Strahlen in den Haaren? — Es „strählen“ nicht nur die Narren

Mai 26th, 2006
  • Strahlen in den Haaren?
  • Die Schweizer sind nicht zimperlich, wenn es um ihre eigene Körperpflege geht. Fangen wir doch ganz oben an, beim Kopf, oder um noch genauer zu sein: Bei den Haaren. Die werden in der Schweiz nicht nur „gekämmt“, sondern quasi mit einer Strahlenkanone malträtiert. Der Fachmann dafür ist in der Schweiz natürlich kein „Frisör“ wie in Deutschland, sondern ein „Coiffeur“ und der spricht vom „Strählen“.

  • Wir strählen das Gewinde
  • In der Industrie ist das eine beliebte Technik der Metallbearbeitung:

    – Mehrkantdrehen und Tieflochbohren auf der Drehmaschine
    – Gewinde schneiden, strählen, rollen und walzen
    – Rundschleifen, spitzenlosschleifen und flachschleifen
    (Quelle: accurtec.ch)

    Was wir mit Gewinde anstellen können, warum sollten wir das nicht auch mit unseren Haaren tun?

  • Wir strählten schon in alter Zeit
  • Der Duden klärt uns über die Herkunft dieser Technik auf:

    strählen sw. V.; hat [mhd. strælen, ahd. strāljan]
    (landsch., schweiz. mundartl., sonst veraltet):
    (langes Haar) kämmen:
    ich strähle [mir] mein Haar; Die Friseurin nimmt eine Rundbürste aus der Tasche und strählt und föhnt und windet ihr kunstvoll das Haar um den Kopf (Frischmuth, Herrin 46);

    Wir bemerken, dass die Duden-Redaktion einmal mehr ein schweizer Wort als „veraltet“ einstuft, und es als „landschaftlich schweiz. mundartl“ kennzeichnet. Hinter „landschaftl.“ versteckt sich wahrscheinlich wie immer der restliche alemannische Sprachraum ausserhalb der Schweiz, sprich das Elsass, Schwaben usw.

    Auch DWDS, das „Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jh.“, herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nennt das Verb veraltet:

    strählen /Vb./ veralt. jmdn., sich, etw. kämmen
    (Quelle: dwds.de)

    Mit umfangreichen Quellen und Belegen kann hingegen wie immer das fabelhafte Wörterbuch der Gebrüder Grimm aufwarten:

    kämmen, ahd. strâlen (aus *strâljan); mhd. strælen; as. …
    1) in eigentlicher Bedeutung ‚kämmen‘; ahd. in glossen für lat. pectere: stralta …
    a) das haar, die locken, den bart mit dem kamm, der bürste ordnen, kämmen; pectere strelen .
    (Quelle: Grimm)

  • Wenn der Narr den Bürger strählt
  • In Deutschland kennt man das Verb „strählen“ ausserhalb der Metallverarbeitung heutzutage nur noch in der alemannischen Fasnacht. Dort werden die Besucher eines Umzugs von den Narren „gestrählt“:

    Ein rückläufiger Brauch ist das „Strählen„, „Schnurren“, „Hecheln“, „Aufsagen“oder „Welschen“, d.h., der Narr spricht den unvermummten Mitbürger (den „Gestrählten“) auf der Straße oder im Gasthaus, ggf. mit verstellter Stimme, an und kann diesem hinter der Maske ohne Rücksicht auf die soziale Stellung des Angesprochenen unverhohlen und geradeheraus die Meinung sagen, ihn rügen (Rügerecht des Narren), ihn mit der Kenntnis der einen oder anderen Begebenheit überraschen oder einfach Unsinn reden. Das Gesagte sollte allerdings niemals verletzend oder gar ehrenrührig sein. Daher lautet in Rottweil auch das Motto: „Niemand zu Leid – jedem zur Freud“. Da der Narr heutzutage aber immer mehr Zugezogene oder Fremde am Straßenrand oder im Wirtshaus antrifft, fällt es ihm zunehmend schwerer, den Brauch des „Schnurrens“ zu pflegen. „Schnurren“ leitet sich ab von „Schnurre“ = „Posse, komischer Einfall“ (ursprünglich ein Lärmgerät, mit dem besonders Possenreißer umgingen). „Strählen“ = „kämmen“ und „hecheln“ = „Fasern des Hanfs oder Flachses spalten“: der Narr zieht im übertragenen Sinn sein Gegenüber, wie einst die Bäuerin die Flachsbüschel, durch ein (kammartiges) Nagelbrett (den Hechelkamm).
    (Quelle: narren-spiegel.de)

    In der Schweiz hingegen wird auch mal in der Politik etwas durch „strählen“ wieder ansehnlich, denn „strählen“ kann auch „verschönern“ bedeuten:

    dass wir in diesem Saal oder mindestens die Kommissionen diese Berichte – ich glaube, im Dezember 2003 sind der dritte und vierte Bericht fällig – noch anschauen und „strählen“ können, bevor solche Dinge wieder nach aussen gehen.
    (Quelle: parlament.ch)

    Schon lange ist den Hausfrauen bekannt: Die schönsten Muster in der Butter bekommt frau mit einem Kamm hin! Warum solche Verschönerungen nicht auch beim „Strählen“ von Kommissions-Berichten versuchen?

    Zum Abschluss ein paar Verse Schweizerdeutsch. Geben Sie Obacht und versuchen Sie einmal, die Herkunft dieses Dialektgedichts zu ergründen:

    dîn hâr was dir bestroubet:
    dô strælte dir dîn houbet
    zeswenhalp der rabe dâ,
    winsterhalp schiet dirz diu krâ
    (Quelle: Grimm)

    Na, woher stammt das? St. Gallen oder doch eher aus dem Wallis? Lassen Sie sich nicht in die Irre führen. Es ist etwas viel Älteres. Die Verse sind kein Versuch eines Deutschen, Schweizerdeutsch zu schreiben sondern entstammen der Versnovelle „Meier Helmbrecht“ von Wernher dem Gärtner aus dem dritten Viertel des 13. Jahrhunderts

    Hätten wir das jetzt nicht erwähnt, wäre bestimmt sogleich eine Diskussion entbrannt. Wir werden uns hüten, nochmals Schweizerdeutsch „frei-nach-Gehör“ zu verschriften. Sonst kommt noch jemand mit dem Kamm und will uns strählen.. lieber nicht.

    Strählen geht nicht immer ohne Nebenwirkungen:
    Strählen mit dem Kamm

    Ostdeutsch für Fortgeschrittene —Keene Feddbemmen fressen

    Mai 25th, 2006
  • Ostdeutsch für Fortgeschrittene
  • Deutschland ist ein wunderbares Land. Überall strotzen die Menschen vor Selbstbewusstsein und sind voller Stolz über ihr gepflegtes, weil sorgsam poliertes Hochdeutsch. Wirklich überall? Es gibt da eine Gegend in Deutschland, da hat sich das „geschliffene Hochdeutsch“ deutlich ein wenig zu viel weiterentwickelt, denn dort wurde aus „geschliffen“ eines Tages „mattpoliert“. Aus allen knallharten „Ks“ wurden weiche „Gs“, damit aus „Helmut Kohl“ ein „de Gaulle“, aus dem harten „T“ wurde ein weiches „D“ wie „Detlev“ oder „Damendolette“, und aus dem Anlautvokal „A“ ein „O“ wie in „och schön!“. Wir sprechen von Ostdeutschland und seinem eigenem Idiom, dem Ostdeutschen:

  • Gibbe raus!
  • Der folgende kleine Lehrfilm soll zeigen, dass auch innerhalb von Deutschland die sprachlichen Unterschiede zu gewaltigen Verständigungsproblemen führen können. Mitunter mit gefährlichem Ausgang:
    Film KeinOstdeutsch (avi-File, 1Mb)

  • Neufünfländisch für Anfänger
  • In Ostdeutschland spricht man „Neufünfländisch“, die Sprache der fünf neuen Bundesländer. Eine ganze Reihe von eigenen Wortprägungen in dieser Sprache sind im Westen unbekannt. Zum Beispiel:

    abkindern =
    Sex zwecks Schuldentilgung: Schulden des Ehekredits wurden den werdenden Eltern teilerlassen. Den Ehekredit konnten alle Frischvermählten in Anspruch nehmen.

    Arbeiterschließfach = Neubauwohnung

    Bückware = im Osten gab es alles – man mußte nur wissen wo

    Fehlerdiskussion = Krisensitzung

    Gastmahl des Meeres = Name aller Gaststätten, die ausschließlich Fisch auf ihrer Speisekarte anboten

    Mumienexpreß = Ost-Slang für Interzonenzug

    Tal der Ahnungslosen =
    Gegend der DDR, in der kein Westfernsehen zu empfangen war. Dies führte dazu, daß z. B. der Bezirk Dresden die höchsten Ausreisezahlen hatte.

    Winkelement = A5-Papierfähnchen (heute vornehmlich bei CDU-Veranstaltungen zu sehen)

    (Quelle: user.cs.tu-berlin.de)

    Ganz schön kreativ, die Menschen aus dem Osten.
    Aber wenn jetzt die Diskussion anfängt, ob man „Feddbemmen“ nun mit einem oder zwei „d“ schreiben sollte, oder doch lieber mit „ä“ wie „Feddbämmen“, dann wandere ich aus…
    Vielleicht klärt uns Branitar erst einmal darüber auf, was das eigentlich sind, diese Feddbemmen.

    Nicht pöbeln sondern pröbeln — Wenn der Verurteilte seine Probezeit erlebt

    Mai 21st, 2006

    Der „Pöbel“ ist, wie der Lateiner weiss, das Überbleibsel von lat „populus“:

    Pöbel, der; -s [(unter Einfluss von frz. peuple) mhd. bovel, povel = Volk, Leute von afrz. pueble, poblo von lat. populus = Volk(smenge)] (abwertend): ungebildete, unkultivierte, in der Masse gewaltbereite Menschen [der gesellschaftlichen Unterschicht]
    (Quelle: duden.de)

    An diesen „Pöbel“ mussten wir unweigerlich denken, als wir zum ersten Mal in der Schweiz das hübsche Wörtchen „pröbeln“ lasen. Ist es etwas, das der Pöbel tut? Vielleicht eine Variante zu „herumpöbeln“:

    pöbeln sw. V.; hat (ugs.): jemanden. durch freche, beleidigende Äußerungen provozieren:
    (Quelle: duden.de)

    Weit gefehlt! Es handelt sich vielmehr um eine geniale Wortschöpfung der Schweizer, mit der die langatmige Formulierung: „etwas ausprobieren“ kurz und präzise zum Ausdruck gebracht werden kann. Passend zum „Pröbchen“, der kleinen Probe, gibt es immer was zum „pröbeln“ in der Schweiz. Handelt es sich hierbei um Wein oder Käse, sprechen die Schweizer allerdings lieber von der „Dégustation“, die „erst noch“ gratuite sein muss, also umsonst. Später wird es dann teuer, wenn man nach dem fünften Probierglas Rotwein alle Hemmungen fallen lässt und unbeschwert den Bestellschein des Weinhändlers auszufüllen beginnt.

    pröbeln (sw. V.; hat) (schweiz.): allerlei [erfolglose] Versuche anstellen: unser Nachbar pröbelt jetzt mit Elektromotoren; Während der Bub mit seinem Schwert herumpröbelt, pröbelt er ein wenig mit den Spiegeln (Geiser, Fieber 113).
    (Quelle: Duden.de)

    Bezogen auf das Wortfeld „Probe“ erfahren wir aus dem Variantenwörter noch ein paar weitere markante Unterschiede:

  • Eine Sechs für eine Probe ist in der Schweiz etwas sehr Gutes
  • Die „Probe“ wird in der Schweiz nicht nur für eine Chorprobe oder Theaterprobe verwendet, sondern kommt auch als Klausur, Klassenarbeit oder Schularbeit daher:

    Zum ungetrübten Ärger fast aller Lehrer waren sie gezwungen, uns nach jeder Probe eine Fünf oder Sechs zu notieren
    (Quelle: Schädelin: Mein Name ist Eugen, Seite 60)

    Die zitierte Quelle ist ein äusserst bekanntes Jungendbuch, das in der Schweiz Kultstatus hat, im Sommer 2004 genial verfilmt wurde und als einer der erfolgreichsten Schweizerdeutschen Filme überhaupt in die Geschichte einging. Link zum Film hier.

    Deutsche Leser müssen an dieser Stelle noch wissen, dass die Schweizer Schulnoten von 6 bis 1 absteigend vergeben werden. Die Sechs und die Fünf sind in der Schweiz die besten Noten, während sie in Deutschland als schlechteste Noten gelten.

  • Probelektionen sind nicht umsonst in der Schweiz
  • Die „Lehrproben“, die in Deutschland die Referendare während ihrer Ausbildung haufenweise abgeben müssen, heissen in der Schweiz passend „Probelektionen“. In Deutschland würde das allerhöchstens als erste kostenlose Unterrichtsstunde in einer Fahrschule oder in einem Tanzkurs aufgefasst.

  • „Der ist in der Probezeit“ muss nichts Gutes heissen in der Schweiz
  • Die „Probezeit“ wird in Deutschland nur für die ersten 3 Monate eines Arbeitsverhältnisses geltend gemacht, während sie in der Schweiz als „Bewährungsfrist“ bei einer bedingten Verurteilung gilt:

    Das Gericht entschied sich für eine Strafe von drei Monaten Gefängnis auf eine Probezeit von drei Jahren.
    Quelle: NLZ 24.08.01, Internet; CH, nach Variantenwörterbuch S. 592

  • „Der tut nix“ kann vieles heissen
  • So können die einfachsten Formulierungen schon zu grossen Missverständnissen zwischen Deutschen und Schweizern führen. Aber mitunter sind die Verwirrungen und Zweideutigkeiten auch direkt in der Deutschen Sprache verankert. So lernt der türkische Held des Romans „Selim oder die Gabe der Rede“, von Sten Nadolny, im Laufe der Geschichte während seines Aufenthalts als Gastarbeiter in Deutschland zwar immer besser Deutsch, ist aber völlig verwirrt bei dem Satz: „Der tut nix“. Wird dieser über einen Hund geäussert, bedeutet er etwas sehr Gutes. Auf einen Lehrling in einer Lehrwerkstatt bezogen jedoch etwas sehr Negatives.

    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen

    Mai 20th, 2006
  • Ab dem dritten Kind wird es mehr in Deutschland
  • Falls Sie Kinder haben, in der Schweiz arbeiten, und hier auch wohnen, haben Sie Anspruch auf Kindergeld. Als wir Deutschland verliessen, gab es dort stolze 270 DM, mittlerweile sind es 154 Euro (240 Fr) fürs erste bis dritte Kind, und 179 Euro (279 Fr) ab dem vierten.

    Grundsätzlich ist Kindergeld in Deutschland ein feine Sache. Es kann erhalten:

    (…), wer in Deutschland seinen Wohnsitz oder seinen gewöhnlichen Aufenthalt hat, oder im Ausland wohnt, aber in Deutschland unbeschränkt einkommensteuerpflichtig ist. Als Kinder werden im ersten Grad mit dem Antragsteller verwandte Kinder berücksichtigt(eheliche, für ehelich erklärte, nichteheliche und adoptierte Kinder), Kinder des Ehegatten (Stiefkinder) und Enkelkinder, die der Antragsteller in seinen Haushalt aufgenommen hat sowie Pflegekinder, mit denen der Antragsteller durch ein familienähnliches, auf längere Dauer berechnetes Band verbunden ist. Kindergeldberechtigter und damit Anspruchsinhaber sind die Eltern, nicht die Kinder. (…). Der Kindergeldanspruch kann jedoch von den Eltern an die Kinder abgetreten werden, so dass diese das Kindergeld selbst geltend machen können.
    (Quelle: Wiki)

    Kinder können also ihr eigenes Kindergeld bekommen in Deutschland. Manche Kinder sind ziemlich alt in Deutschland. Bis 27 Jahren und noch älter:

    Kindergeld wird mindestens bis zum 18. Lebensjahr gezahlt, darüber hinaus bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres, wenn das Kind sich in der Schul-, Berufsausbildung oder dem Studium befindet. Wenn das Kind verheiratet ist, besteht Anspruch auf Kindergeld nur noch, sofern der Ehepartner für den Unterhalt des Kindes nicht aufkommen kann.
    (Quelle: Wiki)

    Wir erinnern in diesem Zusammenhang gern daran, dass in Deutschland der Grossteil der Jugendlichen nicht schon mit 14 oder 15 genau weiss, dass er jetzt das KV oder sonst eine Ausbildung machen will, sondern so lange wie möglich zur Schule geht, danach gern auch an die Uni wechselt, um dann im Schnitt bis 27, 28 oder 30 Jahren zu studieren. Die Bundeswehr oder der Zivildienst wird in Deutschland vor dem Studium absolviert, was Ansprüche auf Kindergeld noch mal um ein paar Jahre nach hinten verlängern kann:

    In Einzelfällen wird selbst über das 27. Lebensjahr hinaus noch Kindergeld gezahlt. Dies ist dann der Fall; wenn Kinder in Schul-, Berufsausbildung oder im Studium den gesetzlichen Grundwehrdienst oder Zivildienst geleistet haben, sich freiwillig für nicht mehr als drei Jahre zum Wehrdienst verpflichtet haben oder eine vom Grundwehr- bzw. Zivildienst befreiende Tätigkeit als Entwicklungshelfer ausgeübt haben. Die Zahlung verlängert sich um die Dauer der Dienstzeit.

    Das Schweizer Kindergeld wird ihnen vom Deutschen Kindergeld abgezogen, sie können das also auf keinen Fall in beiden Ländern zugleich beziehen.

  • Wie kommen Sie in der Schweiz an Kindergeld?
  • Sie kriegen gar keins, denn hier gibt es kein Kinder-„Geld“, sondern eine „-Zulage„. Da müssen Sie erst mal nach suchen, am besten mit einem „Ge-such“, damit das nicht so einfach ist wie in Deutschland einfach „Kindergeld zu beantragen“, erhalten Sie als „Gesuchsteller“ ein dreisprachiges Formular in der Schweiz mit dem Titel:
    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen
    Gesuch um Ausrichtung von Kinderzulagen
    Eine Hochzeit könnten Sie ja auch ausrichten, für ihre Tochter. Oder die Satellitenschüssel auf dem Dach, die müsste dringend mal wieder korrekt ausgerichtet werden. Vielleicht lassen sie es ihrem TV-Fachmann ausrichten, dass er kommt und diese Ausrichtung für sie vornimmt. In der Schweiz „gesuchen“ Sie erst mal um Ausrichtung. Nicht von Kindergeld, sondern von „Kinderzulagen“. Legen Sie sich also Kinder zu, dann richtet man ihnen Kinderzulagen aus. In allen Lebens- und sonstigen Lagen, versteht sich.

  • Warum heisst das Ding „Gesuch“?
  • Warum dieses Teil „Gesuch“ heisst? Vielleicht weil es auf Französisch eine „Demande d’allocations pour enfants“ ist. Und „demander“ heisst fragen, um etwas bitten, um etwas höflich „ersuchen“. Denken sie an den dreifach höfischen Knicks, wenn sie dieses Gesuch bei ihrem Souverän, der „Ausgleichskasse“ vorbringen möchten. Die sorgt dann für ausgleichende Gerechtigkeit und legt zu bei der Zulage.

    Ach, und ehe wir es vergessen: Ohne Vorlage ihres „Familienbüchleins“ läuft sowieso rein gar nichts in der Schweiz. Wenn das bei Ihnen in Deutschland noch ein „Familienbuch“ war, dann sorgen Sie am besten rasch dafür, dass es nun zu einem „Büchlein“ mutiert um Anerkennung in der Schweiz zu finden.

    Deutsche Motzkultur vs. Schweizer Harmoniebedürfnis

    Mai 12th, 2006
  • Motzkultur vs. Harmoniebedürfnis
  • Wenn es einen besonders häufig festgestellten Mentalitätsunterschied zwischen den Schweizern und den Deutschen gibt, dann ist es das Fehlen einer schweizerischen „Motzkultur“. Anders rum ausgedrückt: Wenn sich Deutsche in einer Situation schlecht bedient fühlen, wenn es mal nicht so läuft, wie es laufen sollte, wenn der Service schlecht ist, ein Zug Verspätung hat, ein Stau sich unnötig lange nicht auflösen kann, dann fangen sie an zu motzen. Und zwar laut und vernehmlich. Die Schweizer hingegen schweigen und leiden stumm. Im berühmten Sketch mit dem Deutschen am Skilift, durch das Schweizer Cabaret Rotstift aufgeführt (war als Ausschnitt in der Sendung QUER am 24.03.06 ganz am Anfang zu sehen) beschwert sich der Deutsche in der Wartschlange, dass es nicht weitergeht:

    „Jetzt warte ich hier schon seit 20 Minuten an diesem Skilift und komme nicht hoch, man, hier fehlt’s doch an der Organisation, verstehen Sie, Organisation, ruck zack zack…“. Der Deutsche als arrogantes Grossmaul. Ein Vorurteil mit langer Tradition. (Kommentar aus dem OFF). Das Cabaret Rotstift belustigte mit diesem Klischee die ganze Nation. (…)
    (notiert nach QUER vom 24.04.06)

    Solche Geschichten bekamen wir als Deutsche häufig erzählt: Wenn in einem Ferienort die Bedienung schlecht ist, das Frühstückbuffet nicht rechtzeitig aufgefüllt wird, es an irgend etwas mangelt, wer geht als erstes an die Rezeption und beschwert sich? Der Gast aus Deutschland. Hören wir unseren Schweizer Freunden bei diesen Erzählungen genau zu, dann haben wir mitunter das Gefühl, eine gewisse Resignation in ihrer Stimme herauszuhören. Die Schweizer bewundern ihre Deutschen Nachbarn offensichtlich für ihre Unhöflichkeit, sich bei Missständen gleich zu beschweren und nicht auf Harmonie und „Friede, Freude, Eierkuchen“ Stimmung bedacht zu sein. Jeden Unbill zu ertragen und weiter dazu zu schweigen.

  • Motzen die Deutschen häufiger als die Schweizer?
  • Die Hausverwaltungen im Kanton Zürich, welche unter ihren Mietern immer häufiger Deutsche haben, können ein Liedchen davon singen: Geht etwas schief im Haus, fällt die Heizung oder das warme Wasser aus (bei allen Mietparteien!), sie können darauf wetten: Als erstes ruft der Deutsche Mieter an und beschwert sich.

    Die Deutschen streiten sich gern, wenn sie sich im Recht fühlen. Unzählige Richter und Anwälte beschäftigen sich in Deutschland mit Streitereien zwischen Nachbarn, Vermietern und Mietern und Lappalien wie den „Maschendrahtzaun“, den einst Stefan Raab erfolgreich durch eine Platte zu Geld machte (750.000 verkaufte Expemplare!).

  • Zeige mir Dein Auto, und ich sage Dir wer Du bist
  • Deutschland war in der Geschichte lange kein Nationalstaat mit zentralistischer Struktur sondern ein Flickenteppich von Kleinstaaten und Fürstentümern, die alle jeweils miteinander verfeindet waren. Vielleicht kommt daher diese Lust am Streit, am Kräftemessen, am Imponiergehabe der Deutschen? Das manifestiert sich heute natürlich durch andere Ausdrucksformen. Während in den kleinen Nachbarstaaten wie Dänemark oder den Niederlanden die Einwohner tunlichst darauf achten, ihren erworbenen Wohlstand nicht zu stark nach aussen zu zeigen und damit Neid und Missgunst bei den Nachbarn zu provozieren, gehört ein vorzeigbares Auto zu Untermauerung des persönlichen Selbstwertgefühls und des Statusempfindens für den Deutschen häufig dazu. Da prallen dann die Mentalitäten aufeinander, wenn der Deutsche Arbeiter aus dem Rheinland am Wochenende seinen Mercedes oder BMW an den Strandpromenaden von Hollands Küsten vorführt, wohl wissend, dass ihn die Raten für das Auto noch ein paar Jahre zu Überstunden und Sonderschichten nötigen werden.

  • Gilt das für alle Deutschen?
  • Betonen wollen wir aber wiederum, dass diese Verallgemeinerungen auch in Deutschland schwer durchgängig zu halten sind. Die pietistischen (evangelischen) sparsamen Schwaben mit ihrem Drang zum Eigenheim haben da sicher ein anders Verhältnis zum Prestigeobjekt Auto (s’heiliges Blechle!) als die nicht auf den Mund gefallener karneval-feiernder Rheinländer. Sie merken, da ziehen sich kulturelle Gräben mitten durch Deutschland, die sehr wohl mit dem Röschtigraben und der Grenze zum „anderen Kulturkreis“ Schweiz vergleichbar sind.

  • Jeder Schweizer hat es schon erlebt: Den meckernden Deutschen
  • Was bleibt sind die zahlreichen kleinen Geschichten von Schweizern, die es alle selbst erlebt haben, in einem Restaurant in Deutschland, in einer Bar in Spanien, im Zug der Deutschen Bahn (= Die Bahn): Deutsche, die sich beschweren, Deutsche, die das Maul aufreissen und den für eine missliche Situation Verantwortlichen bedrängen, Deutsche, die ihr Recht einfordern und nicht schweigen wie die Lämmer. Wir wissen dabei nie so genau, ob dann aus der Stimme des Schweizers, der uns das erzählt, Bewunderung oder Spott herauszuhören ist. Irgendwie scheint es die Schweizer sehr stark zu faszinieren, wie man so „aushäusig“ veranlagt sein kann, und bei jedem Problem gleich so in „die Vollen“ geht.

    „Streitkultur“ ist quasi ein Schimpfwort in der Schweiz. Sie darf lediglich im kleinen und überschaubaren Rahmen der Sendung ARENA jeden Freitag um 22:20 Uhr praktiziert werden. (Für Leser ausserhalb der Schweiz: Unbedingt mal hier einen Real-Player-Videostream einer Sendung anschauen. Öffentlich lautstark streitende Schweizer haben absoluten Seltenheitswert!)

  • Beschwerde auch noch auf Hochdeutsch
  • Der Deutsche, der sich beschwert, das ist sowieso eine Horrorvorstellung für einen Schweizer, der diese Beschwerde zu hören bekommt. Er muss sich dann nicht nur den sachlichen Vorwürfen stellen und ihnen sachlich begegnen, das Ganze geschieht auch noch auf Hochdeutsch, der Sprache, in der er sich sowieso nicht ganz sattelfest fühlt. Schon gar nicht wenn die Emotionen hochgehen. Denn Emotionen, das war in der Schule nie Thema im Deutschunterricht. Für Emotionen ist ganz eindeutig nur Schweizerdeutsch vorgesehen. Klarer Vorteil also für den Beschwerdeführer, und Grundsubstanz für alle „Die Deutschen sind einfach arrogant“ Vorwürfe.

  • Ironie und Hochdeutsch, eine gefährliche Mischung
  • Wenn Sie jetzt als Deutscher oder Deutsche auch noch Sarkasmus und Ironie als Waffe einsetzen, um ihre Vorwürfe zu untermauern, fühlt sich ihr Schweizer Gegenüber gänzlich verloren. Er hat Mühe genug, ihrem Redeschwall zu folgen, wie soll da auch noch die Doppeldeutigkeit von Ironie verstanden werden?

    Kein Wunder, dass da schnell mal die „Klappe zu“ geht und gar nichts mehr zu erwarten ist. Darum bleiben Sie als Deutscher am besten immer gelassen, höflich, freundlich, sprechen Sie weiterhin betont langsam, auch wenn ihnen gerade der Kragen platzt, und halten Sie auf jeden Fall alle vorgeschriebenen Kommunikationsrituale ein (Ist das jetzt guet? Haben Sie sonst noch eine Frage? Dann ist das jetzt guet… etc) wenn sie wirklich in einer Problemsituation nicht nur Recht behalten sondern auch Erfolg haben wollen.