Blogwiese in der Schweizer Familie

September 24th, 2006

Heute ist Ruhetag, darum keine frischen Postings.

Dafür etwas auf die Ohren, den zweiten Teil des Podcast von Roger aus dem Kultpavillon:
Podcast Teil 2

Ausserdem freuen wir uns für Jean-Pascal Breitenmoser aus Basel, der Dank Blogwiese in dieser Woche um 100 Franken reicher geworden ist, weil er uns als Linktipp an die Zeitschrift „Schweizer Familie“ verkloppt hat. Herzlichen Glückwunsch! Und nicht alles auf einmal auf den Kopf hauen, lieber Jean-Pascal!

Blogwiese in der Schweizer Familie hier.

Geheimnisse im Schweizer Alltag — Wüüde Wochen

September 22nd, 2006
  • Nicht müde sondern wüüde
  • Wer erinnert sich noch an die perfekt spanische Werbung von McDonalds, dem Restaurant zu den drei goldenen Bögen, als dort für „Los Wochos“ geworben wurde?
    Los Wochos
    Foto Los Wochos
    (Quelle Foto: Roland-Barthel.de)

    Wir waren stolz auf unsere Spanischkenntnisse, als diese Werbung lief. „Me mucho“ konnten wir fliessend und akzentfrei übersetzen. Diese Fähigkeit verliess uns hingegen, als wir neulich an diesem Schild in Bülach vorbei kamen:

    Wüüde Woch’n

    Was sich dahinter verbirgt? Wir wurden nicht „müüde“, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Der Schlüssel für das Verständnis dieses Fotos ist der Name der Biersorte. „Schützengarten“, gepaart mit der Ikonographie der drei angedeuteten, aufstrebenden Pfeile mit Schaft am unteren Bildrand. Wir wissen ja, dass Schützen schiessen, vielleicht mit Pfeil und Bogen oder einer Armbrust oder sogar mit so einem Vorderlader wie bei der Biermarke.

    Oder sind das wohlmöglich gar keine Pfeile sondern Tannen eines dichten Waldes?

    Unsicher machte uns noch die Feststellung, dass für dieses geschriebene „Wüüdi“ keinerlei weitere Belege in der Schriftsprache zu finden sind. Es ist einzigartig. Wohl, einen Lehrer mit Spitznamen „Wüdi“ haben wir schon gefunden, aber keine Wochen oder Wörter mit zwei „ü“ in der Mitte. Es blieb uns als norddeutsche Flachländer nichts anderes übrig, als zu fragen, wer denn hier so „wütend“ auf die Wochen war, dass er das „e“ gleich wegliess?

  • In the wild wild west…
  • Siehe da, die „wüüde Woch’n“ entpuppten sich schnell und ganz einfach zu „wilden Wochen“, in denen es keine Kannibalen zu fressen gibt, sondern Wild, was denn sonst. Hirschragout und Wildschweinbraten, wer hätte das gedacht.

    Kein Geld überweisen, aber Postulate

    September 21st, 2006
  • Was ist ein Postulat?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 14.09.06, Seite 15:

    Der Zürcher Gemeinderat möchte, dass in öffentlichen Gebäuden nicht mehr geraucht wird. Ein Postulat der Grünen wurde klar überwiesen.

    Ein Postulat, dazu meint unser Duden:

    Postulat, das; -[e]s, -e [lat. postulatum]:
    1. (bildungsspr.) etw., was von einem bestimmten Standpunkt aus od. aufgrund bestimmter Umstände erforderlich, unabdingbar erscheint; Forderung: ein ethisches, moralisches, politisches Postulat; ein Postulat der Vernunft; Eine weitere Pressekonzentration ist demnach unausweichlich. Fragt sich nur, ob diese Entwicklung mit dem Postulat Pressevielfalt vereinbar ist (Tages Anzeiger 19. 11. 91, 5); Ebenso deutlich war ein Postulat für die Erstellung einer Kunsteisbahn … abgelehnt worden (NZZ 1./2. 5. 83, 22); das Postulat von der welthistorischen Sonderrolle des deutschen Volkes (Fraenkel, Staat 209).
    (Quelle: Duden.de)

    Haben Sie auch bemerkt, dass die Belegstellen allesamt aus der Schweiz stammt? Dem Heimatland des gelben „Postautos“, dass erst kürzlich seinen 100sten Geburtstag feiern durfte? Postulate gibt es also häufig in der Schweiz, und wenn, dann werden sie stets „überwiesen“.

  • Ein Postulat überweisen
  • Die Kombination „Postulat überweisen“ findet sich bei Google-CH 513 Mal, bei Google-DE überhaupt nicht. Dabei tun sich doch die Schweizer sonst so schwer mit den Überweisungen, jedenfalls, wenn es ums Geld und ums Bezahlen von Rechnungen geht, und stellen sich lieber jeder Monat bei der „POST“ hinten an. (vgl. Blogwiese)

    Doch unser Duden ist schlau. Er kennt das Postulat auch noch als bildungssprachlich und philosophisch:

    2. (bildungsspr.) Gebot, in dem von jmdm. ein bestimmtes Handeln, Verhalten verlangt, gefordert wird: ein Postulat befolgen.
    3. (Philos.) als Ausgangspunkt, als notwendige, unentbehrliche Voraussetzung einer Theorie, eines Gedankenganges dienende Annahme, These, die nicht bewiesen od. nicht beweisbar ist:
    ein Postulat aufstellen; die Existenz Gottes ist ein Postulat der praktischen Vernunft.

    Dann erst, wenn wir schon klein beigeben wollen, rückt er mit der eigentlich interessanten Information heraus:

    4. (schweiz. Verfassungsw.) vom schweizerischen Parlament ausgehender Auftrag an den Bundesrat, die Notwendigkeit eines Gesetzentwurfs, einer bestimmten Maßnahme zu prüfen.

    Jetzt ist der Zürcher Gemeinderat kein Parlament, aber die Verfahrensweise ist sicher ähnlich dort. Wenn also die Grünen ein „Postulat überweisen“, dann erteilen sie einen Auftrag, die Notwendigkeit einer bestimmten Massnahme zu prüfen.
    Der letzte Satz des Artikels im Tages-Anzeiger lautet:

    Das Postulat wurde mit 75 zu 19 überwiesen.

  • Wie oft stimmen die denn nun ab?
  • Also hat man darüber abgestimmt, dass die Zürcher Exekutive prüfen soll, ob das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verboten werden soll. So eine Art „Eintretensdebatte“, bzw. die Abstimmung über die Aufnahme der Eintretensdebatte. Wenn wir das jetzt noch alles richtig auf die Reihe kriegen, wird über so eine Sache mindestens dreimal abgestimmt. Beim Postulat, das überwiesen werden soll, wird entschieden, ob sich die Exekutive damit befasst. Bei der Eintretensdebatte wird entschieden, ob darüber diskutiert wird, und dann kommt noch die Vernehmlassung, in der die beteiligen Tabakonzerne und Pro-Rauchen-Lobbys ihren Senf bzw. Rauch beisteuern dürfen. Dann stimmt das Parlament ab, und dann kommt das ganze nochmals zur Abstimmung vor das Volk. In der Zwischenzeit vergehen ein paar Jährchen. Demokratie kann ganz schön kompliziert sein in der Schweiz.

  • Weiss jeder Schweizer, was das heisst?
  • Wir fragten heute gleich die freundliche Nachbarin in der S-Bahn, was denn „ein Postulat überweisen“ eigentlich bedeutet. Ihre Antwort:

    „Wie soll ich das wissen, das Frauenwahlrecht gibt es noch nicht so lange in meinem Heimatkanton..“

    Bereits am Satzanfang — Syntaktische Feinheiten der Schweizer Schriftsprache

    September 20th, 2006
  • Bereits ohne alles
  • Seit einiger Zeit beobachten wir in den Schweizern Medien, vor allem im Tages-Anzeiger und in der Nachrichtensendung „10 vor 10“, eine syntaktische Besonderheit, von der wir nicht ganz sicher sind, ob sie nun spezifisch schweizerisch ist oder nicht. Es geht um den Satzanfang mit „bereits“, ohne ein folgendes Zeitwort.

    Beispiel:

    Bereits ist es den USA geglückt, dank der Lancierung der Pipeline Baku (Kaspisches Meer) – Tbilissi (Georgien) – Ceyhan (Türkei) eine Bresche in das russische Monopol beim Öltransport zu schlagen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Oder hier:

    Bereits ist es einigen Programmierern gelungen, auf der PSP raubkopierte Spiele laufen zu lassen
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Der Satz ist nicht falsch, aber irgend etwas fehlt uns hier. Vielleicht ein „Bereits heute“, oder ein „schon jetzt“? Wir haben noch weitere Verwendungen gefunden:

    Bereits ist es möglich, mit Techniken wie der Positron-Emission-Tomographie (PET) die Hirnaktivität beim Auftreten veränderter Bewusstseinszustände nicht nur zu messen, sondern die einzelnen Zustände entsprechenden Hirnregionen zuzuweisen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger, zitiert auf hanflobby.de)

    Auch hier kommt uns das Ganze einfach zu knapp vor. Es fehlt ein „bereits heute“. Beim nächsten Beispiel ist es nur die Reihenfolge, die uns merkwürdig vorkommt:

    Bereits ist es einige Zeit her, dass uns Anna Witzig verlassen hat.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Bei diesem Beispielsatz kommt uns die Wortstellung ungewohnt vor. Wer ein wenig die Augen offen hält und darauf achtet, wird sicher rasch weitere Beispiele finden. Für uns kommt diese Besonderheit der helvetischen Syntax in die gleiche wundervolle Sammlung mit „für einmal“ und „erst noch“ (vgl. Blogwiese).

  • Bereits paranoid?
  • Oder ist das alles gar nichts Besonderes und es findet sich auch massig Verwendungsbeispiele für „Bereits“ am Satzanfang ohne Zeitwort in Deutschland, und ich kriege hier einfach nur die helvetische Paranoia? Bereits spüre ich so ein Ziehen im rechten Ohr. Für einmal gibt es keine Erklärung und erst noch muss ich darüber nachdenken. Bereits ist es spät. In dem Fall bis morgen dann.

    Wie lange knorzen Sie daran schon? — Neue alte Schweizer Lieblingswörter

    September 19th, 2006
  • Es knorzt im Tages-Anzeiger
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt für angewandtes Schweizerdeutsch, vom 14.09.06 auf Seite 17:
    Knorzen an der Uni

    Die Uni knorzt am Reglement zu sexueller Belästigung

    Wir dachten zunächst, es handele sich hier um einen Schreibfehler, es sei „knackt“ gmeint. Aber irgendwie klang es nicht schlecht, dieses „knorzt“. Ein bisschen wie „harzt“ (vgl. Blogwiese) . Vielleicht harzt und knorzt es ja manchmal im Duet, so als kleine Waldmusik.

    Muss was Lautmalerisches sein, wenn es knorzt. Es erinnert uns auch an die vielen Wörter für den Brotanschnitt (vgl. Blogwiese), die jetzt sogar der Zwiebelfisch Bastian Sick im Spiegel-Online als Thema entdeckt hat: „Knäppchen, Käuschen, Knörzchen“.
    Knörzchen beim Zwiebelfisch
    (Anfang des Artikels auf Spiegel-Online.de)

    Knust und kein Knörzchen

  • Ob „Knörzchen“ von „knorzen“ kommt?
  • Doch „für einmal“ hat es nichts mit dem vielbenannten Brotanschnitt zu tun, es geht um eine Variante der anstrengenden Art. Sogar unser Duden kennt es:

    knorzen (sw. V.; hat):
    1. (südd., schweiz. mundartl.) sich abmühen, plagen:
    daran knorzen wir schon lange.
    2. (schweiz. mundartl.) übertrieben sparsam, geizig sein.

    Wenn die Uni knorzt, dann plagt sie sich, dann müht sie sich ab. Und das ganz direkt, ohne „sich“ zu bemühen.

    Das Wort ist alt, sehr alt, und schon in alemannischen Quellen um 1219 belegt. Im Schwäbischen Raum beschreibt dieses Wort eine Tätigkeit bei der Traubenverarbeitung. Diese werden mit den Füssen im Trog getreten oder „geknorzt“.

    Grimms Wörterbuch meint:

    KNORZEN,KNÖRZEN,KNORTSCHEN, landschaftlich.
    1) knorzen, kneten, knitschen, quetschen, so schwäb., schweiz. SCHMID 320, z. b. trauben knorzen durch treten im troge STALD. 2, 115. TOBLER 112b: die trauben werden in einem hölzernen trog getreten und geknorzt. (…)

    schaff, wannen, zuber, do die frawen
    teglich eindewen, knorzen und sudeln.
    H. FOLZ von hausrat, fastn. sp. 1219, GÖZ, auswahl von H. Sachs 4, 157;

    Bei den Schweizer geht es nicht um Trauben pressen, sondern ums Wäsche waschen:

    2) schweiz. auch knortschen, knörtschen (…), und knorschen, auch vom manschen, klatschenden reiben, kneten bei der wäsche, vom patschen in nässe und kot. knorschen stellt sich zu knorsen, und das ganze wort könnte denselben ursprung haben wie knorsen, mit dem knitschenden, platschenden klange als begriffskern.

    Und schliesslich die heutige Bedeutung, die wir auch im Duden fanden:

    3) anders schweiz. knorzen, mühsam arbeiten RÜTTE 48, vgl. gnürzi m. ängstlicher, mühsamer arbeiter, knauser 32: das halstuch band es (das mädchen dem burschen) um mit all seiner macht .. knorzete ihm dann mit groszer anstrengung einen lätsch (schleife) zweg (zu wege). GOTTHELF 7, 64, auch da aber läszt sich kneten als grundbegriff annehmen, vgl. kneten 4, c. auch am Mittelrhein knorzen, pfuschen KEHREIN 236b, knörze machen? so kärnt. knorzen verkrüppeln (trans.) LEXER 163.

    Bei Gotthelf wurde also ein Lätsch zu wege geknorzt. Kling nach dem Beginn eines brutalen Raubmordes, oder? Zum Glück wird dabei nur eine Schleife geknotet, und kein Mensch gemeuchelt. Auf jeden Fall ein Klassewort, was wir in unseren Sprachschatz aufnehmen werden. Mit freundlicher Genehmigung des Dudens. Wir nehmen uns vor, gleich morgen lange und ausgiebig zu knorzen was das Zeug hält.