Die fünf Fettnäpfe, in die Sie als Deutscher in der Schweiz nicht hineintappen sollten

Mai 10th, 2006
  • Fettnapf oder „faux pas“?
  • Falls Sie als Deutscher neu in die Schweiz kommen, gibt es eine paar Fettnäpfchen, vor denen Sie sich in acht nehmen sollten, damit Sie da nicht gleich hinein tappen. Sagte ich „Fettnäpfchen“? Schon falsch: In der Schweiz würde man eher von einem „faux pas“ sprechen, denn Sie begehen können. Einen „falsus passus“ oder falschen Schritt, wie der lateinversierte Frankreichkenner sagen würde. Die Deutschschweizer lieben ihre Landsleute von der anderen Seite des Röschtigrabens so sehr, dass sie bei jeder Gelegenheit deren Sprache üben und pflegen. Sie werden sich noch umschauen, wieviel Französisch Sie hier in kürzester Zeit automatisch lernen können. Beim „Merci vielmals“ geht es los, bei „excusez“ geht es weiter und bei der Frage nach der Plastiktüte, die in der Schweiz grundsätzlich als „sac“ im Idiom der Westschweiz bezeichnet wird, hört es noch lange nicht auf. Le „sac-à-dos“ ist darum auch kein Fluch, wie „Heilands-sak-rament“ in Oberschwaben, sondern einfach nur ein Rucksack in der Westschweiz. Et ceci n’est pas un Witz. Auch die Ostschweiz färbt sprachlich ab in der Westschweiz.

  • Fettnapf Nummer 1: Am Telefon nicht in die Luft gehen
  • Falls Sie mit einem Schweizer telefonieren, excusez, wir meinten natürlich: „Falls Ihnen ein Schweizer ein Telefon gibt“, dann sollten Sie dieses nicht „fortrühren“, unter langsamen Kreisbewegungen in den Abguss, sondern beantworten. So wie sie auch den „Beantworter“ benutzen, falls Ihr Schweizer „Kollege“, also Freund und nicht Arbeitskollege, nicht daheim ist und Sie ihm auf selbigen sprechen müssen. Ist er jedoch daheim und geht kurz weg vom Telefon, dann wird er Sie bei seiner Rückkehr fragen: „Bist Du noch da?“, und dann wäre es ganz falsch zu antworten: „Nein, ich bin geplatzt“, oder „das weiss ich gar nicht, Moment, ich schaue kurz nach. Kannst Du schnell warten?“. Da wären wir schon mitten drin im Dilemma: Sie warten so schnell Sie können, und es ist immer einfach nicht schnell genug für die Schweiz.

  • Fettnapf Nummer 2: Alle Inlaut-Is in Zür-i-ch vermeiden
  • Sprechen Sie niemals vom Züricher See oder Züricher Geschnetzelten. Das ist verboten und wird mit vielsagendem Schweigen bestraft. Nur Gottfried Kellers Verleger durfte seine Novellensammlung die „Züricher Novellen“ nennen. Heute würde der bekannteste aller Schweizer Dichter glatt des Landes verwiesen für diesen Fehler. „Glatt“ verwiesen passt „in dem Fall“ extrem gut, denn dort an „der Glatt“ wuchs er einst auf, der Gottfried Keller, bei seinem Onkel in „Glattfelden“. Eine glatte Sache, nicht wahr?

  • Fettnapf Nummer 3: Sie meinen, Emils Schwiizertüütsch gut zu verstehen
  • Erwähnen Sie niemals in Anwesenheit von Schweizern, dass Sie deren Schwiizertütsch recht gut verstehen während die Schweizer die ganze Zeit nur auf ihrem bestens hochpolierten Hochdeutsch mit Ihnen gesprochen haben. Passiert jedem Deutschen, der neu in die Schweiz kommt, am Anfang.

  • Fettnapf Nummer 4: Eine Tür zufallen lassen, wenn in 15 Meter Entfernung noch ein Schweizer naht
  • Ganz schlechtes Verhalten. Gehen Sie durch eine Tür, dann schauen Sie sich bitte drei mal um ob auch wirklich niemand naht, der auch durch diese Tür möchte, bevor Sie diese Tür hinter sich zufallen lassen. Besonders schwierig ist das bei einer Drehtür. Halten Sie die doch einfach offen für den nächsten Schweizer, der Ihnen auf dem Fusse folgt!

  • Fettnapf Nummer 5: „Was für ein hübscher Dialekt hier in der Schweiz!“
  • Vergessen Sie alles, was man ihnen je über Mundarten und Dialekte erzählt hat. Es stimmt nicht, bezogen auf die Sprache der Schweizer. Die Schweizer sprechen eine Sprache, mehr noch, eine eigene Sprache, mehr noch, eine „richtige“ eigene Sprache. Sie haben nur noch keine eigene Bezeichnung dafür. Die Bezeichnung „Schweizerdeutsch“ erinnert ja schon wieder ganz fatal an diese andere Sprache, die die Schweizer eben nicht sprechen, sondern nur schreiben, denn sie reden ja „ihre“ Sprache, die eine Sprache und auf gar keinen Fall, unter keinen Umständen, auch nicht in der grössten Not als „Dialekt“ bezeichnet werden darf. Haben Sie das verstanden? Begreifen Sie es auch?

    Ja, schon, aber jetzt sind sie „sprachlos“. Woran erkennt man, dass eine Sprache richtig und eigen ist? Ganz einfach: An den für sie vorhandenen Lehrwerken und Grammatiken. Davon gibt es einige für das Schwiizertüütsche. Folglich ist es eine richtige Sprache. Ein Wörterbuch für die Sprache der Schweizer gibt es auch, es gehört hier zur wichtigsten Grundausstattung jedes Deutschen in der Schweiz. Nehmen Sie also am besten gleich einen Kredit auf, kaufen sie sich eine Schubkarre oder einen Leiterwagen, gehen Sie in die nächste Buchhandlung und erstehen Sie das Schweizer „Idiotikon“. Sie brauchen sich nicht wie ein Idiot fühlen, wenn sie danach fragen. Idiotisch ist das Ding ganz bestimmt nicht, sondern eher schwer. Ziemlich schwer, weil bedeutungsgeladen und verantwortungsschwer:

    Ein Idiotikon (griech. Idio, Eigenes; Ausdruck, Begriff, Mundart) ist ein Wörterbuch, das mundartliche, dialektale, soziolektale oder fachsprachliche Ausdrücke erläutert. (auch Regionalismenwörterbuch)
    (Quelle: Wiki)

    Die Schweizer versuchen seit 1862, dieses Wörterbuch zu erstellen. Denn was man aufschreibt, vergisst man nicht:

    Am Ursprung des Idiotikons stand die Angst vor dem Sprachverlust. Friedrich Staub, der erste Chefredaktor des Idiotikons, befürchtete 1862, die schweizerdeutsche Mundart würde vom Hochdeutschen verdrängt. Die Korrespondenten begannen damals, „unter Beihülfe aus allen Kreisen des Schweizervolkes“, Mundartausdrücke aus Stadt, Land und Bergtälern zusammenzutragen. Systematisch wurden auch die Mundartliteratur bereits vorhandener Dialektwörterbücher, Chroniken, Rechtsprotokolle, Arznei- und Rezeptbücher und religiöse Schriften im Idiotikon erfasst.
    (Quelle: swissinfo.org)

    Ich vergass zu erwähnen, dass Sie zuvor noch eine Zeitmaschine kaufen sollten um in die Zukunft zu reisen. Denn momentan ist das Idiotikon leider noch nicht lieferbar. Der aktuelle Stand sind 15 Bände. Bei gleichbleibender echt schweizerisch-gründlichen Herausgabegeschwindigkeit von 9.6 Jahren pro Band müssten Sie im Jahr 2026 die Gesamtausgabe erwerben können. Sie können also ruhig schon mal anfangen mit sparen.

    Mit 15 Bänden und über 130’000 Stichwörtern ist das Schweizerdeutsche Wörterbuch schon vor seinem Abschluss das umfangreichste Regionalwörterbuch im deutschen Sprachraum. Es dokumentiert die deutsche Sprache in der Schweiz vom Spätmittelalter bis ins 21. Jahrhundert, die älteren Sprachstufen genauso wie die lebendige Mundart. Da der Grundstock des Mundartmaterials in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dank der Mitarbeit von gegen 400 Korrespondenten zusammengekommen ist, kann das Werk sonst kaum beschriebene und heute weitgehend verschwundene Bereiche der sprachlichen, geistigen und materiellen Kultur dieser Zeit besonders gut dokumentieren.
    (Quelle: sagw.ch)

    Vielleicht erleben Sie ja tatsächlich noch die Fertigstellung dieses Werkes ? Gut Ding will Weile haben.

    P.S.: Wir haben zwar schon die fünf Fettnäpfchen erläutert, ein sechstes wollen wir daber dennoch hinzufügen: Erwähnen Sie unter gar keinen Umständen, dass irgendetwas in Deutschland auch nicht schlecht ist. Das kommt gar nicht gut an. Sie sind hier im Land der besten Waschmaschinen, der besten Schokolade, der besten Demokratie, der besten Taschenmesser, der besten Käsesorten, der besten Biochemie, der besten Fussballer… na, Sie wissen jetzt sicherlich schon selbst weiter, einfach immer „der besten …“ davor setzen.

    Nicht ins Auge, in den Teich sondern ins Tuch gehen — Neue alte Schweizer Redewendungen

    Mai 5th, 2006
  • Wohin man alles gehen kann
  • Wenn etwas „ins Auge“ geht, dann tut das weh, und eine Sache ist misslungen, fehlgeschlagen. Wenn jemand „ins Wasser“ geht, dann will er sich umbringen, geht er „über den grossen Teich“, dann wandert er aus nach Amerika. Die Schweizer, das haben wir gelernt, gehen am liebsten in den Ausgang (vgl. Blogwiese) Manchmal geht auch etwas ganz gewaltig „in die Hose„, wenn etwas schief läuft oder misslingt. Doch was bedeutet es, wenn etwas „ins Tuch geht“?

    Wir lasen im Tages-Anzeiger, dem Fachblatt der Leinenweber und Strickindustrie, vom 19.04.06 in einem Artikel über die „Schleichende Preiserhöhung“ des Benzinpreises:

    Den Tank auffüllen, das geht wieder ins Tuch.

    Ohne auch nur die geringste Vorstellung davon zu haben, was hier gemeint sein kann, beginnen wir zu grübeln. Wann geht in Deutschland etwas „ins Tuch“? Nun, das kann zum Beispiel dem Baby passieren, wenn es satt und zufrieden seine menschlichen Bedürfnisse in die Windeln erledigt, falls Mami und Papi dafür keine Pampers Wegwerfwindeln gekauft haben sondern lieber die „Stoff-Variante“ mit dem praktischen Abhol- und Wäschedienst in Anspruch nehmen.

  • In trockene Tücher sein
  • In Deutschland werden die Dinge gern und häufig „in trockene Tücher“ gebracht, als Anspielung an den Vorgehensweise der Hebamme bei einer Geburt, wenn das Kind, frisch geboren und noch feucht und glitschig, erst einmal in ein „trockenes Tuch“ gewickelt und so gesäubert und gewärmt wird. Wenn etwas „in trockenen Tüchern“ ist, dann ist es laut Variantenwörterbuch

    endlich zufrieden stellend abgeschlossen, erledigt.

    In der Schweiz muss dafür wohl ein besonders teurer Stoff verwendet werden, denn die Redewendung „ins Tuch gehen“ bedeutet hier:

    Tuch: *ins [gute]Tuch gehen CH „teuer zu stehen kommen“: Ins gute Tuch und ans Ersparte geht es erst, wenn wir das Spital in Anspruch nehmen müssen (Biel/Bienne 28.5.1998, 6)
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 806)

    Wir fanden 47 Belege bei Google-Schweiz für „ins Tuch gehen“:
    Beispiel „Betrug am Betrieb“

    Ins Tuch gehen aber auch die Verlockungen, denen sich Kassierinnen ausgesetzt sehen. Trotz raffinierter Scanning-Systeme, die Eintippen überflüssig machen, kommt es zu Gelddiebstahl durch Kassenmanipulation in Form von Gutschriften, Stornos, Verbilligungen oder Fehlbons.
    (Quelle: onlinereports.ch)

    Beispiel „Freelancing statt Arbeitnehmerverhältnis“

    Genau da liegt denn auch das beträchtliche Risiko für den Auftraggeber bzw. Arbeitgeber: entpuppt sich nämlich das Freelancing plötzlich als Arbeitnehmerverhältnis, müssen die entsprechenden Beiträge nachgezahlt werden, was ins Tuch gehen kann.
    (Quelle: kommunikationsrecht.ch)

    Google Fundstellen aus Deutschland hingegen reden von Babies, die Windeln anhaben, oder

    Nur weil man ein wenig älter ist als 14, sollte man mal trotzdem leise sein!! Wenn man ohne 14jährige feiern will, dann soll man ins Tuch gehen oder so!! Schließlich gibt es für euch mehr Möglichkeiten mal tanzen und feiern zu gehen als für uns!! Also werd ma nicht aufmüpfig hier.
    (Quelle: max-kiel.de)

    Was die wohl meinen mit „soll man ins Tuch gehen oder so!!“ Vielleicht ist der Ausdruck „jemand an die Wäsche gehen“ damit gemeint? Aber Wäsche und Tuch, das sind doch zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen. Wie sagen die Deutschen dann, wenn etwas teuer wird? „Das geht ans Eingemachte“, oder „das wird eine Stange Geld kosten“. Die Schweizer trinken die Stange lieber, anstatt mit ihr zu bezahlen (vgl. Blogwiese)

    Dialekt ist Privatsache in Deutschland

    Mai 3rd, 2006
  • Die Amstsprache Deutsch wird in der Verfassung nicht erwähnt
  • Während in der Schweizer Bundesverfassung im Artikel 4 die Landessprachen festgelegt wurden:

    Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.
    (Quelle: admin.ch)

    wird dies in der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland nicht einmal erwähnt:

    Deutsch ist einzige Amtssprache Deutschlands auf gesamtstaatlicher Ebene, was so selbstverständlich ist, dass die Verfassung auf die ausdrückliche Feststellung verzichtet.
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. XLII)

  • Welche Minderheiten sind in Deutschland anerkannt?
  • Darüber hinaus gibt es in Deutschland offiziell anerkannte Minderheiten mit eigenen Sprachen:
    Die Sorben (auch Wenden), ein westslawischesn Volk mit 60.000 aktiven Sprecher.
    Die Friesen im Norden mit 10.000 Sprechern
    Die Dänen an der Grenze zu Dänemark mit 50.000 Sprechern. Dort ist Dänisch in einigen Orten auch Schulsprache
    Die Sinti und Roma sprechen „Romani“ mit bis zu 50.000 Sprechern.
    Und dann wäre da noch das Plattdeutsche, offiziell als „Niederdeutsch“ bezeichnet:

    Seit 1999 ist auch Niederdeutsch — die Gruppe der niederdeutschen Dialekte, die über keine eigene Standardsprache verfügt — Als Minderheitssprache anerkannt. Damit gilt Niederdeutsch im Grunde als gesonderte, nicht zum eigentlichen Deutsch (»Hochdeutsch«) gehörende Sprache und ist auch in der Charta für Regional- und Minderheitensprachen der Europäischen Union und des Europarats als solche ausgewiesen.
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. XLIV)

  • Die Stellung der Standardsprache in Deutschland
  • In Deutschland ist die Standardsprache allgemein die normale Form öffentlicher Rede und schriftlicher Texte, zumindest der Sach- und Fachtexte.

    Das ist in der Schweiz und in Österreich sicherlich nicht anders. Wobei die Fachsprache in manchen Forschungsdisziplinen mittlerweile fast nur noch Englisch ist. Wer in der Medizin etwas publiziert und auch gelesen werden will, muss auf Englisch publizieren.

    Der Dialekt (die Mundart) bleibt mündlich weitgehend beschränkt auf die Privatsphäre und die nicht-öffentliche Kommunikation am Arbeitsplatz, ferner auf das so genannte Volkstheater auf der Bühne und im Rundfunk sowie schriftlich auf bestimmte Formen belletristischer Literatur (Dialektdichtung)
    (Variantenwörterbuch S. XLIV-XLV)

  • Wer liest schon Dialektdichtung?
  • Dialektdichtung findet in Deutschland bestimmt den gleichen reissenden Absatz wie in der Schweiz. Es ist ein Nischenprodukt, schön zum Verschenken. Der „Kleine Prinz“ wurde allerdings in Deutschland noch nicht auf Schwäbisch oder Hessisch übersetzt. Vielleicht kommt das ja demnächst. Schliesslich gibt es auch schon mehrere Bände von Asterix auf Schwäbisch.

    Das erwähnte „Volkstheater“ bezeichnet Spielstätten wie das „Ohnsorg-Theater“ in Hamburg oder das Volkstheater Millowitsch in Köln, die beide zum Grossteil nur „gemässigte“ Mundartaufführungen bringen, speziell wenn sie im Deutschen Fernsehen für ein bundesweites Publikum ausgestrahlt werden.

  • Dialekt ist Privatsache in Deutschland
  • Bemerkenswert scheint uns der erste Satz dieses Zitats aus dem Variantenwörterbuch: „Der Dialekt (die Mundart) bleibt mündlich weitgehend beschränkt auf die Privatsphäre und die nicht-öffentliche Kommunikation am Arbeitsplatz.“

    Diese Erfahrung musste der Blogger „Geissenpeter“ in Deutschland machen:

    Eine andere Freundin von mir spricht mit charmantem schwäbischem Einschlag. Ich weiß, dass sie in ihrer Familie Dialekt redet. Als ich sie aber neulich mit ihrem Bruder zusammen traf, sprachen die beiden beharrlich Hochdeutsch miteinander. Später konnte ich sie belauschen, ihr Dialekt klang lustig, aber als sie bemerkte, dass ich zuhöre, warf sie mir einen strengen Blick zu.
    (Quelle: Heidiswelt 11.11.2005)

    Wie kommt es zu dieser Situation? Warum ist Dialekt Privatsache in Deutschland und wird nicht automatisch in der Öffentlichkeit gesprochen? Das Variantenwörterbuch meint:

    Die Standardsprache ist Lehrziel und Unterrichtssprache in den Schulen. Der Dialekt dient in den Schulen nur als Hilfsmittel, um den Dialekt sprechenden Kindern den Übergang zur Standardsprache zu erleichtern.

    Und wir können davon ausgehen, das Grundschulkinder im Südschwarzwald in der ersten Klasse noch genauso Alemannisch sprechen wie die Primarschüler in der benachbarten Schweiz.

    Damit hängt es zusammen, dass die erkennbar unzureichende Beherrschung der Standardsprache bei Erwachsenen oft als Zeichen mangelnder Bildung gilt. Aus diesem Grunde meiden die »höheren«, bildungsorientierten Sozialschichten das ausgeprägte Dialektsprechen sogar in der Privatsphäre. Es gibt also Unterschiede im Gebrauch von Dialekt und Standardsprache zwischen den sozialen Schichten. Dieser Schichtenunterschied ist allerdings nicht ohne weiteres erkennbar, denn er wird überlagert von der situationsspezifischen Variation. Alle Schichten tendieren in der Öffentlichkeit eher zur Standardsprache und in der Privatsphäre eher zum Dialekt. Die Variationsbreite zwischen Dialekt und Standardsprache ist jedoch bei den Sozialschichten unterschiedlich. Ausserdem wird auf dem Land mehr Dialekt gesprochen als in der Stadt.
    (Variantenwörterbuch S. XLV)

    Vereinfacht gesagt: Auf dem Marktplatz spricht auch die Bürgermeisterfrau den örtlichen Dialekt mit der Marktfrau. Sie wechselt ganz einfach den „Soziolekt“. Genauso handelt der Lehrer, wenn er zum Fussballspiel in Gelsenkirchen „auf Schalke“ geht.

  • Wamama und hatata
  • Er schaltet um auf „Ruhrpott-Deutsch“, um bei den Fans nicht ausgegrenzt zu werden, wenn die sich nach dem Spiel erzählen: „Wamama auf Schalke, hatata jerechnet“ (=waren wir mal auf Schalke, hat das da geregnet). Mit dem Regen auf Schalke ist aber heutzutage sowieso Schluss, denn die neue „Veltins-Arena“ (Name einer Biermarke) hat ein Dach, weswegen der Rasen nach jedem Spiel zur Erholung nach aussen gefahren werden muss:

    Die VELTINS-Arena setzt Maßstäbe. Und das in vielerlei Hinsicht: Sie ist das erste Stadion in Deutschland, das komplett privatwirtschaftlich finanziert worden ist. Für das 186 Mio. Euro Projekt wurde kein Cent an öffentlichen Geldern verwendet. Herausragend ist zudem ihre Technik: Das herausfahrbare Rasenfeld, das verschließbare Dach, die verschiebbare Südtribüne und der überdimensionale Videowürfel unter dem Arena-Dach sind die technischen Highlights in der Multifunktionsarena.
    (Quelle: veltins-arena.de)

    Doch zurück zur wichtigsten Aussage aus dem Variantenwörterbuch: „Damit hängt zusammen, dass die erkennbar unzureichende Beherrschung der Standardsprache bei Erwachsenen oft als Zeichen mangelnder Bildung gilt„.

  • Die Ursache der „Arroganz“ der Deutschen
  • Und das ist genau die Ursache für den Vorwurf von Arroganz, mit dem sich die Deutschen in der Schweiz immer wieder konfrontiert sehen. Sie bringen diese Erfahrung „Dialekt ist Zeichen mangelnde Bildung“, die ihnen in den Deutschen Schulen von den Lehrern permanent eingebläut wurde, mit in die Schweiz und übertragen sie auf die neue, nicht-kompatible Situation. Ich habe selbst erlebt, wie Schüler eines Gymnasiums im Hochschwarzwald nach 11 Jahren Schullaufbahn fest davon überzeugt waren, dass ihr Dialekt als „hinterwälderisch“ gilt und im Schulunterricht absolut fehl am Platz ist. Wer 11 Jahre den Lehrer „Lehrersprech“, also Hochdeutsch hat reden hören, der fängt an, von der gesellschaftlichen Minderwertigkeit seiner Mundart überzeugt zu sein. Die Folge ist eine andersartige Diglossie, als wir sie von der Schweiz kennen. Dialekt wird daheim gesprochen, und mit den Freunden, Hochdeutsch dann in allen „öffentlichen“ Situationen.

  • Weg mit dem Jööö-Effekt
  • Wer mit dieser Erfahrung in Deutschland aufwuchs, der braucht eine Weile, bis er den Stellenwert von Dialekt in der Schweiz nachvollziehen kann, bis sich dieser „Jööö-Effekt“ abbaut. Aber irgendwann stellt sich dann bei jedem Deutschen die Erkenntnis ein, dass Dialekt in der Schweiz nicht ein Soziolekt ist und hat auch nicht unmittelbar etwas mit mangelnder Bildung zu tun.

    Maschinenbauer, seid keine Dubbel in der Schweiz!

    April 27th, 2006
  • Du Dubbel!
  • Eines der selten vernommenen und dafür aber umso zärtlicher artikulierten Kosewörter in der Schweiz für besonders gute Freunde ist die Bezeichnung: „Du Dubbel“. Manchmal noch gesteigert durch „Du Dubbel Du“.

    Wir sind diesem hübschen Namen ein bisschen auf den Grund gegangen, und haben eine ganz erstaunliche Entdeckung gemacht: Die Schweizer müssen ein Volk von heimlichen Maschinenbau-Fans sein, denn „Dubbel“ ist keinesfalls ein Schimpfwort, wie Sie bisher „anhin“ vielleicht geglaubt haben, sondern:

    Das Taschenbuch für den Maschinenbau, erstmals erschienen 1914 und bis heute erhältlich

    Benannt nach

    Heinrich Dubbel, Professor an der Berliner Beuth-Schule und erster Herausgeber des Taschenbuchs für den Maschinenbau
    (Quelle: Wiki)

    Wir sollten also beim nächsten Mal, wenn uns ein Schweizer als „Du Dubbel“ bezeichnet, freundschaftlich die Hand ausstrecken und entgegen: „Darfst ruhig Heinrich zu mir sagen“, oder vielleicht zur Auflockerung etwas berlinern „Ick bin da Heinrich, wa“.
    Der Mann hat übrigens ein Vorleben. Bevor er so spannende Dinge tat wie Taschenbücher für den Maschinenbau zu schreiben, braute er nämlich Bier. Noch dazu süsses:

    Dubbel ist oft ein dunkles, süsses Abteibier,
    Tripel dagegen ein helles und herberes
    (Quelle: amiv.ethz.ch)

    Ob „Tripper“ dann ein dreifach gebrautes herberes Bier ist? Ach nein, das war ja eine „vorübergehende Geschlechtskrankheit“, die von den Beatles in einem Lied verewigt wurde: „A day tripper“.

    Der Dubbel hatte übrigens noch eine Verwandte, die nach Holland auswanderte, sorry, „in die Niederlande“ natürlich, und dort ganz klein anfing. Kleine Dinge kriegen in der Schweiz ein „li“ angehängt. Das „Weggli“ kennen alle (= der kleine Weg bei Weggis), und das „Gipfeli“ (= der kleine Gipfe) auch. Nur mit dem Franken, da klappt das mit dem „li“ am Ende bekanntlich nicht. Der bleibt gross und unverkleinert (vgl. Blogwiese). Ob Sandra-Li jetzt eher gross oder klein ist, dass müssen die Berliner entscheiden.

    Im Niederdeutschen werden die Dinge anders verkleinert als im höchstalemannischen Sprachraum. Beliebt ist die Endung „-ke“, zu finden in dem Frauenname „Frauke“ was eigentlich „Frauchen“ also „kleine Frau“ bedeutet. Oder die „Anke“, die im Norden nicht die Butter bezeichnet, wie bei den Schweizern, sondern die eigentlich das „Annchen“ = die kleine Anna bedeutet, was wiederum wie viele andere Vornamen von Hannah (Hebräisch) = die Begnadete abstammt. Auch im Namen „Hüneke“ steckt die Verkleinerungsform „–ke“: Es ist der „kleine Hüne“, so wie „Heineke“ eigentlich der kleine Heine (=ein deutscher Dichter) ist. In Frankreich mutiert die ähnlich bzeichnete nierderländische Biersorte „Heineken“ allerdings schnell zu „enken„.

    Doch zurück zum „Dubbel“, der bekommt auf Niederländisch ein „-tje“ angehängt, was ihn ein wenig kleiner macht:

    Dubbeltje das; -s, -s (aber: 5 -) aus gleichbed. niederl. dubbeltje, eigtl. „Doppeltchen“, Verkleinerungsform von dubbel „doppelt; das Doppelte“: Beiname der niederl. 2-Stuiver-Stücke seit dem 17. Jh., später Bez. für das niederl. 10-Cents-Stück
    (Quelle: duden.de)

    Ein weiterer Verwandter von Heinrich Dubbel ging übrigens nach Hollywood. Dort musste er seinen Namen etwas amerikanisieren, um sich besser verkaufen zu können. Dann konnte er als „Double“ die grossen Stars in brenzlichen Situationen vertreten. Muss ein ziemlicher Dubbel sein, für die sein Leben zu riskieren und dann vielleicht gerade noch im Abspann des Films kurz erwähnt zu werden.

    Im Prinzip sind die Dubbel, Double und Dobbels alle weltweit immer noch doppelt und dreifach miteinander verwandt und gehen auf das Lateinische „duplus“ zurück:

    dop|pelt (Adj.) [niederrhein. (15. Jh.) dobbel, dubbel, von (m)frz. double, von lat. duplus
    (Quelle: Duden.de)

    Von diesem „duplus“ gibt es mit „o“ am Ende heute noch den Schokoriegel von Ferrero, übrigens schon seit 1964, die Spielzeugmarke von LEGO und sogar ein Typ von Rasierklingen des Herstellers Wilkinson Sword führt diesen Namen. Na, da ist uns doch die „wahrscheinlich längste Praline der Welt“ immer noch am liebsten, und natürlich unser Ahne Heinrich, der Maschinenbauer. Und falls Ihnen jemand weissmachen möchte, „Dubbel“ sei in der Schweiz einfach die Abkürzung für „Du Dummbeutel„, dann glauben Sie dem kein Wort. Der will Sie dann garantiert auf die Schippe nehmen.

    Wenn die Nacht einmal frei hat — Was ist eine Freinacht in der Schweiz und in Deutschland?

    April 23rd, 2006
  • Wenn die Nacht einmal frei hat — Was ist eine „Freinacht“?
  • Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 15.04.06 auf der Titelseite

    Lugano zum 7. Mal grande
    Wer über Ostern ins Tessin gefahren ist, durfte zumindest in Lugano den Freitag mit einer Freinacht beginnen: Der Hockey-Club wurde zum 7. Mal Meister, er bezwang Davos (…)

    Freinacht in Lugano

    So gab es also in Lugano vor Ostern im Anschluss an den Frei-tag eine Frei-nacht? Der Freitag vor Ostern war sowieso frei, weil es ein Karfreitag war. Mit einer der höchsten Feiertage der Christenheit, an denen vor ein paar Jahrzehnten noch in Deutschland die Kinos und Diskotheken „für einmal“ geschlossen blieben, und an dem auch der grösste Atheist oder Agnostiker kein Fleisch sondern Fisch ass.

    Doch schon der „Freitag“ hat in der Schweiz eine Bedeutung, die im Gemeindeutschen nicht bekannt ist:

    Freitag CH der; -(e)s, -e: [arbeits]freier Tag:
    Die zehn Jährchen sitzt du auf der anderen Arschbacke ab, dann gibt’s ein ganzes Monatsgehalt und drei Freitage extra! (Aeschlimann, Wellauer 163)
    (Quelle: Variantenwörterbuch S. 262)

    So wundert es uns auch nicht, dass wir noch vor dem „Freipass“ (in der Schweiz keine neue Angriffsvariante im Fussball im Finale der WM am 9. Juli gegen Deutschland, sondern eine Legitimation für etwas im Allgemeinen Unerwünschtes) und dem „Freisinn“ (was nicht „frei von Sinnen heisst, sondern in der Schweiz kurz für „Freisinnig -Demokratische Partei“ steht) auch die „Freinacht“ im Variantenwörterbuch erklärt bekommen:

    Freinacht CH die-,…nächte:
    Nacht ohne Polizeistunde, für einen ganzen Ort oder ein einzelnes Vergnügungslokal: „In der Nacht auf Samstag und Sonntag ist Freinacht angesagt“ (NLZ 20.6.01, Internet)

    Auch der Duden kennt das Wort:

    Freinacht, die (schweiz.): Nacht ohne Polizeistunde; ausnahmsweise durchgehender Betrieb in einem Restaurant.

    Selten hatten wir soviele überzeugende Funde bei Google-Schweiz zu vermelden: 15.200
    Google-Deutschland findet das Wort nur im Zusammenhang mit Fasnachtbräuchen, Masken, Walpurgisnacht oder Mainnacht. Hat dort definitiv nix mit Sperrstunde etc. zu tun:

    Walpurgis / Freinacht / Beltane 30. April
    Walpurgis ist das bekannteste klassische Hexenfest. (…) Da von der Kirchenführung eine Heilige als Namenspatronin des Festes vorgeschoben wurde, kann man davon ausgehen, daß es sich ursprünglich um ein Fest zu Ehren einer weiblichen Gottheit, nämlich der Fruchtbarkeitsgöttin Freya handelte. In Süddeutschland wird es mancherorts auch »Freinacht« genannt, die Nacht, in der alles erlaubt ist. Es ist sehr wahrscheinlich, daß hier »Frei« nicht von »Freiheit«, sondern von Freya abgeleitet ist. (…)
    (Quelle: veras-hexenküche.de)

    So unterscheiden sich die Völker: Während in der Schweiz in der Freinacht gesoffen wird bis in die Puppen, verehrt man in Deutschland unter gleichem Namen die Fruchtbarkeitsgöttin Freya. Fragt sich nun, was hier bekömmlicher ist. Freibier oder Freya?