Hartz IV und wo harzt es sonst noch so?

Juni 24th, 2006
  • Harzt IV und wo harzt es sonst noch so?
  • Im Dezember 2005, als Geissenpeter noch täglich ums sprachliche Überleben in der Hauptstadt der kühlen Hanseaten kämpfte, berichtete er uns zum ersten Mal, dass man dort oben an der Water-kant, die so rein gar nichts mit kant-onalem Geiste zu tun hat, die griffige weil klebrige Formulierung „es harzt gewaltig“ nicht verstehen würde.

    Er schrieb uns:

    wenn ich in Hamburg “es harzt” sage, werde ich ausgelacht. Ist mir zweimal passiert, musste zweimal erklären, was ich damit meine, seither sag ichs nicht mehr
    Aber vielleicht bin ich ja auch einfach nur an die Falschen geraten…
    (Quelle)

    Dabei ist der Harz doch eines der Mittelgebirge, das jeder Ausländer in Deutschland kennen sollte, wenn er beim Fragenkatalog für die Einbürgerung gut abschneiden möchte. Dort lauten die ersten drei Fragen:

    1. Wie viele Einwohner hat Deutschland?
    2. Nennen Sie drei Flüsse, die durch Deutschland fließen!
    3. Nennen Sie drei deutsche Mittelgebirge!
    (Quelle: Zeit.de)

    Falls Ihnen jetzt noch zwei weitere Namen von Mittelgebirgen fehlen: „Schwarzwald“ pass gut, ist auch leicht zu merken wegen der Farbe, und die „Kohlehalden“ am Rhein-Herne Kanal, absolut sehenswürdige Mittelgebirge, und „erst noch“ so energiegeladen:
    Kohlehalden in Herne
    (Quelle: rheinruhrgebiet.com)

  • Hartz IV und Rocky IV
  • Doch zurück zum „harzen“. Ich harze, du harzt, er/sie/es harzt. Das „t“ immer schön hinter das „z“ setzen, damit es hier keine Missverständnisse aufkommen. Das andere Wort „Hartz“ schreibt sich in Deutschland in der Regel mit einer römischen IV versehen, so wie „Rocky IV“ mit Sylvester Stallone, oder garantiert irgendwann Terminator IV, wenn Arnold Schwarzenegger seinen alten Traum wahr macht und als Präsident ins Weisse Haus einzieht. Es geht zurück auf Peter Hartz, den Ex-Personalvorstand von VW, der zum Ende seiner Karriere darüber stolperte, die falschen Dienstleistungen auf seine Spesenabrechnung geschrieben zu haben.

    Zum „harzen“ fällt unserem Duden ein:

    harzen sw. V.; hat [mhd. herzen = mit Pech ausstreichen, zu 1 Harz]:
    1. Harz absondern:
    der Baum, das Holz harzt.
    2. (Forstw.) einen Baum anritzen, um Harz zu gewinnen:
    Kiefern h.; subst.: In den Wäldern ist das Harzen der Kiefern in vollem Gange (NNN 27. 6. 85, 3).
    3. mit Harz bestreichen.
    4. (schweiz., auch landsch.) schwer, schleppend vonstatten gehen:
    die Verhandlungen harzen; es harzt mit dem Bau der Autobahn; Was die Konsolidierung der Fälligkeiten 1987 betrifft, scheint es nicht nur auf der Schuldnerseite zu h. (NZZ 26. 10. 86, 15).

    Wir achten wie immer auf die Reihenfolge. Die wichtige Schweizerdeutsche Formulierung „schwer, schleppend vonstatten gehen“ kommt tatsächlich erst auf Platz 4 der aufgezählten Bedeutungen. Als ob das Bestreichen mit Harz so üblich sei in Deutschland, wie wenn sich jemand beim Frühstück Honig aufs Brot schmiert.

    Auch DWDS, das Konkurrenzunternehmen vom Duden aus Berlin-Brandenburg, kommt zu dieser Wertung:

    harzen /Vb./
    1. etw. mit Harz bestreichen: Treibriemen (mit der Hand) h.
    2. Forstw.
    a) Harz ausscheiden: die Kiefer harzt
    b) Nadelbäume h. (Harz aus ihnen gewinnen)
    3. südwestdt. schweiz. es harzt es ist schwierig, es kostet Mühe: Mit Mang (mittlerweile) wird’s harzen Federer Berge 253
    (Quelle: dwds.de)

    Erst der Treibriemen, dann die Forstwirtschaft und nur an dritter Stelle, zusammen mit Südwestdeutschland (!) wird die Schweiz und „es harzt“ erwähnt.
    Wir finden sehr alte Belege für das Wort:

    wen me üch olle harzen selde würde nie doch in virzahn Tagen nicht fertig! (Quelle: Andreas Gryphius – Die gelibte Dornrose / Der Erste Auffzug)

    und ein Zitat aus der Bildzeitung von 1999:

    Bei Jil Sander freilich harzen die Geschäfte, der Kurs der frei handelbaren (Vorzugs-)Aktie hat sich in drei Jahren um 60 Prozent gesenkt (siehe Grafik unten). (Quelle: BILD 1999)
    (Quelle: wortschatz.uni-leipzig.de)

    Produziert den Jil Sanders in der Schweiz, oder kommt die Bild-Zeitung aus Süddeutschland?
    Wiki meint:

    Jil Sander (* 27. November 1943 in Wesselburen als Heidemarie Jiline Sander) ist eine international bekannte deutsche Modeschöpferin mit Wohnsitz in Hamburg.
    (Quelle: Wiki)

    Also hatte der arme Geissenpeter ganz einfach Pech, in Hamburg nicht mit einem Redakteur der Bildzeitung gesprochen zu haben, der sehr wohl zu wissen scheint, was „es harzt“ bedeutet.

    Wie sagen denn Sie zum Brotanschnitt? — Wenn es nur noch Varianten gibt

    Juni 18th, 2006
  • Realität durch Sprache abbilden
  • Geschriebene und gesprochene Sprache sind zwei unterschiedliche Dinge. Die aussersprachliche Wirklichkeit ist zu gross und ungenau, um bis in die letzte Kleinigkeit erfasst und exakt durch die Sprache abgebildet werden zu können. Bei manchen Begriffen ist es einfach. Ein „Tisch“ ist ziemlich genau definiert, solange wir uns in der gleichen Sprache bewegen. Gehen wir über Sprachgrenzen hinaus, wird es schon schwieriger. Warum ist „Die Sonne“ im Deutschen weiblich, „le soleil“ hingegen männlich, „der Mond“ auf Deutsch ein Mann und auf Französisch mit „la lune“ eine Frau? Immerhin haben sich für „Sonne“ im Deutschen nicht 20 Varianten erhalten, nur ein paar Dialektvarianten.

  • Was ist ein Brotanschnitt?
  • Anders ist es beim „Brotanschnitt„. Schon dies allein ist ein Kunstwort, dass sich nur mühsam mit „Das Endstück oder Anfangsstück eines Brotlaibs“ umschreiben lässt. Es gibt für dieses Ding, was doch überall Teil unseres Alltags ist, im deutschsprachigen Raum keine allgemeingültige Bezeichnung. Wir fanden im Duden den

    Knust, der; -[e]s, -e u. Knüste
    [mniederd. knust = Knorren, zu einer umfangreichen Gruppe germ. Wörter, die mit kn- anlauten u. von einer Bed. „zusammendrücken, ballen, pressen, klemmen“ ausgehen; vgl. (landsch.):
    Anfangs- bzw. Endstück eines Brotlaibs: ich mag am liebsten den Knust
    (Quelle: Duden.de)

    aber der Zusatz „landschaftlich“ verweist darauf: Das Wort wird garantiert nur von einem Teil der Deutschsprecher verstanden! Eine andere Variante dafür ist die „Kappe“, aber das ist noch lange nicht alles.

    Ist das ein Knust für Sie?
    Ist das ein Knust?

    Das Variantenwörterbuch nennt diese Bezeichnungen für den deutschen Sprachraum:

    Den Scherz (A-D-südost)
    Das Scherzel (A)
    Den Kanten (D-nord/mittel)
    Den Kipf (D-südost)
    Das Knäpppchen (D-mittelwest)
    Den Knäusel (D-südwest)
    Den Knust (D-nord)
    Das Krüstchen (D-mittelwest)
    Den Ranft (D-ost)
    Das Riebele (D-südwest)

    und das sind jetzt nur die dort gelisteten Bezeichnungen. Allesamt aus den verschiedenen Regionen Deutschlands und Österreichs. Sollten die Schweizer hierfür etwa keine eigene Bezeichnung haben, oder warum werden sie im Variantenwörterbuch nicht erwähnt?

  • Die Schweizer Brotkultur
  • Uns war schon lange aufgefallen, dass die Schweizer Brotkultur mehr der Französisch/Welschen Tradition ähnelt, lieber kleinere (max 500 Gr.) und hell gebackene Brote zu backen als 1 Kg schwere Vollkorn-Kastenbrote oder Schwarzbrote.

    Oder ist das ein Knäusschen?
    Oder ist das ein Knäuschen?

    Aber angeschnitten werden muss das Brot doch trotzdem. Also machen wir uns auf die Suche und finden eine umfangreiche Liste mit vielen Schweizer Zitaten hier:
    Wir zitieren (nicht vollständig!) mal ein paar Schweizer

    bei Yves Suter aus Wollerau (CH) heisst es Aaschnitt
    bei Markus aus Uster heisst es Ahau
    bei Andi aus Zürich heisst es Ahäuel
    bei Franziska aus Aarau heisst es Ahäuli
    bei Nicole aus St. Gallen (CH) heisst es Bödel
    bei Andreas aus Leissigen (CH) heisst es Chäppi
    bei S.Vogt-Tanner aus dem Gürbetal, CH heisst es Gröibschi
    bei Martin aus Olten (Schweiz) heisst es Gupf

    Wir haben beim Buchstaben G aufgehört, es geht noch seitenlang so weiter.

  • Harry, reich mir mal den Knust rüber
  • Warum gibt es für dieses Wort so viele Varianten? Warum keinen allgemeingültigen Begriff in der Standardsprache? Vielleicht, weil es immer nur lokal und im Familienkreis gebraucht wird, weil es in keinem Roman vor kommt, in keinem Derrick-Krimi („Harry, reich mir mal den Knust rüber?!„), weil es keine Notwendigkeit zwischen Norddeutschen, Süddeutschen oder Schweizern gab, über dieses Ding Korrespondenz zu führen:
    Bestellen wir gemäss Angebot zum nächsten Monatsende drei Paletten mit Knust / Knäusschen / Kappen / Gup / Gröibischi
    Würde dieser Satz je geschrieben? Sicher nicht. Wenn wir noch ein bisschen abwarten (Schweizer dürfen derweil „zuwarten“), gibt es sicher irgendwann eine EU-Norm die festlegt, wie dieses Ding denn zu heissen hat. Aber die Schweiz ist ja nicht in der EU. Nun, dann wird das Idiotikon (vgl. Blogwiese) in der Schweiz wohl doch ein Band länger als geplant…

    Und glauben Sie bloss nicht, dass dieses „Ende vom Brotlaib“ ein absoluter Sonderfall in der Sprache darstellt. Wir könnten den ganzen Artikel auch zum Thema „Rest eines gegessenen Apfels“ schreiben. Der heisst „Apfelbutzen“ oder „Apfelkitsche“ oder oder oder.

    Über die Probleme eines Deutschen mit der Deutschlandflagge

    Juni 12th, 2006
  • Die Schweizerflagge ist trendy
  • Die Schweizer haben ein absolut ungestörtes Verhältnis zu ihrer Schweizerflagge. Sie hängt während der WM und sonst 4 Wochen vor bis 4 Wochen nach dem Nationalfeiertag am 1. August von vielen Balkonen, ist im Fenster zu sehen, in Schaufenstern, wird als T-Shirt getragen oder als Handy-Warmhaltesocke. Die Schweiz-Marketing-Welle hat alles erfasst, was rot-weiss bedruckbar ist. Sogar ein „Schweizer Metronom“ fanden wir in Bülach im Schaufenster ausgestellt:
    Metronom im Schweizertakt
    Schweizerzeit per Metronom, Schweizermusik per Minischweizerharmonica

  • Die Deutschlandflagge war lange nicht trendy
  • In Deutschland aufgewachsen hatte ich über viele Jahre ein äusserst gespaltenes Verhältnis zur Schwarz-Rot-Goldenen Flagge. Sie verkörperte für mich einen Nationalismus, mit dem ich mich nicht identifizieren konnte. In den späten Siebzigern wurde es Mode, Bundeswehrparka zu tragen, und damit „friedensbewegt“ zu demonstrieren, dass Militaria auch friedlich genutzt werden können. Der Hit war ein im US-Army-Shop gekaufter originaler Stahlhelm (ein Wehrmachtshelm war unfindbar und sowieso undenkbar) mit einer hübschen Pflanze darin. Mit oder ohne fünffingrigen Blättern, Hauptsache der Helm wurde zum Blumentopf. Die Deutschlandflagge hingegen, die am Ärmel des Bundeswehrparkas angenäht war, wurde sorgsam entfernt. Undenkbar, mit so einem „Nationalsymbol“ herumzulaufen.

  • Wie erkannten sich die Deutschen im Ausland?
  • Erkennungszeichen der Deutschen am Strand von Italien oder auf den Champs-Elysees zu dieser Zeit waren die weissen Tennissocken in den Holzkloggs, die erst später zu Jesuslatschen bzw. ergonomischen aber potthässlichen Birkenstocksandalen mutierten. Deutsche im Ausland wollten lieber nicht so leicht erkannt werden. Anders als die Kanadier, die stolz ihre Ahornblattflagge am Rucksack bei der Interrailfahrt durch Europa trugen, hielten sich Deutsche Globetrotter mit offenem Nationalsymbolen lieber zurück. Doch auch das hat sich geändert. Dieses Haus entdeckten wir in der Altstadt von Bülach.
    Deutschlandflaggen mitten in Bülach
    An der Position der Deutschlandflaggen erkennen wir: Hier wohnt ein Ostdeutscher und ein Westdeutscher.

  • Ganz Deutschland beim Autokorso
  • Der Bewusstseinswandel kam erst mit der Wende 1989 und mehr noch mit dem kurz darauf erlebten Freudentaumel der gewonnenen Weltmeisterschaft 1990 in Italien.
    Autokorso nach dem ersten Gruppenspiel der Deutschen
    (Foto Nachrichten RTL 10.06.06: Autokorso in Berlin bereits nach dem 1. Gruppenspiel der Deutschen gegen Costa Rica!)

    Es war die Freude nach dem Mauerfall, die erste gesamtdeutsche sportliche Glanzleistung, die Freude der Ostdeutschen, zum ersten Mal begeistert für „Deutschland“ brüllen zu dürfen, was ihnen 40 Jahre lang verboten wurde. In der DDR war Deutschland nur ein kleines Adjektiv vor der „demokratischen Republik“. Zögerlich fingen dann auch die Westdeutschen an, stolz für ihr Land einzustehen und voller Enthusiasmus die Aufbauarbeit Ost zu beginnen.

  • Stolz auf Deutschland und Aufbau auf Pump
  • Es war Goldgräberzeit. Alles schien möglich, und es fehlte dermassen an Bargeld für den Aufbau, dass zeitweise 14.5 % Zinsen auf festverzinste Staatsanleihen gezahlt wurden! Habenszinsen, die der Staat seinen Bürgern auf Pump finanzierte. Übrig davon blieben später über 1.400 Milliarden Euro Staatsschulden:

    Laut Angaben des Bundes der Steuerzahler beträgt der aktuelle Schuldenstand des Staates 1418 Mrd. Euro (Januar 2005), das entspricht 65,9% des Bruttoinlandsproduktes (zum Vergleich: 1960 waren es noch 18,5%) und ca. 17.200 € pro Kopf.
    (Quelle: Wikipedia)

    Die unglaublichen Einnahmen von 49 Milliarden bei der Versteigerung der UMTS Lizenzen im August 2000 konnten diesen Schuldenberg gerade mal um 2.8% vermindern helfen.

    Jetzt ist die WM in Deutschland. Viele Tausende Gäste aus der ganzen Welt haben ihre Flaggen mitgebracht und zeigen Sie auch. Und ganz langsam fangen auch wir Deutsche an, uns an die Normalität unserer Flagge zu gewöhnen:

    Auch der Nachbar hat geflaggt. Allerdings nach hinten raus, zum Park. Eine klare patriotische Positionierung, aber nicht so aufdringlich. Die guten alten Fahnenhalter aus DDR- bzw. Führers Zeiten sind meist der gründlichen Sanierung zum Opfer gefallen. So muss man sich behelfen. Ein Anflug von Problempatriotismus.

    Da ist man anderswo nicht so zimperlich. Vom Ballermann 6 auf Mallorca bis zum Camp Warehouse in Kabul leuchten die Farben Deutschlands, und weit über eine Million Menschen haben das 4:2 beim „Public Viewing“ (formerly known as „Deutsches Eck„) frenetisch gefeiert.
    Deutsches Eck

    Ein erster Autokorso hupte sich anschließend über den Kurfürstendamm. Hier und da wurden Raketen abgefeuert oder ein OléOléOlé in den traumhaften Juninachthimmel gesandt.

    Selbstverständlich übrigens, dass wir Kaiserwetter haben. Die Welt zu Gast bei Frierenden – das war gestern.
    Selbst im einst autonomen Kreuzberg strahlt es schwarz-rot-gold – von Campingstühlen und Handtaschen, Mützen und Gesichtshälften. Einige Junge hüllen sich gleich ganz ins nationale Tuch. Was die Autos betrifft: Hier geht der Trend klar zur Zweitfahne mit der praktischen Haltevorrichtung von Aldi.
    (Quelle: Spiegel Online vom 10.06.06)

  • Wann braucht man denn eine Deutschlandflagge?
  • Die Deutschlandflagge, das war für uns immer nur das Ding, was auf Halbmast hing, wenn ein nationales Unglück passiert oder ein Bundespräsident gestorben war. Ausserdem war sie wichtiges Accessoire für den „Fahneneid“ der Bundeswehr, bei dem junge Soldaten feierlich vereidigt wurden, für den Frieden in der Bundesrepublik zu kämpfen, während 300 Meter weiter das Trillerpfeifenkonzert der militanten Pazifisten von friedlichen Bereitschaftspolizisten per Schild und Schlagstock in Schach gehalten wurde.

    Nun also auf zu Aldi, oder zu Migros, und schnell noch so ein Teil kaufen, bevor Deutschland im Achtelfinale Viertelfinale Halbfinale rausgeflogen ist und wir das Ding für die nächsten 4 Jahre wieder einmotten müssen!

    P.S.: Offensichtlich sind nicht alle im WM Fieber:
    WM Freie Zone von 9-24 Uhr

    Glatter als Glatt — Der Sauglattismus

    Juni 1st, 2006
  • Trizonesien und Triglossie
  • Die Westdeutschen lebten kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges in „Trizonesien“, dem Drei-Zonen-Staat, besetzt durch die Siegermächte USA, Frankreich und England. Die vierte Zone war die „Ostzone“, besetzt von den Russen. Mehr als Deutsch konnten die Deutschen deswegen noch lange nicht sprechen. Die Schweizer hingegen leben noch heute in 26 Zonen (die sie Kantone nennen) in ihrem Land verteilt und beherrschen eine lebendigen „Triglossie“ im Alltag: Tüütsch, Schweizerschriftdeutsch und Hochdeutsch sprechen sie fliessend, auf eine Anzahl weiterer Sprachen wie Bärndütsch, Bümpliz-Norddütsch oder Bümpliz-Süddütsch können Sie jederzeit problemlos ausweichen.

  • Warum können die Schweizer so viele Sprachen?
  • Schuld an dieser Mehrsprachigkeit sind
    a) Das Fernsehen: Wer will schon Tatort bei der ARD mit Schweizerdeutschen Untertiteln sehen müssen? Also heisst das Motto: Lerne die Sprache des Nachbarn! Lektion Eins: „Harry, hol‘ schon mal den Wagen“
    b) Die Berner: Wo sie hinkommen gründen Sie einen Verein (vgl. Blockwiese), wie ihn einst Mani Matter besang (Mir hei e Verein) und verbreiten so stetig ihre Sprache.
    c) Die Deutschen, die die auf Hochdeutsch gestellte Frage eines Schweizers: „Verstehen Sie Schweizerdeutsch?“ mit einem „Ja, sprechen Sie diesen Dialekt nur ruhig weiter, ich habe sie bisher sehr gut verstanden“ reagieren.

    Dank ihrer sprachlichen Begabung entwickeln die Schweizer immer wieder sprachliche Neuschöpfungen. Einige davon schaffen es auch in die Zeitungen und sind über alle Zonen Kantonsgrenzen hinweg bekannt.

  • Sauglatt ist glatter als glatt
  • Die Glatt ist ein Fluss im Zürcher Unterland. Sie dient als Abfluss für den Greifensee und mündet in den Rhein. Ohne Glatt gäbe es kein Glatttal, kein Glattzentrum, kein Glattbrugg, kein Glattfelden, Oberglatt, Niederglatt, könnten Sie alles glatt vergessen. Die Glatt ist aber nicht nur ein Namensbestandteil für viele Orte im Unterland, sondern auch eine Lebenseinstellung, eine Philosophie und eine für die Schweizer auf jeden Fall sehr negativ besetzte Haltung: Der Sauglattismus

    Wir fanden ihn Im Tages-Anzeiger vom 11.05.06 auf der Seite 2
    Sauglattismus
    Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für die Verwendung des Begriffes:

    Oder geht es ganz einfach um Beliebigkeits-Sauglattismus, als Spiegel der aktuellen Zeit?
    (Quelle: umweltnetz.ch)

    Auch in Graubünden :

    «Mir gefällt die Absurdität – und solange ich nicht in den Sauglattismus abdrifte, mache ich weiterhin, was mir gefällt.» Ein Mann, ein Wort.
    (Quelle: graubuendenkultur.ch)

    Eigentlich ist diese Begriff schon längst kalter Kaffee für die Schweizer, denn sogar die Enzyklopädie Wikipedia, die wir in Zukunft weniger häufig als „Wiki“ abkürzen werden, bringt schon einen erklärenden Artikel dazu:

    Sauglattismus ist ein Modewort, das in den Neunzigerjahren in der Deutschschweiz geprägt wurde, bis heute verwendet wird und eigentlich unübersetzbar ist. Es ist vom Adjektiv sauglatt abgeleitet, das soviel wie „sehr lustig“ bezeichnet. Zunächst eine Definition des Substantivs: Sauglattismus ist verzierter Schwachsinn. Zahnbürsten mit einem Gesicht drauf, zum Beispiel. Primär werden also mit Sauglattismus Auswüchse der heutigen Freizeitgesellschaft ironisiert. Das Wort wird von verschiedenen politischen Lagern verwendet, in rechts-konservativen Kreisen dient es öfters zur Ironisierung staatlich subventionierter Gebrauchskunst. Beispiele dazu sind ein Zitat einer SVP-Grossrätin aus Basel oder ein Zitat aus der Schweizerzeit anlässlich der schweizerischen LandesausstellungExpo.02. In linken Kreisen wird der Begriff im Rahmen einer Kritik der Fun- und Spassgesellschaft verwendet, so hat der Schriftsteller Peter Bichsel in der Begründung seines 1996 erfolgten Austritts aus der Sozialdemokratischen Partei des Kantons Solothurn, deren Wahlkampagne (mit dem Slogan «Kussecht und vogelfrei») als postmodernen Sauglattismus bezeichnet.
    (Quelle: wikipedia.de)

    Sauglatt ist ähnlich wie „saugut“ eine Steigerung von „glatt“, welches in der Schweiz weit mehr bedeutet als nur das allgemeindeutsche „rutschig“. Wenn etwas „eine glatte Sache“ ist, dann ist es grundsätzlich sehr positiv besetzt.

    (2. Teil Morgen: Auf der Glatt kann man auch Boot fahren, nur trinken sollte man sie besser nicht)

    Du bist Deutschland, oder: Ich und Du sind Menschen wie Du und Ich

    Mai 27th, 2006
  • Deutschland macht mobil
  • Wenn gar nichts mehr geht in Sachen „Stimmung der Deutschen“, dann muss eine Werbe-Kampagne helfen, die richtig Mut macht. Wer bin ich? Bin ich Papst? Bin ich Weltmeister? Nein, ich bin Deutschland:

    Du bist Deutschland“ will zu einer neuen Aufbruchstimmung in Deutschland beitragen. Die Kampagne will die Menschen bewegen und aufrütteln. Und sie soll dazu führen, dass jeder wieder positiver, zuversichtlicher und motivierter in die Zukunft blickt. Denn: Es kommt auf jeden Einzelnen an, jede Leistung zählt. Wenn alle ihren Teil beitragen, können wir in Deutschland viel bewegen
    (Quelle: du-bist-deutschland.de)

    Gekostet hat diese Kampagne nichts, denn alle haben umsonst mitgemacht, Hätte man die Sendezeit für den Kampagnenfilm jedoch verkauft, wären 30 Millionen Euro dabei herausgekommen. Soviel war das reine „Schaltvolumen“ wert.

  • Original und Fälschung
  • Da die Kampagne im Januar 2006 beendet wurde, ist der Original-Spot nur noch auf der Website „Du-Bist-Deutschland.de“ anzuschauen. Sie sollten ihn im Original kennen, bevor Sie sich die Parodie anschauen:

    Du Bist Deutschland — Die Parodie

  • Das Land der Humorlosen
  • Was lernen wir daraus? Das Land der Dichter und Denker, weltweit bekannt und berüchtigt für seine Humorlosigkeit und Verbissenheit (wer denkt da nicht gleich an die staubtrockenen Sketche von LORIOT alias Victor von Bülow), kann sich sehr wohl auch mal auf die Schippe nehmen. Der Ausschnitt „Ich benutze öffentliche Verkehrsmittel… denn wir haben Dein Auto geklaut“ ist einfach phänomenal gut.

    Ich für meinen Teil hätte jetzt gern zum Nachtisch den Kosakenzipfel.