Was wir als Deutsche in der Schweiz vermissen (Teil 3) — Die Bierkultur

April 7th, 2006
  • Es gibt kein Bier in Deutschland, sondern viele Biere
  • In Deutschland gibt es praktisch in jeder Stadt eine andere Biersorte zu geniessen. Die Kölner trinken „Kölsch“, die Düsseldorfer „Alt“. Wenn Sie mal richtig Spass haben wollen in einer Kneipe der Kölner Altstadt, dann bestellen Sie lautstark, so das alle anwesenden Jecken es hören können, „eine Runde Alt für alle“.

    Die Schwarzwälder trinken „Tannenzäpfchen“ oder unser Lieblingsbier, frisches „Alpirsbacher“ vom Fass. Die Bayern lieben Paulaner oder Weizenbier, bei dem es eine Kunst und Wissenschaft für sich ist, die Flasche schnell und mit Schwung so kopfüber ins hohe Weizenbierglas zu stellen, dass sie sich entleert ohne dabei allzuviel Schaum zu bilden.

  • Flens muss ploppen
  • Ganz oben an der Grenze zu Dänemark in Flensburg werden sie nicht umhin kommen, ein „Flens“ zu trinken, das aus der Bügelflasche, die so schön „plopp“ macht.
    Flens in der Bügelflasche
    Diese Bierflasche wurde übrigens zum Verkaufsschlager auf Grund des „Werner“ Comix, weil dort permanent nur Bier aus Bügelflaschen gekippt wird. Nur handelte es sich hierbei nicht um die Sorte Flens (danke für die Hinweise in den Kommentaren!).
    Berühmtes Zitat aus der Werner-Welt:

    „Werner, Bölkstoff is‘ alle, sach mal Bescheid..“ Werner geht zur Theke und sagt: „Bescheid“. Werner kommt zurück und die Kumpels fragen ihn: „Na, hasse Bescheid gesagt?“. Antwort: „Na klar, man“

  • Pils dauert sechs Minuten
  • Ja, das vermissen wir manchmal in der Schweiz: Die Deutsche Biervielfalt. Obwohl man sie selten richtig geniessen kann, denn dort wo sie sich gerade befinden in Deutschland, von dort weden sie auch das Bier kredenzt bekommen. Die Deutschen nehmen sich Zeit zum Biertrinken. Und sie sind sehr skeptisch, wenn nach einer Bestellung in zu kurzer Zeit das Bier bereits serviert wird. Denn das lernen die Deutschen, sobald sie eine „Tulpe“ (so heisst das Bierglas wegen seiner Form) halten können: „Ein Pils dauert 6 Minuten“.
    Eine Tulpe ist ein Glas und keine Blume

    Schneller geht das nicht mit dem Zapfen, denn das Bier muss sich ja mit dem Schaum erst setzen können und die Deutschen schätzen eine schön geformte „Krone“ auf dem Glas. Anders als die Engländer, die ihr Glas immer bis zum Überlaufen gefüllt haben möchten und sich sonst vom Wirt betrogen fühlen. Wenn das Bier doch schneller serviert wird als in sechs Minuten, ist es entweder abgestanden oder der Wirt hat verschwenderisch die Hälfe daneben gehen lassen, statt die nötige Geduld aufzubringen.

  • Der magische Swimmingpool
  • Dazu gibt es einen alten Witz aus Helmut Kohls Regierungszeit:

    Die Staatsoberhäupter Europas sind bei einem Scheich im Orient zu Gast. Der Scheich macht eine Führung durch seine Besitztümer und sie kommen schliesslich zu einem wunderschönen, vergoldeten Swimming-Pool ohne Wasser, aber mit Sprungturm. Der Scheich erklärt den erstaunten Gästen, das es sich hier um einen magischen Pool handelt. Man können vom Sprungturm aus hineinspringen, nachdem man einen Getränkewunsch geäussert habe, und schon füllt sich das Becken mit der gewünschten Flüssigkeit.
    Mitterand macht den Anfang, klettert auf den Turm und sagt: „Champagner“ und springt. Das Becken ist sofort mit prickelndem Schampus gefüllt. Als nächstes klettert Craxi (Italien) auf den Turm und sagt: „Vino Rosso“, und sofort füllt alter italienischer Edelwein das Becken. Es folgen einige weitere Staatsoberhäupter, und schliesslich ist Kohl an der Reihe. Er klettert auf den Turm, sagt „Pils“ und springt. Prompt knallt er unten auf den harten Beckenboden, worauf eine Stimme aus dem Off ertönt: „Pils dauert 6 Minuten“…

    Es gibt dann noch einen zweiten Teil, bei dem Kohl vor lauter Überlegen schliesslich das Gleichgewicht verliert, fällt, und im Fallen „Scheisse“ ruft, aber den lassen wir jetzt weg. Keine Witze über den Vater der Deutschen Einheit bitte.

  • Im Land der Biervielfalt
  • Denn Bierbrauen ist eines der ganz seltenen noch existierenden „Polypole“, was bedeutet: Viele kleine Anbieter teilen sich den Markt, die umsatzstärksten Brauerein haben zusammen nur einen geringen Marktanteil. Anders als in Skandinavien, wo Carlsberg 1970 den letzten Konkurrenten Tuborg schluckte und seitdem praktisch den Markt allein dominiert. Zu Carlsberg gehören heute die folgenden Marken in Deutschland und der Schweiz:

    * Holsten Pils
    * Astra, Hamburg
    * Feldschlösschen in Braunschweig, Dresden und Rheinfelden AG (Marktführer in der Schweiz)
    * Hannen Alt, Mönchengladbach
    * Landskron, Görlitz
    * Lübzer, Lübz
    * Cardinal Lager, Freiburg im Üechtland (Schweiz)
    (Quelle: Wiki)

    Der Trend geht also auch in Deutschland dahin, dass immer mehr kleine Brauereien von grossen Anbietern wie z. B. Carlsberg geschluckt werden. Sie behalten pro forma ihren Namen, gehören aber zu grossen Bier-Konzernen.

  • Der Deutsche trinkt mehr Kaffee als Bier
  • Es ist übrigens auch ein Gerücht, dass die Deutschen viel Bier trinken. An erster Stelle kommt in Deutschland der Kaffee, der dünner und häufiger pro Tag getrunken wird, als Bier, rein vom Volumen her:

    Was trinken die Deutschen am liebsten? Kaffee ist mit insgesamt 151 Litern pro Jahr Dauerspitzenreiter beim Verzehr. Mineralwässer – vor allem kohlensäurearme Sorten – wurden im letzten Jahr deutlich mehr konsumiert (135 Liter) und verbannen das Bier (118 Liter) auf Platz drei der Rangliste.
    (Quelle: fitforum.msn.de)

    Zusätzlich zu den grossen Brauereien, wie z. B. die Ganter-Brauerei in Freiburg im Breisgau, gibt es zahlreiche kleine Lokalbrauereien, die das Bier in geringer Menge nur für die eigenen Gäste brauen. Wir beobachten in Deutschland, dass die hohe Anzahl solcher lokaler Brauereien oft den Rückschluss zulässt, dass die eigentliche Marke im Ort nicht so beliebt ist. Eigentlich sollte ja nix drin sein im Bier, ausser Hopfen, Malz und Wasser, gemäss dem Reinheitsgebot:

    Das bayerische Reinheitsgebot wurde am 23. April 1516 von dem bayerischen Herzog Wilhelm IV. (Bayern) in Ingolstadt erlassen. Dieser Erlass regulierte einerseits die Preise, andererseits die Inhaltsstoffe des Bieres. Es galt bis 1998 als das älteste Lebensmittelgesetz.
    (…)
    Das bayerische Reinheitsgebot war nicht das erste Gesetz seiner Art: Von folgenden Städten ist ein Erlass überliefert, der die Qualität des Bieres betraf: Augsburg (1156), Nürnberg (1293), Erfurt (1351), München (1363), Landshut (1409), Weißensee in Thüringen (1434), Regensburg (1447), Eichstätt (1507). Einige dieser Verordnungen wurden erst in den letzten Jahrzehnten wieder entdeckt. Es ist wahrscheinlich, dass in vielen Fällen keine Zeugnisse mehr erhalten sind und diese Liste deshalb nur exemplarischen Charakter hat.
    (Quelle: Wiki)

    Dennoch gab es in den letzten 500 Jahren auch beim Bier den ein oder anderen Skandal wegen unerlaubter Zusatzstoffe im Gerstensaft, was aber die Freude der Deutschen an diesem Getränk nicht wesentlich trüben konnte. Bekanntlich trinken die Deutschen ihre Bier nicht stangenweise, wie die Schweizer, sondern lieber in Massen, aus einer „Mass“ genauer gesagt.
    Eine Maß mit Scharfem-ß

    Ach, jetzt vermissen wir plötzlich das Deutsche Scharf-ß, denn ohne dies sieht es ja so aus, als ob die Deutschen nur in grossen Menschenmassen Bier trinken würden! Solches passiert vorwiegend in München, auf dem Oktoberfest. Aber das ist ja definitiv nicht in Deutschland, sondern im „Freistaat Bayern„.
    Bayern ist übrigens ein dreisprachiges Land:

    Gesprochen werden mehrere Dialekte aus drei großen Dialektfamilien:
    Bairisch im Großteil des Landes (Nord- und Mittelbairisch, am Rand zu Tirol auch Südbairisch)
    Fränkisch von etwa 3 Millionen im nördlichen und westlichen Landesteil
    Alemannisch von 2 Millionen Schwaben im Westen
    (Quelle Wiki)

    Aber jetzt kommen wir wirklich zu weit vom Thema ab, Bayern ist nicht unser Bier. Und ein solches werden wir jetzt trinken. Prost!

    Geiz ist nicht geil — Sind Deutsche geizig?

    April 6th, 2006
  • Geiz ist geil
  • Die „Geiz ist geil“ Werbung des Saturn-Markts in Deutschland drückt für viel Schweizer genau das aus, was sie schon immer über die Deutschen dachten: Deutsche sind geizig und kleinlich beim Geldausgeben. Was stimmt an dieser Behauptung und was nicht?

  • Sehen sich die Deutschen selbst als geizig?
  • Interessant ist vielleicht zunächst mal die Selbstwahrnehmung der Deutschen. Sie sprechen zwar von „geizigen Schotten“, oder von „sparsamen Schwaben“, aber sich selbst mit dem Wörtchen „Geiz“ in Verbindung bringen, auf diese Idee würde sicherlich kein Deutscher kommen. Das Phänomen der sparsamen Schwaben, die den privaten „Häuslesbau“ anstreben, ist ein Faktum, das man nicht nur im Musterländle Baden-Württemberg beobachten kann. Auch die Friesen in der Norddeutschen Tiefebene bauen an ihrem Eigenheim, sofern es finanziell irgendwie machbar ist.

    Arm sind die Deutschen schon, im Vergleich zu den Schweizern. Denn es herrscht eine wesentlich höhere Arbeitslosigkeit, dementsprechend natürlich auch Unsicherheit und Zukunftsangst. Vielleicht ist darum eine Werbung wie „Geiz ist geil“ so erfolgreich. Denn nun kann man seine persönlichen Finanzprobleme damit kaschieren, dass man sich offiziell als „geizig“ bezeichnet und damit erst auch noch ein positives Image gewinnt.

  • Schnäppchenjäger beidseits des Rheins
  • Die Jagd nach Billigangeboten bei Aldi, Plus und Edeka ist eine Beschäftigung, die nicht nur die Deutschen lieben. Auch in der Schweiz ist es grosse Mode, nur „Aktion“ oder „Budget“ bei Migros zu kaufen. Was wir jedoch als Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz beobachtet haben, ist die Höhe der Lock-Rabatte: In der Schweiz sind 5% – 10% Rabatt schon ein Argument, einen weiten Weg in Kauf zu nehmen, in Deutschland müssen es schon 20% – 50% sein, die einen Käufer locken. Konkretes Beispiel dazu: Unser altes Fitnesscenter in Süddeutschland verlangte für den Ehepartner nur noch 50% der Jahrsbeitrags, in Zürich waren maximal 10% Ermässigung denkbar.

  • Beim Essengehen für alle bezahlen
  • Etwas, das die Deutschen nicht kennen, was wir aber in Frankreich kennengelernt haben, ist die Gewohntheit, beim Essen nicht „getrennte Kasse“ zu machen, sondern einen für alle zahlen zu lassen. Mit der Gewissheit, dass es beim nächsten Mal andersherum sein wird.

    Nun, vielleicht gehen Deutsche nicht so oft essen, und wenn, dann mit der Familie und nicht mit Freunden, wo sie in diese Situation kommen könnten. Das „Essengehen“ ist in Deutschland etwas für den Sonntag, wenn man Familienbesuch hat, oder sich die Küchenarbeit sparen möchte. Ein Ding der Unmöglichkeit in der Zürcher Agglomeration, denn Sonntags haben fast alle Restaurants geschlossen.

    Darum beobachten wir in der Schweiz das grosse Staunen, wenn plötzlich Freunde aus Deutschland jeder für sich im Restaurant zu zahlen beginnen. Es fehlt die Gewohnheit, es fehlt die Erfahrung: Beim nächsten Mal werde ich dann eingeladen. Deutschschweizer haben unserer Beobachtung nach diese Angewohnheit von den Romands und damit den Franzosen übernommen. Geht es aber um das gemeinsame Mittagessen unter Kollegen im Stammrestaurant um die Ecke, dann ist es völlig normal, dass jeder selbst für sich zahlt: „Sali-z’amme“ für „Das zahl ich jetzt alles zusammen“ hatten wir schon erläutert (vgl. Blogwiese)

  • Das geht auf meinen Deckel
  • In Deutschen Kneipen gibt es für so was einen Bierdeckel, auf dem die getrunkenen Biere per Strich notiert werden, und wenn jemand eine Runde ausgeben möchte, sagt er einfach „das geht auf meinen Deckel“. Ist ein Deutscher knapp bei Kasse, bekommt der Deckel seinen Namen und wird vom Kneipenwirt verwahrt bis zum nächsten Besuch. Das klappt aber nur, wenn man sehr guter Stammkunde ist.
    Die Engländer pflegen ihre Biere direkt an der Theke mit Bargeld zu kaufen. So ist jeder mal dran, eine Runde für alle zu besorgen und keiner bezahlt nur sein eigenes Bier.

  • Die Schweizer mögen keine Preisvergleiche
  • Es nervt die Schweizer an den Deutschen das ständige Gerede über Preise, Preisvergleiche und ihr Entsetzen, wie teuer alles in der Schweiz ist. Die Schweizer stören die Nachteile der „Hochpreisinsel“ Schweiz aber auch selbst, weil hier durch künstliche Importzölle und einem ausgeklügelten Reglement bei der Einfuhr von Waren der Binnenmarkt geschützt werden soll. Nimmt man alle Einkäufe, die Schweizer in grenznahen Supermärkten durchführen, zusammen als eine fiktive Handelskette, dann ist diese heute bereits mit ihrem Umsatzvolumen an dritter Stelle nach Migros und Coop, zu finden, gefolgt vom Denner. Vor ein paar Jahren war Denner noch auf Platz Drei.

  • Dann bin ich halt blöd und kaufe bei Volg
  • Auffallend ist die Anti-Media-Markt Werbung von der Handelskette Volg: „Dann bin ich halt blöd„, mit der für den Einkauf im vergleichsweise teuren aber nahen Schweizer Einzelhandel geworben wird. Sie spielt damit direkt an auf den Media-Markt-Slogan „Ich bin doch nicht blöd“. Die Aussage „dann bin ich halt blöd“ auf den Werbeplakaten für den Einkauf bei Volg ist übrigens ironisch gemeint, nur falls das hier ein Leser aus Deutschland nicht mitbekommen haben sollte. In Wirklichkeit ist der Einkauf bei Volg nämlich für einen Schweizer eine extrem clevere Angelegenheit: Kurze Weg (es gibt fast überall in der Deutschschweiz einen Volg) und gute Preise, die das Bruttosozialprodukt steigern helfen. Blöd ist das bestimmt nicht.

    „Volg“ ist übrigens kein falsch geschriebenes „Volk“, sondern steht urprünglich für „Verein Ostschweizerischer Landwirtschaftlicher Genossenschaften“.

  • In Zürich fährt man schwarze und dunkle Autos
  • Wir glauben, dass die Ausgabefreudigkeit oder der Geiz von Deutschen und Schweizern gleichermassen direkt mit der persönlichen finanziellen Situation gekoppelt ist. Beide geben zum Beispiel gern ordentlich Geld für ein attraktives Auto aus, ob sie es sich nun leisten können oder nicht, um an Selbstwertgefühl und Prestige bei den Kollegen und Nachbarn zu gewinnen. Spötter meinen, im Raum Zürich müssen solche Autos grundsätzlich Schwarz oder Dunkelblau sein, um etwas zu gelten. Wir können das nicht beweisen, fanden aber in zahlreichen Firmengaragen überwiegend diese Farben.

  • Nur die Schwaben sind wirklich sparsam
  • Dort im Schwabenland lernten wir die „Schwäbische Einladung“ kennen:

    „Kommen Sie doch einfach nach dem Kaffee zu uns, damit Sie zum Nachtessen wieder daheim sind!“

    Und wussten Sie auch schon, was die Schwaben mit dem Opa machen, wenn er verstorben ist? Na ganz einfach: Der wird eingeäschert und kommt in eine Sanduhr, damit er noch „ebbes schafft“.

    Nicht die Hessen, sondern die „Hässigen“ kommen

    April 4th, 2006
  • Vorsicht, die Hessen kommen
  • In Deutschland pflegt man scherzhaft zu sagen: „Vorsicht, die Hessen kommen“ wenn Besuch aus Kassel oder Frankfurt naht. Die Hessen trinken „Äppelwoi“, also Apfelwein, aus Behältern, die sie „Bembel“ nennen, waren früher bekannt durch die Sendung „Zum Blauen Bock“ und heute durch den Schillerstrassen-Stammgast „Maddin“ Martin Schneider. Google-Deutschland verzeichnet 916 Belege für den Satz „Die Hessen kommen„, es scheint also häufiger in Deutschland zu geschehen, dass die Hessen kommen.

  • Was haben die Hessen mit Chaträumen zu tun?
  • Die Hessen siedelten rund um Kassel, legten sich schon früh mit den Römern an, und haben schon lange vor der Internetzeit einen interessanten Namen gehabt, sie hiessen nämlich die „Chatten“:

    Die Chatten [ˈxatən] (lat. Chatti) (auch Katten geschrieben) waren ein germanischer Volksstamm, der im Bereich des Oberlaufes der Lahn und den Tälern von Eder, Fulda und Werra ansässig war, was zu großen Teilen dem heutigen Niederhessen und Oberhessen, bzw. Nordhessen und z.T. Mittelhessen entspricht. Hessen ist eine spätere Abwandlung des Stammesnamens der Chatten, und die Chatten sind damit die Namensgeber des modernen Hessen.
    (Quelle: Wiki)

    Doch zurück zu den „Hässen“ mit „ä“, den Hässigen. Wir lasen im Tages-Anzeiger vom 24.03.06 auf Seite 57:

    „Die Rückkehr der Hässigen im Sportwagen“

    die Hässigen

    Erst beim zweiten Lesen fiel uns auf, dass hier in der Überschrift die Vorsilbe „ge“ verloren gegangen sein muss. Heisst es nicht „gehässig“ sein auf Hochdeutsch?

    „Hässig“ kann ziemlich viel sein in der Schweiz, so zum Beispiel der Ton:

    Die Beiständin der Kinder verweigerte ihm in einem hässigen Ton die zusätzlichen 2 Stunden
    (Quelle: vev.ch)

    Oder ein Anführer:

    Das Drama wird zum eigentlichen, zum Konflikt zwischen dem kraftvoll hässigen Anführer,
    (Quelle: ifi.unizh.ch)

    Auch Worte können hässig sein:

    Nun ja, es gab da so ein Aufseher eines supermercatos, der nach zwei, drei hässigen italienischen Worten (…)
    (Quelle: twikeklub.ch)

    Sucht man hingegen das Wort „hässigen“ bei Google-Deutschland, landet man prompt bei den Gebrüder Grimm oder in einem Text von Thomas Müntzer, Theologe und Revolutionär in der Zeit des Bauernkrieges.

    Und richtig, unser Duden bestätigt den Verdacht, hier eine typische alte schweizerische Kurzform gefunden zu haben:

    häs|sig [mhd. haec = voll Haß] (schweiz. mundartl.): mürrisch, verdrießlich: -e Verkäuferinnen.

    Und Grimms Wörterbuch erklärt uns:

    HÄSSIG, adj. und adv.
    wie mhd. haჳჳec, heჳჳec hasz habend, voll hasz und feindseligkeit: invidus heszig, nd. hatich DIEF. ; hassig A. V. EYBE, s. die stelle unten; hassig odiosus, exosus voc. inc. theut. i ; hessig, infensus DASYP.; hässig, der hasset, oder ein hasz tregt, exosus (…) LUTHER 1, 150b; das wir unser antwort nicht thun aus hessigem gemüthe.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch online)

    Darin steckt also kein „chatti“ aus dem Hessenland, sondern der „haec“ oder Haß.

  • Wie schreibe ich Scharf-ß auf der Schweizer Tastatur?
  • Falls Sie auch so ein schönes „Scharf-ß“ mit Bauch und langem Fuss schreiben wollen, auf ihrer Schweizer Tastatur, die dieses Zeichen nicht kennt, dann versuchen Sie doch mal Alt-225, wobei es notwendig ist, die Zahl auf der numerischen Tastatur rechts zu schreiben, welche dazu angeschaltet sein muss per NumLock Taste. Um das hier jetzt einmal für alle Zeiten klarzustellen: Von nichts nahmen wir leichter Abschied beim Umzug in die Schweiz, als von diesem merkwürdigen Buchstaben, den es nur in kleiner Ausgabe gibt. Liebe Leser aus Deutschland: Ja, es ist wahr, die Schweizer haben überhaupt kein Scharf-ß auf ihren Tastaturen, dieser Laut war schon immer abgeschafft. Man wollte es wahrscheinlich den Ticinos und Romands nicht zumuten, neben ihren vielen Akzenten und den Umlauten auch noch dieses Sonderzeichen auf der Tastatur führen zu müssen.

  • Nicht hässig, aber Hässler
  • Auch der häufige Name „Hasler, Häsler, Hässler“ etc. hat nichts mit Hass oder hässig zu tun, sondern leitet sich vom Hasel ab:
    Hassler, Hässler, Hasler:

    Herkunftsname zu den Ortsnamen Hasel (Baden), Haselau (Schleswig-Holstein, Ostpreußen), Haslau (Niedersachsen, Bayern, Österreich), Hasla (Thüringen), Hasle (Schweiz, Österreich) u.a.
    Wohnstättenname für jemanden, der an einer Stelle mit Haselnusssträuchern siedelte.
    (Quelle: duden.de)

  • Gehässig oder hässig
  • Ob wir in Zukunft auch eher „gehässig“ sind oder einfach „hässig“? Nun, von Hass wollen wir uns auf keinen Fall leiten lassen. Haben wir doch schon genug mit dem Vorurteil der Arroganz zu kämpfen. Für „der arrogante Deutsche“ finden sich bei Google prompt 86 Belege, für „arroganter Schweizer“ kein einziger. Nach „herziger Schweizer“ haben wir lieber nicht gegoogelt.

    Wer immer nur 120 km/h fahren darf wird aggressiv? — Autofahren in Deutschland und in der Schweiz

    März 27th, 2006
  • Stressfrei Autofahren in der Schweiz
  • Eine der angenehmsten Errungenschaften der Schweizer ist die Höchstgeschwindigkeit 120 km/h auf der Autobahn. Wir berichteten bereits darüber, dass diese Festlegung das Ergebnis eines Kompromisses war. Gefordert wurde damals Tempo 100 (siehe Blogwiese), realisiert wurde schliesslich Tempo 120.

    Die Schweiz ist von Nord nach Süd in 2 Stunden und 50 Minuten durchquert, so lange dauert es laut Routenplaner bei Tempo 120, die 286 Km von Basel nach Chiasso zurückzulegen. Auch mit Tempo 130 oder 150 würde sich diese Zeit nicht wesentlich verkürzen, aber sicher stressiger werden. Fragen wir uns also, ob dieses ewige „gedrosselte Fahren“ die Schweizer irgendwann aggressiv werden lässt. Wir glauben eher nein. Sie fügen sich in ihr Schicksal und empfinden es als angenehm, keine „Catch me if you can“ Rennen mit 180 km/h durchführen zu müssen, wie wir sie in Deutschland oft erlebt haben.

  • Überlebenskampf auf der Autobahn in Deutschland
  • Wir erleben auf Deutschen Autobahnen wesentlich stressigere Situationen. Dort gibt es zwar auch vielerorts Geschwindigkeitsbegrenzungen, aber sobald man zwischen Freiburg im Breisgau und Basel am Autobahndreieck Mulhouse vorbei ist, wird die letzte Begrenzung aufgehoben und alle beginnen, bis zur Grenze noch mal tüchtig auf die Tube zu drücken und das Letzte an Pferdestärken aus ihren Boliden herauszuholen. Dabei ist die Autobahn von Basel nach Karlsruhe lange Jahre nach der Wiedervereinigung in einem bemerkenswert schlechten Zustand geblieben:

    Betonplatten, die ständig unter der Last des Schwerverkehrs (als er noch ohne Maut kostenlos möglich war) zerbrachen und provisorisch geflickt werden mussten, erlaubten es nicht, dass schneller als 120 km/h gefahren werden konnte. Warum? Weil sonst viele Fahrzeuge durch die starken Erschütterungen ihre Ladung zu verlieren drohten, und sei es nur den Auspuff, was auf einer Autobahn schnell zu gefährlichen Situationen und Unfällen führt. Einmal verlor sogar ein Sattelschlepper seinen Hänger, nur wegen der Löcher in der Fahrbahn. Das Geld für den Ausbau wanderte in den „Aufbau Ost“, denn dort sah es noch schlimmer aus. Heute sind die Autobahnen nach Berlin perfekt und so nach und nach konnte auch im Südwesten Deutschland etwas getan werden.

  • Freie Fahrt für freie Bürger
  • „Freie Fahrt für freie Bürger“ nennt man dieses Prinzip in Deutschland, nichts ist so mächtig wie die Autolobby, allen voran der mitgliederstarke Allgemeine Deutsche Automobil-Club ADAC. Man muss sich das mal klarmachen: Dieser Verein hat über 15 Millionen Mitglieder, also doppelt so viel wie die Schweiz Einwohner! Der Spruch „Freie Fahrt für freie Bürger“ wurde übrigens vom ADAC am 28.02.74 als Autoaufkleberaktion ins Leben gerufen:

    Diese Aktion zog eine Protestwelle und viele Austritte nach sich, da sich viele Mitglieder mit der aggressiven Pro-Autopolitik des Vereins nicht einverstanden erklärten. Dabei ist aber zu bedenken, dass der ADAC keineswegs nur die Interessen der in ihm organisierten Autofahrer vertritt, sondern auch die Interessen ihm nahe stehender Organisationen und Unternehmen wie der Automobilindustrie, Sachverständigen und Fahrschulen.
    (Quelle: Wiki)

    Der Erfolg des ADACs in Deutschland liegt zum grossen Teil darin begründet, das viele Menschen glauben: Nur wenn ich dort Mitglied bin, bekomme ich Pannenhilfe. Das ist natürlich Quatsch, und jede Versicherung bietet heute einen wesentlich billigeren Pannenschutz an, als ihn der ADAC zusätzlich zur Mitgliedsgebühr in Rechnung stellt.

  • Deutschland, die kostenlose Teststrecke für die Welt
  • Jede Nacht tummeln sich auf den schnurgeraden Autobahnstrecken rund um Frankfurt, die zum Teil vierspurig ausgebaut wurden, Testfahrzeuge von Herstellern aus der ganzen Welt, die hier ganz legal und kostenlos ihre Fahrzeuge mit 250 Km/h ausfahren können, ohne dafür ein Testgelände unterhalten zu müssen.

  • Sind Deutsche die schlechteren Autofahrer?
  • Der Blogwiese-Leser Chrugail schrieb als Kommentar zu der Frage: „Warum die Schweizer die Deutschen nicht mögen?“:

    Aus Erfahrung…
    – wenn dich Jemand bei 140 auf der Autobahn anschiebt, ist es ein Deutscher (…)

    Wir nehmen an, dass ihm das „angeschoben werden“ in Deutschland widerfahren ist. Wir haben sowas in der Schweiz nicht erlebt, stellen aber generell fest, dass Mindestabstände in der Schweiz genauso wenig wie in Deutschland eingehalten werden. Leider reichen bei 120 km/h keine 15 Meter für eine Bremsung, sollte der Vordermann plötzlich einen geplatzten Reifen haben oder aus einem anderen nichtverschuldeten Grund die Kontrolle über sein Fahrzeug verlieren.

    Nochmals Chrugail:

    Die grössten Unterschiede fallen mir beim Autofahren auf – wenn Ich in Deutschland in einer 70 km/h-Zone(ausserorts) mit 82 km/h unterwegs bin, werde ich dauernd überholt – in der Schweiz bin ich einer der schnellsten. Und in Deutschland entspricht ein Stopp-Schild offenbar einem schweizerischen “Kein Vortritt”-Schild. Und für einem Deutschen zu, der in der Schweiz geblitzt wurde –
    wie letzthin mein Schwager … 😉

    Ich halte das für persönliche Wahrnehmungen, die sich genauso auch in der Schweiz machen lassen. Auf der neuen Autobahn von Bern nach Lausanne fährt niemand 120 km/h, denn dort lässt sich weit voraus jede Radarfalle leicht erkennen. Und zwischen Lausanne und Genf empfinden wir den Berufsverkehr als besonders dicht, stressig und schneller als 120, auch wenn nicht unbedingt mehr Deutsche dort unterwegs sind, sondern eher viele Franzosen und Romands.

    Und was das Überholen in einer 70 km/h Zone angeht: Das passiert mir jeden Morgen in einer Industriezone bei Zürich, in dem Tempo 60 vorgeschrieben ist und alle mit 80 an mir vorbeirauschen, nur weil die Strecke kurz zweispurig ist.

    Die Beobachtung mit dem Stopp-Schild können wir ebenfalls nicht teilen, denn das kriegt man in einer Fahrschule in Deutschland besonders eingetrichtert:
    Rote Ampel, Zebrastreifen und Stoppschild, wer da nicht hält kassiert viele Punkte in Flensburg und ist rasch seinen Lappen los. (vgl. Blogwiese) und dann ist es vorbei mit „Freie Fahrt für freie Bürger“.

    Wenn ein Schweizer in Berlin immer so „herzig“ ist — Beat Marti bei Aeschbacher

    März 26th, 2006
  • Drei Schweizer in einer Deutschen Serie
  • Der Schweizer Schauspieler Beat Marti spielt in der erfolgreichen Telenovela „Tessa – Ein Leben für die Liebe“ eine Nebenhauptrolle. Mit ihm sind es bereits drei Schauspieler aus der Schweiz, die in dieser Serie mitspielen. Am 23.03.06 war er zu Gast bei Aeschbacher im Schweizer Fernsehen. Das Interview wurde von Aeschbacher natürlich auf Schweizerdeutsch geführt, ich habe mir erlaubt, einen Teil daraus hier auf Schriftdeutsch wiederzugeben.

  • Exotenbonus als Schweizer in Deutschland?
  • Aeschbacher: Hat man als Schweizer den Exotenbonus in Deutschland als Schauspieler?

    Marti: Ja, es ist mühsam, man ist immer so herzig, ja wir sind Schweizer und so, sie schaffen immer mit den Klischees, vom langsam sein, ich kann es manchmal nicht mehr hören, unterdessen bin ich soweit, dass ich zum Schweizersein steh, dann sage ich halt einmal „Ich geb Dir ein Telefon“. Dort lachen sie eben, weil in Deutschland „macht man einen Anruf“, oder so, aber man gibt nicht das Telefon, die denken immer, du würdest mir das Telefon geben,

    Aeschbacher „Danke fürs Geschenk“

    Marti: Also so ja, es ist mühsam manchmal, ich find’s auch so.

    Aeschbacher: Hat man denn manchmal das Gefühl, man hat Nachteile in der Besetzung, weil man sagt, man tut die Sprache so „hudeln“?

    Marti: Nein, das nicht, es gibt einen Nachteil dort, wenn ein Kinofilm gemacht wird, wo richtig Berliner „berlinern“, dann haben sie natürlich vom Produzenten das Risiko, dass sie sagen „Sollen wir jetzt einmal einem Schweizer die Möglichkeit geben?“, aber nachdem der Bruno Ganz den Hitler gespielt hat, glaube ich das so.

  • Lieber herzig als arrogant
  • Nun stellt sich uns die Frage, was angenehmer ist: Immer als „herzig“ beurteilt zu werden, oder mit dem Vorurteil „arroganter Grosskotz“ leben zu müssen. Den „Jööö-Faktor“ in Berlin richtig auszuspielen, dass ist die Kunst um die Gunst der Stunde als Schweizer in der Bundeshauptstadt zu nutzen.

  • „Ein Telefon geben“ ist cool
  • Wir finden diese Formulierung sehr elegant und werden Werbung machen, dass sie auch im Standarddeutschen populär wird. Mit ein bisschen Sprachgefühl und Spitzfindigkeit liesse sich auch die hochdeutsche Formulierung „Einen Anruf machen“ falsch verstehen als Götzenanbetung oder „Anrufen der Götter“. Was uns mehr irritiert, ist die Formulierung „Mach mir doch s’Telefon„, denn das klingt schon sehr nach „Mach mir doch den Hengst“ (vlg. Blogwiese)

  • Nur mit Hochdeutsch in Berlin?
  • Als guter Schauspieler muss man in Berlin also auch „Berlinern“ können, um eine Chance zu haben. Ob es dazu bald an der Volkshochschule Kurse gibt für Schweizer Zugezogene? So wie die Migros-Clubschule in Zürich, die „Schwiizerdütsch für Ausländer“ anbietet, wie wir es in der Sendung QUER sehen konnten?
    Wer „Berlinerisch“ lernen will, muss vor allem Vokabeln lernen, denn die Berliner haben für fast alles hübsche Spitznamen erfunden. Hier eine kleine Auswahl.

    * Eierwärmer – Das Reichstagsgebäude mit der neuen Glaskuppel.

    * Erichs Lampenladen – Spottname für den Palast der Republik bis zur Wende.

    * Hohler Zahn – Spitzname der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

    * Horch und Guck – Flüsterbezeichnung für die Stasi im allgemeinen und für das Gebäude des MfS in der Normannenstraße.

    * Langer Lulatsch – Spitzname des Berliner Funkturms am Messegelände, der an einen langen schlaksigen Kerl erinnert.

    * Sing-Sing – scherzhafte Bezeichnung für den Neubau der Deutschen Oper in der Bismarckstraße, doppeldeutig für „singen“ (in der Oper), und da die fensterlose Fassade angeblich an das New Yorker Staatsgefängnis „Sing-Sing“ bei Ossining erinnerte.

    * Schwangere Auster – Spitzname der Kongreßhalle/Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten.

    * Tränenpalast – das Abfertigungsgebäude des ehemaligen Grenzübergangs Friedrichstraße
    (Quelle und weitere Beispiele)

    Das sind wir ja froh, dass wir in Zürich leben und wissen, dass man hier „das Tram“ sagt und niemals der „Züricher See„. Wir vermuten mal, dass das „Hallenstadion“ auch nur ein Spitzname ist, weil es da drin so furchtbar hallt, wenn ein Rockkonzert stattfindet. Oder nicht?