Gibt es zuviele Deutsche in der Schweiz?
Zu einem älteren Posting auf der Blogwiese wurde ein frischer Kommentar eingestellt von einem Leser, der sich „Liebe die Schweiz“ nennt:
Zuviele Deutsche? Inzwischen bekomme ich Panik, wenn ich nur noch auf deutsche Autonummern treffe – wenn mir im Spital nur noch auf Hochdeutsch geantwortet wird, wenn mir Versicherungen von einer Deutschen angedreht werden sollen etc. etc. –
(Quelle für dieses und alle folgenden Zitate: Kommentar auf der Blogwiese)
Das müssen Besucher sein, denn die meisten mir bekannten Deutschen haben recht bald Schweizerkennzeichen, allein schon um nicht zufällig Opfer eines (zum Glück immer seltener werdenden) Pneustechers zu werden, der was gegen Deutsche hat.
aus den Kommentaren der Deutschen lese ich in Blogs viel Mieses über uns – warum kommen sie und warum bleiben sie – wer Zweifel und Aengste hat wird verspottet, als Hinterwälder oder Höhlenbewohner verlacht – dies auch von “weltoffenen Schweizer”
Wer spricht hier von „Höhlenbewohnern“?
Schade dass der Schreiber dieser Zeilen nicht genauer angibt, wo denn dieses „Miese“ geschrieben steht auf der Blogwiese. Die meisten Deutschen sind gern und freiwillig in dieses Land gekommen, weil sie die Arbeitsbedingungen schätzen, die Natur lieben und unvoreingenommene Sympathie gegenüber den Schweizern empfanden. Den Begriff „Hinterwälder“ oder „Höhlenbewohner“ lese ich zum ersten Mal. Manchmal ist vom „kauzigen Bergvolk“ die Rede, aber auch dieses Klischee verliert sich rasch, wenn man eine Weile im flachen Limmattal, im Zürcher Unterland oder sonst einer Agglomeration unter Schweizer Stadtbewohner lebte. Was für schreckliche Dinge muss „Liebe die Schweiz“ erlebt haben. Vielleicht war dieser Schreiber ja noch nie in Deutschland. Na ja, die Schweiz und ihre Bewohner sind „weltoffen„, dafür ist dieser Kommentar ein hübscher Beleg.
die Deutschen-Schwemme ist nicht zu vergleichen mit den Italienern in den 70 er. Dies waren Saisonniers – die gingen wieder nach Hause, die Deutschen bleiben, sitzen aus … und verspotten uns – übernehmen Manager-Posten, Spitäler, Universitäten – sie werden die Elite der Schweiz – die Herrenmenschen der Nazis werden gewinnen –
Doppelt so viel Italiener im Land als Deutsche
Der Schreiber übersieht, dass die Italiener sehr wohl geblieben sind und vielerorts nach wie vor die grösste Gruppe der Ausländer stellen. Eine Zahl von 2000 gibt 527.817 an. In Zürich wurde die Anzahl der Italiener erst im letzten Jahr von den Deutschen eingeholt. Schweizweit sind immer noch mehr als doppelt so viel Italiener als Deutsche im Land. Auch aus Deutschland kommen massig Grenzgänger und Saisonniers, aber die Wirtschaft ist mehr an festen Kräften interessiert, die nahe am Arbeitsplatz wohnen und ganzjährig verfügbar sind. Und was das „Übernehmen“ der Manager-Posten angeht: Diese Leute werden angeworben in Deutschland, werden von Schweizer Personalvermittlern und Headhuntern ins Land geholt, weil es keine eine genügend grosse Zahl von qualifizierten Schweizer Bewerbern einfach nicht gibt auf dem Arbeitsmarkt, und weil der dringende Bedarf der Wirtschaft und Spitäler sonst nicht anders gedeckt werden könnte. „Blick am Abend“ vom 07.07.08 berichtete über die Stellenanzeigen in der Deutschen Wochenzeitung „Die ZEIT“, mit welcher händeringend Hochschulprofessoren für die ETH in Zürich gesucht werden.
Keine lustige Zeit als Italiener in der Schweiz vor 30 Jahren
Ein alter Italiener, der vor 30 Jahren nach Bülach kam, erzählte mir neulich eindrücklich, was für eine schreckliche Zeit es am Anfang für ihn hier war. Wie oft er verspottet wurde, wie man ihm immer nur Nudeln vorsetzte, ohne alles, weil man glaubte, dass sei seine Leibspeise. Wie er unter Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit als „Tschingg“ litt. Auch die Schwarzenbach-Initiative von 1970 war vor allen gegen die Italiener in der Schweiz gerichtet. Scheint heute alles vergessen zu sein.
Die Zweite und bekannteste „Überfremdungsinitiative“ ist, die nach ihrem Urheber benannte Schwarzenbach-Initiative. Am 20. Mai werden der Bundeskanzlei 70.292 gültige Stimmen für eine Volksabstimmung gegen die Überfremdung vorgelegt. Ziel der Initiative ist eine Beschränkung der Ausländer auf maximal 10% pro Kanton (mit Ausnahme Genf mit 25%).Der Abbau hat innerhalb von vier Jahren zu erfolgen.
1970
Am 7. Juni entscheiden sich, bei einer ausserordentlich hohen Stimmbeteiligung von 74,1%, 654.588 Schweizer gegen und 557.714 für die Initiative. Eine dritte, durch die „Nationale Aktion“ lancierte Initiative wird 1974 mit grosser Mehrheit verworfen. Im April des gleichen Jahres wird in Luzern das Comitato Nazianale d’lntesa – CNI gegründet. Ziel dieses Komitees ist es, auf Probleme, die die Italiener in der Schweiz betrifft, zu reagieren.
(Quelle: Migrationsgeschichte der Italiener in der Schweiz)
Rete Uno hören macht Spass
Das scheint unser Leser „Liebe die Schweiz“ etwas verdrängt zu haben.
und ich höre Rete uno – und ich spreche italienisch – ist viel schöner als Deutsch – die Italiener gefallen mir besser – sie sind willkommen – die Uebernahme der Elite nicht.
(Quelle: Kommentar auf der Blogwiese)
Auch ich höre sehr gern RETE UNO, siehe hier, und zweifelsohne ist Italienisch eine wunderschöne Sprache. Warum gibt es sonst so viele Opern in dieser Sprache? Aber warum die Italiener erst heute so willkommen sind, das soll uns mal jemand erklären.
Die Herrenmenschen der Nazis
Auch der Spruch von den „Herrenmenschen der Nazis“, die gewinnen werden wirft weitere Fragen auf. Diese Herrenmenschen waren eng verbunden mit den Herrenmenschen Mussolinis, als die sogenannten „Achsenmächte“. Das Italienische „Herrenmenschen-Verhalten“ wurde z. B. in Äthiopien ausgelebt, dem damaligen Abessinien.
1935 kam es zu einem weiteren italienischen Angriff unter Mussolini (Italienisch-Äthiopischer Krieg bis 1936). Nur mit massivem Einsatz von Giftgas auch gegen die Zivilbevölkerung, gegen Krankenhäuser usw. gelang es den Italienern, bis zur Hauptstadt Addis Abeba vorzustoßen.
(Quelle: Wikipedia)
Natürlich sind die von den Nazis verübten Greueltaten in Europa um ein vielfaches grösser, aber dennoch merkwürdig, wie die Erinnerung an die italienischen „Herrenmenschen“ aus der Erinnerung an die Faschisten in Europa verdrängt wurde. Später wollten die Achsenmächte zusammen mit den „Herrenmenschen“ Asiens, den Japanern, die Welt unter sich aufteilen.
Faschismus kommt von fascismo
Dass der Begriff „Faschismus“ auf italienisch „fascismo“ zurückgeht, wohl auch:
Faschismus (italienisch fascismo) bezeichnete zuerst die von Benito Mussolini 1922 zur Macht geführte politische Bewegung in Italien. Von dort aus wurde der Begriff für ähnliche politische Strömungen und Systeme anderer Staaten, besonders in den Jahren 1920 bis 1945, verwendet.
(Quelle: Wikipedia)
Doch wir wollen nicht stänkern. Vielleicht müssen die Deutschen einfach noch 30 Jahre warten, um auch so geliebt zu werden vom Kommentator „Liebe die Schweiz“ wie heute die Italiener.