Wie sagen Sie diesem Gegenstand? — Neues aus der Schweizer Germanistik

Juli 10th, 2008
  • Wie sagen Sie den allfällige Veränderungen?
  • Am „Deutschen Seminar“ der Universität Zürich wird der Wortschatz des Schweizerdeutschen erforscht. Um möglichst gute Daten zu bekommen, wurde hierzu ein Fragebogen ins Internet gestellt. In der Einleitung heisst es:

    Der Wortschatz des Schweizerdeutschen wurde Mitte des 20. Jahrhunderts im Rahmen des Projekts ‚Sprachatlas der Deutschen Schweiz (SDS)‘ erfasst. Die Ergebnisse sind in einem mehrbändigen Werk mit demselben Titel veröffentlicht. Seither haben sich die schweizerdeutschen Dialekte weiterentwickelt, besonders der Wortschatz hat sich dabei vermutlich stark verändert. Mit der folgenden Umfrage wollen wir anhand einer begrenzten Zahl von Begriffen allfällige Veränderungen gegenüber dem SDS erfassen und dokumentieren.
    (Quelle: ds.uzh.ch)

    Viele der im Fragebogen behandelten Schweizerdeutschen Varianten hatten wir schon auf der Blogwiese besprochen (z. B. hier den Brotanschnitt). Dennoch sind wir fasziniert, auf wieviele Varianten es die abgefragten Begriffe bringen.

  • Bätzi, Buschgi oder Bixi?
  • Hier die Frage nach der „Apfelkitsche“ (Nordwestdeutsch für den Rest eines gegessenen Apfels)

    Bätzi, Buschgi oder Bixi?
    (Quelle Foto: ds.uzh.ch)

    Mehr noch als die Varianten fasziniert uns allerdings die Frage: Wie sagt man diesem Gegenstand an Ihrem Ort?
    Man sagt „diesem Gegenstand“ gar nicht, sondern man sagt entweder „zu“ diesem Gegenstand etwas, oder überhaupt nicht, jedenfalls im Standarddeutschen. Die Schweizer Germanistik pflegt aber auch hier auf wunderbarer Weise ihren helvetischen Variantenreichtum in der Grammatik.

  • Rettet dem Dativ
  • Aber wir wollten ja schon längst dem Verein „rettet dem Dativ“ betreten, also warum nicht gleich diese Frage als Mitbringsel schön einpacken und „ihm“ mitbringen. Wenn die mir dann anrufen, dann sag ich auf Verlangen diesem Gegenstand alles was die hören wollen. Sind damit alle „allfälligen“ Fragen beantwortet? Schön, sind Sie dabei gewesen, wir danken ihnen, wenn sie erst noch den Fragebogen ausgefüllt haben. Für einmal war das wunderbar. Für die Uni-Zürch war das der Jens-Rainer Wiese.

    Was ist ein Schnügel? — Neue Schweizer Kosenamen

    Juli 9th, 2008
  • Blick schärft den Blick
  • Durch die abendliche Lektüre der Schweizer S-Bahn-Heimfahrer-Zeitung „Blick am Abend“ haben wir erfolgreich ein neues Schweizerdeutsches Wort gelernt. Wissen Sie, was ein „Schnügel“ ist?

    Es könnte eine Abkürzung sein, dann allerdings SCHNÜGEL geschrieben. Jedoch für was? Persil ist die Abkürzung für „Perborat und Silikat“ , Adidas steht für den Firmengründer „Adi Dassler“. Aber Schnügel? Auch so Schweizergeheimnis wie „FIGUGEGL„?

  • Der Schniedel vor der Monophthongierung?
  • Vielleicht ist es ja die Schweizerform für einen „Schniedel“? So kurz vor der Lautverschiebung, nach der Monophthongierungvon „„ie“zu“ü„. Ein Schweizerschniedel sozusagen? Nein, wenn sie ein Schnügel zu Gesicht bekommen in der Schweiz, dürfen sie dies laut ausrufen: „Ach, wie herzig!“ oder auch „Jöö“, mehr nicht.

    Beim „blickamabend“ sah der Schnügel so aus:
    Schügel bei Blick
    (Quelle Foto: blick.ch)

    Hochdeutsch heisst dieses Tier übrigens „Meersäuli“.

    Das Züri-Slangikon bietet als Synonyme für dieses familiäre Kosewort noch ein paar weitere Bezeichnungen an:

    Allesabeschluckerli, Amediesli, Ängeli, Anke-Flöckli, Augesternli, Augöpfeli, Bibi, Böhnli, Bölleli, Böpperli, Bubeli, Büebli, Bugi, Büsi, Chäferli, Chätzli, Chnöpfli, Chnopi (Abk. für Knollenblätterpilz), Chnuschperli, Chnuschpertäschli, Chröttli, Chrüseli, Deutscher, en Knubbel (jem. zum Knuddeln), Flöckli, Goldchäfer, Hasibärli, Häsli, Herzchäferli, Honey (engl.), Honigbienli, Liechtli, Lumpetitti, Lumpetuech (scherzhaft, nach einem Kinderstreich), Mausebärchen, Möckli (mollige Frau), Mückli, Muggi, Müsli, Pflödderli, Pfüderi, Prinz, Rugeli, Schätzeli, Schätzi, Schläckerli, Schnadehüdeli, Schnäggechäfer, Schnäggli, Schnitte (Sahneschnitte), Schnügel, Schnuggebuzzeli, Schnuggi, Schnurpeli, Schnusi, Schnusimusi, Seelewärmerli, Spätzli, Sternli, Sternschnuppe, Stinkerli, Strampli, Sunneblüemli, Tickerli (Dickerchen), Tigerli, Tigi, Tummerli (tröstend), Zuckerschnägg, Zuckerschnoizli, Zwergli
    (Quelle: slangikon)

    Schweizer Kosenamen

    Das „Müsli“ ist nicht zum Essen, jedenfalls nicht, wenn sie keine Katze sind. Soviele schöne neue Wörter. Wie kann man seinen Liebsten bloss „Knollenblätterpilz“ = Chnopi nennen? Oder „Schnusimusi“, das klingt wie „schmusen muss i“. Und was „Lumpetitti“ im Detail bedeutet, wollen wir auch gar nicht so genau wissen. Bestimmt was zum Hinschauen, oder zum Saubermachen, oder beides.

    Die Italiener sind uns lieber — War das immer so?

    Juli 8th, 2008
  • Gibt es zuviele Deutsche in der Schweiz?
  • Zu einem älteren Posting auf der Blogwiese wurde ein frischer Kommentar eingestellt von einem Leser, der sich „Liebe die Schweiz“ nennt:

    Zuviele Deutsche? Inzwischen bekomme ich Panik, wenn ich nur noch auf deutsche Autonummern treffe – wenn mir im Spital nur noch auf Hochdeutsch geantwortet wird, wenn mir Versicherungen von einer Deutschen angedreht werden sollen etc. etc. –
    (Quelle für dieses und alle folgenden Zitate: Kommentar auf der Blogwiese)

    Das müssen Besucher sein, denn die meisten mir bekannten Deutschen haben recht bald Schweizerkennzeichen, allein schon um nicht zufällig Opfer eines (zum Glück immer seltener werdenden) Pneustechers zu werden, der was gegen Deutsche hat.

    aus den Kommentaren der Deutschen lese ich in Blogs viel Mieses über uns – warum kommen sie und warum bleiben sie – wer Zweifel und Aengste hat wird verspottet, als Hinterwälder oder Höhlenbewohner verlacht – dies auch von “weltoffenen Schweizer”

  • Wer spricht hier von „Höhlenbewohnern“?
  • Schade dass der Schreiber dieser Zeilen nicht genauer angibt, wo denn dieses „Miese“ geschrieben steht auf der Blogwiese. Die meisten Deutschen sind gern und freiwillig in dieses Land gekommen, weil sie die Arbeitsbedingungen schätzen, die Natur lieben und unvoreingenommene Sympathie gegenüber den Schweizern empfanden. Den Begriff „Hinterwälder“ oder „Höhlenbewohner“ lese ich zum ersten Mal. Manchmal ist vom „kauzigen Bergvolk“ die Rede, aber auch dieses Klischee verliert sich rasch, wenn man eine Weile im flachen Limmattal, im Zürcher Unterland oder sonst einer Agglomeration unter Schweizer Stadtbewohner lebte. Was für schreckliche Dinge muss „Liebe die Schweiz“ erlebt haben. Vielleicht war dieser Schreiber ja noch nie in Deutschland. Na ja, die Schweiz und ihre Bewohner sind „weltoffen„, dafür ist dieser Kommentar ein hübscher Beleg.

    die Deutschen-Schwemme ist nicht zu vergleichen mit den Italienern in den 70 er. Dies waren Saisonniers – die gingen wieder nach Hause, die Deutschen bleiben, sitzen aus … und verspotten uns – übernehmen Manager-Posten, Spitäler, Universitäten – sie werden die Elite der Schweiz – die Herrenmenschen der Nazis werden gewinnen –

  • Doppelt so viel Italiener im Land als Deutsche
  • Der Schreiber übersieht, dass die Italiener sehr wohl geblieben sind und vielerorts nach wie vor die grösste Gruppe der Ausländer stellen. Eine Zahl von 2000 gibt 527.817 an. In Zürich wurde die Anzahl der Italiener erst im letzten Jahr von den Deutschen eingeholt. Schweizweit sind immer noch mehr als doppelt so viel Italiener als Deutsche im Land. Auch aus Deutschland kommen massig Grenzgänger und Saisonniers, aber die Wirtschaft ist mehr an festen Kräften interessiert, die nahe am Arbeitsplatz wohnen und ganzjährig verfügbar sind. Und was das „Übernehmen“ der Manager-Posten angeht: Diese Leute werden angeworben in Deutschland, werden von Schweizer Personalvermittlern und Headhuntern ins Land geholt, weil es keine eine genügend grosse Zahl von qualifizierten Schweizer Bewerbern einfach nicht gibt auf dem Arbeitsmarkt, und weil der dringende Bedarf der Wirtschaft und Spitäler sonst nicht anders gedeckt werden könnte. „Blick am Abend“ vom 07.07.08 berichtete über die Stellenanzeigen in der Deutschen Wochenzeitung „Die ZEIT“, mit welcher händeringend Hochschulprofessoren für die ETH in Zürich gesucht werden.

  • Keine lustige Zeit als Italiener in der Schweiz vor 30 Jahren
  • Ein alter Italiener, der vor 30 Jahren nach Bülach kam, erzählte mir neulich eindrücklich, was für eine schreckliche Zeit es am Anfang für ihn hier war. Wie oft er verspottet wurde, wie man ihm immer nur Nudeln vorsetzte, ohne alles, weil man glaubte, dass sei seine Leibspeise. Wie er unter Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit als „Tschingg“ litt. Auch die Schwarzenbach-Initiative von 1970 war vor allen gegen die Italiener in der Schweiz gerichtet. Scheint heute alles vergessen zu sein.

    Die Zweite und bekannteste „Überfremdungsinitiative“ ist, die nach ihrem Urheber benannte Schwarzenbach-Initiative. Am 20. Mai werden der Bundeskanzlei 70.292 gültige Stimmen für eine Volksabstimmung gegen die Überfremdung vorgelegt. Ziel der Initiative ist eine Beschränkung der Ausländer auf maximal 10% pro Kanton (mit Ausnahme Genf mit 25%).Der Abbau hat innerhalb von vier Jahren zu erfolgen.
    1970
    Am 7. Juni entscheiden sich, bei einer ausserordentlich hohen Stimmbeteiligung von 74,1%, 654.588 Schweizer gegen und 557.714 für die Initiative. Eine dritte, durch die „Nationale Aktion“ lancierte Initiative wird 1974 mit grosser Mehrheit verworfen. Im April des gleichen Jahres wird in Luzern das Comitato Nazianale d’lntesa – CNI gegründet. Ziel dieses Komitees ist es, auf Probleme, die die Italiener in der Schweiz betrifft, zu reagieren.
    (Quelle: Migrationsgeschichte der Italiener in der Schweiz)

  • Rete Uno hören macht Spass
  • Das scheint unser Leser „Liebe die Schweiz“ etwas verdrängt zu haben.

    und ich höre Rete uno – und ich spreche italienisch – ist viel schöner als Deutsch – die Italiener gefallen mir besser – sie sind willkommen – die Uebernahme der Elite nicht.
    (Quelle: Kommentar auf der Blogwiese)

    Auch ich höre sehr gern RETE UNO, siehe hier, und zweifelsohne ist Italienisch eine wunderschöne Sprache. Warum gibt es sonst so viele Opern in dieser Sprache? Aber warum die Italiener erst heute so willkommen sind, das soll uns mal jemand erklären.

  • Die Herrenmenschen der Nazis
  • Auch der Spruch von den „Herrenmenschen der Nazis“, die gewinnen werden wirft weitere Fragen auf. Diese Herrenmenschen waren eng verbunden mit den Herrenmenschen Mussolinis, als die sogenannten „Achsenmächte“. Das Italienische „Herrenmenschen-Verhalten“ wurde z. B. in Äthiopien ausgelebt, dem damaligen Abessinien.

    1935 kam es zu einem weiteren italienischen Angriff unter Mussolini (Italienisch-Äthiopischer Krieg bis 1936). Nur mit massivem Einsatz von Giftgas auch gegen die Zivilbevölkerung, gegen Krankenhäuser usw. gelang es den Italienern, bis zur Hauptstadt Addis Abeba vorzustoßen.
    (Quelle: Wikipedia)

    Natürlich sind die von den Nazis verübten Greueltaten in Europa um ein vielfaches grösser, aber dennoch merkwürdig, wie die Erinnerung an die italienischen „Herrenmenschen“ aus der Erinnerung an die Faschisten in Europa verdrängt wurde. Später wollten die Achsenmächte zusammen mit den „Herrenmenschen“ Asiens, den Japanern, die Welt unter sich aufteilen.

  • Faschismus kommt von fascismo
  • Dass der Begriff „Faschismus“ auf italienisch „fascismo“ zurückgeht, wohl auch:

    Faschismus (italienisch fascismo) bezeichnete zuerst die von Benito Mussolini 1922 zur Macht geführte politische Bewegung in Italien. Von dort aus wurde der Begriff für ähnliche politische Strömungen und Systeme anderer Staaten, besonders in den Jahren 1920 bis 1945, verwendet.
    (Quelle: Wikipedia)

    Doch wir wollen nicht stänkern. Vielleicht müssen die Deutschen einfach noch 30 Jahre warten, um auch so geliebt zu werden vom Kommentator „Liebe die Schweiz“ wie heute die Italiener.

    Sei nüchtern wenn es nüchtelt — Regen in Tokio

    Juli 7th, 2008
  • Wenn es regnet in Tokio
  • Der Tokio Korrespondent Christoph Neidhart verfasste eine lesenswerte Kolumne im Tages-Anzeiger über die Regenzeit in Asien, genauer gesagt in Japan.

    Es regnet. Die Zeitung morgens im Briefkasten ist weich und feucht, das ganze Haus nüchtelt: Es ist Regenzeit in Japan.
    (Quelle aller Zitate: Tages-Anzeiger 26.06.08 S.8)

    Bin ich noch ganz nüchtern oder habe war das eben ein Druckfehler. Es „nüchtelt“? Ist Christoph Neidhart ein Schweizer? Wir lesen weiter:

    Wenn es in Japan regnet, dann hat das mit dem, was man in der Schweiz Regen nennt, wenig gemein. Es schüttet, manchmal mehrere Tage. Und immer noch mehr Wasser. An solchen Tagen trage ich Ölzeug wie ein Fischer auf hoher See, wenn ich die Kleine mit dem Fahrrad in den Kindergarten bringe. Und sie natürlich auch. Dazu Gummistiefel.

    Wenn er mit dem Fahrrad fährt, und nicht mit dem Velo, dann kann er kein Schweizer sein. Aber halt:

    Zur Regenzeit gehört auch, dass die Wäsche nicht trocknet. Tokio ist meist windig, von August bis Oktober sehr heiss und im Winter trocken, deshalb genügen normalerweise ein paar Stunden, schon kann man die Wäsche abnehmen. Im Juni dagegen bleibt sie, auch wenn es nicht regnet, tagelang hängen. Und nüchtelt schon, wenn man sie abnimmt.

    Da „nüchtelt“ es ja schon wieder! Und am Ende der Kolumne heisst es:

    Dann gönnt uns die Regenzeit frische Sommertage mit schnellen Wolken, fast wie in den Bergen. Es ist für einmal nicht schwül. Aber es wird bald wieder regnen.
    (Quelle Tages-Anzeiger 26.06.08 S. 8 )

    Das muss „für einmal“ doch ein Schweizer sein, der „erst noch“ sein Velo daheim vergessen hat.
    Der Duden fragt, nach „nüchteln“ befragt, trocken zurück „Meinten Sie ‚nüchtern`?“ Nein, wir meinten „nüchteln“, auch wenn die meisten Fundstellen im Internet offensichtliche Falschschreibungen von „nüchtern“ sind. Aber wie immer lässt uns das alte Wörterbuch der Gebrüder Grimm nicht in Stich. In seltener Ausführlichkeit werden Belege aus diversen Schweizer Mundarten zitiert. Vom Bündnerland über Appenzell und Basel ist alles dabei:

    NÜCHTELN:
    schweizerisches wort: nu̔chteln, graw oder schimlig sein, mucere FRISIUS 843a. MAALER 308c. DENZLER 214b;

    bei STALDER 2, 244 nüechten, nüchten, nüechtelen mit der bemerkung, dasz in Bündten nüechtelen den ersten grad von verderbnis beim fleisch bezeichnet;

    appenz. nüechteln von schadhaftem getreide, wegen nässe oder aus mangel frischer luft anbrüchig riechen oder schmecken; eine unangenehme leere im magen empfinden. TOBLER 338b;

    basl. nüechtele, nüechte, feucht, schimmelig riechen, nach SPRENGS handschriftl. Basler idiotikon von denen gesagt, ‚deren athem des morgens nach dem nüchternen magen riecht (vergl. FISCHART Garg. 24b wann man nach nüchterheit schmeckt .., nuchtern stinkt eim der athem), desgleichen von wein-, bier- und theegefäszen, welche man eine zeit lang ungeschwenkt stehen läszt, dasz sie davon müchzend werden‘. SEILER 224a. vergl. nüchtern I, 4.
    (Quelle: Grimms Wörterbuch)

    Wird ihnen auch so „graw“ beim Lesen? Oder bekommen Sie auch so einen Durst? Dann sollten wir rasch etwas dagegen tun, dass der Atem des Morgens nicht mehr nach nüchternen Magen riecht, jawohl. Es hat sich ausgenüchtelt. Wie fragte Otto einst den notorischen Säufer Karl Soest: „Na, schon gefrühstückt? — Nee, keinen Tropfen“. Karl Soest, Prost!

    Das Büsi spricht nur Hochdeutsch — Ein Drittel Hochdeutsch im Kindergarten wird Pflicht

    Juli 4th, 2008
  • Widerstand gegen Hochdeutsch im Kindergarten
  • Eigentlich hielten wir das Thema bereits für „durch“ und „abgehakt“. Hochdeutsch im Kindergarten, darüber wurde schon vor gut zwei Jahren heftig diskutiert (vgl. Blogwiese) Doch nun soll es in Zürich flächendeckend eingeführt werden. So lasen wir lasen im Tages-Anzeiger vom 26.06.08:

    Hochdeutsch wird im Kindergarten Pflicht
    Ab dem kommenden Schuljahr müssen die Kindergärtnerinnen mindestens zu einem Drittel in Hochdeutsch unterrichten. Die neue Regelung stösst auf erbitterten Widerstand.
    (Quelle für dieses und alle weiteren Zitate: Tages-Anzeiger vom 26.06.08, S. 27)

    Den Widerstand erlebten wir bereits vor zwei Jahren. Dabei stellt sich auch bei der neuen Regelung die Frage, wer diese „Anteile“ wie kontrollieren möchte. Seit vielen Jahren ist in den Zürcher Primarschulen die Verwendung der Standardsprache Pflicht für die Lehrkräfte, auch im Sport- oder Handarbeitsunterricht. Dran halten tun sich nicht alle Pädagogen. Kontrolliert oder gar sanktioniert wird das nicht.

    Hochdeutsch im Kindergarten
    (Foto von Werner Schelbert/Neue ZZ: Zisch.ch
    (…)
    Zürich. – Der Bildungsrat hat den Lehrplan für die Kindergartenstufe des Kantons Zürich erlassen. Dieser tritt auf das nächste Schuljahr in Kraft, wie der Bildungsrat gestern mitteilte. Die Vorgaben, über welches Wissen und Können die Kinder am Ende des Kindergartens verfügen sollen, sind unbestritten. Für Zündstoff sorgt aber nach wie vor die Frage, ob und wie häufig die 4- und 5-Jährigen in Hochdeutsch unterrichtet werden müssen. Gesetzt ist ein Anteil Hochdeutsch, weil es das Volksschulgesetz vorschreibt. Der Bildungsrat hat sich zu einem Kompromiss durchgerungen: Mindestens je ein Drittel müssen die Lehrpersonen in Mundart und Hochdeutsch unterrichten, für den Rest sind sie im Rahmen der Beschlüsse ihrer Schulkonferenz frei. Dies sei «ein grosszügiger Spielraum», schreibt der Bildungsrat. «Der Kompromiss ist nicht faul, er entspricht der Vernehmlassung », sagt Martin Wendelspiess, Leiter des Volksschulamtes. «Die Regelung ermöglicht lokal unterschiedliche Ausgestaltungen.

  • Berndeutsch dann im letzten Drittel?
  • Im letzten Drittel der Zeit könnte ja dann noch grundliegend Sprachkompetenz im Dialekt des Nachbarkantons vermittelt werden. Warum nicht an die Zukunft denken und hier gezielt Berndeutsch (für zünftige Politikerkarrieren), Züridütsch (für eine Laufbahn im Finanzwesen) oder Walliserdeutsch (für eine Moderatoren-Karriere beim Schweizer Fernsehen) trainieren?

    »Und in zwei Jahren werde Bilanz gezogen. Wendelspiess ist überzeugt, Kleinkinder seien über DVDs, Fernsehen oder Durchsagen in Tram, Bahn und Bus bereits an zwei Sprachen gewöhnt. Wichtig sei, dass die Lehrpersonen einzelne Einheiten in je einer Sprache unterrichten und nicht ständig zwischen Mundart und Hochdeutsch abwechselten.

    Das geschieht sowieso selten in der Schweiz. Die Sprachen und ihre Verwendung sind, anders als in Deutschland, klar von einander getrennt. Eher besteht die Gefahr, dass Mundart einfach Hochdeutsch ausgesprochen wird, wie „davon bin ich jetzt überzogen“, oder „es hat sich niemand gemolden“.

    Auch für Walter Bircher, Rektor der Pädagogischen Hochschule Zürich, ist der Kompromiss des Bildungsrates «eine gut umsetzbare Richtlinie». Kinder hätten keine Mühe, miteinander in Hochdeutsch und Mundart zu reden, und sie könnten problemlos die Sprache wechseln. Die Befürchtung, mit dem frühen HochdeutschUnterricht würden alte Mundartausdrücke verloren gehen, teilt Bircher nicht.

    Klar, für die Kinder ist das alles ein Spiel. Sprechen wie die Kinder im Fernsehen.

    Die Kindergärtnerinnen und Mundartanwälte in der Politik hingegen befürchten, dass der Dialekt in den Kindergärten verdrängt oder in Raten eliminiert wird. «Der Lehrplan bringt eine Verschlechterung», ist Gabi Fink überzeugt. «Frühförderung mit 4-Jährigen muss man sorgfältig angehen, nicht Hypes nachrennen.» Fink ist seit 20 Jahren Kindergärtnerin und Präsidentin des Verbandes Kindergärtnerinnen Zürich mit rund 600 Mitgliedern. Sie befürchtet, dass künftig zu zwei Dritteln in Hochdeutsch und nur zu einem Drittel in Mundart unterrichtet wird. Die Lehrpersonen seien nämlich nicht frei, bestimmen würden die Schulleitungen und Schulpflegen.

    Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von der Primarschule sondern vom Kindergarten. „Lehrpersonen“ und „Unterricht“ gibt es in der Schweiz bereits dort. Gespielt werden auf Hochdeutsch darf dort offensichtlich nicht. Geht wahrscheinlich gar nicht. Viel zu trocken und gefühlsarm, diese Sprache.

  • Verslein und Büsi in Hochdeutsch
  • (…)
    Zudem habe der Bildungsrat die Rückmeldungen der Verbandsmitglieder nicht aufgenommen, die zu vier Fünfteln die Mundart als Hauptsprache favorisiert hätten, betont Gabi Fink. Sie unterrichtet auch in Hochdeutsch, aber nur einmal in der Woche, mit Geschichten, Verslein oder mit einem Handpuppen-Büsi. Fink ist der Ansicht, es müsse jetzt unabhängige, seriöse Begleitstudien mit Kontrollklassen geben.

    Na toll, wenn das Handpuppen-„Büsi“ dann gefragt wird, ob es eine Katze ist, was antwortet es dann? „Nur zu einem Drittel … wie spät ist es denn gerade?