Eintritt statt Aufnahme und Austritt statt Entlassung — Neues aus dem Schweizersprachalltag

Juli 3rd, 2008
  • Kein Krankenhaus aber ein Spital
  • Vor kurzem hatte ich erneut das Vergnügen, die Schweizer Spitalwelt von innen kennenzulernen. Eine Spätfolge des Unfalls vom Januar 2007 wurde behandelt und dazu war ein mehrtägiger Spitalaufenthalt notwendig. Sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz wird man von seinem Hausarzt dorthin „überwiesen“, doch dann trennen sich die sprachlichen Gepflogenheiten.

  • Was ist eine Aufnahme?
  • In Deutschland erfolgt eine „Aufnahme“, so wie bei einer Tonaufnahme oder bei der „Aufnahme von Verhandlungen“. In der Schweiz hingegen spricht man von „Eintritt“. Schon bekannt aus der „Eintretensdebatte“, was im Deutschen Bundestags mühsam als „Diskussion der Tagesordnung“ umschrieben werden könnte.

  • Mit einem Tritt hinaus
  • Will man das Schweizer Krankenhaus, das sich stets „Spital“ nennt, wieder verlassen, erfolgt ebenfalls ein Tritt, aber diesmal ein „Austritt“. „Austreten“ kann man in Deutschland natürlich auch, z. B. aus einer Partei, oder wenn man höflich ein dringendes Bedürfnis sprachlich umschreiben möchte mit „ich muss mal austreten“.

    Ich bin ausgetreten“ sagt sonst nur der Katholik oder Protestant wenn er ausdrücken möchte, dass er keiner Kirche mehr angehört. Aus deutschen Krankenhäuern hingegen erfolgt die „Entlassung“, was uns gleich an Jobverlust oder das Ende einer abgesessenen Gefängnisstrafe denken lässt. Ach wie wunderbar variantenreich ist doch unsere gemeinsame deutsche Sprache!

    Der Austritt erfolgte am …“ stand in meinem Arztbrief. Deutsche denken dann gleich an einen „Parteiaustritt“ oder „Kirchenaustritt“, aber mit den Jahren in der Schweiz verschwindet diese gedankliche Verbindung. Schweizer würden in Deutschland bei „Entlassung“ an den Verlust der Arbeitsstelle denken. Engländer pflegen dieses hässliche Wort „Entlassung“ übrigens höflich und euphemistisch mit „redundancies“ = Redundanzen zu umschreiben. Das klingt fast so schön wie die in Deutschland üblichen „Umstrukturierungen“, die anstehen und nichts anderes als „Massenentlassungen“ bedeuten.

    Ich lege es Ihnen in den Briefkasten — Missverständnisse im Schweizeralltag

    Juli 2nd, 2008
  • Der Hausarzt ersetzt die Apotheke
  • Neulich brauchten wir ein Medikament von unserem Schweizerhausarzt. Ich rief um 9:45 Uhr in der Praxis an und fragte, ob wir es kurz holen kommen könnten. Schweizerhausärzte brauchen diesen kleinen Zusatzverdienst, den Direktverkauf von Medikamenten, an der Apotheke vorbei, und erfüllen solche Wünsche ihrer Patienten in der Regel mit Wohlgefallen. Mein Hausarzt hat einen eigenen Lagerraum nur mit Medikamenten, so gut sortiert wie in jeder Apotheke zu diesem Zwecke. Geld in Bar will er nicht dafür, das kommt einfach mit auf die nächste Rechnung, die man in der Schweiz zunächst selbst bezahlt und sich dann von seiner Krankenkasse erstatten lässt, egal ob man privat versichert ist oder „allgemein“.

  • Kein Arzt am Donnerstag
  • Doch diesmal hatte ich zur falschen Zeit angerufen, denn es war Donnerstag: „Wir schliessen die Praxis in wenigen Minuten, denn heute ist Donnerstag“. Ich hatte vergessen dass im ganzen Zürcher Unterland und wahrscheinlich auch anderswo am Donnerstagnachmittag die Ärzte mit anderen Dingen beschäftigt sind. Keine Ahnung ob dann die Fortbildung läuft, der Ausgleich für den Wochenendschichtdienst, ein Golfkurs absolviert wird, oder auf dem Tennisplatz der Kollege wartet, jedenfalls warf das jetzt ein Problem für uns auf, wie wir an das Medikament kommen könnten. Etwa doch, wie in Deutschland üblich, bei einer Apotheke kaufen?

    Schweizer Milchkasten

  • Der Briefkasten als Warenbörse
  • Doch die Sprechstundenhilfe hatte die erlösende Idee: „Ich lege es Ihnen einfach gleich in den Briefkasten“. Wow, was für ein Service! Da kommt sie extra bei uns vorbei, was immerhin 6 Gehminuten sind in Bülach, denn sooo klein ist dieser Matratzenhorch-Forschungsstandort in der Zürcher Agglomeration nun auch wieder nicht. „Danke, das ist sehr freundlich!“ antwortete ich ihr, und schaute 30 Minuten später nach, ob die Medizin schon in unserem Briefkasten lag. Doch da fand sich nichts. Als nach zwei Stunden später immer noch nichts hinterlegt worden war, begannen wir zu grübeln. Sollte die Arzthelferin mit dem Satz „Ich lege es Ihnen einfach gleich in den Briefkasten“ vielleicht einen ganz anderen Briefkasten gemeint haben? Den Briefkasten der Arztpraxis eventuell?

  • Keine Milchflaschen aber Medikamente
  • Nun ja, nachgucken schadet nicht, also lief ich selbst zur Praxis, öffnete die unverschlossene „Milchkastenklappe“ des Briefkastens meines Hausarztes, mich dabei vorsichtig umschauend, denn als ganz legal empfand ich mein Handeln dann doch nicht. Und richtig: Dort lag ein Päckchen mit unserem Namen beschriftet! Ein typisches Beispiel von Schweizer „direct trading“ mit Hilfe des ehemaligen Milchkastens, der heute nur noch für Zeitungen bzw. für diese Art der Warenübergabe verwendet wird.

    Ob hierzulande so auch Drogen, Waffen und andere verbotene Ware umgeschlagen wird? Passt ein zusammengeklapptes Sturmgewehr eigentlich in einen Milchkasten?

    Wir wünschten den Schweizern ein Sommermärchen — Blogwiese auf Swissinfo

    Juli 1st, 2008
  • Blogwiese auf Swissinfo
  • Wir wurden von Swissinfo.ch gebeten, einen kurzen Beitrag über unsere Wahrnehmung der EURO 08 als Deutsche in der Schweiz zu schreiben. Hier ist der Beitrag:

    Swissinfo.ch vom 30.06.08