Mögen Sie Kaba? Das Schlüsselerlebnis beim Schokodrink

Juli 11th, 2006
  • Mögen Sie Kaba?
  • Wenn Sie einen Schweizer frage, wie er „Kaba“ findet, hat er eine ganz andere Vorstellung von dem, was sie meinen, als ein Deutscher. Wir Deutschen denken bei „KABA“ gleich an das leckere Schokogetränk, die auf Werbedeutsch „flüssige Schokolade“ oder schlicht „Kakao“ genannt wird. KABA in der Schweiz hingegen ist etwas ganz anderes. Sie werden noch ihr „Schlüsselerlebnis“ mit diesem Produkt haben, wenn Sie nämlich ihren Wohnungsschlüssel verlieren und bei der Verwaltung einen neuen bestellen müssen. Das ist teuer, denn es ist mit 60 % Wahrscheinlichkeit ein „KABA“ Schlüssel, den Sie da verwenden.

  • Was ist Kaba für die Deutschen?
  • Als ein Getränk, auch „Plantagengetränk“ genannt, ist Kaba die Kurzform für „Kakao und Bananentrank“:

    Kaba wurde in Bremen von Ludwig Roselius erfunden. 1929 auf den Markt gebracht, entwickelte es sich zu einem der bekanntesten deutschen Markennamen. So beantworteten 1975 96% der Befragten die Frage „Kennen Sie Kaba?“ mit ja. (Hartmut Roder, u. a. (2002): Schokolade – Geschichte, Geschäft und Genuss). Kaba hat in der Umgangssprache ein Begriffsmonopol für Schokoladen- bzw. Kakaogetränke.
    (Quelle: Wikipedia)
    Kaba Schokodrink
    (Quelle Foto: doit24.de)

  • Was ist KABA in der Schweiz
  • Kaba ist der Schweizer Markführer für Schliesssysteme mit Sitz in Rümlang.
    Kaba ohne Schokolade
    (Foto Kaba: Dieser Schlüssel ist nicht aus Kakao)

    1862 von Franz Bauer gegründet, entwickelte sich das Unternehmen von der lokalen Schlosserei für Kassen- und Panzerschränke zu einem der führenden Anbieter für Zutrittskontrolle und Zeitwirtschaft, Tür- und Schliesssysteme sowie Bankausrüstungen. Viele Meilensteine markieren die Firmengeschichte. Der berühmteste ist die Erfindung des Wendeschlüssels im Jahre 1934.
    (Quelle: kaba.ch)

    Was man mit einem Wendeschlüssel machen kann? Na zum Beispiel wenden. Das Volk der „Wenden“ , auch als „Sorben“ bekannt, ist den Schweizern fremd, sie haben genug eigene sprachliche Minderheiten um auch noch die von Deutschland zu kennen. Und zum „umdrehen“ sagen sie lieber „kehren“, aber dann denkt jeder Deutsche an den Besen und Kehricht, darum bleiben wir lieber beim „wenden“.

  • Kaba oder Kaaba für Moslems
  • Für die Moslems hingegen ist die Kaba ein Heiligtum:
    Die Kaba der Moslems

    Die Kaaba (arabisch: الكعبة „Kubus“, „Würfel“) ist das zentrale Heiligtum des Islam. Sie ist ein etwa 12 m x 10 m x 15 m großes Gebäude und befindet sich im Innenhof der großen Moschee in Mekka im heutigen Saudi-Arabien. Für gläubige Muslime ist die Kaaba das Bayt Allâh (بيت الله „Haus Gottes“).

    Umhüllt ist die Kaaba von der Kiswah, dabei handelt es sich um einen schwarzen Brokat, der jährlich erneuert wird. In ihrer südlichen Ecke sind die Bruchstücke des al-Hadschar al-Aswad (الحجر الأسود „der Schwarze Stein“) etwa auf Augenhöhe eingemauert. Häufig wird gesagt, beim „Schwarzen Stein“ handele es sich um einen Meteoriten, jedoch ist dies nur eine Vermutung, denn der Stein wurde nie wissenschaftlich untersucht. Die muslimische Überlieferung besagt, dass Abraham den Stein beim Erbauen der Kaaba als Geschenk vom Erzengel Gabriel empfing, er somit aus dem Paradies stamme. Der Stein wurde im Mittelalter beschädigt.
    (Quelle Wikipedia)

  • Ein Wort, drei Konzepte
  • So hat also jeder seine ganz private Vorstellung von dem, was für ihn „Kaba“ ist, und auch diese Tatsache liesse sich als Test verwenden, ob jemand aus der Schweiz oder Deutschland kommt. Vielleicht nur nicht gerade bei Schweizer Kids, die zu viel Deutsches Werbefernsehen gucken und mit Bezeichnungen von Schliessanlagen nicht viel anfangen können.

    Wohnen in der Schweiz — Beim Auszug brauchen Sie eine gute Haftpflichtversicherung

    Juli 8th, 2006
  • Zügelmänner aus dem Deutschen
  • Wir hatten schon früher darüber berichtet, dass die Schweizer nicht gern „umziehen“, sondern lieber „zügeln“ (vgl. Blogwiese ), ganz ohne reflexives „sich“ davor. Die starken Zügelmänner helfen ihnen dabei, vorausgesetzt, sie verdienen auch genug und können sich die Dienstleistung eines Zügelunternehmens wirklich leisten. Die sind nämlich schweineteuer, wegen — Sie wissen schon — hohes Lohnniveau und Top-Qualität der Arbeitsleistung in der Schweiz und so. Im grenznahen Gebiet, also bis weit in den Kanton Zürich, Aargau, Thurgau hinein, sind auch jede Menge Umzugsunternehmer aus „dem Deutschen“ unterwegs.

  • Die drei grossen Umzugstermine in der Schweiz
  • Die Schweizer ziehen nicht oft um, genauer gesagt nur an drei Stichtagen im Jahr. Zum 1. Januar, zum 1. April und zum 1. Oktober. Nur jeweils zu Beginn eines Quartals ist in vielen Mietverhältnissen eine Kündigung regulär möglich. Warum nicht auch im Juli? Nun, da haben die Hausverwaltungen meistens Urlaub und es ist eh viel zu heiss für eine Wohnungsabnahme mit Protokoll schreiben etc.

    In Deutschland übernehmen Sie beim Einzug eine Wohnung entweder frisch renoviert oder in einem „abgewohnten“ Zustand. Ist sie frisch renoviert worden, dann müssen Sie vor dem Auszug dafür sorgen, dass die Wohnung genauso aussieht wie sie übernommen wurde. Das können Sie selbst übernehmen, oder einen Fachmann beauftragen, der nicht einfach zu bekommen ist, sofern sie jemand günstigen suchen, trotz hoher Arbeitslosigkeit.

  • Marktnische „Wohnungen renovieren“?
  • Tapezierer und Maler, die auf freiberuflicher Basis in Deutschland versuchen, diese Marktlücke zu schliessen, müssen sich davor hüten, allzu stark durch Werbung und Anzeigen auf sich aufmerksam zu machen. Bislang kam es schnell zu einer Abmahnung durch die zuständige Handwerkskammer oder Innung. Einfach eine Dienstleistung wie Malerarbeiten anbieten, ohne dafür einen Meisterbrief zu besitzen, geht nämlich nicht in Deutschland. Trotz „Ich-AG“ und Suche nach alternativen Dienstleistungsmodellen. Die Ich-AG ist mittlerweile schon wieder Geschichte.

  • Keine Tapeten in der Schweiz?
  • Übernehmen Sie die Wohnung hingegen ohne Renovierung, dann können Sie tun und lassen, wozu Sie Lust haben: Nochmals streichen oder sogar tapezieren. Tapeten scheint man in der Schweiz nicht zu kennen, wir haben jedenfalls in diversen Mietwohnungen noch keine gesehen. Immer nur Rauputz statt Raufaser. Aber vielleicht waren wir noch einfach noch nicht in einer genügend grossen Anzahl von Wohnungen? Wir kommen ja kaum nach mit den Besichtigungstermine, bei der horrend hohen Zahl an Einladungen von Privatpersonen, die man als Zugezogener in der Schweiz täglich beantworten muss. Falls Sie als Deutscher zugezogen sind, können Sie Ihren Tapetentisch und den Quast für den Kleister gleich in den Keller räumen beim Einzug, Sie werden ihn nicht brauchen.

  • Das Land der Liegenschaftsverwaltungen
  • In der Schweiz ist häufig eine Haus- oder Liegenschaftsverwaltung, die den Eigentümer vor den Mietern vertritt, dafür verantwortlich, dass die Wohnung bei der Übergabe in perfektem Zustand ist. Wenn Sie wieder ausziehen nach ein paar Jahren, müssen sie lediglich für grosse Schäden wie Löcher in der Wand, Einbau eines Whirlpools im Wohnzimmer, eines Hundezwingers für den Deutschen Schäferhund im Kinderzimmer etc, aufkommen. Denn dafür können Sie haftbar gemacht werden. Darum ist eine Haftpflichtversicherung ein guter Schutz. Mieterschutzverbände bieten für wenig Geld pro Jahr diese Leistung zusätzlich an.

  • Warum gibt es so viele Wohnungen in der Schweiz?
  • In der Schweiz gibt es das System der Pensionskassen, die irgendwo hin müssen mit den vielen angesparten Geldern für die Altersvorsorge. Da ist jede Menge Kapital vorhanden, das zugleich sicher und Gewinn bringend angelegt werden muss. Diese Pensionskassen investieren gern in Wohnungen, welche erst nach 1-2 Jahren Leerstand wirklich Gewinne abzuwerfen brauchen. Darum wird gebaut wie verrückt, obwohl schon an vielen Orten ein hoher Leerstand zu verzeichnen ist. Was heisst „hoher Leerstand“? Vielleicht 400 Wohnungen in einer Stadt mit 20.000 Einwohnern? Für deutsche Zuzügler aus den überfüllten Städten wie Stuttgart, München oder Frankfurt sind das traumhafte Zustände. In Stuttgart heissen diese Menschen übrigens „Neigschmeckte“. So heissen sie auch noch, wenn sie in der dritten Generation dort leben.

    Die Zahl der freien Wohnungen nimmt in konzentrischen Kreisen um Zentren wie Zürich, Bern oder Basel zu. Faustregel hierbei: Mit jeder Minute Fahrzeit weiter weg von der Innenstadt nimmt das Wohnungsangebot an bezahlbaren Wohnungen zu, und steigen gleichzeitig die Abo-Kosten für das Monatsbillet der SBB.

  • Kaution geschenkt oder 1-2 Monate umsonst wohnen
  • Durch das momentane Überangebot an Wohnungen reagiert der Markt mit aggressiven Massnahmen auf die geringe Zahl der Wohnungssuchenden. Zum Teil wird Neumietern sogar die Kaution geschenkt, wenn sie mindestens für zwei Jahre einen Vertrag eingehen, oder sie können 1-2 Monate vor dem eigentlichen Vertragsbeginn in die neue Wohnung einziehen

  • Miete per Einzahlungsschein bezahlen
  • Ungewohnt für Deutsche ist es, dass man nicht gleich mit dem Mietvertrag eine Einzugsermächtigung für den „Mietzins“ unterschreiben muss. Man bekommt dafür von der Verwaltung einen Stapel rosa Einzahlungsscheine in die Hand gedrückt, mit denen dies ein Mal pro Monat auf der Post eingezahlt werden kann. Oder Sie füllen einen virtuellen rosa Einzahlungsschein im Internet aus. Dauerauftrag oder Einzugsermächtigung sind zwar möglich aber eher unüblich bei den Schweizern. Sie kontrollieren gern selbst, wohin das Geld jeden Monat fliesst. Ein typischer Deutscher lässt Strom, Wasser, Miete, Telefon, Lebensversicherung etc. alles automatisch abbuchen. Das ist so üblich in Deutschland. Für das richtige „Schweiz-Feeling“ reiht man sich am Monatsende ein in die Schlange der Wartenden bei der Post (vgl. Blogwiese)

    Wollen wir abmachen? — Fürs Rendezvous braucht der Schweizer kein Werkzeug

    Juli 7th, 2006
  • Wenn die Schweizer etwas abmachen
  • Manche Formulierungen der Schweizer sind für uns in den letzten Jahren völlig normal geworden, auch wenn wir sie immer noch nicht aktiv verwenden würden. Dazu zählt sicherlich die Angewohnheit, ständig etwas abmachen zu wollen. Wir denken da nach wie vor an Schraubendreher und anderes Werkzeug, mit dem man was los machen kann, denn das ist für uns abmachen. Etwas lösen.

    Der Duden meint dazu

    abmachen (sw. V.; hat):
    1. (ugs.) von etwas loslösen und entfernen:

    den Rost abmachen.; das Schild [von der Tür] abmachen.;
    Übertragung: das mach dir man ab, Vater! Schnaps kriegst du nie mehr (Berlin.; das schlag dir aus dem Kopf!; Fallada, Jeder 327).
    (Quelle: duden.de)

    Abmachen tun wir grundsätzlich sehr gern, denn wir sind gern, wenn irgendwo was los ist. Die Deutschen verwenden das praktische Verb freilich auch im Sinne von „vereinbaren“, dann aber nur in der 2. Partizip Form. Das ist die mit dem „ge“ dazwischen:

    2.
    a) vereinbaren:
    einen neuen Termin, eine dreimonatige Kündigungsfrist abmachen; wir hatten abgemacht, dass jeder die Hälfte zahlen soll; es war zwischen ihnen noch nichts abgemacht worden; (häufig im 2. Part.) (bekräftigend, zustimmend in Bezug auf den Abschluss einer Vereinbarung:) abgemacht!;

  • Am Abmachen erkennen Sie den Schweizer
  • Während die Deutschen nur eine „Abmachung treffen“, wenn es sehr förmlich zugeht, treffen sich die Schweizer, wenn sie was abmachen. Das „was“ ist dabei absolut unwichtig, denn es geht auch ganz direkt und zwanglos in der Schweiz. Die Frage: „Wollen wir abmachen“ ist eine durchaus akzeptierte Form des Anbändelns:
    In Schweizer Internet-Foren findet man das mit schöner Regelmässigkeit:

    Bike Treff/Tour in Luzern

    @ Kyle
    Wann und wo wollen wir abmachen?
    (Quelle: traildevis.ch/forum)

    Spielst Du auch Tennis?
    Wollen wir abmachen?
    (Quelle: fcbforum.ch)

    Wenn Sie diesen Satz in einem ansonsten recht anonymen Forum lesen, dann können Sie sicher sein, dass der Schreiber oder die Schreiberin Schweizer(in) ist. Deutsche würden eher fragen: „Wollen wir uns treffen?“ oder „Hast Du Lust auf ein Bier“, „Gehen wir Tauben vergiften im Park?“, ach nee, das war ja der Wiener Georg Kreisler, der das bei den Wienern populär machte.

    Warum die Deutschen kein Leitungswasser trinken — Ein Erklärungsversuch

    Juni 29th, 2006
  • Kein Leitungswasser im Deutschen Restaurant
  • Wer gern in Frankreich oder Spanien Urlaub macht, wird es gewohnt sein (Schweizer Leser dürfen es auch „sich“ gewohnt sein), dass dort zu jeder Mahlzeit neben dem obligatorischen Weissbrot auch eine Karaffe mit (gekühltem) Leitungswasser auf dem Tisch steht. Gehen Sie in ein französisches Strassencafe und bestellen einen „grand crème“ (Deutscher Jargon: „ön Kaffee Olé„), können Sie den Keller gleichfalls bitten, Ihnen dazu „un verre d’eau“ zu bringen. Versuchen Sie dies einmal in Deutschland. Der Keller wird sie mitleidig anschauen, vermuten, Sie leiden an Kopfweh und möchten ein Aspirin einnehmen, wozu er Ihnen höchstwahrscheinlich ein nur halb bis dreiviertel gefülltes Glas Leitungswasser bringen wird. Bestellen Sie zum Essen einfach nur Wasser, wird es garantiert Mineralwasser in einer Flasche sein, still oder mit Kohlensäure.

    Die Deutschen offerieren äusserst ungern Leitungswasser, schon gar nicht im Restaurant. Am „Offerieren“ merken Sie, das wir schon lange in der Schweiz leben. Ein „Anbieten“ geht uns kaum mehr über die Lippen.

    Es gehört zu den letzten ungelösten Geheimnissen der Deutschen Trinkkultur, warum das so ist. Ob es an der Hitze und den südlichen Temperaturen Frankreichs liegt? Unmöglich, denn in Nordfrankreich ist es im Schnitt sicher kälter als im Süden Deutschlands, und dennoch werden Sie dort stets eine Karaffe Wasser zum Essen serviert bekommen, nicht aber in Bayern oder Schwaben.

  • Ist gekauftes Wasser in Flaschen gesünder?
  • Eine Theorie besagt, dass die Deutschen ihrem eigenen Leitungswasser misstrauen, dass es nicht so gesund sei, wie abgefülltes Wasser zum kaufen. Als die Rohre noch aus Blei bestanden oder ziemlich verrostet waren, hatte diese Skepis ihre Berechtigung. Aber das ist lange vor dem Krieg gewesen. Heute ist es natürlich Quatsch, denn kein Nahrungsmittel wird in Deutschland so ausgiebig und permanent überprüft wie das Hahnenwasser, das dort auch „Kranwasser“ genannt wird

  • Die psychologischen Spätfolgen der Notzeit
  • Eine andere Theorie behauptet, die Deutschen seien heutzutage einfach „zu reich“ um einfach nur Wasser aus der Leitung zu trinken. Es sei ein Überbleibsel aus der Zeit der Not und der Entbehrung, als es kein Fleisch, keine Butter und keinen Kaffee gab. Als nach dem Zweiten Weltkrieg in den Fünfzigern die Versorgung wieder funktionierte, erlebte Deutschland eine beispiellose Fresswelle. Fleischloses Essen oder Margarine statt Butter haftete fortan das Attribut an, „Essen für Notzeiten“ zu sein. Ähnliches gilt für Leitungswasser: Das trinkt man nur wenn man sich gar nichts anderes mehr leisten kann.

  • L’eau gazeuse macht Bauchweh
  • In Frankreich und in der Romandie hält sich hartnäckig das Gerücht, dass man von Mineralwasser MIT Kohlensäure immer starkes Bauchgrimmen bekommt. Sie müssen explizit drauf bestehen, ein Wasser „avec des bulles“ serviert zu bekommen, und man wird Sie als Wunder der Verdauungstechnik bestaunen, wie Sie es schaffen, dieser gefährlichen Bläschen in Ihrem Magen Herr zu werden.

  • Sprudeln tut es in der Schweiz nur im Sprudelbad
  • Eines der hübschesten Sprachmissverständnisse zwischen Deutschen und Schweizern ist das Wort „Sprudel“. Während die Deutschen dies als Synonym für „Mineralwasser mit Kohlensäure“ sehen, denken die Schweizer an Wellness und kitzelnde Luftblässchen am ganzen Körper, wenn sie sich ein „Sprudelbad“ leisten. In Süddeutschland darf man dazu auch „saurer Sprudel“ sagen, weil der ja nicht süss ist, auch wenn er eigentlich nach nichts schmeckt. So nannten wir den früher: „Sprudel ohne Geschmack„.

  • Der Wandel kam mit Sodastream
  • Erst in den letzten 10-12 Jahren, mit dem Aufkommen von preisgünstigen Sodastream „Sprudelmaschinen„, hat sich der Trend in Deutschland ein wenig gewandelt. Es wurde schnell populär, dass man mit dem guten Leitungswasser den Sprudel auch selbst herstellen kann, und sich das Kistenschleppen damit spart. Was jedoch noch lange nicht heisst, dass es jetzt auch Leitungswasser im Restaurant zum Essen gibt.

  • Der Harass ist kein Schäferhund
  • Die Schweizer kaufen ihr Mineralwasser in Kästen, die sie „Harass“ nennen. Deutsche würden bei dieser Bezeichnung eher an einen scharfen Polizeihund denken, und nicht an Leergut. Unser Variantenwörterbuch meint dazu:

    Harass CH der, -es, -e ( aus frz. harasse “ Korb zur Verpackung von Glas“
    1. Kiste AD (ohne nordost) Kasten D „offenes Behältnis aus Kunststoff mit Unterteilung für Transport und Aufbewahrung von Getränkeflaschen: „Ich bin ein richtiger Festbruder… Ich arbeite mit Bier und trinke den Saft auch gern. Bis Mitternacht habe ich einen Harass geschafft (Blick 11.7.1994,8)
    (Quelle: Variantenwörterbuch DeGruyter, S. 332)

    Es gibt auch den Bierharass oder den Getränkeharass
    Bierharasse
    (Foto: schneider-weisse.ch)

    Der Duden führt den Begriff auch als „Lattenkiste“:

    Harass, der; -es, -e [frz. harasse, H. u.] (Fachspr.):
    Lattenkiste, Korb zum Verpacken zerbrechlicher Waren wie Glas, Porzellan:
    Täglich werden 8 000 Harasse Vollgut ausgeliefert, 7 000 Harasse Leergut zurückgenommen (NZZ 25. 10. 86, 38).
    (Quelle: Duden.de)

    Alte Harasse für Coca Cola
    (Foto: route66store.ch)

    Diese Getränkekisten wurden übrigens in Deutschland während der WM gerade extrem knapp, weil der Bierverbrauch zwar stieg, aber niemand Zeit hatte, das Leergut wieder zurückzutragen. Die Brauereien mussten regelrecht dazu aufrufen, weil die Flaschenproduktion mit dem Verbrauch nicht mithalten konnte.

  • Auch des Teufels General war ein Harras
  • Ältere Deutsche kennen den Begriff „Harras„, mit zwei „r“ und einem „s“, als Figur aus Carl Zuckmayers Stück „Des Teufels General“:

    Das Stück handelt vom Luftwaffen-General Harras, der seine Fähigkeiten wegen seiner Flugleidenschaft den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt hat, obwohl er im Grunde anderer politischer Meinung ist. Als er in seinem Umfeld eine Sabotage-Aktion des Widerstands an einem neu entwickelten Flugzeugtyp aufdeckt, wird ihm das Ausmaß seiner Schuld bewusst. Zur Desertion unfähig, nimmt er sich das Leben, indem er mit einer derart sabotierten Maschine, mit der auch schon sein Freund Eilers abstürzte und starb, in den Tod fliegt.
    Der Held erinnert an den mit Zuckmayer befreundeten Flieger Ernst Udet. Dieser hatte 1941 Freitod verübt.
    (Quelle: Wikipedia)

    Wenn Sie in Deutschland Ihr Leergut loswerden wollen, dürfen Sie also nicht fragen, ob es für Ihren „Harass“ auch „depot“ (vgl. Blogwiese) zurück gibt, sondern Sie müssen die „Leergutannahmestelle“ aufsuchen, um dort Ihre „Getränkekiste“ oder Ihren „Bierkasten“ abzugeben. Dass es sich beim „Bierkasten“ nicht um einen gut gefüllten Schrank mit Gerstensaft handelt, versteht sich hoffentlich von selbst. Ein „Küchenkasten“ ist ja auch keine Kuchenkasse.

    Wer mag eigentlich die Deutschen? Die Franzosen finden uns romantisch

    Juni 27th, 2006
  • Wer mag eigentlich die Deutschen?
  • Ist Deutschland wirklich nur von Nachbarländern umgeben, die mit Ablehnung reagieren, wenn sie das Wort „Deutschland“ hören? Der Blogwiese Leser Dr. Schmidt schrieb:

    Ich würde mal gerne wissen, woher die ganze “Germanophobie” der dt. Nachbarländer kommt. Das kann doch nicht nur von der längst vergangenen Diktatur oder wegen einiger “lauter Deutscher” im Ausland kommen?! Ob Holland, Großbritannien, Österreich, Polen, Dänemark und auch Frankreich (siehe Börsenfusion mit den Amerikanern), kann sich mit Deutschland niemand richtig anfreunden.
    (Quelle: Kommentar Blogwiese)

    Wir meinen, dass dieses Urteil falsch ist. Die Schweizer „Germanophobie“, die wohl eher eine „Germanen-Phobie“ ist, braucht hier nicht weiter erörtert werden. Auch das Verhältnis der Niederländer zu uns Deutschen haben wir schon abgehakt (vgl. Blogwiese). Wie steht es mit dem „Erzfeind“ Frankreich?

  • Erfolgsmodell Deutsch-Französische Freundschaft
  • Seit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags über die Deutsch-Französische Zusammenarbeit am 22.01.1963 und der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks DFJW vom 5.7.63 haben es die beiden Nachbarländer in einer historisch beispiellosen Weise geschafft, sich auf allen Ebenen anzunähern, kennen zu lernen, zu kooperieren und die alte „Erbfeindschaft“, die immerhin in drei Kriegen (1870-71, 1914-18, 1939-45) blutig ausgelebt wurde, endgültig zu begraben. De Gaulle hielt seine Rede bei der Unterzeichnung des Vertrags sogar auf Deutsch!

    Zahlreiche Städtepartnerschaften wurden gegründet und sorgten für eine Aussöhnung und für ein praktisches gegenseitiges Kennenlernen der Deutschen und Franzosen auf der Ebene der Gemeinden und Städten:

    Die Idee der Verschwisterung von Gemeinden in Deutschland und Frankreich entstand bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, und zwar im Jahr 1950, als der ehemalige Widerstandskämpfer Lucien Tharradin – ein Überlebender von Buchenwald, der nun Bürgermeister von Montbéliard (zwischen Elsaß und Burgund) war – erstmals die Grundzüge einer Partnerschaft mit dem Baden-Württembergischen Ludwigsburg entwarf.
    (Quelle: dfjw.org)

  • Was lieben die Franzosen an den Deutschen?
  • Das Deutschlandbild der Franzosen war lange Zeit geprägt durch die üblichen Klischees von den Bier trinkenden und Kartoffel essenden, fleissigen und disziplinierten aber dabei ziemlich humorlosen Deutschen. Man fand heraus, dass ein Grossteil dieser Klischees auf veralteten Deutsch-Lehrwerken für Franzosen beruhten. (Quelle: Das französische Deutschlandbild)

    Deutsch-Französische Verständigung
    (Quelle für die drei Karikaturen: germanistik.uni-freiburg.de)

    In ihnen gab es einen deutschen Familienvater, der den Kindern Gisela und Klaus (welch zeitlose Vornamen!) abends „Marsch marsch, ab ins Bett. Jetzt aber zack-zack.“ befiehlt. Das Problem mit den verzerrten Deutschlandbild in Schulbüchern hat sich in Frankreich in der Zwischenzeit relativiert. Nein, die Bücher sind nicht etwas besser geworden, aber es lernen sowieso von Jahr zu Jahr weniger Franzosen die deutsche Sprache. Englisch gilt als leichter und wichtiger. Deutsch wird neben Mathematik und Griechisch nur noch benötigt, um bei den jährlichen „concours“, den harten Auswahlprüfungen für die Aufnahme an einer der renommierten staatlichen Eliteschulen (Grandes Ecoles), die Spreu vom Weizen zu trennen und die Besten der Besten herauszufinden. Schüler dieser Eliteuniversitäten können daher meistens fantastisch Deutsch, wenn auch nur passiv. Man will ja schliesslich seinen Kant oder Hegel im Original lesen können. Sich in Deutschland ein Bier bestellen zu können gehört da nicht unbedingt zum praktischen Wortschatz.
    Sie und wir
    (c) Regis Titeca, Stuttgart

  • Industrienation mit romantische Burgen
  • Das Deutschlandbild der Franzosen ist zweigeteilt: Sie sehen uns als eine erfolgreiche Hightech-Industrienation voller Mercedes- und BWM-Fahrer, gleichzeitig aber auch als hoffnungslos unberechenbar weil „romantisch-verträumt“ im Land der Burgen (Rheintal) und der Schubert-Lieder. Sich selbst sehen sie als rationalistisch-aufgeklärt und vom Verstand gesteuert, gleichzeitig haben sie eine grosse Sehnsucht nach der Deutschen Romantik und gehören zu den häufigsten Besuchern von Heidelberg und Neuschwanstein.

  • Am liebsten zwei Deutschland
  • Vor der Wiedervereinigung gab es eine gewisse Sympathie der französischen Kommunisten und Sozialisten für die DDR, und noch kurz vor der Wiedervereinigung soll der damalige Präsident François Mitterand gesagt haben. „Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich am liebsten zwei davon hätte“. Es gehört auf die Liste der grossen politischen Fehleinschätzungen, dass Mitterand die sich anbahnende Wiedervereinigung nicht sah und sogar herauszuzögern versuchte:

    Wollte der Staatspräsident die deutsche Einheit hinauszögern, wenn nicht sogar behindern? Wie ist in diesem Zusammenhang sein Staatsbesuch in der DDR zu werten, zu dem er am 20. Dezember 1989 in Berlin-Schönefeld eintraf?
    (Quelle: )

    Heute haben die Franzosen ein entspanntes Verhältnis zu Deutschland. In den Urlaub würden nur 14% nach Deutschland fahren, da bleibt man als Franzos traditionell lieber im eigenen Land und trifft sich regelmässig am 1. Juli auf der l’autoroute du soleil im Stau mit alten Bekannten. Anderseits fahren die meisten Deutschen lieber nach Spanien oder Italien. Nur eine gewisse Gruppe von „Bildungsbürgern“, meist Lehrer oder Beamte mit guten Französischkenntnissen, bereist auch das französische Inland, vor allem die Provençe, und hat dabei das Buch Peter Mayles „Mein Jahr in der Provençe“ im Reisegepäck. Paris ist ein Dauerhit für deutsche Städtereisende, genau wie Berlin sich grosser Beliebtheit bei französischen Jugendlichen erfreut.
    So sehen wir uns gern
    (c) Regis Titeca, Stuttgart

  • Schule nur bis Mittag und Diskutieren erwünscht
  • Die jungen Franzosen, die ins „disziplinierte und humorlose“ Deutschland reisen, staunen gewöhnlich Bauklötze, wenn sie erleben, wie entspannt Deutscher Schulunterricht sein kann, der nur bis 13.00 Uhr geht, wodurch am Nachmittag noch Zeit für das Schwimmbad und das Sozialleben mit den Kumpels ist. Sie kennen aus Frankreich fast nur lehrerzentrierten Unterricht, bei dem es mehr ums Mitschreiben und effektive Auswendiglernen der Fakten geht, als um Diskussion und persönliches Einbringen in das Unterrichtsgeschehen. Deutsche Austauschschüler in Frankreich hingegen sind erschrocken über das System der bezahlten Aufpasser (la surveillance), die für die Pausenaufsicht genauso zuständig sind wie für die Disziplin beim Mittagessen in der Schulkantine. Anderseits mussten die deutschen Bundeswehrsoldaten der „Deutsch-Französischen Brigade“ auch erst lernen, dass ihre französischen Kollegen zum Mittag sehr wohl ihren „quart de rouge“ trinken dürfen, auch wenn sie im Dienst sind.

    Es sind die Austauschprogramme des Deutsch-Französischen Jugendwerks und die zahlreichen Städtepartnerschaften, die für Normalität zwischen den Nachbarn gesorgt haben.
    Gibt es eigentlich Deutsch-Schweizer Städtepartnerschaften?

    Die alten Stereotypen sind damit aber nicht ganz aus der Welt. Ein jeder braucht sie, so scheint es, um wenigstens in manchen Situationen gut dazustehen:

    “Im Himmel sind die Humoristen Briten, die Liebhaber Franzosen und die Mechaniker Deutsche. In der Hölle sind die Deutschen die Humoristen, die Briten die Liebhaber und die Franzosen die Mechaniker.“
    (Newsweek vom 14.05.1990)

    Wobei wir fürs Protokoll festhalten wollen, dass die Franzosen erfolgreich Autos bauen und das gut funktionierende Hochgeschwindigkeitsnetz der T.G.V.s betreiben. Ach, und Robbie Williams ist im Nebenberuf ein bekannter britischer Liebhaber. Dass die Deutschen keinen wirklichen Humor haben, sehen wir ja an Harald Schmidt und Konsorten. Da schalten wir doch lieber direkt rüber zum Schenkelschlagen auf SF2 bei Black&Blond.
    Zugegeben, der war jetzt gemein… Zum Ausgleich hier noch ein wirkliches Comedy Highlight aus der Schweiz, das Beste aus Rätpäck (Real-Player Videostream hier klicken), die Schweizer Version von „Echt Fett“ aus Österreich.