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Wo gehe ich nach — Von der Alb komme ich herab — Als Norddeutscher im Schwabenland

(reload vom 8.12.06)

  • Wo gange mir no?
  • In früheren Jahren bekam ich als Norddeutscher meinen ersten innerdeutschen Kulturschock, als ich das heimische Pommesbuden- und Trinkhallen-Paradies Ruhrgebiet verliess und zum Zivildienst ins tiefste Schwabenland in die Heimat von Harald Schmidt auswanderte. Der hatte dort von 1978 bis 1981 an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart das Fach Schauspiel studiert.

    Nicht weit von Stuttgart besuchte Harald Schmidt das Gymnasium in Nürtingen. Dort in der Nähe lernte ich meine ersten schwäbischen Sätze. „Wo gange mir no?“ zum Beispiel war eine häufige Frage, die mir von den zu betreuenden erwachsenen Geistigbehinderten gestellt wurde. Der Satz heisst auf Hochdeutsch verschriftet: „Wo gehen wir nach“ und hat nichts mit verstellten Uhren zu tun, sondern meinte schlichtweg: „Wohin gehen wir?“. Im Kohlenpott wäre das einfach „Wo gehze?“ gewesen. Auch die immer wieder fällige Satzbetonungsfloskel „Woisch des?“, mit der sich mein Gegenüber darüber versicherte, ob ich eine wichtige Sache bereits weiss, ging mir schnell ins Ohr. Und das typisch schwäbisch „Gell?“, über das manche Norddeutschen schmunzeln und gleichzeitig „Wah?“, „Woll?“ oder „Nö?“ von sich geben um die Kommunikationskanal weiterhin offen zu halten, ging mir schnell in Fleisch und Blut über. In Basel wurde es dann später durch ein kräftiges „Oderrrr?“ ersetzt.

  • Von der Alb komm ich herab, auf die Alb muss ich rauf
  • Ich erwanderte mir an den dienstfreien Wochenende den „Albtrauf“ , d. h. die Abbruchkante dieses Mittelgebirges, dass sich von Süden her weit ins Schwäbische Land schiebt und im Durchschnitt 400 Meter hoch ist.
    Schwäbisch Alb bei Bad Urach
    (Die Schwäbsiche Alb bei Bad Urach. Quelle Foto: laufspass.com)

    Man fährt drum von Stuttgart „rauf auf die Alb“ oder man gibt seine Herkunft an als „von der Alb raa“. Dieses „raa“ klingt wie „Rabe“ und war mir lange Zeit unerklärlich, bis ich lernte, dass es einfach die Kurzform von „von der Alb ‚herab‘“ bedeutet.

    Später, als ich in der Stuttgarter Industrie in den Semesterferien hochbezahlte Ferienjobs bekam (1984 für sage und schreibe 15 DM = damals ca. 12 Franken die Stunde), kam eines Morgens um ca. 6:30 Uhr ein ur-schwäbischer Kollege auf mich zu und sagte diesen Satz: „I bii heut‘ früh schon auf die Alb gehupft“. Ich hatte diesen Satz genau so verstanden, und wunderte mich sehr, warum der gute Mann in aller Herrgottsfrühe zu einer Wanderung auf die schwäbische Alb unterwegs sein sollte, so sportlich kam er mir gar nicht vor. Nun gut, Bergsteiger lieben das Morgenrot, und vielleicht ist dann die Luft am besten und die Aussicht vom Albtrauf rüber ins diesige Stuttgart besonders schön. Also fragte ich nach, welchen Gipfel er denn erklommen habe. „Noi noi, nit uff die Alb, uff die Alt‘ “.

    Plötzlich schwante mir, was mir der gute Mann sagen wollte: Er habe an diesem Tag vor dem Aufstehen um 6.00 Uhr bereits den Geschlechtsverkehr mit seiner Gattin vollzogen, er sei auf die „Alte gehüpft“. Wunderbar, auch das hatte ich begriffen. So ein Ereignis ist für ihn wahrscheinlich so selten gewesen, dass er es sogleich seinen Kollegen der Frühschicht mitteilen musste.

  • Da guckst Du nach der Gugg fürs Veschpa
  • Weitere überlebenswichtige Wörter, die ich im Zivildienst im Schwabenland erlernte war „Mei Veschpa“, womit der einheimische Sprecher nicht den draussen vor der Tür geparkten Vespa-Motorroller meinte,
    Mei Vespa
    (Ist dies „Mei Vespa“? Quelle Foto: wdr.de . Rechte akg-images)

    wie ich zunächst glaubte, auch nicht den katholischen „Vesper-Gottesdienst“ (im pietistisch-protestantischen Schwabenland eher selten) sondern sein Pausen- oder eben „Vesperbrot“.

    Dies wurde ordnungsgemäss verpackt in einer „Gugg“, der schwäbischen Tüte, die mir später in der Schweiz als „Guggenmusik“ erneut vor die Ohren kam.

  • Eine Rolle ist keine Wurst
  • Dann waren da noch die wichtigen Wörter für die Notdurft. Als auf einer Wanderung einer der mir anvertrauten jungen Männer plötzlich das dringende Bedürfnis anmeldete, er müsse sogleich „Rolle machen“, ging ich davon aus, dass es sich um eine sauber abgeseilte runde Wurst handeln müsse, eine „Rolle“ eben. Ich hatte den mir anvertrauten Betreuten ganz umsonst in den tiefsten Wald geführt, in der Annahme, es würde was „Grosses“ folgen. Doch der junge Mann pinkelte schlichtweg einfach an die nächste Tanne. Das war es, was er unter „Rolle machen“ verstand. „Noi, koi Stinker…“

    Auch das hatte ich dann verstanden. Stets denke ich an diese Sprachlektion im Schwäbischen, wenn wir zwischen Lausanne und Genf am hübschen Ort „Rolle“ vorbeifahren und frage: „Na, muss irgendjemand Rolle machen in Rolle?

    Rolle
    (Rolle am Genfer See. Quelle Foto: lake-geneva-region.ch)

    

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