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Bereits am Satzanfang — Syntaktische Feinheiten der Schweizer Schriftsprache

  • Bereits ohne alles
  • Seit einiger Zeit beobachten wir in den Schweizern Medien, vor allem im Tages-Anzeiger und in der Nachrichtensendung „10 vor 10“, eine syntaktische Besonderheit, von der wir nicht ganz sicher sind, ob sie nun spezifisch schweizerisch ist oder nicht. Es geht um den Satzanfang mit „bereits“, ohne ein folgendes Zeitwort.

    Beispiel:

    Bereits ist es den USA geglückt, dank der Lancierung der Pipeline Baku (Kaspisches Meer) – Tbilissi (Georgien) – Ceyhan (Türkei) eine Bresche in das russische Monopol beim Öltransport zu schlagen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Oder hier:

    Bereits ist es einigen Programmierern gelungen, auf der PSP raubkopierte Spiele laufen zu lassen
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Der Satz ist nicht falsch, aber irgend etwas fehlt uns hier. Vielleicht ein „Bereits heute“, oder ein „schon jetzt“? Wir haben noch weitere Verwendungen gefunden:

    Bereits ist es möglich, mit Techniken wie der Positron-Emission-Tomographie (PET) die Hirnaktivität beim Auftreten veränderter Bewusstseinszustände nicht nur zu messen, sondern die einzelnen Zustände entsprechenden Hirnregionen zuzuweisen.
    (Quelle: Tages-Anzeiger, zitiert auf hanflobby.de)

    Auch hier kommt uns das Ganze einfach zu knapp vor. Es fehlt ein „bereits heute“. Beim nächsten Beispiel ist es nur die Reihenfolge, die uns merkwürdig vorkommt:

    Bereits ist es einige Zeit her, dass uns Anna Witzig verlassen hat.
    (Quelle: Tages-Anzeiger)

    Bei diesem Beispielsatz kommt uns die Wortstellung ungewohnt vor. Wer ein wenig die Augen offen hält und darauf achtet, wird sicher rasch weitere Beispiele finden. Für uns kommt diese Besonderheit der helvetischen Syntax in die gleiche wundervolle Sammlung mit „für einmal“ und „erst noch“ (vgl. Blogwiese).

  • Bereits paranoid?
  • Oder ist das alles gar nichts Besonderes und es findet sich auch massig Verwendungsbeispiele für „Bereits“ am Satzanfang ohne Zeitwort in Deutschland, und ich kriege hier einfach nur die helvetische Paranoia? Bereits spüre ich so ein Ziehen im rechten Ohr. Für einmal gibt es keine Erklärung und erst noch muss ich darüber nachdenken. Bereits ist es spät. In dem Fall bis morgen dann.

    

    20 Responses to “Bereits am Satzanfang — Syntaktische Feinheiten der Schweizer Schriftsprache”

    1. Rita Says:

      Guten Tag.

      Ich wollte dem Webmaster an dieser Stelle ein Kompliment machen. 1. Dieser Blog ist super. 2. Meine Hochachtung für die investierte Zeit. -jeden Tag!!! keiner der bolgs die ich sonst lese sind so fleissig geführt. Danke Herr Wiese.

    2. Thinkabout Says:

      Bereits sehen wir Schweizer eben die Verhängnisse der Zukunft auf uns zukommen und da muss man eben mit einem Verweis darauf eine entsprechende Zeitschiene in der Syntax andeuten. Wir leben eben nicht nur im Jetzt und Heute, sondern sind wachsam für zukünftige Bedrohungen und immer auf dem Weg ins Reduit.
      Oder sind wir vielleicht Minimalisten und auf halbem Weg zufrieden mit dem Erreichten?
      Am Ende schreibt der Tagi plötzlich:
      Bereits wird festgestellt, dass die Frauen 15% weniger verdienen als die Männer in vergleichbaren Positionen. Oder so. Dann wäre ich wirklich beunruhigt.
      Noch was ganz im Ernst, Schweizer Schriftsprache und Hochdeutsch als erste Fremdsprache hin oder her: Die von Dir aufgeführten Beispiele sind bezüglich Grammatik und Stil ziemlich kümmerliche Journalisten-Zeugnisse, finde ich.

    3. Thinkabout Says:

      wenn ich mir meinen Kommentar von eben so durchles…:
      eben, eben, eben; oder ebä im Dialekt: Ich passe durchaus in die Reihe.
      „Eben“ will wohl ähnlich wie bereits etwas festhalten, was sonst weg flutscht, fort, mit der flüchtigen Zeit eben.

    4. sabine Says:

      Bei den Bereits-Sätzen fehlt ja nix. Lediglich vorangestellt ist es. Als eine des französischen und italienischen Unkundige, könnte ich vermuten, daß es grammatikalische Anlehnungen an diese Sprachen sind. So wie man in Deutschland immer mehr – in Anlehnung an die türkische Sprache – den Verlust von Artikeln zu beklagen hat, bei Sätzen, die mit dem Verb beginnen.
      „Gehst du Kino“?

      Meine Schwester überrascht mich übrigens immer mit Sätzen wie: „Gut, bist du da“, statt gut, daß du da bist. Vielleicht sind ihr das jetzt zu viele
      „d“?

    5. Frank Says:

      Die Verwendung von „neu“ statt „jetzt“ wäre auch mal eine nähere Betrachtung wert. Beispiel: Zweifel-Chips neu in ihrer Migros statt Chio-Chips jetzt bei Edeka; oder Rivella gibt es neu in der Zweiliterflasche statt …jetzt in der Zweiliterflasche.

    6. Phipu Says:

      Im Zusammenhang mit „bereits“ fällt mir auf, dass – besonders gesprochen – viele Leute „bereits schon“ hintereinander verwenden. Ich hätte aber geglaubt, dass diese beiden Wörter Synonyme seien, und eines der beiden Wörter reichen würde, um dasselbe auszudrücken. Beim googeln nach „bereits schon“ (inkl. Anführungszeichen) wurde ich nicht enttäuscht; dieser Pleonasmus wird sogar geschrieben. Allerdings nicht nur in der Schweiz.

      Da diese Wörter Synonyme sind, kann man sie auch als Frage austauschbar verwenden. Wenn Sie jemand – eher in der Osthälfte der Schweiz – ungläubig fragt „Scho?“ (etwa für „stimmt das?/ist nicht wahr!“), nachdem Sie etwas Unwahrscheinliches erzählt haben, könnte ein künftiges Modewort auch „Beräits?“ heissen.

    7. mirach Says:

      An Frank:

      „Neu“ und „Jetzt“ sind für mich nicht einfach austauschbar.
      Du betrachtest hier vor allem Werbesprache – da ist ja so oder so alles erlaubt.
      In meinen Ohren tönt „Rivella neu auch in der Zweiliterflasche“ viel lauter als „Rivella jetzt auch in der Zweiliterflasche“. Drück ich mich klar aus: Neu anstelle von jetzt hat so etwas boulevardeskes, schreierisches an sich.

      Das mein ich jetzt ernst – oder mein ich das nun neu ernst?

    8. vorgestern Says:

      „Jedes Spiel gibt neu 3 Punkte“
      „Neu werden mehrere Suchbegriffe automatisch mit UND verknüpft“

      Diese Art „neu“ einzusetzen ist meines Erachtens nicht auf die Werbung beschränkt. Ich weiss gar nicht, ob die Deutschschweizer das Wort „neu“ immer schon in diesem Sinne gebraucht haben. Ich stolpere jedenfalls immer über diese Verwendung und würde „neuerdings“ dafür einsetzen. Vielleicht war irgendwann das Wort „neuerdings“ zu lang und jemand hat mit der Abkürzung angefangen?

    9. Micha Says:

      „bereits ist“ in google.ch eingeben und nachschauen …

      Es haben praktisch alle Resultate eine .ch-Domäne. Also: Die Vermutung ist sehr berechtigt, dass es bei der Formulierung um eine schweizerische Eigenheit handelt.

    10. Micha Says:

      @mirach

      „Neu“ und „jetzt“ ist für mich gefühlsmässig wirklich nicht dasselbe. „Neu“ und „jetzt“ gibt in den Werbesprüchen Auskunft, dass etwas noch nie Dagewesenes nun in den Regalen steht.

      „Neu“ ist aber mit einer Ueberraschung verbunden. Ankündigung und Einführung fallen zusammen.

      „Jetzt“ ist aber nicht überraschend: „Was wir Ihnen schon vor einem Monat angekündigt haben, steht _jetzt_ im Regal“. Die Ankündigung zum Produkt fand vor der Einführung statt.

      Es ist mir klar, dass man auch anders argumentieren kann. Aber es ist der Unterschied, den ich auf Anhieb gefühlsmässig ziehen würde.

    11. Christian Says:

      @Jens: Das vorangestellte (und überhaupt in der Schweiz häufigere) „bereits“ haben wir unlängst mal an einem Germanistikseminar über Helvetismen an der sympathischen Uni Zürich als CH-typisch festgestellt.

      @Sabine: Dasselbe gilt für deine Beobachtung über das „Gut,…“. Die Lehrstuhlinhaberin hat das sehr hübsch am Slogan „Gut, gibt’s die Schweizer Bauern“ gezeigt, wo also Form und Inhalt bestens zueinander passen.

    12. Frank Says:

      @mirach, micha: ich sage ja nicht, daß neu und jetzt austauschbar wären, nur wird in der Schweiz eben „neu“ an Stellen gebraucht, an denen in Deutschland und Österreich „jetzt“ stehen würde, wie von vorgestern beschrieben eben nicht nur in der Werbung, sondern in der Alltagssprache. Ich habe mal schnell mails unserer Sekretärin durchsucht:

      „Bitte nehmen Sie zur Kenntnis dass neu im Fach 1 das Recycling-Papier liegt, weisses Papier muss also neu explizit angewählt werden.“

      „Apero vom Do, 22.12., neu um 11.30 Uhr“

      „Frau *** hat übrigens das Arbeitsgebiet von *** übernommen. Sie arbeitet darum neu im Arbeitsbereich ***.“

    13. Louis Says:

      Setzen wir doch an die Stelle von „bereits“ die Wörter: „Schon jetzt“. Das gibt den Sinn des schweizerdeutsch-deutschen Ausdrucks „bereits“ meines Erachtens am Besten wieder. Geht auch am besten ins Ohr/Sprachgefühl.

    14. solar Says:

      „Neu“ entspricht für mich tatsächlich der Botschaft „neuerdings“, vorher gabs das folglich nicht, und „neuerdings“ ist wohl zu lang und unübersichtlich für Werbebotschaften.

      „Jetzt“ hingegen bedeutet für mich „zurzeit“. Sonst müsste es heissen „ab jetzt“ bzw. „von jetzt an“, wenn etwas unbefristet so bleiben wird.

      „Jetzt“ kann für mich noch eine andere, weniger zeitliche Bedeutung haben, etwa in „jetzt wollen die doch tatsächlich …“ Oder spielt da, wenn ichs länger bedenke, doch auch das „neuerdings“ mithinein?

      Ich bin jedenfalls dankbar, dass ich die schweizerdeutschen Nuancen nicht bewusst neu erlernen muss. Und hier meine ich wirklich neu.

    15. Geissenpeter Says:

      Ich glaube, „bereits“ ist kein eigentlicher Helvetismus, sondern der hilflose Versuch, einen Helvetismus zu überspielen – in dem man das dialektale „scho“ (etwa bei: „D´Amerikaner hei´s scho gschafft s russische Monopol…“) nicht mit „schon“ übersetzt, sondern das irgendwie deutscher klingende „bereits“ als Synonym verwendet.

    16. Frank Says:

      @solar: es ist doch völlig wurscht, was „neu“ für dich bedeutet. Meine Aussage ist nur, daß in meinen o.g. Beispielen (Schweizer Schriftdeutsch) in Deutschland NIE „neu“ stehen würde, sondern stattdessen heißt es:

      “Bitte nehmen Sie zur Kenntnis dass JETZT im Fach 1 das Recycling-Papier liegt, weisses Papier muss also JETZT explizit angewählt werden.”

      “Apero vom Do, 22.12. JETZT um 11.30 Uhr”

      “Frau *** hat übrigens das Arbeitsgebiet von *** übernommen. Sie arbeitet darum JETZT im Arbeitsbereich ***.”

    17. solar Says:

      @geissenpeter

      Ich glaube, da triffst Du den Nagel auf den Kopf.

      Ich habe soeben einen Parallelfall erlebt. Ich schrieb ein Mail an eine Deutsche und ertappte mich dabei, dass ich „halt“ im Satz „Dabei ist es halt passiert“ automatisch mit „eben“ übersetzte und dann nicht wusste, ob das „eben“ vielleicht zeitlich verstanden wird (soeben). Darum habe ich dann doch „halt“ geschrieben, denke aber, dass das ein Helvetismus ist.

    18. Frank Says:

      @solar: halt ist kein Helvetismus, sondern auch in (Süd-)deutschland gebräuchlich. Allerdings nur in der gesprochenen Sprache, schreiben würde das keiner. Man würde halt stattdessen eben schreiben. „Eben“ würde in dem Zusammenhang nicht zeitlich verstanden.

    19. Theo Says:

      Hallo!
      „Bereits“ und „schon“ am Satzanfang sind Helvetismen (Schon liegt in den Alpen Schnee etc.) Wer mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich den kürzlich erschienenen Sammelband „Schweizer Standarddeutsch“, Hrsg. von Christa Dürscheid und Martin Businger, Tübingen: Narr Verlag. Oder wer die 98 Fr. nicht berappen will: Kurzrez. in der SonntagsZeitung vom vergangenen Sonntag, Bund „Wissen“, erst und zweite Seite.

      [Anmerkung Admin: Das Buch sowie die Quelle aus der Sonntagszeitung sind im Artikel erwähnt, Danke dass Du es nochmal explizit genannt hast]

    20. caro Says:

      Thinkabout schrieb:
      „Wir leben eben nicht nur im Jetzt und Heute …“
      Richtig: Wir leben im Bereits!

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