.
    Gemäss OR ist der Lohn für eine „angemessene längere Zeit“ zu bezahlen (OR 324a). Wieviel das ist, sagt das Gesetz nicht. Verschiedene Arbeitsgerichte der Schweiz interpretieren das Gesetz unterschiedlich. Nach Berner Interpretation beträgt die Leistungspflicht beispielsweise

    im 2. Dienstjahr 1 Monat
    im 3. und 4. Dienstjahr 2 Monate
    im 5. bis 9. Dienstjahr 3 Monate
    erst vom 10. Dienstjahr an 4 Monate.
    Dabei handelt es sich um einen Höchstanspruch pro Jahr. Ist die Frau im gleichen Jahr bereits einmal krank geworden, so kann der Anspruch unter Umständen bereits ganz oder teilweise aufgebraucht sein. Mit dem neuen Dienstjahr entsteht wieder ein neuer Anspruch.
    (Quelle: selezione.ch)

    Noch schlimmer ist es für junge Frauen, die gerade ihre Arbeit neu angetreten sind:

    Junge Frauen, die ihre Stelle erst vor kurzem angetreten oder gewechselt haben, haben im Minimum einen Anspruch auf gerade
    drei Wochen Lohnfortzahlung. Nur gerade 40 % der privatwirtschaftlich angestellten Frauen unterstehen Gesamtarbeitsverträgen, die Situation ist aber auch dort weitgehend unbefriedigend gelöst.
    (Quelle: selezione.ch)

    Bis vor kurzem mussten Frauen, bei denen in der Schwangerschaft Komplikationen auftraten, für die daraus entstehenden Kosten selbst bezahlen:

    20.09.2006 | 08.32 h Krankenkassen sollen Komplikationen bei Schwangerschaft voll bezahlen
    Flims (AP) Werdende Mütter sollen für medizinische Komplikationen während der Schwangerschaft nicht mehr selber in die Tasche greifen müssen. Der Ständerat hat dem Bundesrat am Mittwoch als zweite Kammer aufgetragen, solche Kosten ganz den Krankenkassen zu belasten. Die Kleine Kammer überwies diskussionslos und ohne Gegenstimmen eine Motion von FDP-Fraktionschef Felix Gutzwiller (ZH), welche die Mütter von der Kostenbeteiligung ausschliessen will. Gutzwiller störte sich daran, dass nach heutiger Rechtsgrundlage die Krankenkassen bei komplikationslosen Geburten voll zahlen, während zum Beispiel die Kosten bei einer drohenden Frühgeburt teilweise auf die Frauen überwälzt werden
    (Quelle: Walliserbote.ch)

    Auf der offiziellen Webseite des Schweizer Ständerats heisst es dazu:

    Die Motion fordert eine Änderung des Krankenversicherungsgesetzes (KVG), sodass der Versicherer auf Leistungen bei Mutterschaft auch dann keine Kostenbeteiligung erheben darf, wenn es während der Schwangerschaft zu Komplikationen kommt.
    Antrag der Kommission
    Die Kommission beantragt einstimmig, die Motion anzunehmen.
    (Quelle: Parlament.ch)

    [Anmerkung Admin: Da die Passage über die Mutterschutzversicherung mit Erwerbsersatz nicht mehr aktuell war, habe ich sie hier entfernt]

    Dennoch werden Kinder geboren in der Schweiz
    Geburten in der Schweiz
    (Quelle: Bundesamt für Statistik Schweiz )

    Im Durchschnitt 9.8 pro 1‘000 Einwohner. Damit befindet sich die Schweiz neben Österreich und Deutschland am unteren Ende der Europäischen Statistik. Hier die Zahlen von 2000 zum Vergleich:

    Geburten in Europa

    (Quelle)

    26 % aller Kinder wurden in der Schweiz 2005 von Ausländern geboren, obwohl die nur 20 % der Bevölkerung stellen:

    Die Schweiz hat mit 20% der Gesamtbevölkerung mit Abstand den höchsten Ausländeranteil (…), gefolgt von Deutschland (10%), Österreich (9%), den USA (7%), Frankreich (6%) und Kanada (5%). Finnland (2%), Japan (1%) und Korea (0,3%) haben dagegen sehr wenige Ausländer.
    (Quelle: chronik.geschichte-schweiz.ch)

    Wir fragen uns wie die Geburtenstatistik der Schweiz aussehen würde ohne die Ausländer. Statt 9.8 Kinder auf 1‘000 Einwohner wären es nur 26% weniger, also 7.2 Kinder auf 1‘000.

  • Die Schweiz ist arm
  • Wir vergassen noch zu erwähnen, warum die Schweiz lange Zeit keine Mutterschutzversicherung mit Erwerbsersatz hatte. Es war zu teuer. Die Schweiz ist ein armes Land und kann sich das einfach nicht leisten. Kinder in die Welt setzen ist hierzulande absolute Privatsache und da darf sich der Staat nicht einmischen. Wenn es dann ums Besteuern der „privat finanziert und grossgezogenen“ Kinder geht später, wenn sie erwachsen sind und erwerbstätig, dann wird sich der Staat wieder einmischen.

  • Und wer zahlt ihre AHV-Beiträge?
  • Wenn Monikas Kinder gross sind, im Beruf stehen, verdienen und in die AHV einzahlen, dann hoffen wir für Monika, dass sie von den diesen Einzahlungen auch etwas abbekommt im Alter. Ihrer „privaten Vorfinanzierung“ ist es zu verdanken, dass die Schweiz die AHV drei Beitragszahler erhält. Wird es ihr gedankt?

  • Neunfache Mutter und kümmerlicher Alterslohn
  • Diese Situation ist in Deutschland nicht viel anders, auch wenn dort Kindergeld und Erziehungsgeld gezahlt wird:

    Wie es um die Gerechtigkeit bestellt ist, sobald die Familie ins Spiel kommt, hat das bekannte Trümmerfrauenurteil, der Fall der neunfachen Mutter Rosa Rees, der vor Jahren das Bundesverfassungsgericht beschäftigt hat, hinreichend erweisen. Diese Frau hatte geklagt, weil sie sich nicht damit abfinden wollte, für die 14 Berufsjahre, die ihr nach Abschluß der so genannten Familienphase geblieben waren, mit einem kümmerlichen Alterslohn abgespeist zu werden, während ihre Kinder, beruflich allesamt erfolgreich, dazu gezwungen waren, die Rentenkonten anderer Leute mit insgesamt 8 000 Mark monatlich zu bedienen.

    Die Urheberin dieses Reichtums mußte leer ausgehen, weil andere fixer waren als sie und dabei vom System auch noch begünstigt wurden. Der damalige Gerichtspräsident, der später Bundespräsident Roman Herzog, kommentierte den Fall seinerzeit mit den Worten: „Das kann doch nicht wahr sein!“ Es ist aber wahr, und was noch schöner ist: es ist bis heute wahr geblieben. Berufsarbeit rentiert sich weitaus besser als jede Form von Familienarbeit; und das, obwohl es doch diese zweite Form von Arbeit ist, die dem System das Überleben sichert.

    Der Gesetzgeber weigert sich hartnäckig, den Auflagen der Richter nachzukommen und die sattsam bekannten Mißstände mit jedem einzelnen Reformschritt, wie es im Urteil wörtlich heißt, abzubauen. In Dingen des Familienlastenausgleichs leben wir, unabhängig davon, welche Partei an der Regierung ist, im Zustand des permanenten Verfassungsbruchs.
    (Quelle: Deutscher-Familienverband.de)

    Wohin stöppelt die Stöpplerin? — Neue Schweizer Lieblingswörter

    November 13th, 2009
  • Kein Tramper sondern ein Stöppler
  • Wir fanden auf Blick.ch diese hübsche Schlagzeile
    Stöpplerin

    Polizei hält für Stöpplerin in Autobahntunnel
    (Quelle: blick.ch)

    Nun fragen wir uns: Wenn die Stöpplerin mit einem Mann unterwegs ist, ist dass dann ein Stöppler? Und das, was sie gemeinsam tun, nennt man das „stöppeln“, über Stock und Stein, sogar über die Stöppelfelder?

  • Ein Tramper ist ein Tramp
  • In Deutschland, da sagte man früher „Tramper„, oder „Tramperin“, frei nach Charly Chaplin, der den „Tramp“ einst als Film-Figur erfand. Das Wort an sich war schon alt und bezeichnete einen Wanderarbeiter oder Tagelöhner, siehe hier.
    The Tramp

    Blick klärt dann auf:

    Die marschtüchtige Autostopperin kam mit einem blauen Auge davon: Die Baselbieter Polizisten sahen von einer Busse ab und fuhren die Frau an den Bahnhof Sissach, wo sie ihre Reise nach Deutschland mit dem Zug fortsetzt. Für diesen Service musste sie allerdings eine Umtriebsgebühr von 20 Franken zahlen.
    (Quelle: blick.ch)

    Kein Marschhalt für die marschtüchtige Frau die sich dies im Baselbiet bieten liess, auch kein Bus oder gar mehrere Busse, dafür dann eine Freifahrt zum Bahnhof, da treibt sie sich nun um für 20 Franken Umtriebsgebühr. Sie war übrigens auf dem Weg zum Europapark in Deutschland, auf dem Weg nach Europa sozusagen, raus aus der Schweiz.

  • In Zeiten von Billigairlines wird wenig getrampt
  • Das Wort „Trampen“ ist aus der Mode gekommen, lesen wir, in Zeiten von Billigairlines und billigen Zugtickets. Heute sind die Tramper, wenn überhaupt noch vorhanden, „Anhalter„. In Berlin hatten die sogar einen eigenen Bahnhof, den „Anhalter-Bahnhof„.

  • Es lebe der Stöppler
  • Wir finden „Stöppler“ und „Stöpplerin“ sind klasse Bezeichnungen und verdienen es in der Standardsprache übernommen zu werden! Nur leider geht das nicht per Verordnung, sondern durch den „Sprachgebrauch„. Also bleiben wir bei diesen Worten und werden sie zukünftig fleissig gebrauchen.

    Was ist schweizerisch? — In Subtexten kommunizieren

    November 2nd, 2009
  • Was ist schweizerisch? — Ein Szene von Laura de Weck
  • Kennen Sie Laura de Weck? Es ist die begabte Tochter des Publizisten Roger de Weck, der für Die Zeit aus der Schweiz berichtet. Sie lebt als Autorin und Schauspielerin in Hamburg und erlebt, wie einst unser Freund Geissenpeter in seinem leider zu früh beendeten Blog „Heidis Welt„, sehr deutlich am eigenen Leib, was „schweizerisch“ sein bedeutet. Die folgende kleine Szene stammt aus einem Beitrag der NZZ vom 13.09.08. Über ihre damalige Situation in Hamburg schrieb sie:

    Seit Jahresfrist lebe ich in Deutschland, nie war ich so schweizerisch.
    In Deutschland bin ich keine Fremde. Ich mag die Deutschen. Wir haben ähnliche Handlungsweisen, Sehnsüchte, Ziele – Ängste. Wir haben nicht dieselbe, aber immerhin die gleiche Sprache. Doch in diesem Zwischenraum liegt der Unterschied.

    Dank den Schweizer Eigenschaften (Höflichkeit, Konfliktscheu, Zurückhaltung, Unsicherheit, Verniedlichung) werden wir in nonverbaler Kommunikation intensiver trainiert als Deutsche. Wir sind geschult darin, Aussagen nicht als solche hinzunehmen, sondern beispielsweise die Länge einer Pause zwischen zwei Sätzen zu bemessen oder einen stehengebliebenen Halbsatz weiter zu denken. Im Entschlüsseln der Subtexte sind wir professionell.
    (Quelle: NZZ-Online)

    Laura de Weck
    (Quelle Foto: sutter-management.de)

  • Subtexte entschlüsseln will gelernt sein!
  • Was für eine neue Erkenntnis! Der Schweizer sagt das eine und meint etwas ganz anderes. Sagst du nur einen Halbsatz, so hat das eine Bedeutung. Schweizer sind permanent mit der Interpretation des vom anderen Gesagten beschäftigt. Doch wie entschlüsselte man non-verbale Kommunikation am Telefon, wenn man seinen Gesprächspartner gar nicht sehen kann? Laura de Weck führt aus:

    Unterhält sich ein Schweizer mit mir, ruft mein Schweizhirn die Frage ab: Was will er damit eigentlich sagen? In Deutschland darf ich diese Frage ausschalten, mein Gegenüber sagt mir genau das, was er sagt.

    Da ist sie wieder, die berühmte deutsche „Direktheit“. „Mein Gegenüber sagt mir genau das, was sagt“. Schweizer in Deutschland lernen das rasch, für Deutsche in der Schweiz ist das erlernen der Subtext-Interpretation oft etwas schwieriger.

  • Was Frau Tschudi an der Tür sagt und meint
  • Im gleichen NZZ Beitrag schildert Laura de Weck nun eine Kommunikationssituation zwischen Schweizern und einem Deutschen. Es treten auf: Adrian, Tim, Frau Tschudi, Corina, Frau Tschudis Tochter. Tim ist Deutscher, die anderen nicht.

    Es klingelt in Tims und Adrians WG, vor der Tür steht Frau Tschudi.

    Frau Tschudi:

    Grüezi, guete Morge, hoi zäme.
    Ich bin d Nachbarin vo dobe, Tschudi isch min Name, bin d Mueter vo de Corina.
    Mir händ eus ja au scho mal gsee, i de Wöschchuchi . . .

    Uf jede Fall . . . hoff ich, dass ich nöd störe?
    Söll ich spöter nomal cho?
    Han ich Si echt bi öppisem unterbroche?
    Da bin i froo. Nöd, dass ich Si . . .

    Uf jede Fall . . .
    Gesterd zaabig . . .

    Also, ich finds ja schön, wänn Si mängisch es Fescht mached. Ich han ja Freud, wänn Si öppis zum Fiire händ. Das macht ja au Spass. Mini Tochter häts ja au lustig gfunde bi Ine . . . Aber es isch eifach echli lut gsi . . .
    also d Musig . . .
    Spöter au . . . Aber da chömmer es anders Mal drüber . . .?
    Also, wänn sie villicht so lieb sind, s nächscht Mal e chli liisliger z si, wär ich scho no froo.

    Da händ Si ja au öppis devo. So luuti Musig sött ja ungsund sii für d Oore.
    Will ich han ja alles usprobiert gha: Fenschter zue, Oropax und so wiiter. Si känned das ja.
    Mir isch jetzt eifach nüd mee iigfalle, was ich chönt mache zum chöne ischlafe . . . Uf jede Fall . . .

    Herzliche Dank.
    Danke villmal.
    Adieu, ade.

    Es isch so en schööne Taag dusse, eifach herrlich.
    Frau Tschudi ab.
    Tim: Was hat die gesagt? Hab kein Wort verstanden.

    Verstanden haben die meisten deutschen Leserinnen und Leser der Blogwiese die Ansage von Frau Tschudi sicherlich. Aber sind sie auch in der Lage, die Subtexte richtig zu interpretieren? „Verstehen Sie Schweizerdeutsch? Begreifen Sie es auch?“, wie Ursus & Nadeschkin fragen würden. Die Interpretation erfolgt sofort:

    Adrian:
    Das war Corinas Mutter, sie heisst Frau Tschudi, sie meint, wir sollten uns diesen Namen verdammt gut merken, weil wir noch öfters mit ihr zu tun haben werden, besonders wegen der herumliegenden Wäsche in der Waschküche. Sie sagt, dass sie überhaupt kein Verständnis für unsere Partys hat, weil wir ohne besonderen Grund wie Geburtstag oder Neujahr feiern. Dass wir keine Musik mehr laufen lassen sollten, ansonsten sie die Polizei ruft. Solltest du es aber nochmals wagen, ihre Tochter anzufassen und nach der Party so laut mit ihr zu vögeln, würde sie dich verprügeln.
    Ach ja.
    Und dann sagte sie noch, sie fände es unmöglich, dass wir bei dem Sommerwetter drinnen rumgammeln, und dass wir uns wenigstens jetzt aus der Wohnung verdrücken sollten.

    Diese wunderbare Szene hat noch einen zweiten Teil:

    Es klingelt erneut, Tim verschwindet, Adrian öffnet die Tür. Corina:
    Sorry, dass ich stööre.
    Isch ächt de Tim da?
    Adrian: Nei, sorry, dä isch grad nöd dihei. Corina:
    Nöd?

    Aha.

    Janu.

    Ich versuechs eifach wider.
    Adrian: Easy. Corina: Tschau. Adrian: Tschau. Corina ab. Tim: War das Corina? Adrian: Ja. Tim: Was sagte sie? Adrian:
    Dass sie mir nicht glaubt, du seist nicht da, aber dass sie dich trotzdem liebt.

    Zugegeben, die Szene ist sehr witzig und etwas überspitzt. Dennoch halten wir sie für absolut realistisch und dem Alltag entnommen. Schweizerdeutsch zu verstehen ist lernbar für Deutsche in der Schweiz. Schweizerdeutsch richtig zu interpretieren dauert etwas länger.

  • Deutsche reden direkt, ohne Subtext
  • Die Walliser Sängerin Stefanie Heinzmann wurde vom Pendlerblatt 20Minuten gefragt, was sie an den Deutschen so mag. „Die sind ehrlicher„, antwortete sie sofort, wenn es um die direkte und sofortige Beurteilung ihrer Musik geht. Die Interpretation von Subtexten fällt auch nicht allen Schweizern leicht. Schlussfrage: Wo kann man sich eigentlich eine Interpretationshilfe für Schweizer Subtexte besorgen?